Von Mythen und zornigen Menschen

Die vorstehend grob skizzierte Abmachung begann nach der sogenannten Flüchtlingskrise 2017 zu verfallen, da einem immer größer werdenden Bevölkerungsteil nach anfänglicher Euphorie der Menschlichkeit unter dem Einfluss europäischer Nachbarn und zunehmenden Berichten über Zwischenfälle mit Migranten dämmerte, dass von einem störungsfreien Politikbetrieb für unbestimmte Zeit nicht mehr ausgegangen werden konnte. Diese Erkenntnisse wurden von Bürgerbewegungen wie Pegida und der neu entstandenen Partei AfD lautstark und aggressiv in den öffentlichen Raum getragen. Jedoch ist nach Kliche nicht jede dick aufgetragene Empörung echt: „Zur Schau gestellt Gefühle können auch Mittel einer emotionalen Erpressung sein. Das ist in der Politik höchst praktisch: Wer seine Ansichten und Ansprüche mit Gefühlen rechtfertigt, der schlägt zwei FIiegen mit einer Klappe. Erstens kann man die Gefühle derer nur schwer infrage stellen. Zweitens eignen sich vorgeführte Gefühle für eine Opfer-Täter-Verkehrung: Wer sich als Opfer präsentiert und sich bedroht oder betrogen fühlt, der darf sich wehren – also eigennützig und hart seine Anliegen verteidigen. Gefühle dienen daher leicht a1s Vorwand für Aggression. Sie sind also nütz1ich, und das facht die öffentliche Rede über sie an, ermutigt also ihr Auftreten. Dadurch entsteht ein gesellschaftliches Klima, in dem böse Gefühle und Eigennutz offen zum Ausdruck gebracht werden dürfen. Ein solches Gefühlsk1ima entsteht derzeit in Deutschland.“ Doch ist diese Entwicklung nicht auf Deutschland beschränkt. In einem vor Kurzem erschienenen Artikel in der New York Times kommt der Verfasser in einer globalen Betrachtung für viele Länder zu einem ähnlichen Ergebnis, das nach einem neuen Gesellschaftsvertrag schreit. „Einen Gesellschaftsvertrag, der sowohl den gebildeten urbanen Eliten wie auch den arbeitenden Menschen abseits der Städte etwas von dem bringt, was sie vor allem wollen.“ Genau dieser Mangel – dem Fehlen eines neuen  Entwurfs für eine neue Gesellschaftsordnung -, dessen tiefere Ursachen überwiegend auf die rasant voranschreitenden Neuausrichtungen der Wirtschaft und damit auch der Arbeit zurückzuführen ist, bildet das Einfallstor für Versprechen populistischer Parteien, die eine Neuauflage des auslaufenden Deals zwischen Politik und Bürgern anbieten, der jedoch keinerlei Bezug zur Wirklichkeit jenseits von Parteien und Staat hat.

Verbreitung von Zorn

Äußerungen von und über Zorn in den deutschen Bundesländern

In der nebenstehenden Grafik ist die Äußerung von Zorn für die deutschen Bundesländer als Durchschnittswert aus allen benutzten Quellen dargestellt. Die Häufigkeiten sind im Verhältnis zu den Einwohnerzahlen dieser Länder ausgedrückt.

Spitzenwerte werden in der Reihenfolge Bremen, Berlin, Hamburg, Saarland und Brandenburg erreicht. Sehr geringe Werte werden in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein erreicht. Im Mittelfeld liegen Rheinland-Pfalz, Hessen, Bayern, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Thüringen. Dieses Ergebnis lässt auf den ersten Blick keinen Zusammenhang zu den eingangs erwähnten politischen Zusammenhängen erkennen, insbesondere ist eine Korrelation zu den Wahlerfolgen der AfD und der Beteiligung an den Demonstrationen der Pegida nicht zu erkennen. Eher sprechen diese Ergebnisse für sozio-ökonomische Einflüsse und zielen damit auf die tiefer liegenden wirklichen Ursachen des Zorns ab.

Zorn in NRW-Großstädten

Im Ländervergleich stellt Nordrhein-Westfalen eine Ausnahme dar, die nur durch außerhalb der Untersuchungsthematik liegende Einflüsse erklärt werden kann, da die sozio-ökonomische Situation in diesem Land eher hohe Werte erwarten lässt. Mögliche Erklärungen hierfür können geringere Zahlen der Internetnutzer, andere Lebensmentalitäten und geringe

Zorn in ostdeutschen Großstädten

Internetquellen Großstädte Internetquellen

Zorn in nordrhein-westfälischen und ostdeutschen Großstädten (nur Internetquellen)

Identifizierung mit dem Bundesland sein. Da das Ruhrgebiet einen historisch gewachsenen Wirtschafts- und Siedlungsschwerpunkt innerhalb Nordrhein-Westfalens darstellt, der sich deutlich von den ländlichen Regionen des Landes abhebt, kann vermutet werden, dass die Identifikationskerne eher in den Städten zu finden sind. Aus diesem Grund wird in der nebenstehenden Grafik für zentrale Großstädte in den verschiedenen Regionen Nordrhein-Westfalens und der östlichen Bundesländer eine zusätzliche Untersuchung durchgeführt.

