Die Corona-Pandemie geht in eine neue Phase

Schlussbetrachtungen

Ich habe mit diesem Beitrag versucht, der historischen Bedeutung der gegenwärtigen Pandemie näher zu kommen. Dabei sind einige Verwerfungen sichtbar geworden, von denen gesagt werden kann, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit eine längerfristige Nachwirkung haben werden:

  • Das Verhältnis von blauem WMem zu grünem WMem hat sich umgekehrt und zu einem starken Grün verschoben. Dabei blieb das dominierende Orange erhalten. Vergleichbare Verschiebungen hat selbst die Weltfinanzkrise nicht hervorgebracht und die gegenwärtige Pandemie hat schon allein deshalb historische Bedeutung. Die hierdurch entstehenden Veränderungen sind jedoch in langfristiger Perspektive als instabil einzuschätzen, solange keine Entwicklung in den WMemen der zweiten Ordnung stattfindet.
  • In gesellschaftlicher Hinsicht zeigt sich, dass die deutsche Gesellschaft nicht krisenfest ist und seit dem zweiten Weltkrieg von der Illusion der Interessengleichheit zwischen Wirtschaft und Politik gezehrt hat. Das Bindeglied dieser Beziehung war ein gewisser „Wirtschafts-Nationalismus“, der durch den latenten Lockdown ebenfalls in die Krise gerät.
  • Besondere Situationen haben sich für Sachsen-Anhalt und Brandenburg ergeben. Für Sachsen-Anhalt zeigt das Quadrantenbild eine totale Loslösung von rationalem Verhalten und die ebenso starke Hinwendung zu persönlichen Sichtweisen, die in geringem Ausmaß auch Auswirkungen auf die (politische) Kultur hat. Die Ursachen hierfür ist wahrscheinlich nicht vorwiegend in der Pandemie zu suchen, sondern in Verwerfungen des Parteiengefüges, die innerhalb der CDU zu Richtungsentscheidungen geführt haben. Für Brandenburg sind ebenfalls geringe Reaktionen im linken unteren Quadranten zu sehen, die möglicherweise eine Reaktion auf die Ereignisse im Nachbarland Sachsen-Anhalt sind.

Nach nun fast einem Jahr mehren sich die Rufe nach einer langfristigen Perspektive für die Normalisierung des Lebens. Dabei bleibt unklar, was unter langfristig zu verstehen ist. Bei Nachfragen stellt sich meistens heraus, dass es in Wirklichkeit um die schnellst mögliche Rückkehr zum Leben vor der Pandemie und kurzfristige Lockerungen des Lockdown geht.

Die Bedeutung der Pandemie beginnt erst allmählich sichtbar zu werden, nachdem die Rezepte zu einer schnellen Bekämpfung des Übels neue Probleme sichtbar werden lassen und sich der wahre Charakter von Viren und speziell von SARS-CoV-2 in das allgemeine Bewusstsein einnistet. Das Bild vom Feind, der außerhalb des Menschen steht, beginnt sich damit aufzulösen. So wenig es einen gerechten Krieg zwischen den Völkern gibt, so wenig darf es einen totalen Krieg gegen Mikroben und Viren geben, wie es 1983 der Biologe Peter Medawar formulierte: „Von keinem Virus wissen wir, dass es Gutes tut; man hat zu Recht gesagt, ‚ein Virus sei eine schlechte Nachricht, eingewickelt in Protein‘.“ Viren sind sowohl für die Entwicklung und den Erhalt menschlichen Lebens erforderlich wie auch verantwortlich für die Gefährdung des Menschen in besonderen Situationen. Während ihre positiven Wirkungen genetisch programmiert sind und jeden betreffen, treten ihre schädlichen Wirkungen erst durch das erzwungene oder unbedachte Verhalten der Menschen auf. Viren wechseln manchmal den Wirt, springen von einer Spezies zur anderen und werden in der neuen unbekannten Umgebung zu einem Krankheitserreger. Durch solche Übergänge, Spillover genannt, entstehen auch beim Menschen neue Infektionskrankheiten. Entscheidend ist hierbei das massive Eindringen des Menschen in unwirtliche Lebensräume, die von Tieren bewohnt werden, die in sicherem Abstand von menschlichen Siedlungen lebten.

Manche Virustypen verursachen mit größerer Wahrscheinlichkeit Pandemien als andere. Und die Coronaviren stehen auf der Liste der besorgniserregenden Kandidaten sehr weit oben. Das liegt am Aufbau ihres Genoms, an ihrer Fähigkeit, sich zu verändern und weiterzuentwickeln, und an den schweren Krankheiten, die sie früher schon bei Menschen verursacht haben, darunter SARS (severe acute respiratory syndrome – schweres akutes Atemwegssyndrom) in den Jahren 2002 bis 2003 und MERS (‚Middle East respiratory syndrome – Nahost-Atemwegssyndrom) 2012 und 2015.

