Durchbrüche und Fortschritte – Gesichter Europa’s I

Eine Kernaussage dieses Beitrags ist bereits in der Überschrift enthalten. Es geht um den Begriff „Fortschritt“ unter vorwiegend politischen Blickwinkeln. Die Verwendung dieses Wortes kommt in der deutschen Sprache in vielen zusammengesetzten Begriffen vor. Man/Frau spricht von Fortschrittsideen, Fortschrittsglauben, Fortschrittsberichten, Fortschrittskontrollen, Fortschrittsfeindlichkeit, Baufortschritten, Lernfortschritten, Entwicklungsfortschritten, Produktivitätsfortschritten, Verhandlungsfortschritten, um nur einige der vielen Verwendungen zu nennen. Laut Deutschem Wörterbuch der Gebrüder Grimm und Duden ist das Wort „Fortschrittvon dem lateinischen progessus abgeleitet. In der französischen und englischen Sprache ist es im Wortklang weitgehend an seinen lateinischen Ursprung angelehnt.

Kristallpalast der Weltausstellung 1851; Quelle: WIKIMEDIA Commons

Es erscheint sinnvoll, der Bedeutung des Fortschritts in den zusammengesetzten Begriffen nachzuspüren, um seine kulturprägende Macht zu erhellen. Die einfachste, aber neutrale Möglichkeit hierzu bietet der Duden. Er gibt als Bedeutung „ positiv bewertete Weiterentwicklung; Erreichung einer höheren Stufe der Entwicklungan. Es handelt sich demnach um die Charakterisierung eines dynamischen Geschehens, dem ein Wert im moralischen Sinn zugebilligt wird. Als allein stehendes Wort sagt „Fortschritt“ lediglich etwas über eine raum-zeitliche Orientierung des Zusammenhangs aus, in dem es verwendet wird und dabei wird ein lineares Zeitverständnis vorausgesetzt.

Überblick für Deutschland und England

Die Verwendung des Wortes „progress“ (engl.) bzw. „Fortschritt“ (deutsch) deutet bereits auf die enge Beziehung zur europäisch geprägten Kultur hin. Die nebenstehenden Zeitschnitte ihrer Verwendung in der Literatur bestätigen diesen Zusammenhang sowohl für den englischen wie auch für den deutschen Sprachraum allerdings mit stark variierenden Verläufen. Während die Verwendung im englischen Sprachraum ab 1740 sprunghaft anstieg, kann dieses für den deutschen Sprachraum erst ab 1820 – also ca. 80 Jahre späterfestgestellt werden.

Fortschritt in Deutschland; Quelle: Google Ngram-Viewer

Das Datum 1740 markiert den Beginn des sprunghaften Anwachsens der englischen Städte, besonders Manchesters, Londons und Liverpools im 18. Jahrhundert, dessen Ursache das „Bauernlegen“ – die Enclosures (Einhegungen) – waren. Es

Fortschritt in England; Quelle: Google Ngram-Viewer

handelte sich dabei um die Neuordnung der Eigentumsrechte an vormals vergebenen Lehen, die an neue Besitzer (oft reiche Bürger) vergeben wurden. Hierdurch entstand eine Verarmung

Fortschritt in Deutschland seit 2000; Quelle: Internetabfragen

großer Teile der Landbevölkerung, die durch die Speenhamland-Gesetzgebung aufgefangen werden sollte, jedoch in vielen Fällen zur Abwanderung in die Arbeitskräfte suchenden Städte abwanderten. (Diese Politik kann als die historische Vorlage für die deutschen Hartz IV-Gesetze gesehen werden). Hier wird der Zusammenhang von Modernisierungen in der Landwirtschaft, die zu höheren Erträgen in der Nahrungsmittelversorgung führten, Industrialisierung und Städtewachstum sichtbar.

