China in „Schlaglichtern der Geschichte“

Chinesisches und deutsches Interesse an der Geschichte Chinas vor 1800

Eine schlaglichtartige Darstellung der Geschichte eines Landes – und schon gar nicht eines Landes mit einer 4000 Jahre alten Tradition wie China – aus der Perspektive eines europäischen Landes wird den Menschen dieses Landes nicht gerecht. Um dem Rechnung zu tragen, werde ich den geschichtlichen Abriss um eine Befragung des eigenen Interesses der heutigen Chinesen an den Perioden ihrer Geschichte, soweit es sich im Internet abbildet, ergänzen.

Zur Straffung und zur besseren Übersicht halte ich es für vertretbar, die Darstellung auf jene Dynastien – und damit die entsprechenden Zeitabschnitte – zu beschränken, auf die in China besonderes Augenmerk gerichtet ist. Das ist auch deshalb gerechtfertigt, da die chinesische Geschichte im Hinblick auf diese Verfahrensweise bereits vorstrukturiert ist.

Grafik 4

Die Entwicklung in kulturgeschichtlicher Hinsicht beginnt bereits mit der Zhou-Dynastie, die von 1122 oder 1045 bis 770 v. Chr. herrschte und deutet sich in der Grafik durch einen leichten Anstieg des Interesses an. Unter ihrer Herrschaft bekam das entstehende Feudalsystem klare Strukturen und sie brachten es auf einen Stand, der in Europa erst 2000 Jahre später erreicht wurde. Die Wirtschaft basierte auf der Arbeit von Bauern, die alle ihren Teil unbezahlter Arbeit auf den Ländereien des örtlichen Adels abzuleisten hatten. Das Reich wurde in Lehensstaaten aufgeteilt, über die eine neue aristokratische Klasse herrschte. Die unter der vorherigen Dynastie ansässige Bevölkerung der Shang wurde zum großen Teil in die Herzogtümer von Lu und Qi deportiert. Trotz straffer Führung des Landes gelang es kleineren Staaten mit Hilfe fremder „Barbaren“ dieses System zu stürzen. Während der folgenden Jahrhunderte stritten nicht weniger als 25 Feudalstaaten um die Schaffung autonomer Verhältnisse. In diese Periode fällt die Blütezeit aller Denkrichtungen der chinesischen Philosophie. Zu diesen „Hundert Schulen gehörten Mohismus, Logiker, Yin-Yang-Schule, Daoismus, Konfuzianismus und Legalismus. Zwischen 500 und 250 v. Chr. zogen viele Gelehrte dieser Schulen von Hauptstadt zu Hauptstadt und berieten die feudalen Herrscher. Unter den in dieser Zeit streitenden Reichen setzte sich das Fürstentum Qin als stärkste Macht durch. Aus diesem Fürstentum entstand die Vereinigung Chinas und die erste Kaiser-Dynastie der Qin. Von 221 – 210 regierte Kaiser Qin Shihuangdi (Erster erhabener Gottkaiser von Qin) und schuf die Grundlagen des chinesischen Reiches, die über Jahrtausende Bestand haben sollten.

»Sobald ihr neu vereinigtes Reich gegründet war, schufen die Qin einen Typ bürokratischer Regierung, der das Grundmuster für die weitere chinesische Geschichte überhaupt abgeben sollte. Die großen Adelsbesitztümer wurden beseitigt und von Verwaltungsbeamten geleitet. Übriggebliebene Adlige wurden dazu gezwungen, in der Hauptstadt ihren Sitz zu nehmen. Den Bauern wurden mehr Rechte über ihr Land als je zuvor zugestanden, aber sie wurden steuerpflichtig. Verwaltungsmäßig wurde das Gebiet in Provinzen unterteilt, jede mit einem Militärgouverneur und einem Stab von Zivilbeamten. Zudem wurde eine weitgefächerte Standardisierung eingeführt, die von Gewichten und Maßen bis zur Spurbreite von Karren und Wagen reichte. Dreispurige Straßen, mit deren Bau man in einigen Provinzen schon begonnen hatte, wurden zu einem Netz erweitert und im Norden zu einem System von Nachschubwegen für die riesige Verteidigungsanlage der Großen Mauer ausgebaut, der Grenzlinie zwischen der Steppe und dem kultivierten Land.« (Needham, Joseph: Wissenschaft und Zivilisation in China, Bd. 1, Suhrkamp, Frankfurt 1988)

