Venezuela – von der Armut in einem reichen Land

Konfliktlinien und Wertewelten

Im ersten Teil dieses Beitrags habe ich aufzuzeigen versucht, dass die häufig verwendeten Konfliktmuster links – rechts, schwarz – weiß in Venezuela nicht funktionieren und komplexe Interessenverflechtungen eher auf langwierige Veränderungsprozesse hinweisen. Darüber hinaus darf der große Einfluss der katholischen Kirche in dem zu über 90% katholischen Land nicht unterschätzt werden. Bereits im Juli 2017 äußerte sich Bischof Moronta von San Cristóbal als langjähriger Kenner der politischen Verhältnisse wenig optimistisch über schnelle Lösungen. Wer verhindern wolle, dass wie in einem ewigen Kreislauf eine sich bereichernde Regierung, welcher Couleur auch immer, auf die nächste folgt oder – schlimmer – dass das Land in eine Diktatur abrutscht, brauche eine andere Vision: „Die Soziallehre der Kirche, wie sie auch Papst Franziskus klar in seiner Enzyklika Evangelii Gaudium, »Freude des Evangeliums«, vertritt. Echte Veränderungen werde es nur geben, wenn die Politiker, die Militärs, die wirtschaftlich Mächtigen und auch die Kirche nicht länger ihren eigenen Interessen folgen, sondern das Volk als das wahre Subjekt der Demokratie anerkennen.“ Der Weg dahin könne lang und steinig werden. (zitiert nach Publik-Forum 13/2017)

Die Situation in Venezuela wird deutlicher, wenn die Wertewelten der Hauptbeteiligten in dem Konflikt dargestellt werden. In der nachfolgenden Grafik wird die Gesamtsituation des Landes im Vergleich mit den konkurrierenden Hauptakteuren dargestellt.Es zeigt sich hier eine weitgehende Übereinstimmung in der Struktur der Wertewelten. Allen ist der alles überragende Einfluss des Wertemems Blau gemeinsam, der auf den Einfluss der traditionellen Ordnungsstrukturen von Kirche und Staat hinweist. Hier deutet sich jedoch eine Schwächung im Bezug auf Nicolás Maduro an, die auf einen stärkeren Anteil von Grün zurückzuführen ist – ein deutlicher Hinweis auf die im Land bestehende Akzeptanz sozialistischer Werthaltungen, die auch in der Krise nicht erschüttert ist und als Erwartung einer kommenden Lösung des Konflikts gedeutet werden muss. Das Verhältnis von Blau zu Grün ist in allen drei Konstellationen ein Beleg für die Übermacht der traditionellen Eliten, die das Volk beherrschen und einer Verwirklichung grüner Ideen im Wege stehen. In diesem Zusammenhang ist auf das relativ starke Rot als Signal für die Gewaltbereitschaft und Gewaltanwendung in Venezuela hinzuweisen.

Ein weiteres Strukturmerkmal ist in dem schwachen Orange zu sehen, das auf gering entwickelte Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung und geringe Anwendung wissenschaftlich-technischer Erkenntnisse hinweist. Hierin spiegelt sich das oben dargestellte Bild der Abhängigkeit von importierten Erzeugnissen und der Einfluss ausländischer Firmen – und dabei insbesondere der USA – auf die Erdölförderung.

Die am Anfang und am Ende der Entwicklungsspirale  stehenden Wertesysteme spielen im Gesamtzusammenhang keine Rolle. Erwähnenswert ist lediglich ein kleiner Hoffnungsfunke, der sich als Purpur in der Wertewelt von Juan Guaido zeigt und magische Kräfte zum Erfolg herbeisehnen mag.

Für die weitere Entwicklung in Venezuela wird die Bereitschaft, neue Wege zu gehen und Vorschlägen wohlmeinender Vermittler Gehör zu schenken, von entscheidender Bedeutung sein,Es zeigt sich, dass gegenüber den beiden „Präsidenten“ allgemein eine große Bereitschaft zu Veränderungen besteht. Diese geht noch deutlich über den erst seit kurzem zum Anführer aufgestiegenen Parlamentspräsidenten Guaido hinaus. Hier wird erkennbar, dass der Name Nicolás Maduro wohl kaum für die Lösung des Konflikts stehen kann.

Das Bild gewinnt an Schärfe, wenn die beiden bedeutendsten Tageszeitungen in Venezuela im Bzug auf Offenheit und Vertrauen verglichen werden. Die als links-liberal einzuordnende Zeitung El Nacional unterscheidet sich grundlegend von der Zeitung El Universal, die als Sprachrohr des Maduro-Lagers gilt. Während bei der erstgenannten kaum von Offenheit und Vertrauen die Rede ist, spielen diese Werte bei dem Konkurrenzblatt eine große Rolle. Dieses Bild ist vermutlich als propagandistisches Zeugnis des Konflikts zu sehen, das die Masse der Bevölkerung erreichen soll und weniger als nüchtern analysierende Darstellung der Situation. So gelesen, charakterisiert es die beiden Lager einerseits als im Besitz der Wahrheit befindlich (El Nacional) und der Offenheit wie des Vertrauens nicht bedürfend und auf der anderen Seite (El Universal) die Offenheit und die Vertrauenswürdigkeit der Machthaber behauptend. In jedem Fall aber ist der innere Dialog zwischen den Lagern auf dieser Grundlage nicht möglich.

Die oben dargestellten Wertewelten der beiden „Präsidenten“ spiegeln sich auch in den beiden untersuchten Tageszeitungen. Die Schwäche von Blau tritt hier auf der Seite des Maduro-Lagers deutlicher hervor, ebenso die Stärke von Rot, Orange und Grün. Die Überzeichnung der Tendenzen ist grundsätzlich in der Propaganda stärker als in ihrer Widerspiegelung durch das Volk!

Als Fazit ist festzuhalten, dass die eingangs beschriebene Brisanz des Konflikts in Venezuela tief in den Wertestrukturen des Landes angelegt ist und wohl kaum ohne die Hilfe der Staatengemeinschaft und unverbrauchter Potentiale im Land (z. B. kath. Kirche) gelöst werden kann.

Über Fidelio

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