Der in Deutschland ab 1820 zu sehende Fortschritt zeigt einen vergleichbaren Anstieg, der über ca. 70 Jahre auf hohem Niveau anhält. Im Unterschied dazu sind im englischen Sprachraum über diese Zeitspanne noch Steigerungen zu sehen, die auf die besondere Situation in den englischen Kolonien und insbesondere die verzögert einsetzende Industrialisierung der USA zurückzuführen ist. Zwischen 1930 und 1940 ist es in Deutschland durch die Nachwirkungen der Weltwirtschaftskrise, die mit dem Börsencrash im Oktober 1929 ein markantes Datum erhielt und dem 1939 begonnenen zweiten Weltkrieg, zu einem Nachlassen des Fortschrittsoptimismus gekommen.

Ab 1940 produzierten Kriegspropaganda und Wiederaufbauoptimismusletzterer mit Unterstützung des Marshallplans – ein bis 1972 ungebrochenes Wachstum des Fortschrittsglaubens, der seine Bestätigung im deutschen „Wirtschaftswunder“ fand. Mit der Unterzeichnung der von der sozialliberalen Regierung unterzeichneten Ostverträge im Zeitraum von 1970 bis 1973 erhielt dieser Optimismus offensichtlich einen Dämpfer, der rasch in den Verlust des Glaubens an den Fortschritt überging.

Im Vergleich der Fortschrittskurven des deutschen und englischen Sprachraums wird deutlich, dass die Bewertung wissenschaftlich-technischer Entwicklungen, wie sie für den Ausgang von Kriegen mit entscheidend sind, davon abhängig ist, ob es sich um Entwicklungen der Angreifer oder der Verteidiger handelt. Der auf deutscher Seite nachgewiesene Anstieg der Fortschrittskurve findet auf englischer Seite keine Entsprechung, da die deutsche Propaganda die Initiative ergriffen hat und glaubhaft dargestellt hat, dass der Kriegsverlauf auch noch in seiner entscheidenden Phase u. a. durch den Einsatz einer Geheimwaffe zum erfolgreichen Ende geführt werden könnte. Dabei halfen die deutschen Wissenschaftler – vor allem Physiker, seit 1925 bis zum Kriegsende allein 6 deutsche bzw. österreichische Nobelpreisträger – , die zu den führenden Wissenschaftlern der Welt gehörten und speziell die Raketenbauer, die ihre Entwicklungen für die Zerstörung englischer Städte einsetzten. Vergleichbare Gegenentwicklungen auf der englischen Seite gab es nicht. Die Anstrengungen lagen dort in der Defensive und konzentrierten sich auf die Entschlüsselung deutscher Funksprüche – die zwar gelang, jedoch gegen die Raketenangriffe auf englische Städte machtlos war.

Neben der Materialschlacht und der Tötung unzähliger Menschen kann der zweite Weltkrieg auch als Episode des Fortschritts erzählt werden, in der die unterlegene Seite zwar als Aggressor, im Kampf um die Führerschaft des Fortschritts jedoch als Sieger erscheint. Diese Geschichte wurde zum Allgemeingut. Sie lautete, die Engländer hätten zwar alle noch brauchbaren Maschinen als Reparationsleistungen nach England gebracht und dadurch sei Deutschland gezwungen gewesen, den industriellen Neuanfang mit den modernsten Maschinen der Zeit zu beginnen. Hierin drückt sich ein weiterer wesentlicher Aspekt des Fortschritts aus, über den es in der Wikipedia heißt: „Jeder Fortschritt setzt willentliche und gezielte Veränderungen voraus, die als Innovationen bezeichnet werden. Ihre Bewertung ist anthropozentrisch und nicht ganzheitlich: Bei angestrebten Neuerungen dient sie den betreibenden Interessengruppen zur Rechtfertigung und Durchsetzung ihrer Ideen – unabhängig von ihrem tatsächlichen Nutzen. Werden Wirkungen solcher Veränderungen erkennbar, die von einem Großteil der Gesellschaft positiv bewertet werden (zumeist, weil sie spürbar die Lebensqualität verbessern), erfährt die Zuschreibung als Fortschritt breite Zustimmung. Nach diesem Muster haben sich vor allem die modernen Industriegesellschaften entwickelt.

