Zwei Welten – Trump und die USA

In diesen Tagen richtet sich das Interesse der Medien verstärkt auf die USA und dem Verhältnis zu ihrem Präsidenten. Dabei haben sie doppelten Anlass: das einjährige Bestehen der Präsidentschaft Donald Trumps und die gleichzeitige Zahlungsunfähigkeit seiner Regierung. Das Zittern der Regierungsbediensteten hat zwar schon Tradition, doch so weit wie diesmal haben es die Abgeordneten im Senat zuletzt 2013 gegenüber der Regierung Obama kommen lassen. Diese Situation hat Donald Trump so schwer getroffen, dass er seine in Florida geplante Feier zu seinem einjährigen Jubiläum abgesagt hat.

Wie es um das politische Klima in den USA und speziell das Verhältnis zwischen Trump und den oppositionellen Demokraten steht, muss nicht weiter erörtert werden. Dieses Verhältnis war von Anbeginn der politischen Karriere Trumps ein Unverhältnis – wie will man sich auch zu jemandem verhalten, der seine persönliche Sicht der Dinge schlicht zu verbindlichen Fakten erklärt und hiermit die Vorlage für seine Spindoktoren zu der Wortschöpfung „alternative facts“ liefert? Da fragt man sich doch: Wie sieht es im Trump-Universum insgesamt aus? Antworten hierauf kann die Anwendung des in diesem Projekt entwickelten Instrumentariums nach den Methoden der Spiral Dynamics und der Integralen Theorie liefern.

In der nebenstehenden Grafik sind die Quadrantenbilder nach Ken Wilbers AQAL-Modell für Donald Trump im Vergleich zu den USA abgebildet. In den Quadranten sind jeweils die Intensitäten der von den Individuen der USA beeinflussten Weltsicht als Abweichung von einer (hypothetischen) Gleichverteilung in allen Quadranten dargestellt. Dabei steht

  • der obere linke (OL) Quadrant für die individuelle Psyche,
  • der untere linke Quadrant (UL) für den Grad der individuellen Akzeptanz kultureller Gepflogenheiten und Traditionen,
  • die rechte Seite für das Gewicht objektiv feststellbarer Fakten und hierbei bezüglich individueller Hirnstrukturen der obere rechte (OR) Quadrant, bezüglich kollektiver Strukturen der untere rechte (UR) Quadrant.

Die farbige Hinterlegung in der Grafik mit den eingeschriebenen Ziffern gibt jeweils die graduelle Richtung der Abweichung von der hypothetischen Normalverteilung an – grün bedeutet verstärkte Aktivität, rot bedeutet ein Defizit gegenüber der Normalverteilung.

In dem Bild der USA wurden nur Äußerungen berücksichtigt, die sich auf die USA beziehen, im Bild Donald Trumps wurden alle Äußerungen berücksichtigt, die sich auf die USA und Donald Trump beziehen. Vereinfacht könnte man sagen: Links ist die Sicht der Amerikaner auf ihr Land abzulesen, rechts die Sicht der Amerikaner auf Donald Trump.

Was kann man daraus ablesen? Zunächst kann gesagt werden, dass sich das Bild der US-Amerikaner von ihrem Präsidenten von dem des Landes ausschließlich im Verhältnis des OL-Quadranten zum UL-Quadranten unterscheidet. In beiden Bildern ist ein gravierendes Defizit in den beiden rechten Quadranten zu sehen. Hieraus lässt sich auf einen sehr geringen Stellenwert wissenschaftlicher Fakten in der breiten Öffentlichkeit schließen, der auch die in Europa mit Befremden zur Kenntnis genommene Verbreitung des Kreationismus in den USA, die weite Verbreitung von Verschwörungstheorien und die Leugnung des menschengemachten Klimawandels erklärt. Andererseits ist eine große Kluft zwischen den Ergebnissen der in den USA betriebenen Spitzenforschung und Technikentwicklung und dem Bildungsstand breiter Bevölkerungsschichten anzunehmen. Damit wird in dieser Hinsicht ein in Europa weit verbreitetes Bild der USA bestätigt, das von einer Art „geographischer Nabelschau“ bestimmt ist.

Im OL-Quadranten kommt Trump’s überzogenes Ego zum Ausdruck, das ohnehin in der Werteordnung der USA ein starkes Gewicht hat. Sein Auftreten in Versammlungen der Regierungschefs zeugt von Hochmut und Geltungssucht, oder andersherum gesagt: Es fehlt ihm an Demut, an Selbsterkenntnis, die den Menschen erst zu sozialem Verhalten in der Gesellschaft befähigt. Im Sinne von „Bescheidenheit“ steht sie damit der von ihm an den Tag gelegten Arroganz diametral gegenüber. Die zahlreichen Entlassungen seines Regierungs- und Beraterpersonals sind Ausdruck der Unfähigkeit, die größeren Kompetenzen von Spezialisten klug zu nutzen und verbreiten Angst über die Handlungsfähigkeit der amerikanischen Regierung in kritischen weltpolitischen Situationen. Beispiele der jüngsten Zeit hierfür sind Trumps Kriegsrhetorik in Richtung des Regimes in Nordkorea, die von ihm angekündigte Verlegung der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem und der Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen.