Wie bereits bezüglich der Bundesländer wird hier für die ausgewählten Städte das arithmetische Mittel der Quellen abgebildet. Es zeigt sich, dass sich im Vergleich zu den Flächenländern Deutschlands der Zorn in den Großstädten wesentlich stärker artikuliert. Für Nordrhein-Westfalen ist eine Tendenz ablesbar, die für die Oberzentren Münster, Bielefeld und Aachen ein erhöhtes Zornpotential ergibt. Wodurch dieses bedingt ist, kann hier nicht gesagt werden. Der Vergleich der verschiedenen Datenquellen macht darüber hinaus deutlich, dass die Internetquellen einen dominierenden Einfluss auf das Gesamtergebnis haben. Daran schließt sich die Frage an, welchen Einfluss dabei die sozialen Netzwerke haben. Auf diese Frage werde ich weiter unten eingehen.

Der Vergleich der ostdeutschen Großstädte mit den nordrhein-westfälischen Großstädten ergibt für die ostdeutschen Großstädte wesentlich höhere Werte, wobei auch hier gilt, dass spezifische Einflüsse von populistischen Massenbewegungen nicht erkennbar sind. Auffallend hohe Werte werden für Potsdam, Cottbus, Jena und Chemnitz erreicht. Mögliche Erklärungen können im Bezug auf Potsdam das dort ansässige „Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung“ sein, das zum medialen Zentrum der Klimaschutzbewegung geworden ist, im Bezug auf Jena und Chemnitz Reaktionen auf Terroranschläge und im Bezug auf Cottbus der Streit um das Ende des Lausitzer Braunkohlebergbaus sein. Ein monokausales Geschehen kann allerdings auch für die östlichen Bundesländer nicht ausgeschlossen werden, da auch das hohe Basisniveau erklärungsbedürftig ist.

Zorn in ostdeutschen Großstädten; Printmedien und Google books

Zusätzliche Aufschlüsse kann eine differenzierte Betrachtung nach Quellen ergeben. In der nebenstehenden Grafik sind die Ergebnisse für die ostdeutschen Großstädte nach den Daten aus der Genios-Datenbank und der Suche in Google-Books getrennt dargestellt. Hierdurch werden ein kurzer Zeithorizont aus periodisch erscheinenden Printmedien und ein langer Zeithorizont aus Büchern gebildet. Es zeigt sich, dass von den Städten der Gesamtbetrachtung hier

Zorn in nordrhein-westfälischen Großstädten, Printmedien und Google books

nur Jena im Gesamtbild heraussticht, Leipzig und Halle (Saale) neu hervortreten – Leipzig als traditionelles Zentrum der deutschen Buchproduktion und Halle als Ort des Terroranschlags auf die Synagoge mit zwei Toten und zwei Verletzten.

Der Vergleich mit den nordrhein-westfälischen Städten zeigt auf der Grundlage der periodischen Printmedien keine grundsätzlichen Niveauunterschiede. Das hohe Niveau der Äußerungen von Zorn in den ostdeutschen Bundesländern können mit großer Wahrscheinlichkeit auf politisch zu verantwortende Entscheidungen bezüglich des Status der an die alte Bundesrepublik angeschlossenen Länder zurückgeführt werden. Ein zusätzliches Indiz hierfür ist die vergleichsweise schwache Ausprägung des Zorns in Büchern mit Bezug zu den ostdeutschen Städten. In diesem Ergebnis kommt wahrscheinlich die geringe Bedeutung der Städte für das zentralstaatlich ausgerichtete politische System der ehemaligen DDR zum Ausdruck.

Mobbing (grün); Offenheit (aubergin); Shitstorm (hellblau) im Internet

Zur Frage, welchen Einfluss das Internet auf die Präsenz von Zorn hat, wurden die sozialen Netzwerke untersucht. Hierbei wurden statt des direkten Begriffs „Zorn“ die im Internet gebräuchlichen Begriffe „Mobbing“, „Offenheit“ und „Shitstorm“ als Umschreibung des Begriffs benutzt. Die Prozentwerte sind auf die Summe der Wertememe – die weiter unten dargestellt werden – bezogen. Die höchsten Werte erreicht der in Konkurrenz zu WhatsApp stehende

Mobbing (hellblau); Offenheit (hellgrün); Shitstorm (orange) in Printmedien

Messaging-DienstTelegram“. Der seit dem Jahr 2013 bestehende Dienst ist auf Grund der monopolgleichen Stellung von WhatsApp weitgehend auf den Wechsel der Nutzer von diesem Dienst zu Telegram angewiesen. Die Strukturen von Telegram sind weitgehend verborgen und können hier nicht näher untersucht werden. Es wird deshalb auf den entsprechenden Wikipedia-Artikel verwiesen. Welchen Anteil die aus Konkurrenz motivierten Äußerungen Anteil an dem Ergebnis haben, kann nicht entschieden werden, in jedem Fall ist zu beachten, dass diese Möglichkeit besteht. Das Gesamtergebnis aller drei Kriterien lässt vermuten, dass die Zugriffsmöglichkeit für Suchmaschinen auf Inhalte von Telegram wesentlich besser ist, als bei allen anderen Diensten. Demgegenüber weist WhatsApp den niedrigsten Anteil an Mobbing-Äußerungen auf. Von besonderem Aussagewert ist das Verhältnis von „Offenheit“ zu „Shitstorm“. In dieser Relation bestehen große Unterschiede. Relativ große Offenheit bei geringem Verhältnis zu Shitstorms sind bei WhatsApp, Twitter und Telegram zu sehen. Nahezu ausgeglichen ist das Verhältnis bei Facebook. Umgekehrte Verhältnisse – d. h. ein hohes kritisches Potential – bestehen bei Instagram und Youtube.