Durch den Kriegseintritt der USA und den Sieg über die Allianz autoritärer und faschistischer Staaten änderte sich die Rolle der USA auf der Weltbühne. Der nun von Amerika und seinen atlantischen Verbündeten angeführte Westen wurde zum privilegierten Träger von Vernunft und individueller Autonomie, andererseits aber auch zum „Inbegriff des überlegenen Volkes“, „dem alle anderen nacheifern sollten, wie der indische Essayist Pankaj Mishra über die USA schrieb. In der politischen Debatte hat sich hierfür der Terminuswestliche Führungsmacht“ gebildet. Pankaj schreibt weiter, Italien, Deutschland und Japan hätten sich „unter amerikanischer Aufsicht in relativ gesunde, scheinbar verwestlichte Nationen verwandelt(en). Die dortigen Ausbrüche von Militarismus und Faschismus wurden als pathologische Verirrungen abgetan, statt sie als Folge improvisierter politischer Lösungen zu verstehen, mit denen der expansionistische atlantische Westen eingeholt werden sollte.Allerdings ist dieses „einholen“ differenziert zu betrachten, da durch die Kriegszerstörungen zwar große Not an Lebensmitteln, Wohnungen und Infrastrukturen herrschte, jedoch wesentlich weniger an wissenschaftlich-technischem und organisatorischem know how. Deshalb waren die Voraussetzungen für das „Wirtschaftswunder“ eher gut als schlecht.

Die schnelle Erholung Deutschlands nach dem verlorenen Krieg weist auf einen besonders wichtigen Aspekt des Fortschritts hin, nämlich, dass es sich in seinem Kern um geistige Potentiale handelt, die propagandistisch genutzt werden können.

So erklärt sich das ungebrochene Wachstum des Fortschrittsinteresses, dass sich bis zum politischen Umbruch in der Zeit der sozial-liberalen Koalition und der sie begleitenden außerparlamentarischen Opposition (Apo) fortsetzt als Illusion. Bei genauerem Hinsehen entpuppt es sich nämlich als Produkt einer spezifischen Fortschrittsidee, die sich in den USA und Großbritannien gebildet hat. Mishra äußerte in einem Gespräch mit der ZEIT dazu, dass die beiden Länder nicht erobert und besetzt wurden und „eine ganze Reihe zuriefst idealisierter Vorstellungen über ihren eigenen Fortschritt generiert“ haben. „Darin kommen viele Faktoren, die den wirtschaftlichen und militärischen Erfolg dieser Länder mit möglich gemacht haben, nicht vor: Imperialismus, Völkermord, Sklaverei.Die Folge hiervon sei ein mangelhaftes Bewusstsein von den spezifischen Bedingungen anderer Länder, unter denen ein angepasster demokratischer Fortschritt möglich sei. So entstand der Mythos von einem politischen Konzept der liberalen Demokratie, das scheinbar im Baukastensystem auf alle Länder übertragen werden kann und nun in Afghanistan durch eine politische Katastrophe widerlegt wurde.

Es ist also festzuhalten, dass Fortschritt interessengeleitet ist und in Situationen, die auf Sicherung des Status quo gerichtet sind, nicht als solcher wahrgenommen wird. In diesem Licht stellt sich die deutsche Ostpolitik nach 1970 als „Verzichtspolitik“ dar und wurde von der konservativen Opposition – insbesondere vom Bund der Vertriebenen (BdV) – auch so bezeichnet. Ab diesem Zeitpunkt begann eine Aufarbeitung der „Dritten Weltmit ihrer Vergangenheit, die in den meisten Fällen durch den europäischen Kolonialismus geprägt war. Unter dem Vorsitz von dem SPD-Politiker Willy Brand wurde 1977 auf Anregung des damaligen Präsidenten der Weltbank, Robert McNamara die international besetzte Unabhängige Kommission für Internationale Entwicklungsfragengegründet. Hierdurch kam einer breiteren Öffentlichkeit zum ersten Mal das bis heute bestehende „Nord-Süd-Gefälle“ zu Bewusstsein.. Dieser moralische Makel wird von Pankaj Mishra in seinem 2017 in 4. Edition erschienenen Buch „Das Zeitalter des Zorns – Eine Geschichte der Gegenwart“ (416 S., Fischer Verlag), authentisch dargestellt. Der Club of Romeveröffentlichte den BerichtThe Limits To Growth“ (Dennis L. Meadows et al., 1972; deutsch: Die Grenzen des Wachstums, 1972, ISBN 3-421-02633-5). Etwa zur selben Zeit erschien das von dem CDU-Politiker Herbert Gruhl verfasste Buch „Ein Planet wird geplündert – Die Schreckensbilanz unserer Politik“, in dem der Raubbau an der Natur und das ungehemmte Wirtschaftswachstum kritisiert wird. Diese Aktivitäten und Veröffentlichungen wurden in der Literatur und in Pressetexten verbreitet und kommentiert und führten mit der ParteiDie Grünen“ zu einer wachstumskritischen politischen Strömung, die für eine Verstetigung des Themas sorgte.

