Deutschland am Start in das Jahr 2022

Am Jahresbeginn sind die Bemühungen der frisch ins Amt gewählten „Ampelkoalition“ vernehmbar, sich bemerkbar zu machen. Als erster Minister meldete sich Karl Lauterbach als neuer Gesundheitsminister mit einer Bestandsaufnahme zur Pandemielage und sorgte für die nötige Aufmerksamkeit, indem er einen Engpass in der Versorgung mit Corona-Impfstoffen verkündete. Es folgten weitere MinisterInnen, von denen besonders Robert Habeck als neuer Klimaschutz- und Wirtschaftsminister besonders hervortrat – ebenfalls mit einer alarmierenden Bestandsaufnahme bzgl. der Erreichung der Klimaziele. Neben der Aufmerksamkeit hat die „Ampelkoalition“ mit den bisherigen Aktivitäten bereits für eine überdurchschnittliche Bekanntheit ihres Personals gesorgt.

Zur Gesamtsituation in Deutschland nach der Bundestagswahl gebe ich zunächst einen Überblick der Veränderungen in der Entwicklungsspirale. Die Grafiken zeigen ein stabiles Orange auf hohem Level, das lediglich 2019 etwas schwächer gegenüber Blau ausfällt. Das Verhältnis von Blau zu Grün hat sich dagegen über den betrachteten Zeitraum deutlich verändert. Hielt es sich 2012 nahezu die Waage, so stieg Blau zu Lasten von Orange bis 2019 an. In dem kurzen Zeitraum der ersten Januarhälfte 2022 ist wieder ein starkes Orange auf dem Niveau von 2012 zu sehen und eine starke Verschiebung der Gewichte von Blau und Grün. Diese Veränderung drückt wahrscheinlich eine große Erwartungshaltung an die „Ampelkoalition“ aus, die auf starke sozial-ökologische Veränderungen ausgerichtet ist.

In den Schlagzeilen der Presseorgane relativieren sich diese Erwartungen jedoch durch eine Vielfalt anderer Themen, auf deren bedeutsamstes ich nachfolgend näher eingehen möchte. Es handelt sich um den Komplex „sexueller Missbrauch“, der auf eine der fundamentalsten Ursachen heutiger Krisen hinweist.

Sexueller Missbrauch

Die polizeiliche „Ermittlungsgruppe Berg“ hat ein Fazit zu dem Missbrauchskomplex gezogen, der von dem Netzwerkknoten in Bergisch Gladbach ausging.. Sie identifizierte Hunderte Verdächtige und befreite 65 Kinder aus der Gewalt ihrer Peiniger. Das jüngste war drei Monate alt. Ein weiterer gleichartiger Komplex ging von Münster aus und wird zur Zeit immer noch durch Polizei und Justiz verfolgt.

Die in diesen Fällen ans Licht gekommenen Straftaten offenbaren eine große Bandbreite sexueller Übergriffe auf Kinder, die zu psychischen und körperlichen Schäden führten und für die Ermittler auf Grund der Brutalität in der Gewaltanwendung ebenfalls äußerst belastend ist.

Als Quellen und Orte des Kindesmissbrauchs haben sich bereits seit mehreren Jahrzehnten die Abhängigkeitsverhältnisse zwischen beruflich und familiären Bezugspersonen in Schulen, Kinderheimen sowie kirchlichen Einrichtungen der Kinder- und Jugendbetreuung zu den betroffenen Kindern erwiesen.

Nach den Erfahrungen der Ermittler und Therapeuten in diesen Fällen haben sich folgende Kriterien für die Beurteilung im Einzelfall ergeben:

Die Schädigungen sind umso schwerwiegender

je größer der Altersunterschied (z.B. Generationenunterschied) zwischen Täter und Opfer ist;

je größer die verwandtschaftliche Nähe ist (sexuelle Übergriffe durch Autoritäts- und Vaterfiguren werden als besonders gravierend eingestuft);

je länger der Missbrauch andauert;

je jünger und weniger weit entwickelt das Kind zu Beginn des Missbrauchs ist;

je mehr Gewalt angedroht und angewendet wird;

je vollständiger die Geheimhaltung ist;

je weniger sonstige schützende Vertrauensbeziehungen, etwa zur Mutter, Geschwistern, Gleichaltrigen oder einer Lehrerin bestehen.

