Wie das Land, so der Mensch? – Virtuelle Landschaftsbilder in NRW

Schlussbetrachtungen

„Es ist ein babylonisches Narrenhaus; aus tausend Fenstern schreien tausend verschiedene Stimmen, Gedanken, Musiken gleichzeitig auf den Wanderer ein, und es ist klar, daß das Individuum dabei der Tummelplatz anarchischer Motive wird, und die Moral mit dem Geist sich zersetzt.

Im Keller dieses Narrenhauses aber hämmert der hephaistische Schaffenswille, Urträume der Menschheit werden verwirklicht wie der Flug, der Siebenmeilenstiefel, das Hindurchblicken durch feste Körper und unerhört viele solcher Phantasien, die in früheren Jahrhunderten seligste Traummagie waren; unsere Zeit schafft diese Wunder, aber sie fühlt sie nicht mehr.

Sie ist eine Zeit der Erfüllung, und Erfüllungen sind immer Enttäuschungen; es fehlt ihr an Sehnsucht, an etwas, das sie noch nicht kann, während es ihr am Herzen nagt.“

Dieses Zitat stammt von dem österreichischen Schriftsteller Robert Musil. Er schrieb es 1913 in seinem Essay zu Fragen der Zeit im Bezug auf die Politik in Österreich. Mit einigen Abwandlungen könnte es in einen aktuellen Text zur Beschreibung der Gegenwart eingefügt werden. Aber stimmt das denn, wo es doch am Ende heißt, es fehle der Zeit an Sehnsucht nach etwas, das sie noch nicht kann. Sehnsüchte werden in Städten wie Dresden, Chemnitz und Köthen lautstark skandiert und lauten „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus“ oder „Für jeden toten Deutschen einen toten Ausländer„. Was sie noch nicht kann, ist die Überwindung der letzten Hemmnisse staatlicher Macht. Doch was ist es, das ihr am Herzen nagt? Kann es denn Mordlust sein, die sich hier lautstark ihren Weg in die deutschen Wohnzimmer bahnte und die Menschen verstörte und auch einige – zu wenige – aufschreckte? Glaubt man den Vordenkern der neuen Rechten als Wegbereitern des hirnlosen Mobs, dann geht es um das Existenzrecht des deutschen Volkes, um das Recht auf Heimat und Harmonie von Raum und Mensch. Sie bedienen sich der Theorien des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, in denen die naturwissenschaftlichen Grundlagen noch unumstritten auf dem mechanistischen Weltbild von Isaac Newton aufbauten und Raum und Zeit die von Gott in Gang gesetzten Konstanten des Kosmos waren. In dieses Weltbild ordnen sie die Theorien der Gegenwart ein, die nach ihrer Meinung geschichtsversessen der Zeit den Vorrang vor dem Raum einräumen. Demgegenüber propagieren sie den bestimmenden Einfluss des Raumes auf den Menschen. So lesen wir bei dem Historiker und Naturphilosphen Reinhard Falter:

„Zusammenfassend können wir als wesentliche Ebenen von Prägung, die auch im 20. Jahrhundert nichts von ihrer Bedeutung verloren haben, festhalten: Die Überlebensbedingungen, der Zwang zu bestimmten Tätigkeiten, die Ernährung, die unmittelbare Anmutung und schließlich, die Grundsymboliken und ihre Verdichtung zum Weltbild. In letzterem herrscht eine eigentümliche Verschränkung, die zum konstruktivistischen Mißverstehen verleitet, denn es sind zunächst Kulturen, die Orte als Erscheinungsformen von Qualitäten benennen, die über bloße Uberlebensnotwendigkeiten hinausgehen und z.B. einen Berg als Hexentanzplatz betrachten, aber es ist doch der Gesamtzusammenhang der Natur, der diese Orte zunächst als unverfügbar ausspart und dadurch bewirkt, daß sich das Weltbild nicht auf funktionaler Ebene runden kann. Es dürfte klar sein, daß es Länder mit schwächerer oder sogat negativer Transzendierungsprägekraft gibt.“ (Reinhard Falter, Natur prägt Kultur, Telesma-Verlag, München 2006)

In der seit dem 1. Januar 2000 geltenden Änderung des Staatsbürgerschaftsrechts in Deutschland, das Kindern von Ehepaaren, die Migranten sind und von denen mindestens ein Ehepartner mindestens 8 Jahre in Deutschland gelebt hat, die deutsche Staatsbürgerschaft zugesteht, sieht derselbe Autor eine Missachtung der Forderungen, die Rasse und Boden an das Recht stellen. Es handele sich hierbei um eine Amerikanisierung in dem Sinn, „dass nun zum Normalfall der »Bürger« erklärt wird, der zu dem Boden, auf dem er gerade lebt, keine Bindung hat, weder eine historische noch eine sonstige.“ Aus diesem rassistisch-materialistischen Denken kommt Falter dann auch zu dem Ergebnis, „dass keine Generation von Menschen demokratisch über Natur als die umfassenden Lebens- und Prägungsbedingungen ihrer Nachfolger zu entscheiden hat – daß sie es heute von den technischen Machbarkeiten her kann, ist Ergebnis einer Fehlentwicklung. Die Umbiegung von Naturverträglichkeit in Sozialverträglichkeit ist prinzipiell abzulehnen.“ Deutlicher kann eine Kampfansage an die Demokratie und darüber hinaus an die Mehrheitsgesellschaft kaum ausgesprochen werden.