Das öffentliche Interesse beginnt in auffälliger Weise mit der Han-Dynastie. Nach dem Tod des ersten Kaisers im Jahre 210 v. Chr. brachen im ganzen Land Unruhen aus. Trotz der militärischen Stärke der Qin brachte der folgende Bürgerkrieg die Dynastie zum Fall. Im Jahr 207 v. Chr. ließ der Rebell Xiang Yu den dritten Qin-Kaiser Ziying hinrichten, kurz darauf begründete Liu Bang die Han-Dynastie. Er regierte von 202 v. Chr. bis zu seinem Tod unter dem Namen Han Gaozu. Unter seiner Herrschaft wurden dem immer wieder aufkeimenden Feudalismus Grenzen gesetzt, die in dem Kompromiss bestanden, dass eine Reihe kleiner Feudalstaaten in einem größeren staatlichen Rahmen zugelassen wurden, sofern dieser nach dem Vorbild der des Qin-Reiches organisiert war. »Starb einer der Herrscher der kleinen Staaten oder gingen die Regierungsmaßnahmen eines Herrschers in die falsche Richtung, so galt dies als Vorwand, das Territorium des Staates zu beschneiden. Außerdem residierte noch ein Beamter der Zentralregierung an jedem Vasallenhof« (Zitat Needham, s.o.). Dieser Kompromiss bedeutete das kalkulierte Ende des Feudalismus, da die Macht dieser kleinen Staaten dahinschmolz und nur noch eine Zentralregierung übrig blieb.

»Liu Bang gründete seine Hauptstadt bei Chang’an (dem heutigen Sian) und teilte das Land in dreizehn Provinzen auf. Ein großer Verwaltungsapparat wurde erforderlich, und die dazu benötigten Kräfte wurden durch Wettbewerbe und Examina ausgelesen. Dieser Methode verdanken es die Konfuzianer, dass sie sich in der chinesischen Gesellschaft dauerhaft durchsetzen konnten …. Sie erlangten diese Macht teils wegen der Unpopularität ihrer Vorgänger, den legalistischen Beratern, deren Maßnahmen als zu hart empfunden wurden; teils schufen sie sich eine feste Basis, indem sie einfachere Gesetze und weniger strenge Strafen einführten. So wurde die konfuzianische Bürokratie während der Han-Zeit zu einer hochentwickelten Form ziviler Regierungsausübung. Gelehrtenkongresse wurden abgehalten, um eine Gesetzgebung nach Präzedenzfällen zu schaffen, die sich an alten Schriften orientieren sollten. Die erste dieser Versammlungen fand im Jahr 51 vor Christus im Shih-Chhü-(Stein-Kanal-)Pavillon des Palastes statt. Für die chinesische Geschichte ist sie von ähnlicher Bedeutung wie das Konzil von Nizäa (325 nach Christus) für das westliche Christentum.« (Zitat: Needham, s.o.)