(Quelle: www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org)

Zwei der möglichen Folgen des Missbrauchs möchte ich besonders betonen, da diese auf die übergreifenden Ursachen von Gewalt allgemein hinweisen. Liebe und Sexualität werden gleichgesetzt, weil der sexuelle Missbrauch von den Tätern mit Zärtlichkeit und Zuwendung erkauft wird. Daraus leitet das Kind für sein späteres Sexualverhalten ab, dass durch den Einsatz der Sexualität ein Gegenwert erzielbar ist. Von therapeutischer Seite wird deshalb darauf hingewiesen, dass zu den späteren Folgen Prostitution und aggressives Verhalten, aber auch das Vermeiden von intimen Beziehungen gehören können.

Die allgemein zu befürchtenden Schädigungen werden noch wahrscheinlicher, wenn die Täter unter dem Anspruch oder zumindest unter der Erwartung moralischer Unfehlbarkeit handeln, wie es auf Amtspersonen der Kirchen und des Staates gegeben ist. Neben den durch das Internet organisierten Pädophilenringen nehmen diese Fälle in der öffentlichen Berichterstattung mindestens genau soviel Platz ein, wie die Anschuldigungen gegen – insbesondere katholische – Amtsträger und Repräsentanten von Staaten belegen. Aktuelle Beispiele sind hier die Verfehlungen eines katholischen Priesters aus dem Bistum Essen, die über Jahrzehnte in den Strukturen der Kirche bewertet, beurteilt und verurteilt wurden und drei deutsche Erzbischöfe sowie den emeritierten Papst beschäftigten, ohne einen wirkungsvollen Schutz potentieller Opfer, geschweige denn eine Wiedergutmachung herbeizuführen. Vorläufiger Höhepunkt des Versagens der katholischen Kirche sind die Ergebnisse des von ihr in Auftrag gegebenen Gutachtens einer Münchener Anwaltskanzlei, die am 20. Januar der Öffentlichkeit von den Gutachtern vorgestellt wurden und die Vermutung der Mitschuld des emeritierten Papstes Benedikt XVI. in seiner früheren Funktion als Erzbischof der Diözese München und Freising zur Gewissheit werden lassen.

Das Verhalten des emeritierten Papstes nimmt die seit Jahrzehnten verfolgte Strategie der Leugnung eines systemischen Versagens fort. Diese Strategie der katholischen Kirche bekam erst deutliche Risse, als im Januar 2010 ehemalige Schüler des Berliner Canisius-Kollegs sich trauten, die an ihnen verübten Taten diverser Sexualverbrecher im Ordensgewand öffentlich zu machen. Seit diesem Ereignis verbreitet sich das Misstrauen gegen die Kleriker im ganzen Land und führt in vielen Bistümern zu Anschuldigungen gegen kirchliche Amtsträger – als Täter und Vertuscher. Unter diesem Druck hat die Deutsche Bischofskonferenz ein Gutachten erstellen lassen, das zu dem Ergebnis kommt, dass seit dem Zweiten Weltkrieg 3677 Kinder und Jugendliche von Priestern missbraucht wurden und darüber hinaus mit einer hohen Dunkelziffer zu rechnen ist.

Das Verhalten der Kirchenoberen hat innerkirchlich und außerkirchlich zu heftiger Kritik geführt, die sich auch in einem deutlichen Anstieg der Kirchenaustritte äußert. Diese und andere Entwicklungen haben zu einem drastischen Mitgliederschwund der beiden Großkirchen (röm. kath. Kirche und evangelische Landeskirchen) in Deutschland geführt, so dass ihnen in der Summe nur noch etwa 50% der Bevölkerung angehören und der Anteil der Konfessionslosen auf ca. 36% gestiegen ist. Würden letztere als homogene Gruppe angesehen und den beiden großen Kirchen gleichgestellt, so bildeten sie mit Abstand die größte „Kirche“. In diesem Sinn hat sich im Jahr 2008 der „Koordinierungsrat säkularer Organisationengegründet, der die Interessen einer Vielzahl von Vereinigungen Konfessionsloser zu bündeln versucht. Das Verhalten der Kirchen ist selbstzerstörerisch und ihre Vertreter wirken der Situation gegenüber hilflos. Hierin drückt sich die Unfähigkeit aus, den irdischen Nöten der Gläubigen als Opfer ernsthaft zu begegnen und auf der anderen Seite seelischen Beistand für Täter und Opfer gleichermaßen zu leisten. Da die Kirchen gleichzeitig Arbeitgeber der Täter sind und für deren irdisches Dasein unmittelbar mitverantwortlich sind, ergibt sich aus deren Verhalten eine Asymmetrie, die auch ethisch fragwürdig ist.

