Universalismus in einer globalisierten Welt

Universalismus – Spuren im englischen Sprachraum

In einer Untersuchung zum Universalismus dürfen real existierende Strukturen, die ihm durch ihre Aufgabenstellung verpflichtet sind, nicht übersehen werden. Eingangs wurde bereits die christliche Kirche zitiert, die ihre universalistische Bewährungsprobe am Beginn der Neuzeit hatte und in der Sichtweise des eingangs zitierten Benediktiners heute kein großes Gewicht mehr zur Verwirklichung dieser Idee hat. Was noch davon geblieben ist, drückt der Begriff Weltkirche aus, der die Bedeutung der Ortskirchen hervorhebt. Unter den Bedingungen der Globalisierung wird auf dieser Ebene die Herstellung von Gleichheit und die Beseitigung von Ungleichheit immer schwieriger, je weiter sich die Kluft zwischen den reichen Gesellschaften des industrialisierten Nordens von den agrarischen und vorindustriellen Ländern des Südens vergrößert. Die hierdurch ausgelösten Flüchtlingsströme in Richtung reicher Länder wären eine Möglichkeit für die Ortskirchen des Nordens, die Idee des Universalismus neu zu beleben.

Auf staatlicher Ebene existiert mit den Vereinten Nationen (UN) ein zwischenstaatlicher Zusammenschluss von 193 Staaten, der sich auf der Grundlage der 1899 erstmals stattgefundenen Haager Friedenskonferenz zum Ziel gesetzt hat, auf internationer Ebene Konflikte zu vermeiden und bestehende Konflikte friedlich und auch – in Ausnahmefällen – militärisch zu lösen. Darüber hinaus wacht diese Organisation über die Einhaltung des Völkerrechts und den Schutz der universellen Menschenrechte. Durch eine Vielzahl von Sonderorganisationen, zu denen so bekannte wie die UNICEF (Kinderhilfswerk), UNHCR (Hoher Flüchtlingskommissar), die WHO (Weltgesundheitsorganisation) die UNESCO (Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur) und der IWF (Internationaler Währungsfond) gehören, soll die internationale Zusammenarbeit gefördert werden.

Die Ziele der UN werden durch Programme und Resolutionen formuliert und durch völkerrechtliche Verträge umgesetzt. In diesem Zusammenhang haben der Weltklimarat und das Umweltprogram UNEP sowie internationale Seerechtskonferenzen eine große Bedeutung.

Diese seit über hundert Jahren bestehenden Bestrebungen haben nicht dazu geführt, die Umwelt- und Kriegsgefahren auf der Erde zu verringern. Im Gegenteil: Durch die nachholende Entwicklung einer Mehrheit der Menschheit sind die Gefahren auf allen Gebieten in einem Maße gewachsen, dass nachfolgende Generationen dem absehbaren Risiko ausgesetzt sind, keine gesunden Lebensgrundlagen mehr erwarten zu können. Deshalb gehen sie auch mit drastischen Protestformen gegen die weitere Zerstörung der Lebensgrundlagen durch die hierfür verantwortlichen Generationen vor.

Eine wesentliche Ursache für die weitgehende Wirkungslosigkeit all der aufgeführten Bemühungen ist die Fixierung auf die Ideologie des Fortschritts, die von den Industrieländern übernommen wird und teilweise auch den Empfängern durch die Geldgeber des reichen Nordens aufgezwungen werden. Über die materiellen Bindungen hinaus existieren vielfältige religiöse und kulturelle Unterschiede zwischen und in den Staaten, die eine Entwicklung nach westlichen demokratischen Maßstäben erschweren. Auf die daraus erwachsenden Gefahren hat im Rahmen der Diskussionen um Globalisierung, d. h. weltumspannende Verbreitung des westlichen Wirtschaftsmodells, der amerikanische Politikwissenschaftler und Regierungsberater Samuel P. Huntington aufmerksam gemacht. In seinem kontrovers diskutierten Buch The Clash of Civilizations (Kampf der Kulturen, 1996) wendet sich Huntington gegen die Vorstellung einer universellen Weltkultur, wie sie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1989 und dem Ende des Kalten Krieges unter anderem von Francis Fukuyama vertreten wurde. Er widersprach der politisch praktizierten Auffassung, die ökonomische Modernisierung durch den westlichen Kapitalismus werde zur Übernahme der liberalen Werte des Westens führen und propagierte die Durchsetzung des kapitalistischen Modells mit den Mitteln der Macht im Rest der Welt.

Die derzeitige Situation in Deutschland und an vielen Brennpunkten der Welt hängt mit der Fehleinschätzung durch die Frontstaaten des Neoliberalismus zusammen und dient als These für die nachfolgende Darstellung einiger der in den vorangegangenen Abschnitten eingeführten Entwicklungslinien.