In der Regierungszeit der Han-Dynastie, die mit einer kurzen Unterbrechung durch den Kaiser Wang Mang 400 Jahre dauerte, erfolgte die Ausdehnung des chinesischen Einflusses nach Westen bis in das historische Baktrien (heute Usbekistan, Tadschikistan, Usbekistan, Afghanistan). Damit wurden die für den Handel auf der antiken Seidenstraße notwendigen politischen Beziehungen geknüpft und es kam zur ersten großen, gut dokumentierten Epoche aktiven Austauschs zwischen China und dem Westen. In der kurzen Regierungszeit von Wang Mang vom Jahr 9 n. Chr. bis zum Jahr 23 wurde der Großgrundbesitz auf kleine Bauern verteilt, die Staatsbürokratie weiter ausgebaut und die Sklaverei in Verruf gebracht, ohne sie jedoch gegen die bestehenden Widerstände abschaffen zu können. Durch die Einführung einer Sklavensteuer wurde jedoch die Sklaverei behindert. Nach der Ermordung Wang Mangs wurde die Han-Dynastie als östliche Han-Dynastie fortgesetzt. Die bereits unter früheren Dynastien eingeleitete Befestigung der Reichsgrenzen durch die Große Mauer und die Eroberung von „Pufferländern“ wurde vor allem im Süden und Osten fortgesetzt. Ab dem Jahr 120 wurden auch Handelskontakte über den Persischen Golf zu Arabien und Syrien geknüpft.

In der Han-Zeit wurden in verschiedenen Gebieten der Wissenschaft große Fortschritte gemacht. Hierzu zählen die Astronomie, die eine wesentliche Verbesserung des Kalenders ermöglichte, die Geowissenschaften und die Biologie durch die Klassifikation der Tiere und Pflanzen. In der Technologie ragen die Herstellung des Papiers und zahlreiche Entwicklungen in der Töpferei heraus. In der Architektur wurden glasierte und bemalte Ziegel eingeführt und die Herstellung von Textilien erreichte einen Stand, der in Europa erst viel später erreicht wurde.

»Den Zerfall und die nachfolgende Epoche der Drei Reiche (220 – 265) Wei, Wu und Shu hat Luo Guanzhong in Chinas wohl berühmtestem Roman »Die Geschichte der drei Reiche« (Sanguo Yanyi) viele Jahrhunderte später beschrieben (aktuellste Fassung aus dem 17. Jh.). »Das Reich, das lange geteilt war, muss sich wieder vereinigen, das lange vereint war, muss sich teilen«, so lautet sein erster Satz. »So ist es immer gewesen.« Das homerische Epos ist zu zwei Dritteln Fakt, zu einem Drittel Fiktion und beeinflusst bis heute Denken und Handeln der Chinesen.« (Baron, Stefan. Die Chinesen: Psychogramm einer Weltmacht. Ullstein eBooks.)

Gebiet der Drei Reiche Von Yu Ninjie – Originally from en.wikipedia; description page is (was) here, CC BY-SA 3.0

Die Dynastien dieser kurzen Epoche geniessen nach dem aktuellen System des kommunistischen China das größte geschichtliche Interesse – besser gesagt: Ihre literarische Darstellung hatte den größten geschichtlichen Einfluss auf die Wertebildung der Chinesen im konfuzianischen Geist. Wei kontrollierte den Norden und den Nordwesten und stützte sich wesentlich auf das Tal des Gelben Flusses mit der Hauptstadt Loyang. Wu im Süden und Südwesten beherrschte das Tal des Yangtze und die zwei Kuang-Provinzen, während sich die Shu auf das Szechuan-Becken im Osten stützten, aber auch über die Hügel von Kweichow und Teile von Yünnan befehligten (siehe Grafik).

