Wie das Land, so der Mensch? – Virtuelle Landschaftsbilder in NRW

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Zum Verhältnis von Kultur und Landschaft

In einer bekannten Bierwerbung wird ein an der Nordsee getrunkenes Produkt mit dem markigen Spruch beworben: „Wie das Land, so das Jever„. Damit wird auf den „friesisch herben“ Charakter dieses Bieres hingewiesen, der somit dem Charakter der Ostfriesen entsprechen soll.

Zuschreibungen, die auf Charaktermerkmale der Bewohner Bezug nehmen, gibt es für viele Regionen in Deutschland wie auch für ferne Länder und fremde Kulturen. Stereotype wie die „rheinische Frohnatur“ und der ihr gegenüber gestellte „sture Westfale“ wie auch der sparsame und Häusle bauende Schwabe gehören zu den bekanntesten Redewendungen in Deutschland.

Wie kommt es, dass gerade jetzt, wo die Erde zu einem Dorf zu schrumpfen scheint, Reisen zu allen Kontinenten selbstverständlich sind und Sprachen dank Google keine Hindernisse mehr darstellen, immer noch ein provinzieller Gestus serviert wird, der damit mutmaßlich werbetechnische Erfolge verbucht? Im Gegenteil – es scheint sogar eine Aktivierung dieser schlummernden Gefühle stattzufinden, die sich an Begriffen wie Heimat und Region festmachen und seit der letzten Bundestagswahl auch ihre Referenz auf höchster politischer Ebene erhalten. Eine mögliche Erklärung könnte die Erfahrung vieler Deutscher sein, dass auch das eigene Land ein erstrebenswertes Ziel ist, wie Hunderttausende freiwillig – im Unterschied zu den in den 1960-er Jahren angeworbenen Gastarbeitern – in das Land kommende Migranten und Flüchtlinge zum Ausdruck bringen. Nach der Bewusstwerdung des eigenen Landes als Ort, an dem es sich gut leben lässt, können in einem zweiten Schritt Verlustängste entstanden sein, die zu Abwehrhaltungen gegenüber allem Fremden geführt haben. Dabei übernehmen bereits seit Jahrhunderten latent vorhandene Abgrenzungen gegenüber Bewohnern anderer Landstriche eine aktive Rolle, wie sie in Charakterzuschreibungen  auf regionaler Ebene – siehe oben – oder auch international – schwatzhafte Italiener, introvertierte Nordländer, arrogante Franzosen, gastfreundliche Araber usw. – schon lange existierten.

Über den historisch gewachsenen Versuchen, die Verschiedenheit der Menschen mit ihrer geografischen Herkunft zu erklären, haben sich mit der modernen Wissenschaft neue Erklärungsmuster erhoben, die jedoch keineswegs zu einer Klärung der Zusammenhänge geführt haben. Mit den Erkenntnissen der Quantenphysik und der Hirnforschung hat sich die Zahl der Erklärungsversuche nur noch erhöht, ohne einer Lösung näher zu kommen. Neben den schon in voraufklärerischer Zeit an diesen Fragen interessierten Herrschaftsstrukturen ringen nun auch die neue Rechte und die Wissenschaft um die Deutungshoheit über die Frage, was den Menschen eigentlich prägt. Von besonderem Interesse an diesen Adaptionen sind Versuche, objektiv feststellbare und determinierende Einflüsse für Charakterzuschreibungen zu finden. Besonderes Gewicht haben dabei die angenommenen Prägungen durch die geografische und geschichtliche Eigenart der Landschaft – oder allgemeiner ausgedrückt: des Raumes – auf den Menschen. Solche Annahmen können auf dem Boden neuerer Diskussionen in der Hirnforschung, die den Menschen von der Eigenverantwortung freistellen möchten, da er neuronal keinen freien Willen besitze, höchste naturwissenschaftliche Kompetenz für sich in Anspruch nehmen. Trotz inzwischen erfolgten Relativierungen sorgen die von der Hirnforschung unter Erfolgszwang bekanntgegebenen „Ergebnisse“ immer wieder für irritierende Diskussionen und setzten Verhaltensweisen in Gang, die – einmal eingeübt – gar nicht oder nur schwer zu korrigieren sind.

In diesem Artikel möchte ich die Existenz regional vorhandener Unterschiede der Charaktereigenschaften und Werthaltungen nicht bestreiten. Vielmehr möchte ich am Beispiel des Landes Nordrhein-Westfalen darstellen, wie die Charakterzuschreibungen in den verschiedenen Landschaften des Landes variieren und wie diese mit grundlegenden Werthaltungen verbunden sind. Hierdurch soll ein komplexeres Bild von den Menschen im Lande entstehen, das einerseits den Gegebenheiten näher kommt als zusammengetragene Einzelquellen aus vergangenen Jahrhunderten dieses können und das andererseits anschlussfähig für weitere Betrachtungen ist.

Über Fidelio

Ich bin 68 Jahre alt, verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder. Meine berufliche Tätigkeit als Stadtplaner habe ich vor fünf Jahren beendet und ich widme mich seitdem intensiver um dieses Internetprojekt, Kommentare und Beiträge, die sich auf die hier veröffentlichten Themen beziehen sind mir willkommen!
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