Ein anderes Beispiel für den Umgang mit Missbrauchstätern hat das englische Königshaus im Fall des unter Verdacht stehenden Prinz Andrew gegeben, indem es ihn von allen Repräsentationsaufgaben entband und seine militärischen Ränge aberkannte. Hintergrund ist die Zulassung einer Klage vor einem amerikanischen Gericht, in der er des sexuellen Missbrauchs im Zusammenhang mit der Affäre um den verurteilten US-Sexualstraftäter Jeffrey Epstein bezichtigt wird. Allerdings geschah dieses auch hier erst auf Grund des Drucks aus der Gesellschaft und insbesondere von mehr als 150 britischen Militärveteranen. In einem Brief an die Queen hatten sie diese aufgefordert, Prinz Andrew von seinen Rollen im Militär zu entbinden, da er den mit den Dienstgraden verbundenen hohen Standards an ehrenhaftem Verhalten nicht gerecht geworden sei: „Wäre dies irgendein anderer ranghoher Militäroffizier, wäre es indiskutabel, dass er noch im Amt wäre„.

Hokusai: Sexuelle Vereinigung, japanische Buchillustration

Der ganze Bedeutung des sexuellen Missbrauchs lässt sich erst ermessen, wenn die Banalisierung und Verdrängung der Sexualität durchbrochen wird und in ihrer Komplexität als gestaltende menschliche Energie dargestellt wird. Nachfolgend werde ich deshalb versuchen, Sexualität in den Facetten integraler Betrachtung darzustellen.

Die abgebildete Buchillustration des japanischen Künstlers Hokusai aus dem Album „Formen der Umarmung“ (tsui no hinagata, Holzschnitt, um 1816) zeigt beispielhaft die in Japan kultivierte freizügige und sinnliche Darstellung des Sexualverkehrs. In der Beschreibung des Buchs der Symbole (Verlag Taschen)  heißt es dazu: „Die überspitzte Hervorhebung der Vereinigung der Genitalien, der körperlichen Charakterisierung des Geschlechtsverkehrs, lässt die subtileren Andeutungen des sich abzeichnenden Orgasmus der Partner in den Hintergrund treten. Mit eleganter zarter Linie fängt der Künstler den Höhepunkt der Frau in seiner Darstellung ihres nach hinten geworfenen Kopfes, ihren sich verkrallenden Fingern und Zehen und ihren Augen ein, deren verlorener Blick sich der warmen Wonne hingibt, die ihr das Saugen an ihren Nippeln und das lustvolle Eindringen des vor Begehren und durch künstlerische Übertreibung auf ein Übermaß geschwollenen Penis ihres Partners verschaffen. Die Zahl der benutzten Tücher zu dessen Füßen weist daraufhin, dass die beiden wohl eine Nacht ausdauernder Leidenschaft, vielleicht auch inniger Liebe verbracht haben.“ (Zitat: Buch der Symbole, Verlag Taschen)

Der Zeugungsakt ist über die Befruchtung der weiblichen Eizelle das männliche Spermium hinaus mit sinnlichen Eindrücken und hormonellen Reaktionen verknüpft, die von der Natur zur Anbahnung der Paarung eingerichtet sind. Dadurch kann das Verhalten derart beeinflusst werden, dass Reaktionen des sozialen Umfelds provoziert werden und gegen geschriebene und ungeschriebene Gesetze verstoßen wird. „Die symbolische Bedeutung erhält der Sexualverkehr jedoch durch das Mysterium der Vereinigung zweier Gegensätze und die ihnen so gegebene Möglichkeit, ein ,,Drittes“ zu produzieren, eine neue physische, psychische oder spirituelle Einheit, zu der beide beitragen.