Doch es ist nicht nur die Verstärkung amerikanischer Wesensart, die Donald Trump zu Trump macht. Im UL-Quadranten zeigt sich, dass Trump nur sehr gedämpft typisch amerikanische Gefühle aktivieren kann. Die zahlreichen und großen Protestbewegungen auf den Straßen der USA zeigen diesen Widerspruch. Das wirft die Frage auf, wie denn durch eine demokratische Wahl solch ein Dissenz entstehen kann. Für Europäer ist das Wahlrecht der USA mindestens so rätselhaft, wie die Praxis der Todesstrafe. Politisch entscheidend für das Wahlergebnis ist die in den gewählten Personen widergespiegelte Beteiligung des Wahlvolkes, und die ist durch verschiedene Besonderheiten und Manipulationsmöglichkeiten auch in den USA selbst immer wieder in Frage gestellt.

In der zweiten Grafik sind die Wertewelten von Donald Trump und den USA nach dem System der Spiral Dynamics gegenübergestellt. Die Wertebilder unterscheiden sich bereits erheblich in der Struktur. Während die Wertewelten der USA durch eine ansteigende Stufenfolge von Blau zu Orange zu Grün unter dem Einfluss relativ starker WMeme (Gelb und Türkis) der zweiten Ordnung gekennzeichnet sind, ist diese Stufenfolge bei Trump durch ein vielfach größeres Blau mit schwachen Anteilen von Gelb und Türkis gestört.

Zwar weist auch die Wertewelt der USA Schwächen auf, die in einem relativ schwachen Blau zum Ausdruck kommen, doch kann davon ausgegangen werden, das aus dem ebenfalls vorhandenen Rot und den spirituellen Antrieben genügend Potentiale vorhanden sind, die notwendige Dynamik in der Entwicklungsspirale aufrecht zu halten. Dem gegenüber steht das starke Blau, das zwar in der Lage ist, als Korrektiv gegen das ebenfalls kollektiv ausgerichtete Grün zu agieren, jedoch nur wenig Sinn für persönliche Entfaltung und wissenschaftlich- technischen Fortschritt aufbringt, die durch Orange garantiert werden.

Hinter dem starken Blau steht der große Einfluss, den rund 80 Millionen Evangelikale Christen auf Trump ausüben. Jeder vierte US-Bürger gehört zu einer evangelikalen Kirche und etwa 80% von ihnen haben Trump gewählt. Obwohl Trump selbst kein religiöser Mensch ist, hat er nicht auf die Unterstützung dieser Wählergruppe verzichten können und ihnen das Versprechen gegeben, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen. Damit hat er in einer religiösen Frage Partei ergriffen, ohne die Folgen überblicken zu können. Etwa ein Drittel der Evangelikalen gehören nämlich zu den sogenannten Dispensationalisten, die einer heilsgeschichtlichen Bibelauslegung folgen, wonach die Welt in verschiedene Epochen eingeteilt wird. In jedem Zeitalter prüft Gott die Menschheit auf verschiedene Weise. Am Ende der Zeiten werde es in Jerusalem zu einer Massenbekehrung der Juden zu Jesus als dem Messias kommen. In den Augen konservativer Christen deckt sich nun die US-Außenpolitik mit der biblischen Wahrheit, dass Jerusalem „die ewige und unteilbare Hauptstadt des jüdischen Staates“ sei. Auf internationaler Ebene finden diese Evangelikalen einen Verbündeten in dem israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu.

In dem schwachen Orange von Trump zeigt sich, dass er nur geringe Attraktivität für die Leistungsträger des amerikanischen Systems in Wirtschaft, Technik und Wissenschaft hat. Die von Trump immer wieder benutzte Parole „America first“ sucht eher den Anschluss an das von Grün repräsentierte Gemeinschaftsgefühl. Dieses kann jedoch solange nicht überzeugen, bis Trump erkannt hat, dass sich dieses Gefühl nur in Gruppen verbreiten kann, die ein entsprechendes Gruppenbewusstsein haben und den Anspruch auf Exklusivität erheben. Amerika als Adressat erfüllt diese Voraussetzungen nicht – zuviele Widerstände und Widersprüche, persönliche Verletzungen und Peinlichkeiten prägen die bisherige Präsidentschaft, so dass sich Amerikaner gegenüber Ausländern eher für ihren Präsidenten entschuldigen, als sich durch Trump in ihrem Selbstbewusstsein als Amerikaner bestärkt zu fühlen. Es scheint auch eher so zu sein, dass sich Trumps Parole  vor allem auf die internationale Staatengemeinschaft richtet, in der Amerika den Führungsanspruch erheben soll. Diesen Eindruck bestätigen seine Auftritte auf internationalem Parkett, wo er nicht vor Despektierlichkeiten zurückschreckt.

Mein Blick auf Donald Trump hat nach einem Jahr seiner Präsidentschaft das Resultat erbracht, dass er den Vertrauensvorschuss, den ihm das Amt gegeben hat aufgebraucht hat und mich nun auf die Seite der Skeptiker gebracht hat.

Über Fidelio

Ich bin 68 Jahre alt, verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder. Meine berufliche Tätigkeit als Stadtplaner habe ich vor fünf Jahren beendet und ich widme mich seitdem intensiver um dieses Internetprojekt, Kommentare und Beiträge, die sich auf die hier veröffentlichten Themen beziehen sind mir willkommen!
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