Auch Joseph Needham misst dem Roman Die Geschichte der Drei Reiche große Bedeutung für die öffentliche Moral in China zu. Neben dem Roman haben auch viele moderne Theaterstücke mit der Hauptfigur des Führers Tshao Tshao von Wei als Vorbild eines tapferen, aber schlauen und grausamen Prinzen hierzu beigetragen. Nach seiner Meinung ist aber für das Verständnis von der Entwicklung des modernen China die Tatsache wichtiger, daß die Teilung der drei Königreiche im wesentlichen eine ökonomische war, wobei sich jedes Königreich über eine ökonomische Schlüsselregion erstreckte. Für eine Kultur, die sich auf eine intensive Landwirtschaft stützt, ist dies entscheidend; volle Kornkammern in Zentrum der Macht waren lebenswichtig, und im 3. Jahrhundert hing dies ab von erfolgreichen Wasserbautechniken für die Bewässerung und den Transport: Politische Macht war somit auf das engste verbunden mit Technologie und einer effizienten Verwaltung. Die Landesgeographie spielte ebenso eine Rolle, aber da die drei ökonomischen Regionen hinsichtlich ihrer natürlichen Rohstoffquellen im wesentlichen gleich waren, wurde die Wasserbautechnik zum Hauptfaktor im Kampf um die Macht. Das Königreich Wu stellte einen bedeutenden Kanal fertig und legte bei Tan Yang (nahe dem heutigen Nanking) einen künstlichen See zur Bewässerung an. Die Shu führten einige Arbeiten im oberen Wei-Tal durch. Die Wei aber zollten den Wasserbauprojekten die größte Aufmerksamkeit. Zwischen 204 und 233 errichteten sie große Reservoire, zwei Versorgungskanäle und sechs andere bedeutende Kanäle; und wenn sie es waren, die schließlich den Sieg davontrugen, so verdankten sie das gewiß teilweise ihrer Politik der Errichtung von Militärkolonien, ihrer Politik des Aushungerns statt des Niederkämpfens ihrer Feinde, aber nicht zuletzt auch ihrer wirksamen Wasserbautechnik.

Die durch Kriege und deren Zerstörungen entstandene Verzweiflung der Menschen in den drei Reichen förderten den Zulauf zu transzendenten Religionen. Hierfür bot sich zu jener Zeit vor allem der Buddhismus an, der einen hohen kulturellen Stand repräsentierte.

Es stellt sich die Frage, ob die Ereignisse in dem relativ kurzen Zeitabschnitt von 220 bis 265 ein solches historisches Gewicht entfalten können, dass sie an das Bewusstsein gegenwärtiger Ereignisse heranreichen, oder ob es vielmehr die literarische Glorifizierung war, die für sich die Sehnsucht nach einem „Goldenen Zeitalter“ nutzte. Hierzu erzählt Joseph Needham folgende Begebenheit:

Needham saß 1943 in einem Teehaus in Szechuan mit Bauern zusammen und sprach mit ihnen über den Krieg. „Du wirst sehen“, sagten sie, „es wird genauso ausgehen wie damals, der Norden wird gewinnen!“ Sie meinten damit eine Situation aus dem japanisch-chinesischen Krieg, die Parallelen zu einer historischen Schlacht aufwies, die seinerzeit zwischen den Truppen des Staates Wu unter Sun Chhüan, dem Herrscher von Wu und der Armee von Wei unter Tshao Tshao ausgetragen wurde. Diese Anekdote gestattet einen Eindruck von dem Verhältnis der Chinesen zur Zeit, das sich sehr von dem der Europäer unterscheidet, jedoch nach Needhams Auffassung nicht dahinter zurückbleibt, sondern ein transzendentes Moment beinhaltet. Welcher Europäer würde sonst von Ereignissen des dritten Jahrhunderts nach Christus sprechen – vorausgesetzt er würde überhaupt von ihnen wissen – als wären gerade ein paar Jahre vergangen?

Die nächste Station in der geschichtlichen Präsenz Chinas ist die Tang-Dynastie, die , die sowohl aus chinesischer wie aus deutscher Sicht von großer Bedeutung ist. Ausgehend von den Voraussetzungen, die die Sui geschaffen hatten, vermochten die Tang-Kaiser, deren Herrschaft nahezu 300 Jahre dauern sollte, Chinas Grenzen und seinen kulturellen Einfluss in solchem Maße auszudehnen, wie es seit der Han-Zeit nicht mehr gelungen war. Sie warfen die Angriffe türkischer Stämme zurück, trugen den Krieg in das Nomadengebiet, in dem 30 Jahre später die Herrschaft des chinesischen „Khan“ anerkannt wurde. Sie drangen in Tibet ein, dessen König gern bereit war, eine Chinesin zur Frau zu nehmen, und gegenüber zivilisatorischen Einflüssen einschließlich technologischer Errungenschaften wie Wassermühlen und Eisenkettenhängebrücken sehr aufgeschlossen war. Um 660 beherrschten die Tang nahezu die gesamte Mandschurei und Korea sowie Sin Kiang. Ihren äußersten Punkt erreichte die Expansion im Jahre 750. Danach verfiel die Macht der Tang jedoch langsam, ausgelöst durch unglückliche diplomatische Ereignisse in Taschkent. Diese führten im Jahre 751 zu einem Zusammenstoß chinesischer und muslimischer Armeen, der Schlacht am Talas-Fluß, einer schweren Niederlage für die Chinesen. Aber der Sieg war ein Pyrrhussieg, denn obgleich er zum Verlust Westturkestans (einem Teil des heutigen Xinjiang) führte, kennzeichnet er doch das Ende der islamischen Expansion nach Osten und war somit eine der entscheidenden Schlachten der Weltgeschichte.