Im sexuellen Liebesakt kommt es zur „Zweisamkeit im Einssein“, die andererseits auch die Zweisamkeit im Anschein des Einsseins bedeutet, d. h. in der Vereinigung der Personen bleibt die personale Selbständigkeit bleibt erhalten und wird noch gestärkt gestärkt. Damit wird jedoch nicht grundsätzlich die Spannung zwischen den Geschlechtspartnern in reine Harmonie aufgelöst – Sexualität ist trotz ihrer großen Bedeutung nur eine unter mehreren Triebkräften, die sich in der menschlichen Energie bemerkbar machen. Die körperlich zum Ausdruck gebrachte Liebe enthält auch Anteile von Aggression, Begierde, Dominanz und Unterwerfung. Der gewaltsame Vollzug des Geschlechtsakts ist eine Form von Feindseligkeit, Verwundung oder Inbesitznahme.

Im Sinne der analytischen Psychologie nach C. G. Jung bedeutet die Verstrickung in eine Liebesbeziehung ein Ausliefern und Verschmelzen mit dem Partner und im Orgasmus als Teil des stürmischsten Koitus wird offenbar, „welches archetypische Drama von Tod und Wiedergeburt in der coniunctio oppositorum (Anm.: Vereinigung der Gegensätze) verborgen ist“ (Jung, gesammelte Werke).  Jung knüpft damit an das bedeutsame Prinzip  der Alchemie an, dass als ,,chymischen Hochzeit“ von Sol (Sonne = Gold) und Luna (Mond = Silber) bezeichnet wurde. „Die alchemistische Fantasie nahm den von Jung erforschten psychologischen Prozess vorweg, der letztendlich eine Vereinigung von Bewusstem und Unbewusstem bewirkt. Kühn integrierte die Alchemie das alte Motiv des inzestuösen hieros gamos königlicher Geschwister, der heiligen Vermählung, von Bruder und Schwester, als eine der Möglichkeiten, den Magnetismus zwischen zwei Dingen – wie Bewusstem und Unbewusstem -, die sich zwar unterscheiden, doch essenziell von gleicher Substanz sind, zu vermitteln“ (Buch der Symbole).

Egon Schiele: Prediger, Selbstporträt 1913

Die ganze Komplexität der Sexualität zeigte sich am Beginn des 20. Jahrhunderts in der Diskussion um das Werk und die Bestrafung des expressionistischen Malers Egon Schiele, der wegen unzüchtiger Malerei und der Beherbergung eines minderjährigen Modells, das die Tochter eines Offiziers war, verurteilt und inhaftiert worden war (Neulengbach-Affäre). Seit im Jahr 1910 die Polizei in Prag 14 seiner sexuell eindeutigen Zeichnungen aus einer Ausstellung entfernen ließ, wurde in Behörden und unter Kunstliebhabern darüber gestritten, ob Schiele ein bedeutender Künstler oder ein unbedeutender Pornograf sei. Gemma Backshaw, die Kuratorin der im Oktober 2013 in der National Gallery in London eröffneten Ausstellung „Facing the Modern: The Portrait in Vienna 1900“ schreibt in einem Essay zu Schiele: „In kritischen Darstellungen zur Moderne haben Kunsthistoriker die Aufmerksamkeit auf die Genderisierung moderner Kunstpraxis gelenkt, ihre Methoden, Werte und Kulturen, die Männer zu Subjekten – malend, strebend – und Frauen zu Objekten – posierend, sich fügend – machten. Bilder des nackten weiblichen Körpers kennzeichnen heute sowohl die Geschichte der modernen Kunst als auch das Begehren der heterosexuellen männlichen Protagonisten, die deren Produktion dominierten. Solche ,,Akte„, wie sie noch immer heißen, bildeten die künstlerische Brücke zur sexuellen Erfüllung, wenn auch unausgesprochen, verborgen in einem Diskurs, der die Nacktdarstellungen umso ausdrücklicher zu Hilfsmitteln bestimmte, durch die ein Künstler die erhabeneren Höhen der spirituellen Erleuchtung erlangen konnte. Wir erkennen dies, wenn Roessler (Anm.: Arthur Roessler, ein wichtiger Förderer Schieles) Schieles ,,Erotik“ als von der ,,Mystik“ getrieben verteidigt; Sexualität und Geistigkeit wurden miteinander verknüpft oder, wie Carol Duncan es ausdrückt: ,,[D]ie Suche nach geistiger Transzendenz einerseits und die Besessenheit von einem sexualisierten Frauenkörper andererseits erscheinen nicht etwa als unverbunden oder widersprüchlich, sondern können als Teile eines größeren, psychologisch verflochtenen Ganzen betrachtet werden.