Aus den unterschiedlichen Vorgeschichten, die ihre Spuren im Immunsystem hinterlassen haben, entsteht eine statistische Wahrscheinlichkeit für die individuelle Entwicklung einer Krankheit. Durch gemeinsame Merkmale vieler Erkrankter entstehen dievulnerablen Gruppeneiner Pandemie. So haben viele Krankheiten ihre vulnerablen Gruppen. Wenn sie nicht gefunden werden, entsteht der Verdacht geheimer Verschwörung oder der Durchbrechung des Kausalitätsprinzips. Die Fixierung auf vulnerable Gruppen lenkt jedoch auch auf die Diskriminierung bestimmter Bevölkerungsgruppen hin, wie es in der Ausbreitungsphase von HIV geschehen ist und früher bei der Pest und noch bis in das 20. Jh. hinein für die Tuberkulose galt. Das erweckt den Eindruck, das Krankheitsgeschehen sei klar abgrenzbar und unter Kontrolle zu bringen. In der neuesten Ausgabe von „National Geographic“ wird jedoch zum Charakter des neuen Corona-Virus das Resümee gezogen: „Was wir bislang sicher wissen: SARS-CoV-2, wie es heute bei Menschen auftritt, ist ein raffiniertes Virus, das zu weiterer Evolution in der Lage ist.So hat es bisher drei besonders gefährliche Varianten hervorgebracht, von denen die bisher in Europa verbreitetste etwa doppelt so viele Viren im Nasen-Rachen-Raum produziert, wie das Ursprungsvirus. Das Ergebnis ist eine rasant zunehmende Ausbreitung der Krankheit, wie sich in Großbritannien, Irland und Portugal gezeigt hat.

Die Definition „vulnerable Gruppe“ im Bezug auf SARS-CoV-2 ist nicht klar umrissen und ebenso wenig medizinisch nachvollziehbar. In der Diskussion um die zweckmäßigste Quarantäne-Strategie spielte die Abschätzung der Betroffenen in der vulnerablen Gruppe, die von Politikern mit ca 25% der Bevölkerung angegeben wurde, eine entscheidende Rolle. Eine Isolierung in dieser Größenordnung sei ethisch und praktisch nicht möglich. Da über den Zusammenhang von Vorerkrankungen und Coronaverläufen keine medizinisch und statistisch belastbaren Zahlen verfügbar sind, muss diese Zahl als unbegründet angesehen werden. Eine Gegenprobe auf der Basis der mit Corona-Infektion Gestorbenen ergibt ein ganz anderes Bild. Nach Angaben aus Hessen lebten 57% der mit Corona Gestorbenen in Alten- und Pflegeheimen, in Bayern waren es 49%. Im 4. Quartal 2020 waren in Schleswig-Holstein 89% der Corona-Toten Bewohner von Altenheimen. Diese Zahlen gewinnen noch an Dramatik, wenn berücksichtigt wird, dass lediglich etwa 10% der alten Menschen in Altenheimen wohnen. Damit deutet sich ein Zusammenhang zwischen Infektionsausbreitung und Wohnsituation an, der auch in größerem räumlichen Zusammenhang nachgewiesen ist.

Die Fokussierung auf die vulnerablen Gruppen ist aus verschiedenen Gründen (Achtung der Menschenwürde, Vermeidung lebensbedrohlicher Verläufe, Vermeidung der Triage) erforderlich, sie darf jedoch nicht andere Zusammenhänge verdrängen, die zu den Ursachen der Krankheit und ihrer Ausbreitung führen. Der Historiker Frank Snowden weist in einem Interview mit der ZEIT darauf hin, dass jede Gesellschaft ihre Schwachstellen hat, die von unterschiedlichen Krankheitserregern ausgenutzt werden können. Als Beispiel nennt er die Cholera, die im 19. Jahrhundert ideale Bedingungen für ihre Ausbreitung in den rasch wachsenden Industriestädten fand, da Abwassersysteme nicht vorhanden waren und die Menschen an ihren Fäkalien zu Tode kamen. In der heutigen globalisierten Welt ist es vor allem der Flugverkehr, der die rasche Verbreitung von Krankheiten bewirkt. Snowden bezeichnet Covid 19 deshalb als erste Pandemie der Globalisierung und die Lombardei als ihr zweites Epizentrum nach Wuhan. Beide Regionen seien über ein Austausch- und Investitionsprogramm eng miteinander verbunden. Als Folge dieses Programms habe es bald nach seinem Inkrafttreten täglich sechs Flüge von Mailand nach China gegeben.