Als Untersuchungsobjekt bieten sich zunächst die UN als originär zuständige Organisation mit dem Auftrag zur Entwicklung universell gleicher Rechte aller Menschen an.

Als Bibliothek für die Erstellung von Datenprofilen zu den Schlüsselbegriffen des Universalismus bietet sich die UN-iBibliothek an, in der globale digitale Inhalte, die von den Vereinten Nationen erstellt wurden, durchsucht werden können.

Grafik 7

In einem ersten Schritt gebe ich einen Überblick über die Entwicklungsstränge, Universalismus, Globalisierung, Fortschritt, Gleichheit und Ungleichheit. Wie in Grafik 4 im Verlauf der grünen Kurve zu sehen ist, tritt auch hier ab 2013 ein sehr bewegter Verlauf aller Linien – außer der Linie für Ungleichheit – ein, der bis in die Gegenwart anhält. Das Jahr 2013 wird in der Wikipedia durch weltweite dramatische Ereignisse charakterisiert: Es „war wie das Vorjahr geprägt von den Nachklängen des Arabischen Frühlings. In Syrien ging der Bürgerkrieg das ganze Jahr weiter; in Ägypten wurde der gewählte Staatspräsident Mohammed Mursi durch das Militär abgesetzt. Außer Ägypten kam es im Jahresverlauf, insbesondere in der zweiten Jahreshälfte, auch in der Türkei, in Thailand und in der Ukraine zu anhaltenden Bürgerprotesten.

Aus den Enthüllungen des ehemaligen Mitarbeiters des US-Geheimdienstes NSA, Edward Snowden, resultierte die NSA-Affäre, die zu weltweiten Protesten gegen die Spionagevorkehrungen der Vereinigten Staaten führte.

In Europa (speziell in der Eurozone) war das Jahr wie die vorherigen von der Eurokrise geprägt. Besonders in den von der Krise stark betroffenen Ländern Griechenland, Spanien, Portugal, Italien und Zypern kam es zu Protesten gegen die Krisenpolitik der Europäischen Union und gegen die Politik der eigenen Regierungen. Irland verließ hingegen im Dezember den Euro-Rettungsschirm.

Im Februar trat zum ersten Mal seit 1294 mit Benedikt XVI. ein Papst aus eigener Entscheidung zurück. Am 13. März wurde erstmals in der Geschichte mit Franziskus ein Lateinamerikaner zum Bischof von Rom gewählt. Er proklamierte einen Kurswechsel hin zu einer Kirche, die stärker für die Armen da sein solle.“

Der Verlauf der Kurven stellt die Entwicklung absoluter Häufigkeiten dar und sagt daher zunächst nur etwas über die Entwicklung des Medienbestandes zu dem jeweiligen Thema aus. Sie sind deshalb nicht unmittelbar mit Ergebnissen in Ngram-Grafiken vergleichbar. Es kann allgemein festgestellt werden, dass die Aktivitäten der UN – soweit es deren Veröffentlichungen betrifft – bis zum Jahr 2019 eine seit dem Jahr 2006 stetig wachsende Zahl  aufweist, die etwa ab 2016 abflaut und dann – trotz der Pandemie, in der die WHO eine maßgebende Rolle spielte – in eine abnehmende Tendenz übergeht.

Grafik 8
Grafik 9

In Grafik 8 sind die Datenbanken der UN für die vier häufigsten Wertememe aufgezeigt. Auch hier gelten die oben gegebenen Hinweise für die Lesart der Grafik. Hinsichtlich der Aktivität sind für die WMeme Rot, Gelb und Grün ähnliche Ergebnisse abzulesen, mit schwachem Beginn, ab 2006 raschem Wachstum sowie ab 2008 unruhiger Verlauf mit vielem Auf und Ab sowie einer Tendenzwende um das Jahr 2021 herum. Die Abstände der drei Kurven sind etwa gleich groß. Die Rangfolge der WMeme zeigt ein für die UN zu erwartendes Bild, das sich hinsichtlich der Bedeutung von Grün nicht von anderen Ergebnissen in englischer Sprache unterscheidet, hier jedoch in besonderem Maß dem Charakter der UN als dem Universalismus verpflichteter Organisation mit dem Anspruch auf Gleichheit aller Menschen entspricht. Aus der hervorgehobenen Bedeutung von Grün gegenüber Orange ist abzulesen, dass soziale und ökologische Gesichtspunkte in der Arbeit der UN eine hervorgehobene Rolle spielen. Notgedrungen trifft das jedoch auch für Rot gegenüber Blau zu. Hierin drückt sich die von vielen Staaten ausgesprochene oder diplomatisch verpackte Gewaltbereitschaft in den Diskussionen zu internationalen Konflikten und ausbeuterischen Praktiken aus.