In dem Bild „Prediger“ stellt sich Schiele mit abwärts geneigtem Kopf und zum Himmel gerichteter Handfläche selbst dar. Sein Habitus erinnert an eine Marionette, die nur unwillentlich in Bewegung ist und einer höheren Macht unterworfen ist. Bezeichnend hat der Maler diese Darstellung seines abgemagerten, besessenen Körpers mit der Beschriftung „Prediger“ versehen und damit einen Hinweis auf die Sehnsucht nach „spiritueller Erleuchtung“ gegeben.

Egon Schiele: Kardinal und Nonne

In der Rückschau sieht Backshaw Schiele in der Rolle des Tabubrechers, dem seine schöpferischen, geistigen und sexuellen „Krisen“ mit Unterstützung seiner Anhänger halfen „eine verletzliche männliche Identität zu konstruieren, die gerade die Unverletzlichkeit der Moderne selbst verschleierte“ und den „niederen“ Inhalt von Schieles Werken in den Hintergrund drängten. Ein Beispiel aus der Serie von Bildern, in denen Schiele sich selbst in dieser Rolle darstellt, ist das nebenstehende Bild „Kardinal und Nonne“. Hier wird die männliche Sexualität in typischer Weise als „Erfahrung äußerst selbstbewusster, psychologisch komplexer Wesen präsentiert, deren sexuelle Gefühle mit poetischem Schmerz, bitterer Enttäuschung, heldenhafter Angst, schützender Ironie oder dem Trieb, Kunst zu machen, durchsetzt sind.

Eine besonderen Stellenwert hat die Sexualität bei den MystikerInnen der großen Religionen erhalten, so auch im Christentum. Ein wissenschaftlich gebildeter moderner Mystiker, der zum Propheten einer christlichen Kosmologie wurde und gerade im Hier und Heute wieder aktuell wird, ist Teilhard de Chardin. Für ihn ist die gesamte Wirklichkeit auf ein Ziel hin ausgerichtet – auf die heutigen astrophysikalischen Erkenntnisse übertragen geht das expandierende Universum unter Zunahme der geistigen Energie in eine Kompression über. In seiner Vision ist die Zunahme der „kosmischen Energie“ überall zu entdecken. Auf der Stufe des Menschen erscheint sie als die Liebesenergie. Er schreibt darüber in seinem Hauptwerk „Der Mensch im Kosmos“: „In ihrer vollen biologischen Realität betrachtet, ist die Liebe nicht auf den Menschen beschränkt. Sie ist die Anziehung, die ein Wesen auf ein anderes ausübt. Sie ist allem Leben eigentümlich und verbindet sich in verschiedener Weise und in verschiedenem Grade mit allen Gestalten, in denen die organische Materie nach und nach erscheint. […] Wenn nicht schon im Molekül auf unglaublich rudimentärer Stufe eine Neigung zu Vereinigung bestünde, so wäre das Erscheinen der Liebe auch auf höherer Ebene, in der menschlichen Form, physisch unmöglich.“ Teilhard nennt diese kosmischen Prozesse „Amorisation“ ( = einigende und vollendende Liebeskraft).

Für Teilhard ist die Liebe die universellste, die ungeheuerlichste und die geheimnisvollste der kosmischen Energien. Sie ist die Antriebskraft für das gesamte kosmologische Streben. Sie nimmt das letzte Ziel, die organische Einheit alles Seienden, bereits handelnd und leidend vorweg. Diese Liebe ist für Teilhard im Herzen von Jesus Christus bereits vollkommen verwirklicht. Sie ist nicht von außen in die kosmische Wirklichkeit eingedrungen, sondern ebenso wie der menschliche Geist ist sie dieser Wirklichkeit entsprungen, hat dabei ihr Wesen verändert und ist im Menschen personal geworden.

Beides muss beachtet werden: die Kontinuität der Liebesenergie und die Diskontinuität durch die jeweilige Verwandlung. Ähnlich wie zwei Liebende einander anziehen und sich durch diese Anziehung verändern, so gibt der menschliche Geist sich dem Größeren hin, vereint er sich mit ihm. Es ist von Anfang an dieselbe Energie, welche die Gesamtwirklichkeit vorantreibt, doch sie verwandelt sich in den verschiedenen Phasen der Kosmogenese.

