Gefühle der Deutschen im Mai

Der Mai war ein ereignisreicher Monat mit Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen, Präsidentschaftswahlen in Frankreich sowie einem besonders grausamen Terroranschlag in Manchester. Daneben die schon zur Routine gewordenen Trump-News, die neue politische Weichenstellungen nahelegen. In der nachfolgenden tabellarischen Übersicht sind die Gefühlsregungen in Deutschland im Spiegel der Tagesschau-Schlagzeilen nachgezeichnet.  Die an den genannten Tagen auffallend in Wallung geratenen Gefühle sind jeweils benannt und nach Zunahme und Abnahme farbig mit grün oder rot hinterlegt. Auf die Zuordnung zu bestimmten Ereignismeldungen der Tagesschau wird verzichtet, da die subjektiven Momente in der Interpretation der sehr komplexen Nachrichten überwiegen und ein allgemeingültiger Aussagewert lediglich der farbig ausgedrückten Tendenz zukommt.

Ereignistag Gefühlsspitze Tagesschau-Schlagzeilen
 13. Mai Vertrauen Cyberangriff: Zehntausende Computer weltweit betroffen, G7 wollen Cybersicherheit verstärken, Brexit: Johnson will Kosten auf EU abwälzen, Generalinspekteur räumt Fehler im Umgang mit Rechtsextremismus in Bundeswehr ein, Papst spricht Hirtenkinder heilig, Deutschland räumt auf Kunst-Biennale von Venedig ab
 14. Mai Zufriedenheit NRW hat gewählt: CDU stärkste Kraft, Reaktionen auf NRW-Wahl, Macron als französischer Präsident vereidigt, Nach dem Cyber-Angriff: Europol schlägt internationale Fahndung vor
 17. Mai Kraft Neue Vorwürfe gegen Trump, Einigung über Autobahngesellschaft und Bund-Länder-Finanzpakt, EU stellt Mautverfahren gegen Deutschland ein, BAMF prüft Asyl-Entscheidungen nach, Bundeswehr-Affäre: Von der Leyen vor Verteidigungsausschuss, Fall Amri: Landesregierung stellt Strafanzeige gegen Berliner LKA-Mitarbeiter, Ermittlungen gegen VW-Chef Müller, Kramp-Karrenbauer gewinnt Wiederwahl zur Ministerpräsidentin des Saarlandes, Weiterhin Mangel an Kitaplätzen, WikiLeaks-Informantin Chelsea Manning frei
 18. Mai Vertrauen Regierungsstudie zu Rechtsextremismus in Ostdeutschland, Mögliche Vertuschungen durch das LKA im Fall Amri, Neuer Sonderermittler untersucht Trumps Verbindungen zu Russland, Deutsch-türkischer Streit um Incirlik, Bundeskartellamt stoppt Anschaffungspläne für Bundeswehr-Korvetten, Entwicklungsminister Müller mahnt mehr globale Gerechtigkeit an, Mehr unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, Grüne reichen Klage zur Abstimmung über „Ehe für alle“ ein, Frankreichs neue Regierung nimmt Arbeit auf, Auto rast am New Yorker Times Square in Menschengruppe, EU-Kommission verhängt Strafe für Facebook
 19. Mai Kraft Bundestag berät Gesetzentwurf gegen Hetze im Internet, Union und SPD verschärfen Asylrecht, Koalitionsverhandlungen in Nordrhein-Westfalen, Bundespräsident Steinmeier zu Antrittsbesuch in Polen, Griechisches Parlament verabschiedet neues Sparpaket, Präsidentschaftswahlen im Iran, Massenproteste in Brasilien gegen Präsident Temer, Schwedische Justiz stellt Verfahren gegen Julian Assange ein
 20. Mai Kraft, Vertrauen Rouhani ist Wahlsieger im Iran, Trump auf Staatsbesuch in Saudi-Arabien, Comey will im Senat aussagen, Von der Leyen besucht Jordanien, Poroschenko trifft Merkel, Chibok-Mädchen treffen ihre Eltern wieder
 21. Mai Vertrauen Trump ruft muslimische Staaten zum Kampf gegen Extremismus auf, AKP wählt Erdogan wieder zu ihrem Vorsitzenden, Solidaritätsaktion in Frankfurt für inhaftierten Journalisten Yücel, Deutsche Frau bei Überfall auf Gästehaus in Kabul getötet, CDU und CSU diskutieren gemeinsames Wahlprogramm, Schweizer stimmen bei Volksabstimmung für Atomausstieg, Erneut Großdemonstrationen gegen Präsident Maduro in Venezuela, Ausbreitung der Cholera im Jemen
 23. Mai Vertrauen, Freude Stand der Ermittlungen des Terroranschlags von Manchester, Krisensitzung in London, Internationale Reaktionen auf den Manchester-Anschlag, Trump trifft Abbas zu Gesprächen, Nahles scheitert mit Gesetzentwurf zur befristeten Teilzeit, Durchsuchungen bei Daimler
 24. Mai Freude, Kraft, Zufriedenheit Festnahmen nach dem Manchester-Anschlag, Sicherheitsvorkehrungen vor dem Kirchentag, Papst empfängt Trump, NATO plant offenbar Anti-IS-Koalition beizutreten, Bundestagsabgeordnete sagen Türkeireise ab, Erneut Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken, Regierung plant Neuregelung von Betriebsrenten, BVerfG überprüft Fall Wanka, Anklage gegen Beschuldigte im Fall Kölner Stadtarchiv
28. Mai Zufriedenheit, Vertrauen Merkel enttäuscht von Blockadehaltung der USA bei G7-Gipfel, Diskussion über Abzug der Bundeswehr aus Incirlik, Sondersitzung des israelischen Kabinetts zum 50. Jeursalem-Tag, Evangelischer Kirchentag endet mit Freiluftgottesdienst, Unwetter in Sri Lanka fordert viele Opfer, Flugbetrieb der British Airways immer noch gestört
29. Mai Vertrauen Putin und Macron auf der Suche nach Annäherung, Maaßen fordert mehr Befugnisse für Sicherheitsbehörden, Weitere Festnahme nach Manchester-Anschlag, Türkei genehmigt Besuch bei verhafteter deutscher Journalistin, Alexander Gersts neue Mission heißt „Horizons“, Nordkorea feuert erneut ballistische Rakete ab, Große Koalition stellt Gesetzentwurf für neue Betriebsrente vor, Smartphones können Kinder krank machen
30. Mai Vertrauen Ministerpräsident Sellering tritt von allen Ämtern zurück, SPD-Fraktion spricht sich für Abzug aus Incirlik aus, MAD wird Verteidigungsministerium unterstellt, Deutsch-Indische Regierungskonsultationen in Berlin, Vorwürfe gegen Pflegenetzwerk wegen Abrechnungsbetrug verdichten sich, Polizei nimmt Terrorverdächtigen in Brandenburg fest, Brüder von ermordeter Hatun Sürücü in Türkei freigesprochen, BVB trennt sich Trainer Tuchel
31. Mai Freude, Kraft Zahlreiche Verletzte und Tote bei Anschlag in Afghanistan, Reaktionen auf Anschlag in Kabul, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge überprüft Zehntausende Asylbescheide, Bundeswehr-Universität entlässt zwei rechtsradikale Offiziersanwärter, Terrorverdacht gegen Syrer nicht bestätigt, Trump legt sich beim Pariser Klimaschutzabkommen offenbar fest, Merkel empfängt Chinas Ministerpräsidenten Li in Berlin, Grüne stellen Zehn-Punkte-Plan vor, Zahl der Arbeitslosen weiter gefallen, Gerichtsurteil: Eltern erhalten keinen Zugriff auf Facebook-Profil von verstorbener Tochter
01. Juni Zufriedenheit Abschiebungen nach Afghanistan ausgesetzt, Finanzreform von Bund und Ländern, Bundestag beschließt Angleichung von Renten in Ost und West, Appelle an Trump vor Klima-Entscheid, Berlin und Peking setzen auf enge Partnerschaft bei Handel und Klima, Aktionsplan gegen Meeresmüll, Abgasskandal bei Audi