Dieses Weltbild findet sich, wie die Wochenzeitung „Die Zeit“ recherchiert hat, bei einer Vielzahl AfD-naher Gruppierungen in Konzepten des „Ethnopluralismus“ wieder, „wonach sich jedes Volk in dem ihm zugewiesenen Raum entfalten soll. Sie verbinden Themen wie Globalisierungskritik oder Ökologie mit rechten Gedankengut („Umweltschutz ist Heimatschutz“). Viele IB-Aktivisten stammen aus rechten Burschenschaften oder der Neonaziszene, wo sie früher bei der NPD, deren Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten, autonomen rechtsextremen Kameradschaften oder der heute verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend aktiv waren„, wie hier für die Identitäre Bewegung (IB) ausgeführt wird.

Wie ich bereits eingangs erwähnt habe, soll in diesem Projekt nicht grundsätzlich widerlegt werden, dass aus dem Lebensraum des Menschen Einflüsse entstehen, die den Menschen in biologischer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht mitprägen. Diesen Zusammenhängen hat sich der interdisziplinäre Forschungszweig der Humanökologie gewidmet, der auch von Theologen wie Jürgen Manemann unterstützt wird und spirituell fruchtbar gemacht wird. 

Die Gliederung des Landes Nordrhein-Westfalen in 32 Kulturlandschaften ist eine sehr detaillierte räumliche Gliederung, die es ermöglicht, hieraus auch größere Landschaftseinheiten zu generieren. In jedem Fall – ob als Kulturlandschaft oder als naturräumliche Haupteinheit betrachtet – ist der menschliche Einfluss auf die physikalischen Prägungen der Landschaften und ihre Abgrenzungen gegeneinander nicht zu umgehen. In einem abstrakten Sinn vom prägenden Einfluss des Raumes zu sprechen ist daher von vornherein nicht möglich, solange die landschaftliche Verortung – d. h. seine geografische Zuordnung zu bestimmten Orten – damit verbunden wird. Ein weiterer Gesichtspunkt ergibt sich aus dem für alle alten und modernen Kulturen nachweisbaren Austauschverhältnissen zwischen Städten und und ihren Umländern. Selbst, wenn man in einem abstrakten Sinn den als gegeben anzunehmenden prägenden Einfluss des Raumes zur Geltung bringen wollte, so könnte dieses nur unter den historisch entstandenen landschaftlichen und sozio-kulturellen Bedingungen geschehen lassen.https://entwicklungsspirale.de/wp-content/uploads/2018/09/WMeme-Pers%C3%B6nlichkeit.jpg

Die vorliegenden Ergebnisse für die Kulturlandschaften Nordrhein-Westfalens haben ein sehr differenziertes Bild ergeben, das den kleinräumigen Gliederungen dieser Landschaften nur in wenigen Fällen in den Randzonen entspricht. Bei den Persönlichkeitswerten sind isolierte Entwicklungen z. B. im Aachener Land, Lipper Land und Wittgenstein zu sehen. Eine Eigenentwicklung stellt hier auch die Großlandschaft Ruhrgebiet dar, die sich deutlich von einem großen zusammenhängenden Raum, der sich nahezu über den gesamten westfälischen und rheinländischen Landesteil einschließlich der Rheinschiene erstreckt, abhebt. Davon zu unterscheiden ist ein linksrheinischer Großbereich einschließlich der Eifel, der in den Persönlichkeitswerten deutlich hinter dem westfälischen Teil zurückbleibt.

Ein wichtiges Ergebnis ist in der Erkenntnis zu sehen, dass der Einfluss der Städte auf die Kulturräume nicht in dem Maße gegeben ist, wie dieses auf Grund ihrer Wirtschaftskraft und ihrer Bevölkerungsdichte zu erwarten war. Diese Feststellung gilt sowohl für die Persönlichkeitswerte wie für die Wertesysteme. Hierbei scheinen Stadt-Umlandverflechtungen keine entscheidende Rolle zu spielen. Man kann deshalb durchaus einen prägenden Einfluss von Landschaften annehmen, der jedoch nach spezifischen Merkmalen zu differenzieren ist. Darüber hinaus ist die Abgrenzung der Landschaften in unterschiedlichen Aggregatstufen erforderlich. Dabei können z. B. Kriterien der Bodennutzung, wie z. B. in der Zone der münsterländischen Landschaften und der Hellwegbörden oder der Mittelgebirgslandschaften wie im Sauerland und Bergischen Land zu neuen Erkenntnissen im Sinne der Humanökologie führen.

 

Über Fidelio

Ich bin 68 Jahre alt, verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder. Meine berufliche Tätigkeit als Stadtplaner habe ich vor fünf Jahren beendet und ich widme mich seitdem intensiver um dieses Internetprojekt, Kommentare und Beiträge, die sich auf die hier veröffentlichten Themen beziehen sind mir willkommen!
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