Die blaue Linie verläuft weit abgesetzt im unteren Bereich und weist keine den anderen Linien vergleichbare Ausschläge auf. Die für die anderen Linien festzustellenden Reaktionen sind dennoch auch hier ablesbar und führen ab 2013 zu einer beständigen Anhebung ihrer Bedeutung. Sie steht für Ordnung und Erfahrung in der Durchführung von Gestaltungsprozessen und ist Garant für die Umsetzung notwendiger Veränderungen. Der Verlauf am unteren Rand des Wertebereichs ist ein Hinweis darauf, dass es der UN an Exekutivorganen fehlt, die kurzfristig und unmittelbar tätig werden können. Eine der wesentlichsten Ursachen hierfür ist die mangelhafte Finanzausstattung, die durch die Mitgliedsstaaten nach deren Leistungsfähigkeit bestimmt wird und jährlich neu ausgehandelt wird.

Die relativ große Bedeutung des WMems Rot kann als Maßstab für die große Bedeutung angesehen werden, die Gewalt in den Beziehungen der Staaten zueinander hat. Der in entwickelten Ländern nachweisbare Anteil von Rot am gesamten WMem-Spektrum ist eher marginal und unvergleichlich niedriger als hier zu sehen. Diese Gewalt geht über die durch reguläre Soldaten ausgeübte Gewalt hinaus und schließt illegale Landnahmen, Vertreibung indigener Völker, gewerbsmäßige Wilderei und Vernichtung von Wäldern ein. 

Eine weitere Quelle stellt die Kongressbibliothek der USA dar, deren Bestände für Grafik 9 ausgewertet wurden. Der Verlauf der Linien basiert auch hier auf den absoluten Häufigkeiten, so dass eine Profilerstellung zu bestimmten Zeitpunkten nur durch die Abstände der Linien zueinander möglich ist. Jedoch besteht auch hier keine zwingende Notwendigkeit, da die Anordnungen der Verläufe zueinander sehr übersichtlich sind und Zeugnis von großer Stabilität ablegen. Auch hier ist eine eindeutige und Dominanz von Grün zu sehen, die etwa ab 2013 in eine beschleunigte Wachstumstendenz gegenüber Orange und Blau übergeht. Die Trendlinien der WMeme Orange und Blau verlaufen nahezu parallel in konstantem Abstand. Im Vergleich der Datenlinien fallen jedoch Zeitversätze auf, die Wechselbeziehungen zwischen dem individuellen und freien Orange und dem ordnenden Blau hinweisen. Dabei ist ein Changieren zwischen hemmenden und fördernden Einflüssen von Blau bzw. Orange ablesbar.

Zusammenfassung und Ausblick

Zwischen dem dominierenden Grün und den WMemen Orange und Blau bestehen ebenfalls ablesbare Beeinflussungen, die zeitverzögert zu Blau auftreten und relativ stark ausgeprägt sind. Hieraus ist der Schluss zu ziehen, dass das kognitiv dargestellte Weltsystem auf dem Wechselspiel von individuellem Verhalten und regulierenden blauen Kräften besteht, die zeitlich verzögert in verstärktem Maß zu Reaktionen in der grün gestimmten Staatengemeinschaft führen. Hiebei ist zu berücksichtigen, dass mit dem beschleunigten Anstieg der grünen Trendlinie ab 2013 auch ein deutlicher Anstieg der roten Linie verbunden ist, der am Ende auf eine Steigerung der Gewalt in internationalen Beziehungen hindeutet.

Die Bedeutung des Universalismus ist von der Beschreibung durch Werte wie Gleichheit, Ungleichheit und Fortschritt abhängig und bekommt als Folge der Globalisierung neue Aktualität. Insbesondere Staaten wie China und Indien sowie weitere BRICS-Staaten  greifen den Begriff zur Verdeutlichung ihrer Positionen gegenüber den ehemaligen Kolonialstaaten in Europa und den USA auf. Der Begriff „Globalisierung“  kann als Gegenbegriff hierzu verstanden werden, da er den selben räumlichen Bezug wie „Universalismus“ sugeriert, jedoch eine Wortneuschöpfung darstellt, die an einen Neuanfang denken lässt, der sich auf der Zeitachse jenseits der Kolonialgeschichte bewegt.