Wie bereits in den vorausgegangenen Zyklen zu sehen war, finden die stärksten Bewegungen in den Gefühlsbereichen Vertrauen und Zufriedenheit statt. Besonderes Augenmerk verdienen die seltenen Ausschläge im verlauf der Offenheitslinie, die handlungsorientierte Bedeutung und Aussagekraft für Veränderungsbereitschaft haben. Diese Ausschläge stehen mit großer Wahrscheinlichkeit in Verbindung mit dem kurz zuvor erzielten Ergebnis der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, das Veränderungen in der Zusammensetzung einer zukünftigen Landesregierung unumgänglich macht.

Die Situation wird übersichtlicher, wenn die Entwicklungslinien als Trendverläufe dargestellt werden:

In der Gegenüberstellung der Kurzzeit-Trends vom April bis zur zweiten Maiwoche und dem aktuellen Trend bis zum Anfang Juni sind einige Veränderungen zu sehen, die bezüglich Vertrauen eine deutliche Trendumkehr bedeuten und für die Gefühlswerte Zufriedenheit und Hoffnung ebenfalls Anzeichen einer Trendumkehr aufweisen. Unterstellt man einen Zusammenhang zwischen den genannten Änderungen und dem Wahlergebnis in Nordrhein-Westfalen, so lässt sich das Wahlergebnis eher als Ursache für den neuen Trend interpretieren, als dass es Ergebnis neuer Trends ist. Zu dieser Auslegung passt die aus dem waagerechten Verlauf in negative Richtung wechselnde Trendlinie der Offenheit, die unter dieser Annahme eine Abwehrhaltung gegen eine andere Landespolitik zum Ausdruck bringt. In diesem Zusammenhang ist die weithin von Politikern und Medien verbreitete Behauptung zu hinterfragen, der Wähler habe einen Regierungswechsel gewollt und deshalb sei die Einstimmenmehrheit einer nun im Werden begriffenen Regierungskoalition aus CDU und FDP ebenfalls vom Wähler so entschieden. Ebenso hätte es wahrscheinlich ähnlich geheißen, wenn eine große Koalition oder eine Jamaika-Koalition aus CDU, FDP und Grünen gebildet würde. Hier fängt die Beliebigkeit einer Ohnmachtspolitik an, die nur noch verwaltet statt gestaltet. Die kurz vor Toresschluss durchgehechelten Grundgesetzänderungen in der großen Koalition weiten die Selbstblockade des politischen Systems zusätzlich aus, so dass die Bürokratisierung Deutschlands einen großen Schritt nach vorn tun kann.

Ein Blick auf den langfristigen Trend zeigt allerdings, dass es auch bei den drei vergangengenen Landtagswahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen nicht um einen einheitlichen Trend handelt, sondern das es sich durchaus um Episoden handeln kann, die noch nicht das Potential eines Politikwechsels im Sinne national-konservativer Kräfte haben. Dennoch sind die Anzeichen für veränderungsbereitschaft in der wachsenden Offenheit, dem wachsenden Mut und dem nachlassenden Glücksgefühl hier noch deutlicher zu sehen, als in dem aktuellen Kurzzeittrend. 