Die Kette der Ursachen setzt sich fort über eine weitere Folge der Globalisierung, einem Städtewachstum historischen Ausmaßes – das Merkmal der Gegenwart, das über Jahrhunderte in der Erinnerung zukünftiger Generationen bleiben wird und die Bezeichnung eines geologischen Zeitalters als „Anthropozän“ rechtfertigt. Städte sind die räumlichen Einheiten, in denen sich die Globalisierung materiell zum Ausdruck bringt. Je nach industriellem und gesellschaftlichem Entwicklungsstand übernehmen sie arbeitsteilig Funktionen in der Globalisierung, die – wie im Fall von Wuhan und Mailand – zu krankmachendem Smog führen und damit eine Grundlage für die Spezialisierung des Corona-Virus bieten. Damit sind auch die Bedingungen benannt, die andere Krankheitserreger schulen und zu einer dauerhaften Einnistung in den smogbelasteten Städten führen können.

Weltweite Verstädterung, Verslumung, Fernflüge, Meeresverschmutzung durch Ölplattformen und rasant zunehmende Schifffahrt mit Meeresvermüllung, Waldvernichtung und Smog bilden einen Komplex, der Erderwärmung und Seuchengefahren zusammenbindet und aus dem auch in Zukunft neue Krankheiten und Pandemien entstehen werden. Solche lebensbedrohlichen anhaltenden Bedrohungen haben bereits in der Vergangenheit zu einschneidenden Entwicklungen in der Gesellschaft geführt, ohne die auch für die heute Lebenden ein menschenwürdiges Weiterleben auf diesem Planeten nicht möglich sein wird. Als Beispiel führt Snowden die mittelalterliche Beulenpest an, „die ab dem 14. Jahrhundert geschätzt ein Drittel der europäischen Bevölkerung auslöschte. Sie führte zur Erfindung der öffentlichen Gesundheit, zu enormen Transformationen in Kultur und Wirtschaft, sie trug dazu bei, dass sich ein zentralisierter Staat herausbildete“. Er plädiert dafür, die gegenwärtige Pandemie als „Pforte“ zu betrachten, durch die wir zu Besserem gelangen können. Ansätze hierzu kann die Initiative der „15-Minuten-Stadt“ sein, in der bisher weltweit bereits 40 Städte zusammenarbeiten – darunter so bedeutende Städte wie Paris, Barcelona und Buenos Aires. Ziel der Initiative ist es, den öffentlichen Raum der Städte wieder für die Bewohner zurückzuerobern, so dass innerhalb von 15 Minuten Fußweg alle wichtigen Einrichtungen durch ihre Bewohner erreichbar sind. Diese Ansätze können den durch Geschäftsaufgaben durch Strukturwandel im Einzelhandel und den Lockdown eintretenden Verlust von Geschäftssubstanz in den Innenstädten teilweise auffangen.

Entgegen vielfacher Vermutungen ist das Infektionsrisiko nach einer Untersuchung durch das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) bezüglich Covid 19 bei Einhaltung der Infektionsschutzmaßnahmen (Abstand, Maske) nicht wesentlich durch die Siedlungsdichte in den Städten bestimmt, vielmehr ist die Wohnungssituationnicht nur der Altenheimbewohner für die sozialen Folgen der Pandemie und das Infektionsrisiko hinweisgebend. Damit erhält die gegenwärtige Krise eine wichtige soziale Komponente, die vom BBSR sehr wohl gesehen wird, jedoch nach dessen Einschätzung wenig Aussicht auf durchgreifende Veränderungen hat. Abschließend möchte ich dennoch aus dem Resümee des entsprechenden Artikels zitieren und ihn zum kostenlosen Download empfehlen:

Bekannte Soziologen erwarten derzeit nicht, dass sich unsere Gesellschaft durch die Krise grundlegend verändert. Ihrer Einschätzung nach funktioniert die moderne Gesellschaft in der jetzigen Krise nach geläufigen Mustern. Es ist nicht auszumachen, dass sich politische Entscheidungsformen, Wirtschaftslogiken, normative Erwartungen und individuelle Lebensformen grundlegend ändern (vgl. NZZ 2020). Zudem zeichnet sich ab, dass Hilfspakete und Fördergelder, die auf den Weg gebracht wurden und werden, darauf abzielen, dem Status quo wieder näher zu kommen. Für eine zukunftsfähige, nachhaltige Stadtentwicklung sollten wir aber stattdessen die aktuelle Krise als Gelegenheit nutzen, um neue Förderprogramme, Finanzhilfen und Konjunkturpakete an Kriterien einer nachhaltigen Transformation auszurichten.

Über Fidelio

Ich bin 69 Jahre alt, verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder. Meine berufliche Tätigkeit als Stadtplaner habe ich vor fünf Jahren beendet und ich widme mich seitdem intensiver um dieses Internetprojekt, Kommentare und Beiträge, die sich auf die hier veröffentlichten Themen beziehen sind mir willkommen!
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