Die Entwicklungen in Deutschland zeigen einen Wechsel von einer ausgewogenen Entwicklung bis zum Jahr 2008 zu einer Entwicklung mit großen Höhen und Tiefen, die auf einen großen Vertrauensverlust im Gesellschaftssystem schließen lässt. Der Beginn dieser Entwicklung deutet auf die weltweite Bankenkrise in diesem Jahr als Auslöser hin. In der Folge hat sich ein Zusammenspiel von Medien und Protestbewegungen entwickelt, das bereits bei geringen Anlässen zu einem Wiederaufflammen und zur Verstärkung der Kritik führte. Dieser Entwicklungsverlauf kann nur als chaotisch bezeichnet werden und entbehrt jedes Anscheins eines Systems. Andererseits ist anzunehmen, dass dem Beginn der Entwicklung durchaus ein System zugrunde lag, das einem Ziel zustrebte und dem Versprechen auf persönliche Teilhabe am wirtschaftlichen Erfolg und daraus resultierenden Wohlstand glaubte. Allgemeiner gesprochen ging vielen Menschen mit dem Wanken des Weltfinanzsystems und der Erfahrung von Risiken, die so keiner gesehen hatte, das persönliche Ziel von wirtschaftlicher Sicherheit verloren. Viele Menschen haben es darüber hinaus in ihrem persönlichen Bereich real erfahren müssen und erfahren es noch immer, wenn sie ihren Kontostand prüfen.

Diese Situation weist auf einen Mangel hin, der nicht allein durch materielle Hilfen behoben werden kann. Aus dem Verhalten von Systemen ist allgemein bekannt, dass diese bei Störungen in chaotisches Verhalten übergehen und schließlich in neu geordnete Zustände übergehen. Nach welchen Bedingungen dieses neue Ziel entsteht, ist eine Erfahrungstatsache und ist nicht voraus berechenbar.

Anders sieht es bei biologischen Systemen aus: „Alle lebendigen Organismen zeigen eine zielgerichtete Entwicklung und zielgerichtetes Verhalten. Pflanzen und Tiere bewegen sich auf Entwicklungsziele zu, und wenn sie in ihrer Entwicklung gestört werden, können sie oft auf anderen Wegen zum gleichen Ziel gelangen. Tierisches Verhalten ist auf Ziele oder »Endhandlungen« ausgerichtet….Zielgerichtetes Verhalten ist in den meisten Fällen unbewusst; auch beim Menschen ist ein Großteil des zielgerichteten Verhaltens einfach Gewohnheit. Bewusste Absichten sind eher die Ausnahme als die Regel. Evolution und Fortschritt lassen sich als das Werk von Attraktoren deuten, deren Einfluss von einem künftigen Ziel aus zeitlich rückwärts wirkt.“ Diese Aussagen des Biologen Rupert Sheldrake schließen jedoch nicht aus, dass eine bewusste Zielbestimmung durch Menschen stattfindet, die im Sinne von solchen Attraktoren liegt und eine höhere Ordnung von Fortschritt herbeiführt. An solch einem Wendepunkt scheint die Menschheit aktuell zu stehen.

Der Vergleich der Entwicklungen global und national zeigt deutliche Unterschiede, die für Deutschland nur schwache Regeln in den Beziehungen der Wertesysteme untereinander zeigen und von dem globalen Ergebnis in Grafik 9 weit entfernt sind. Der Unterschied ist wahrscheinlich auf die Rolle der USA als Führungsmacht des Westens und ihre Rolle im internationalen Wirtschafts- und Währungssystem zurückzuführen. Doch auch diese Position kann durch neue internationale Bündnisse beeinflusst werden, so dass sich die im Meinungsstreit von Huntington und Fukuyama aufgeworfene Strategiefrage neu stellt.

Eine grundsätzliche Zielsetzung wäre eine weltumspannende Zivilisation, die kein uniformer, imperialistischer, homogenisierter Einheitsbrei, sondern ein buntes Gewebe der „Einheit in der Vielfalt“ ist. Hierzu reicht es nicht aus, nur die Vielfalt der Kulturen zu betonen, die zu den Schrecken geführt haben, die wir täglich in den Nachrichten vorgesetzt bekommen und die Huntington voraussah. Es muss die Antwort auf Huntingtons Frage gefunden werden:“Wie kann man das Auf und Ab der menschlichen Entwicklung von Zivilisationen kartographieren?“ Wenn dieser Beitrag einen Teil zu der Antwort auf diese Frage beiträgt, ist sein Sinn erfüllt.

 

Über Fidelio

Ich bin 69 Jahre alt, verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder. Meine berufliche Tätigkeit als Stadtplaner habe ich vor fünf Jahren beendet und ich widme mich seitdem intensiver um dieses Internetprojekt, Kommentare und Beiträge, die sich auf die hier veröffentlichten Themen beziehen sind mir willkommen!
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