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Bei den Erdölsuchern

Als ich vor der Schulentlassung mit 14 Jahren vor der Entscheidung stand, welchen Beruf ich erlernen sollte, hatte ich – anders als in der gegenwärtigen Wirtschafts- und Bildungssituation – eine echte Wahl. Die Zugangsvoraussetzungen zu Berufen waren für Abgänger der damals noch 8-jährigen Volksschule wesentlich weiter gefächert als für die heutigen Hauptschulabgänger. Deshalb hätte die Berufsberatung durch das Arbeitsamt durchaus Sinn gemacht – ein Betriebspraktikum gab es zu dieser Zeit noch nicht. Jedoch war mein erster Kontakt mit dieser Institution sehr enttäuschend. Als Berufswunsch teilte ich dem Berufsberater Radio- und Fernsehtechniker mit, allerdings hatte ich keine Vorstellung davon, welche Tätigkeiten in diesem Berufsfeld auszuüben wären. In dieser Hinsicht ging ich allerdings genauso ratlos von dem Beratungsgespräch fort, wie ich dort hingekommen war. Meine fragenden Blicke hatte der Berufsberater lediglich mit der Frage quittiert, ob ich denn schon einmal ein Radio repariert hätte.
Immerhin hatte diese Erfahrung bei mir bewirkt, dass ich gegenüber anderen Berufsbildern etwas aufgeschlossener war. Der nächste Anlauf fand in einer Druckerei statt. Meine Mutter war mit mir in das nahegelegene Münster gefahren, um mich in einem kleinen Druckereibetrieb vorzustellen, der mich zum Schriftsetzer ausbilden sollte. Hier beschränkte sich die Expertise des Lehrlingsausbilders nicht auf die analoge Gegenfrage, ob ich denn etwa schon einmal einen Buchtext gesetzt hätte, hier wurde die Probe aufs Exempel gemacht. Man gab mir einen kurzen Text, den ich mittels Setzkasten und Bleilettern in einem Winkelhaken nachbilden sollte. Die spiegelverkehrte Ansicht der Buchstaben war für mich zunächst befremdlich, doch das Ergebnis reichte aus, mich als möglichen Lehrling in Betracht zu ziehen.
Nun war ich soweit, meinen Weg in die scheinbar unausweichliche Arbeitswelt aktiv mitzugestalten. Die Bäuerin, bei der ich oder meine Mutter morgens die Milch holten schaltete sich mit gut gemeinten Ratschlägen ein. Meine Mutter hatte es nicht versäumt, sie über meine schulischen Leistungen zu informieren, wobei informieren eher eine nüchterne Untertreibung der Motive ist, die sie dazu antrieben. So kam es, dass unsere Milchbäuerin sich darauf festgelegt hatte, der Junge müsse Beamter werden. Dieser Rat aus dem Munde einer Bäuerin war eher ungewöhnlich, wie es auch ungewöhnlich war, wie ich später erfuhr, dass diese Bäuerin aktiv in der FDP tätig war.
Meine eigenen Überlegungen zu meiner beruflichen Zukunft kreisten schließlich um meinen Helden Old Shatterhand, der für den Schriftsteller Karl May den guten Weißen an der Indianerfront im wilden Westen darstellte und als Vermessungsingenieur beim Vorstoß in den unerschlossenen Westen für die Eisenbahngesellschaften Pionierarbeit leistete. Ohne das ich es voraus ahnte, verdichtete sich mein Berufsschicksal in einer Symbiose aus steter Gedankenmassage durch die Milchbäuerin und meinen Heldenphantasien zu einem ernst gemeinten Projekt der Lehrstellensuche im Berufsfeld Vermessungstechnik. Hierin verbanden sich die Aussichten, „Beamter“ – so wurde und wird auch heute noch vielfach jemand genannt, der im öffentlichen Dienst arbeitet – zu werden und meine Phantasien von einem naturwüchsigen Heldentum. Die Möglichkeiten, eine Lehrstelle für die Ausbildung zum Vermessungstechniker zu finden waren nicht sehr zahlreich, obwohl die nahe Stadt Münster hierfür