Durch die gegenwärtige Pandemie hat das Thema „Fortschritt“ neue Aktualität erhalten, die ebenfalls zu politischen Reaktionen geführt hat, deren reale Auswirkungen noch nicht abschließend beurteilt werden können.

Auch im englischen Sprachraum ist ein starker Abfall der Fortschrittskurve zu sehen, der in einer ersten Stufe etwa von 1850 bis 1901 dauerte und nach einer kurzen Erholung ab ca.1925 in einer weiteren Stufe bis ca. 1953 anhielt um erneut nach kurzer Erholung bis ca. 1998 weiter abzufallen.

Für die weitere Entwicklung ab 2008 liegen keine Daten von Google Books vor. Deshalb werden für die Zeit ab 2000 im Internet erhobene Daten verwendet. Die Interpretation der Grafik ist deshalb für diesen Zeitabschnitt nur intuitiv möglich, da die Daten kumulativ sind. Sie können jedoch darüber hinaus in Relation zu der eingetragenen Trendlinie beurteilt werden. Es lassen sich unter diesen Bedingungen folgende Aussagen treffen: Der in der langfristigen Tendenz zu sehende Abfall der Entwicklungskurve ist auch hier ansatzweise zu sehen und geht bis 2006 in einen ruhigen Verlauf über. Es folgt bis 2016 eine bewegte Phase, der bis 2019 eine ruhige Phase unterhalb des Trends folgt. In der darauf folgenden Zeit der Corona-Pandemie ist ein steiler Anstieg zu sehen, der vermutlich auf die Fortschritte in der Corona-Bekämpfung – vor allem der Impfstoffentwicklung – zurückzuführen ist. Insgesamt kann aufgrund der Trendlinie davon ausgegangen werden, dass es – wenn überhaupt – in dem dargestellten Zeitabschnitt ein geringes Fortschrittsinteresse gab.

Grundsätzlich ist der Vergleich der deutschen Situation mit der des englischen Sprachraums – wie dargestellt – erschwert. Auf eine detaillierte Darstellung muss deshalb an dieser Stelle verzichtet werden. Es kann jedoch festgestellt werden, dass die Phasen des erhöhten Fortschrittsinteresses in beiden Räumen gleich lang sind und mit einem zeitlichen Versatz von 80 Jahren ziemlich genau 180 Jahre dauerten. Diese Übereinstimmung ist so eindeutig, dass hierin ein kausaler Prozess zu vermuten ist, den es im Hinblick auf die Zukunftsgestaltung durch den Menschen aufzuspüren gilt.

Am Vergleich der Entwicklungen im deutschen Sprachraum mit denen im englischen Sprachraum sowie an der eingangs dargestellten Verwendung des Begriffs „Fortschritt“ wird deutlich, dass der Aspekt der Interessen ein hohes Gewicht bei der Verwendung des Begriffs hat und weit über die Bezeichnung wissenschaftlich-technischer Errungenschaften hinausreicht. 

Über Fidelio

Ich bin 69 Jahre alt, verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder. Meine berufliche Tätigkeit als Stadtplaner habe ich vor fünf Jahren beendet und ich widme mich seitdem intensiver um dieses Internetprojekt, Kommentare und Beiträge, die sich auf die hier veröffentlichten Themen beziehen sind mir willkommen!
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