Jedoch hatte diese Niederlage Folgen für die Vasallentreue verschiedener Randgebiete, die nun, nach dem die chinesische Macht Schwäche gezeigt hatte, nach Unabhängigkeit oder Umorientierung strebten. Nach der Mongolei als erstem Abweichler rebellierten die Thai-Fürstentümer im Südwesten einschließlich Yünnan und bildeten eine eigene Dynastie. Im Nordosten errichteten die Tataren Stützpunkte in der Mandschurei und südlich davon gliederte Korea die chinesischen Protektorate in sein Gebiet ein. Auch die guten Beziehungen zu Tibet verschlechterten sich und wurden zu einer Bedrohung für China – aber auch für die islamischen Besitzungen in Asien. Durch diese Situation wurde es möglich, dass zwischen dem Tang-Kaiser und dem Kalifen Harun ar-Raschid ein Bündnis geschlossen wurde, das zu einer Beruhigung der Verhältnisse im Bezug auf Tibet führte und die Existenz der Han-Dynastie für etwa 100 Jahre sicherte.

Joseph Needham beschreibt das kulturelle Klima zur Zeit der Tang-Dynastie als offenen Austausch zwischen Religionen, Kunst und Wissenschaft: »Unter den wechselnden Phasen der Aufnahme und Ablehnung von Fremden, die für die chinesische Geschichte ebenso charakteristisch sind wie für die englische, war die Tang-Zeit eine Periode, in der Fremde höchst willkommen waren. Die Hauptstadt Chang’an wurde zu einem Ort internationaler Begegnung. Araber, Perser, Syrer kamen, begegneten dort einer Vielzahl anderer Völker und diskutierten in den eleganten Pavillons der Stadt im Wei-Tal alle möglichen Wissensgegenstände. Bei reichen Chinesen wurde es geradezu zur Gewohnheit, Zentralasiaten als Pferdeburschen und Kameltreiber, Inder als Jongleure, Baktrier und Syrer als Schauspieler und Sänger einzustellen. Neue ausländische Religionen wurden eingeführt: im frühen 6. Jahrhundert die Lehre des Zoroaster, um 500 nach Christus aus Syrien das Christentum und am Ende des 7. Jahrhunderts aus Persien der Manichäismus. Genau wie zur Han-Zeit unternahmen die Chinesen selbst weitreichende Reisen. Klassisches Beispiel ist der buddhistische Mönch, der für sechzehn Jahre nach Indien ging und den ganzen Subkontinent der Länge und Breite nach bereiste, um religiöse Schriften zusammenzutragen. Der Buddhismus erlebte eine Zeit der größten Ausdehnung und regte einige der besten Künstler jener Epoche an: Die Höhlenfresken von Tunhuang stammen hauptsächlich aus dieser Zeit und spiegeln die allgemeine kosmopolitische Haltung, indem sie Mönche und Laien mit braunen oder gar roten Haaren, blauen oder grünen Augen und sogar mit europäischen Gesichtern zeigen«. Was hier beschrieben wird, konnten die Besucher einer großen Ausstellung chinesischer Kulturgüter aus der Tang-Zeit 1993 in Dortmund staunend betrachten. Diese Ausstellung hatte hohen Symbolwert und war mit der Hoffnung verbunden, politische und wirtschaftliche Annäherungen zwischen dem westlichen und chinesischen System zu fördern.