Münster – Stadtweinhaus, Quelle: Wikipedia, Mbdortmund, Lizenz GNU 1.2 only

verhältnismäßig günstige Voraussetzungen bot waren es doch weniger als 10 Stellen, an die ich meine Lehrstellenanfrage schickte. Die interessanteste Antwort darauf war die der Stadt Münster, die beabsichtigte, im Vermessungs- und Katasteramt zwei Vermessungstechniker-Lehrlinge aufzunehmen. Mit der Antwort war die Einladung zu einem Eignungstest verbunden, der im Stadtweinhaus (für mich ein geheimnisvoller Name) stattfinden sollte. Dieser Test wurde meine Hoffnung und ich stellte alle weiteren Bemühungen um eine Lehrstelle ein.
Mit großer Spannung betrat ich am Testtag das Stadtweinhaus, welches direkt neben dem historischen Rathaus liegt, und war bereits von den Räumlichkeiten stark beeindruckt. Der Saal, in dem der Test durchgeführt wurde, war für eine größere Versammlung ausgelegt und ich erfuhr sehr bald, dass die Zahl der eingeladenen Bewerber 20 betrug und sich aus Bewerbern mit Abitur, Mittlerer Reife und Volksschulabschluss zusammensetzte. Diese Information dämpfte meine Erfolgserwartungen für einen kurzen Moment, doch ich war im Kampfmodus und ließ die Fragen erst einmal über mich kommen. Die Fragen des Tests waren ein Querschnitt durch das Allgemeinwissen mit dem Schwerpunkt auf mathematischen und kulturgeschichtlichen Aufgaben. Was mathematische Aufgaben betraf kam mir zur Hilfe, dass ich über Kenntnisse verfügte, die ich aus eigenem Antrieb erworben hatte und so wusste ich immerhin, was eine Quadratwurzel ist und konnte die diesbezügliche Aufgabe mit einem überschaubaren Zahlenbeispiel ohne spezielles Rechenverfahren im Kopf lösen. In manch anderer Hinsicht hatte mir auch die Abgeschiedenheit meiner Kindheit unter Bauern geholfen, die dazu geführt hatte, dass ich mit Vorliebe im einbändigen Herder Volkslexikon stöberte und überhaupt viel las. Ein weiterer Umstand war meine Schulzeit in der zweiklassigen Volksschule in dem Heideort Schmedehausen gewesen, wo ich die 5. und 6. Klasse mit den Schulkameraden der 7. und 8. Klasse in einem Raum gemeinsam absolvierte und so schon immer im Vorgriff auf das nächste Schuljahr Lernstoff aufnehmen konnte.
Am ersten April 1964 konnte ich meine Lehre beim Vermessungs- und Katasteramt antreten. Es begann damit eine Phase der Umerziehung vom einsiedlerischen Landbewohner zum Städter – gesteigert noch durch den gehobenen Anspruch der Bürokratie, in die ich eingebunden werden sollte. Keiner meiner Lehrlingskollegen hatte einen vergleichbaren persönlichen Werdegang und so führte ich auch in meiner neuen Umgebung ein Eigenleben, das mit gelegentlichem Spott und auch seltenen Gemeinheiten aufgeladen war. Es war mir klar, dass ich nur durch überzeugende Beweise meiner Zugehörigkeit zu der Gemeinschaft der Kollegen Anerkennung erhalten konnte. Hierzu boten sich die von den Lehrlingen auszuführenden persönlichen Dienstleistungen wie das morgendliche Austragen von Milch und Kakao im Drahtträger oder das fachgerechte Würstchenkochen an. Der Clou des Würstchenkochens bestand darin, das Wasser auf dem Gasherd zum Sieden zu bringen, die Würstchen erst dann in das kochende Wasser zu geben und bei erneutem Sprudeln des Wassers die heißen Würstchen zu entnehmen und zu servieren. Diese Tätigkeit gelang mir bald recht gut und mein Ansehen wuchs. Hierzu trug auch der von mir eingefädelte Handel mit frischen Eiern aus dem elterlichen Hühnerstall bei, der trotz einiger Schwierigkeiten im Winter, wenn ich bei Glatteis mit dem Fahrrad stürzte, zu einer verlässlichen Versorgungslinie wurde. Weitere Entlastung brachte die Ankunft neuer Lehrlinge nach meinem ersten Lehrjahr, so dass ich schliesslich ein akzeptables Lehrlingsdasein hatte.
Zu den erbaulichen Momenten meiner Lehrzeit gehörten die Frotzeleien unter den Kollegen, ihre Eskapaden in der Mittagszeit, in die wir Lehrlinge eingeweiht sein mussten, damit sie unentdeckt blieben, ihre besonderen Umgangsformen untereinander, wie etwa die Verballhornung der Namen, bei der aus „Große Bockhorn“ „Kleine Rehtrompete“ oder aus „Waterkamp“ „Paniacker“ wurde und der Namensträger Barfuß seinen Namen mit der Erklärung „ja, ganz richtig, Barfuß, wie Mann ohne Schuhe und Strümpfe“ am Telefon verständlich machte. Es wurden spannende Wettbewerbe ausgetragen, bei denen mechanische Rechenmaschinen gegen „Zufußrechner“ antraten und es wurden Anekdoten aus dem Leben als Geometer erzählt. Besonders aufregend waren für mich die Geschichten eines jungen Kollegen, der von seiner Zeit bei der Seismos erzählte. Diese Erzählungen kamen meinen Phantasien von einer Tätigkeit in unkultivierter Landschaft mit hohen Anforderungen an Improvisation und körperlichem Einsatz schon sehr nahe und so reifte in mir der Wunsch heran, mich nach Beendigung der Lehre auf den gleichen Weg zu begeben.
Meine Zukunftsplanung sah vor, dass ich zunächst die Fachholschulreife auf dem zweiten Bildungsweg nachholen wollte, um dann eine Ingenieurschule bzw. Fachhochschule zu besuchen. Auf diesem Weg ergab sich die Notwendigkeit, etwa ein halbes Jahr – einen Herbst und einen Winter – zu überbrücken. Hierzu bot sich der Außendienst bei einer Firma wie der Seismos an. Die ursprünglich zum Thyssen-Konzern gehörende Seismos GmbH war 1963 von der im Bundesbesitz befindlichen Prakla GmbH übernommen worden und war als einziges deutsches Unternehmen für Lagerstättenforschung weltweit tätig. Meine telefonische Anfrage bei der Firma in Hannover bezüglich einer Tätigkeit als Vermessungstechniker führte sehr bald zu einer Festanstellung. Mein erster Einsatzort war Rotenburg (Wümme). Ein älterer Kollege führte mich in meine Aufgaben ein und machte mich mit den Besonderheiten der Lagerstättenforschung bekannt, soweit dieses für mich von Bedeutung war. Was sich hier abzeichnete hatte mit dem, was ich bisher gelernt hatte nur im entfernten Sinne zu tun. In der Kataster- wie auch in der Ingenieurvermessung ist die Genauigkeitsanforderung des Ergebnisses im Zentimeter- bis Millimeterbereich angesiedelt, hier bewegte ich mich im Meterbereich. Doch der Reihe nach ein kurzer Überblick über dieses exotische Vermessungswesen.
Aufgabe des am Ort versammelten Messtrupps war die Erkundung des Untergrunds bis in mehrere tausend Meter Tiefe, um Beurteilungsgrundlagen für die Frage zu erhalten, ob im Untergrund Lagerstätten von wirtschaftlichem Interesse vorhanden sein könnten. Dabei zielte die Fragestellung in Norddeutschland insbesondere auf Erdöl und Erdgas ab. Die dazu benutzte Methode war die Refraktionsmethode, die konkret so ausgestaltet war, dass entlang einer schnurgeraden Messstrecke