Eine Außensicht auf die drei Kriterien vermitteln entsprechende Äußerungen in den Printmedien. Hier ergibt sich ein ganz anderes Bild. Zunächst ist festzustellen, dass sich die oben geäußerten Hinweise bezüglich Telegram durch dieses Ergebnis untermauert werden. Gleichzeitig ist festzustellen, dass trotz großer Offenheit nur geringe Wahrscheinlichkeit für Shitstorms besteht. Das größte Missverhältnis zwischen Offenheit und Shitstorms besteht – dicht gefolgt von Instagram – bei Twitter. Bei Instagram besteht zusätzlich eine hohe Wahrscheinlichkeit von Mobbing. Gleiches gilt für Facebook und Youtube.

Wertewelten ausgewählter Firmen der IT-Branche

Einen zusammenfassenden Eindruck von den Wertewelten der sozialen Medien und den IT-Giganten vermittelt das nebenstehende Bild der Wertewelten nach dem System der Spiral Dynamics. Das Spektrum der untersuchten Unternehmen ist bis auf eine Ausnahme durch starkes Orange bestimmt. Lediglich Telegram wird durch Blau und einen deutlich sichtbaren Anteil von Rot bestimmt. Es stellt damit eine echte Alternative zu den anderen Diensten dar, die durch den Einfluss von Rot erwarten lässt, dass unkonventionelle Wege – sei es durch die Struktur des Dienstes oder in den veröffentlichten Inhalten – erwarten lässt. Zu den übrigen Firmen ist festzustellen, dass diese im Verhältnis zu Grün überwiegende Einflüsse von Blau mitbeeinflusst sind. Eine Ausnahme von dieser Regel bildet Facebook mit einer Umkehr des Verhältnisses von Blau zu Grün. Ausschlaggebend für das Verhältnis von Blau zu Grün ist die Gestaltung von Gruppenbeziehungen, die einer allgemeinen Ordnung unterworfen sind (Blau) oder kleinteilig gestaltbar sind (Grün). Unter diesen Gesichtspunkten bietet Facebook vermutlich die größten Gestaltungsmöglichkeiten der Gruppenbildung.

Beziehungen zwischen Zorn und Parteien

Von direkter politischer Bedeutung ist der Zorn in seiner Beziehung zu den politischen Parteien. In der nebenstehenden Grafik zeigt sich, dass die in den Medien häufig verbreitete Einschätzung der AfD als Protestpartei und unpolitisches Sammelbecken des Zorns zutreffend ist. Die weitgehende Übereinstimmung der Wertewelten von AfD und CDU – mit dem gravierenden Unterschied im Verhältnis Blau-Grün – spricht

Wertewelten der Parteien in Deutschland als Balkengrafik - Oktober 2018

Die Wertewelten der Parteien in Deutschland

dafür, dass die Eingangs zitierte Vereinbarung zwischen Wählern und (konservativer) Politik nicht mehr gilt und die AfD als neuer Partner in diese Vereinbarung des unpolitischen Stillhaltens der Wähler einzutreten trachtet.

Eine hervortretende Bedeutung hat der Zorn auch für die SPD und Bündnis 90 / Grüne, bei der SPD wesentlich stärker als bei den Grünen. Es kann vermutet werden, dass der parteiinterne Streit der SPD einen größeren Anteil an ihrem diesbezüglichen Ergebnis hat, als ihre politische Kanalisierung des Zorns und die Umsetzung in praktische Politik. Im Hinblick auf die Grünen können hier die Residuen der einstigen Partei der Alternativ- und Umweltbewegung gesehen werden.

Linke, CDU und FDP befinden sich im Bezug auf Zorn auf gleichem niedrigem Niveau. Für die bürgerlichen Parteien ist dieses ein zu erwartendes Ergebnis, für die Linke jedoch weniger, da verletzende parteiinterne Auseinandersetzungen in der jüngeren Vergangenheit auch in die Öffentlichkeit getragen wurden. Eine Erklärung hierfür ist aus den vorliegenden Informationen nicht möglich.

Über Fidelio

Ich bin 69 Jahre alt, verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder. Meine berufliche Tätigkeit als Stadtplaner habe ich vor fünf Jahren beendet und ich widme mich seitdem intensiver um dieses Internetprojekt, Kommentare und Beiträge, die sich auf die hier veröffentlichten Themen beziehen sind mir willkommen!
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