Die Grundidee der „Amorisation“ entspricht in der philosophischen Begriffswelt dem im späten Idealismus des 19. Jahrhunderts aufgekommenen Panentheismus. In aktualisierter Fassung finden sich viele der von Teilhard entwickelten Gedanken auch in der Integralen Theorie des amerikanischen Denkers Ken Wilber wieder.

Als Paläontologe, der an der Entdeckung des Peking-Menschen beteiligt war, prägte Teilhard de Chardin für die Ausbreitung der geistigen Energie im irdischen Maßstab den Begriff der Noosphäre. Für globale Betrachtungen hat sich dieser Begriff als Erweiterung der Erdsphären durchgesetzt und bezeichnet den netzwerkartigen, kommunikativen Austausch zwischen ideen-bildenden und ideen-weiterentwickelnden Personen, wie er heute in großem Umfang durch das Internet ermöglicht ist. Damit ist auch in evolutionärer Sicht ein großer Fortschritt erfolgt, der ganz auf der Linie von Teilhards Prophezeiungen liegt. Hier setzt Wilber an, wenn er schreibt: „Die Noosphäre evolvierte. Immer neue Stufen politischer, sprachlicher und technischer Entwicklung emergierten, indem sie die Vorläuferstufen in sich aufnahmen und transzendierten, und dabei konnte es geschehen, dass diese höheren Stufen kultureller Entwicklung sich nicht nur ihren früheren Verbindungen in der Noosphäre entfremdeten oder sie gar verdrängten, sondern darüber hinaus Gefahr liefen, auch ihre Verbindungen zur Biosphäre zu kappen. Das ging so weit, dass wir Menschen uns heute mit viel Mühe und Arbeit das Privileg erworben haben, die ersten Dinosaurier der fragilen Noosphäre zu werden.“ (Wilber, Eros Logos Kosmos) Diese Verdrängung vorangegangener geistiger Entwicklungsstufen und die technische Überformung der Biosphäre bedeutet den Ausfall notwendiger Transzendenz und Integration und lässt Residuen zunehmender Entfremdung zurück, die zum „Kampf der Kulturen“ führen. „Die Geschichte der kulturellen Evolution ist die Geschichte neuer Errungenschaften und neuer Krankheiten.

Für den Umgang mit diesen Prozessen leitet Wilber aus der Psychoanalyse nach Freud zwei Möglichkeiten ab: Die erste Möglichkeit ist »Regression im Dienst des Ich« (Ernst Kris). Sie bedeutet eine Lockerung des Bewusstseins auf der höheren Stufe und die angemessene Annäherung an das Bewusstsein der zurückgelassenen Stufe. In diesem Prozess wird die gesamte Entwicklung nochmals unter therapeutischen Gesichtspunkten durchlebt und die so „geheilte“ Ebene in die höhere Ebene integriert.

Auf der individuellen Ebene tritt eine derartige Fehlentwicklung häufig im Übergang von den niederen Antrieben durch Sexualität und Aggression zu vernunftbestimmtem Handeln in der Pubertät auf. Dadurch, dass das Ich diese Antriebe nicht transzendiert und integriert, sondern sich nur von ihnen lossagt und sie verdrängt gerät das gesamte Ich-System in Schwierigkeiten. „Sich so zu entscheiden steht einer höheren Struktur mit ihrer größeren relativen Autonomie jederzeit frei, aber die Ausübung dieser Freiheit ist stets nur um den Preis des Pathologischen zu haben. Daher als Kur die Regression im Dienst einer höheren Reintegration; ein abgespaltenes Holon wird in die höhere Ganzheit wieder eingefügt, die Verletzung kann heilen und die Evolution harmonisch ihren Lauf nehmen.“

Die zweite Möglichkeit, sich in der beschriebenen Krise zu entscheiden ist rückwärtsgewandte Romantik, Retro-Romantik, die ebenfalls Regression bedeutet, aber keine gesunde Entwicklung ermöglicht.

Als Hilfsmittel zur Analyse und Durchführung der oben umrissenen Prozesse kann u. a. das System der Spiral Dynamics verwendet werden.

Über Fidelio

Ich bin 69 Jahre alt, verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder. Meine berufliche Tätigkeit als Stadtplaner habe ich vor fünf Jahren beendet und ich widme mich seitdem intensiver um dieses Internetprojekt, Kommentare und Beiträge, die sich auf die hier veröffentlichten Themen beziehen sind mir willkommen!
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