Fiktives Beispiel einer Messstrecke mit Kennzeichnung von Bezugspunkten

von bis zu 10 km Länge im Abstand von 50 m Messstellen eingerichtet wurden, an denen mittels Geophonen Schwingungen aus der Tiefe des Untergrunds aufgezeichnet wurden, die durch Sprengungen in Tiefen bis zu ca. 30m erzeugt wurden. Zur Durchführung der hierfür erforderlichen Arbeiten war ein Messtrupp in verschiedene Einheiten gegliedert. Dem Arbeitsablauf folgend bestand ein Messtrupp aus dem Vermesser, der die Messstrecke, die Bohrstellen und die Messpunkte im Gelände zu markieren hatte sowie die Grundstückseigentümer der betroffenen Grundstücke zu ermitteln und zu benachrichtigen hatte, dem Bohrtrupp, der aus 7 Unimogs mit fest montierten Bohrgestängen nebst Besatzungen bestand, dem Sprengmeister, der die Löcher mit mehreren Kilo Spezialsprengstoff versah und für die Zündung zuständig war, den Kabellegern, die das Messkabel entlang der Messstrecke auslegten und die Geophone in die Erde steckten und der digitalen Aufzeichnungseinheit, die in einem Unimog untergebracht war und von zwei Spezialisten bedient wurde. Darüber hinaus waren für die Dauer der Messarbeiten, die sich über mehrere Wochen erstreckten, am Ort feste Büroräume angemietet, in denen der Truppleiter und eine Bürokraft arbeiteten. Dieses Büro wickelte neben technischen Aufgaben auch die Entschädigung der Grundstückseigentümer für die durch Fahrzeuge und Sprengungen verursachten Flurschäden ab.
Aus dem aufgelisteten Arbeitsablauf ergibt sich, dass meine Position als Vermesser ein echter Druckposten war. Wenn meine Arbeit stockte, passierte hinter mir nach kurzer Zeit nichts mehr. Dieser Fall konnte aus verschiedenen Gründen eintreten. Hierzu muss ich jedoch kurz erläutern, wie die Absteckung der Messstrecke und der Bohr- und Messpunkte erfolgte: Die Messstrecke war als Strich in einer Topografischen Karte 1:25000 eingetragen. Dort wo diese Strecke Schnittpunkte mit markanten Geländeelementen wie Straßen, Wege, Bäche, Wälder usw. bildete, markierte ich diese Schnittpunkte durch Krepppapier. Die hierzu erforderlichen Maße ermittelte ich mit einem Maßstab aus der Karte und schritt sie in der Örtlichkeit ab. Die Streckenabschnitte zwischen den markierten Punkten betrugen mehrere hundert Meter und es war ratsam, zwischendurch nach Kontrollmöglichkeiten zu suchen. Die abzusteckenden Punkte trug ich ebenfalls in die Karte ein und legte sie ebenfalls durch Schrittmaß in der Örtlichkeit fest. Der durch Schrittmaß in der Örtlichkeit ermittelte Punkt wurde mit dem in der Karte eingetragenen Punkt verglichen und ggfs. korrigiert. Für die Beibehaltung der Richtung und der Geradlinigkeit der in die Landschaft übertragenen Strecke war die Sicht auf die markierten Richtpunkte unerlässlich. Deshalb war Nebel in diesem Herbst mein größter Gegner. Er ließ sich nur in begrenztem Maße durch den Einsatz von Licht oder Kompass bezwingen. Wenn der Nebel nicht allzu dicht war, stellte ich den VW-Bulli mit eingeschalteten Scheinwerfern an einen geeigneten Punkt voraus. bei sehr dichtem Nebel musste der Kompass reichen. beide Methoden erforderten kleinräumige Kontrollen anhand der Karte. Wo geeignete Anhaltspunkte in der Karte fehlten, waren diese Methoden nicht anwendbar und der Bohrtrupp rückte näher und näher.
Weitere Hemmnisse konnten bei der Ermittlung und Benachrichtigung der Grundstückseigentümer entstehen, da ich auf die Auskunft der nächst erreichbaren Bewohner im Gebiet angewiesen war und oft erst nach langem Lamentieren der Eigentümer an die Messstrecke zurückkehren konnte – oder direkt die Arbeiten, die inzwischen bereits auf den Grundstücken begonnen hatten, stoppen musste, da die Bauern mit Mist- und Heugabeln bewaffnet eben diese Arbeiten verhindern wollten. Dieses kam glücklicherweise nur selten vor und erforderte großes Verhandlungsgeschick der Büroleute.