Innerhalb der bunten Vielfalt der Tang-Zeit entwickelte sich der Buddhismus besonders gut. Die große Zahl buddhistischer Tempel, und die zahlreichen Mönche und Nonnen waren sichtbare Zeichen wachsenden Einflusses und es entwickelte sich die Furcht vor dem Verlust des anerkannten Konsens über das Fundament der chinesischen Gesellschaft, das der Konfuzianismus war und bis heute ist. Im Jahr 845 kam es zu einer großen Säuberungswelle, in deren Verlauf 4.600 Tempel und 40.000 Schreine zerstört wurden sowie mehr als 260.000 Mönche und Nonnen aus ihren Klöstern vertrieben wurden. Darüber hinaus wurden 150.000 Sklaven freigelassen und Millionen Hektar Ackerland enteignet.

Ein wichtiger Beitrag der buddhistischen Kultur blieb die von ihr entwickelt Kunst des Buchdrucks. Nicht nur die Buddhisten hatten großen Bedarf für Verfielfältigungen, auch der Staat benötigte für die vielen Bewerber, die sich zu den Prüfungen für die Beamtenlaufbahn anmeldeten Lehrbücher, die nun wesentlich einfacher herzustellen waren. Einen weiteren Fortschritt erfuhr das System der chinesischen Bürokratie durch die Einrichtung der Hanlin-Akademie. In dieser Einrichtung wurden die höheren Ränge der Beamten ausgebildet. Der Ausbau des Staatsapparats hatte die Kodifizierung der Gesetze und ein neues Strafrecht zur Folge.

Nach Needhams Urteil kam von all den Fortschritten aus der Tang-Zeit der Blüte von Kunst und Literatur sowie der Akademiegründung  die größte Bedeutung zu. Unter den technisch-wissenschaftlichen Entwicklungen dieser Zeit hebt er das 659 entstandene erste amtliche Arzneibuch hervor, das es je in einer Kultur gab.

Als logische Folge aus der Stärkung des bürokratischen Systems und dem intensiven Handels- und Kulturaustausch mit fernen Ländern kam es zur Aufdeckung von Mängeln im System, die das Fehlen eines Banksystems und damit die Kontrolle und Steuerung der Kapitalflüsse offenbarten. Damit im Zusammenhang stand die wachsende Angst der Bürokratie vor der Ansammlung großen Kapitals in den Händen einzelner Händler. Aufgrund der historisch gewachsenen Distanz gegenüber Kaufleuten wurden seitens des Staates keine Hilfestellungen zur Verbesserung der Handelsbedingungen unternommen. Statt dessen wurde der Tee-Export verstaatlicht und der private Handel hierdurch eingeschränkt. Andererseits hatten die Bauern die Ausgabenlast für die wachsende Bürokratie zu tragen.

Needham beschreibt die entstandene Situation und ihre Folgen; »Auf wirtschaftlichem Gebiet neigten die Tang dazu, die Dinge so zu belassen, wie sie sie vorgefunden hatten….  Auf der anderen Seite hingegen fand es die Gelehrten-Gentry durchaus richtig, selbst Reichtum anzusammeln und ihre Einkünfte dadurch zu ergänzen, daß sie ihr überschüssiges Geld gegen Zinsen verlieh. Am Ende des 9. und zu Beginn des 10. Jahrhunderts entstanden viele kleine, halb-unabhängige Staaten an den Grenzen, und die Zentralregierung verlor allmählich die Kontrolle über das Land. Um 907 kehrte China wieder zu getrennt regierten Gebieten zurück, und die Periode der Fünf Dynastien begann.« Das folgende Rollbild stammt aus dieser Zeit und illustriert das Misstrauen des Kaisers gegenüber seinen Beamten in dieser Zeit.

Über Fidelio

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