Die Messstrecken waren ohne Rücksicht auf die Besonderheiten der Landschaft festgelegt worden und so ging es durch eingeschneite Tannenschonungen, wo mir der Schnee in den Halsausschnitt rieselte durch Moore und über Hecken und Zäune, wodurch die Anfahrtmöglichkeiten für den Bulli oft nur sehr begrenzt möglich oder mit dem Risiko des Steckenbleibens auf schlammigen Wegen verbunden waren. Hieraus hatte sich bald eine Routine im Gebrauch des Wagenhebers und der Unterfütterung der festgefahrenen Räder mit Strauchwerk und Steinen gebildet. Dennoch brauchte all das Zeit, die meinem Messgehilfen und mir bis zum Eintreffen der Bohrmannschaften nur sehr begrenzt zur Verfügung stand. Eine besondere Situation ist mir in Erinnerung geblieben, als wir kurz vor dem Feierabend durch einen Hohlweg fuhren, der mit dichtem Herbstlaub bedeckt und beidseitig von kleinen Bäumen und Sträuchern gesäumt war. Wir hatten etwa die Hälfte dieses Weges hinter uns gelassen, als sich unser Bulli mit lautem Knall bedrohlich nach links neigte. Der Messgehilfe hatte die Situation sehr schnell erfasst, sprang laut fluchend aus dem Fahrzeug heraus und machte Anstalten, mich mit dem Problem allein zu lassen. Er lief planlos über den benachbarten Acker und weigerte sich, die unvermeidliche Verlängerung seines Arbeitstages hinzunehmen. Es war ein Choleriker, der mir bereits bei anderer Gelegenheit angedroht hatte, mich in den Kanal zu werfen, den er über die einige hundert Meter entfernte Brücke überqueren sollte, damit unsere Messstrecke fortgesetzt werden konnte.
Nach einigen Minuten hatte sich die Situation einigermaßen beruhigt und wir konnten uns an die Befreiung aus der Zwangslage machen. Der Bulli war mit den linksseitigen Rädern in einen Seitengraben abgerutscht, der durch das Laub verdeckt gewesen war und lehnte mit der oberen Kante des Aufbaus gegen den bewachsenen Wall. Eine Befreiung aus dieser Lage mit eigenen Kräften erschien aussichtslos. Zum Glück führte der Hohlweg zu einem Gehöft, das ich als nächstes aufsuchte, um den Bauern zu bitten, den Bulli mit dem Trecker frei zu schleppen. Während der Trecker den Bulli zog, musste einer von uns die Lenkung des Bullis übernehmen und ein anderer versuchen, das Dach möglichst waagerecht zu richten, damit es nicht mit den Bäumen kollidierte. Die Bergung verlief unproblematisch und der Feierabend war gerettet.
Das Verhalten meines Messgehilfen war untypisch für das Arbeitsklima des Messtrupps. Alle hatten ein Interesse daran, dass vorgegebene Arbeitspensum in der kalkulierten Zeit zu erfüllen. Die Einhaltung fester Arbeitszeiten war dabei nachrangig. Zielvorgabe für die Arbeitsplanung war, das Arbeitsvolumen innerhalb von drei Wochen zu erbringen und daran anschließend eine Woche Heimfreizeit zu erhalten. Das tägliche Arbeitspensum war dabei mit 10 Stunden inklusive Frühstücks- und Mittagspause kalkuliert. Die Samstage zählten dabei als Arbeitstage mit. Wenn das vorgesehene Arbeitsprogramm schneller erledigt werden konnte, wurde die Heimfreizeit im Verhältnis 1:1 verlängert. Diese Regelung war insbesondere für die Nutzung von Brückentagen bedeutsam. Eine Folge dieser speziellen Arbeitszeitregelung war unter anderem, dass derjenige, der zuerst mit seiner Arbeit fertig war, den nachfolgenden Arbeitsgruppen half. Das bedeutete für mich, dass ich relativ häufig mit der Kabeltrommel durch die Landschaft stapfte und etwas von dem besonderen Flair mitbekam, das der „Amigo“ – ein junger Spanier aus dem Baskenland, der die Kabelleger fuhr und organisierte – um sich verbreitete. Das besondere war der Kontrast, der zwischen seinem sanften frohen Gemüt und den überwiegend aus Emsländern, Ostfriesen und Holsteinern bestehenden Mitgliedern seiner Mannschaft bestand. Darum tat es mir gut, mich manchmal aus der Umklammerung mit meinem Messgehilfen lösen zu können.
Über das Zusammentreffen unterschiedlicher landestypischer Charaktere hinaus waren die menschlichen Faktoren, die zum Arbeitsklima beitrugen auch durch die körperlich anstrengende Arbeit und die relativ schlechten finanziellen Bedingungen mitbestimmt. Die einfachen Arbeiten zogen besonders Arbeiter aus strukturschwachen Gegenden und Männer mit schlecht belegten Auszeiten in ihrem Lebenslauf an. So kam es auch, dass ich von unserem Büroleiter den Tipp erhielt, mir von dem Messgehilfen – nicht von dem erwähnten Choleriker – ,der so gern unseren Bulli fuhr, den Führerschein zeigen zu lassen. Nach mehrmaliger Aufforderung, mir diesen vorzulegen, musste dieser – ansonsten sehr umgängliche – Kollege auf zukünftiges Autolenken verzichten.
Mit Prakla-Seismos lernte ich einige Landstriche Norddeutschlands kennen, die ich sonst kaum so intensiv wahrgenommen hätte. Zu den Voraussetzungen bzw. Umständen, die dieses ermöglichten gehörten die Unterbringung in Privatzimmern, das gemeinsame Abendessen in einem ortstypischen Restaurant und in meinem Fall auch der aufgabenbedingte Kontakt mit den Bauern der Gegend. Die Quartiere wurden durch den Büroleiter kurze Zeit vor unserem Eintreffen angemietet und in freier Abstimmung unter den Kollegen aufgeteilt. Es lag immer eine besondere Spannung in der Luft, wenn ein Umzug an einen anderen Ort anstand. Da die Orte bei einigen schon aus früheren Einsätzen bekannt waren, kursierten dann manchmal solche redensartlichen Charakterisierungen wie:“In Aurich ist es schaurig, in Leer noch viel mehr,“ (die Redensart geht noch weiter: „doch will Gott dich strafen, schickt er dich nach Wilhelmshaven!“). Meine Erinnerungen an das Aurich jener Zeit sind allerdings weniger schaurig. Während unseres Einsatzes war ich in einem zu Aurich gehörenden Dorf mit dem Namen Pfalzdorf bei einer Familie einquartiert, die mir weitgehenden Familienanschluss gewährte. Morgens erhielt ich meinen ostfriesischen Tee und ein gutes Frühstück bevor ich meinen in Aurich beheimateten Messgehilfen an einem verabredeten Treffpunkt in der Nähe seiner Wohnung abholte.
Einen Ort mit dem Namen Pfalzdorf hatte ich hier in Ostfriesland nicht erwartet und deshalb bat ich meine Vermieterin um eine Erklärung hierfür. Es handelte sich bei den Gründern dieser Siedlung um Nachfahren der Auswanderer aus der Pfalz, die um 1741 auf dem Rhein nach Rotterdam unterwegs waren, um von dort eine Schiffspassage nach Amerika zu bekommen. Viele von ihnen strandeten in Goch am Niederrhein und gründeten dort einen Ort Namens Pfalzdorf, von wo später einige der Kolonisten weiter nach Ostfriesland zogen und das dortige Pfalzdorf gründeten. Wenn auch der Tee nicht von einer Ostfriesin zubereitet worden war, so schmeckte er doch wie echter Ostfriesentee.
Eine andere Eigenart der Ostfriesen lernten wir kennen, als wir uns in der Mittagszeit in einem Landgasthaus niederließen, um etwas warmes zu trinken. Der Wirt stand hinter dem Tresen und wir waren seine einzigen Gäste. Wir wollten die ländliche Ruhe und Gelassenheit nicht stören und warteten darauf, dass der Wirt zu uns an den Tisch kam. Nach einigen Minuten hatte sich an der Position des Wirts nichts verändert und wir warteten immer noch. Nach vielleicht fünf Minuten immer noch das gleiche Bild und wir hatten eine echte Herausforderung an unsere Geduld gefunden. Schließlich gaben wir doch auf und riefen den Wirt zu uns an den Tisch. Er kam sofort ohne irgendeine Bemerkung, die zur Erklärung der Situation dienlich gewesen sein könnte und nahm unsere Bestellung kommentarlos auf. Die Mentalität der Ostfriesen wurde vor allem in den 70er und 80er Jahren in zahlreichen Witzen persifliert und brachte den Ostfriesen an sich ins Gespräch. Wenn in solchen Gesprächen auch die oben beschriebene Langmut der Wirte ins Gespräch kam, konnte ich die Richtigkeit dieser Behauptung bezeugen.
In dem halben Jahr bei den modernen Schatzsuchern lernte ich neben Rotenburg und Aurich noch Verden an der Aller und Xanten am Niederrhein näher kennen. Von diesen Städten ist mir besonders Xanten in Erinnerung geblieben – einmal wegen des dem Holländischen stark ähnelnden Dialekt, der mir die Verständigung mit den Bauern erschwerte, andererseits wegen eines Vorfalls, der mir die Möglichkeit eines unerwarteten Zuwachses von Bedeutung deutlich machte, oder wie es in der Redensart heißt: „unverhofft kommt oft„:
Unsere Messstrecke verlief in einer gut einzusehenden Landschaft mit vielen Weiden und es war ein schnelles Vorankommen möglich. Das galt auch und besonders für den Bohrtrupp, der hier mit Spültechnik schnelle Ergebnisse erzielen konnte. So bestand die Möglichkeit, dass die Löcher für die Sprengladungen schon fertig wurden, während ich noch mit der Benachrichtigung der Eigentümer beschäftigt war. Einer der benachrichtigten Bauern wurde sehr hellhörig, als ich ihm die Lage der auf seiner Weide liegenden Bohrstellen beschrieb und er äußerte den Verdacht, dass etwa dort eine geheime Pipeline der NATO verlaufe. Er erklärte sich bereit, die Situation vor Ort mit uns gemeinsam zu klären. Als wir an den fertiggestellten Bohrlöchern ankamen stellte sich heraus, dass die Sprengladungen bereits in die Bohrlöcher eingelassen waren. Unsere Hoffnung auf eine günstigere Auskunft des Bauern wurde enttäuscht und so musste eine Notlösung gefunden werden. Der hinzugerufene Sprengmeister entfernte die Zündschnüre und die Gefahr war gebannt.

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Erläuterungen zum Deutschland-Index

In der Kategorie „Deutschland-Index“ werden Erhebungen nach der bereits zu den Problemfeldern erläuterten Methode der Internet-Befragung veröffentlicht, die Auskunft über die Stimmungslage in Deutschland geben. Es werden insgesamt 11 Indizes ermittelt, die mit Ausnahme des 11. Indexes aus Gegensatzpaaren von Gefühlswerten als Quotienten dieser Werte grafisch dargestellt werden. Die Gegensatzpaare sind:

Name des Index Gegensatzpaar
Glück glücklich / unglücklich
Zufriedenheit zufrieden / unzufrieden
Freude Freude / Trauer
Allgemeinbefinden gut / schlecht
Aktivität wach / müde
Kraft stark / schwach
Mut mutig / ängstlich
Hoffnung Hoffnung / Verzweiflung
Vertrauen Vertrauen / Misstrauen
Offenheit geöffnet / geschlossen

Als 11. Index wird aus den 10 Indizes ein arithmetisches Mittel gebildet und als „Gesamt“ dargestellt. Bei der Berechnung der Quotienten erfolgt bei Ergebnissen < 1 eine Vertauschung von Zähler und Nenner, so dass eine Darstellung als Negativwert möglich wird.

Die Erhebung der Werte erfolgt prinzipiell täglich mit sporadischen Unterbrechungen, die dem Privatleben geschuldet sind.

Die grafische Aufbereitung erfolgt in Liniendarstellungen, die Datenpunkte verbinden und durch Trendlinien, die in der Regel lineare Trends widergeben. Der Gesamtwert bildet dabei eine Art Prüfwert für den Anspruch, den Gefühlshaushalt der Menschen möglichst umfassend abzubilden. Im Idealfall sollte sich in der Verlaufskurve der Tageswerte eine Gerade darstellen. Nach den bisherigen Ergebnissen ist dieses weitgehend erreicht.

Nachfolgend gebe ich zu den einzelnen Indizes einige Erläuterungen, die hinsichtlich der lexikalischen Bedeutung der Gefühlsbegriffe auf den Angaben der Wikipedia basieren und um Angaben hinsichtlich ihrer Aussagekraft in diesem Projekt ergänzt werden. Soweit es sich um Zitate aus der Wikipedia handelt sind diese kursiv geschrieben.

Indexname Erläuterung
Glück Das Wort „Glück“ kommt von mittelniederdeutsch gelucke/lucke (ab 12. Jahrhundert) bzw. mittelhochdeutsch gelücke/lücke. Es bedeutete „Art, wie etwas endet/gut ausgeht“. Glück war demnach der günstige Ausgang eines Ereignisses. Voraussetzung für den „Beglückten“ waren weder ein bestimmtes Talent noch auch nur eigenes Zutun. Dagegen behauptet der Volksmund eine mindestens teilweise Verantwortung des Einzelnen für die Erlangung von Lebensglück in dem Ausspruch: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Demnach hängt die Fähigkeit, in einer gegebenen Situation glücklich zu sein, außer von äußeren Umständen auch von eigenen Einstellungen und Bemühungen ab.

Als Erfüllung menschlichen Wünschens und Strebens ist Glück ein sehr vielschichtiger Begriff, der Empfindungen vom momentanen bis zu anhaltendem, vom friedvollen bis zu ekstatischem Glücksgefühl einschließt, der uns aber auch in Bezug auf ein äußeres Geschehen begegnen kann, zum Beispiel in der Bedeutung eines glücklichen Zufalls oder einer das Lebensglück begünstigenden Schicksals­wendung. In den erstgenannten Bedeutungen bezeichnet der Begriff Glück einen innerlich empfundenen Zustand, in den letzteren hingegen ein äußeres günstiges Ereignis. Glück darf nicht mit Glückseligkeit verwechselt werden, die meist in Zusammenhang mit einem Zustand der (religiösen) Erlösung erklärt und verstanden wird.

Die Bildung eines Gegensatzpaares kann durch den Gegenbegriff Unglück oder den umgangssprachlich gebräuchlicheren Begriff Pech gebildet werden. In dieser Möglichkeit liegt allerdings auch eine Ungleichgewichtigkeit, die durch die Verwendung der Adjektive zu Glück und Unglück ausgeschlossen wird, da es zu Pech kein Adjektiv gibt.

Das Glück kommt meistens unverhofft und führt dann zu ausgeprägten Gefühlsäußerungen, die sich in der Verlaufskurve durch deutliche Ausschläge zeigen.

Zufriedenheit Zufrieden zu sein ist ein wichtiger Teil des biologischen, psychischen und sozialen Wohlbefindens, der im Allgemeinen die Gesundheit und Lebensqualität entscheidend mitbestimmt. Gerade auch in Beruf und Ausbildung prägt Zufriedenheit den individuellen Erfolg wesentlich mit. Zufriedene Menschen bilden im Allgemeinen keine oder kaum Symptome aus.

Die Zufriedenheit kann im Rahmen des Prozesses der Lebensbewältigung ein Ziel des Menschen sein, das zu einem Zufriedenheitserfolg führen kann. Sie ist ein Ziel, das einerseits entdeckt werden möchte und andererseits in der Realisierung mit Anstrengungen verbunden ist.[1] Die Zufriedenheit tritt im Leben nicht automatisch ein, sondern sie muss sich in der ständigen Auseinandersetzung mit der Unzufriedenheit behaupten. Wer in die totale Unzufriedenheit abgleitet, wird im Unglück enden. Letztlich wird derjenige Mensch eher zufrieden und glücklich werden,[2] der es versteht, seine inneren Erfahrungen zu steuern bzw. zu kontrollieren und negative Erlebnisse positiv zu verarbeiten.

Es werden die Adjektive des Gegensatzpaares verwendet, da diese erfahrungsgemäss häufiger benutzt werden und statistisch zu besseren Ergebnissen führen.

Im Vergleich zu den anderen Indizes stellt Zufriedenheit neben Vertrauen den grössten Gefühlswert im Gesamt-Gefühlshaushalt dar.

 Freude Freude ist der Gemütszustand[1] oder die primäre Emotion,[2] die als Reaktion auf eine angenehme Situation oder die Erinnerung an eine solche entsteht. Je nach Intensität äußert sie sich als Lächeln, Lachen oder einem Freudenschrei.

Im weiteren Sinne kann auch der Auslöser einer Freude, eine frohe Stimmung oder ein frohes Dasein als Freude bezeichnet werden. Der Begriff Glück wird manchmal im Sinne von Freude verwendet.

Freude ist sich selbst gesehen weder gut noch schlecht. Eine wertende Komponente kommt ihnen erst zu, wenn sie in negativem oder positivem Verhältnis zur geltenden Moral stehen (Beispiele: Schadenfreude bzw. Siegesfreude).

Freude ist im Tagesbewusstsein des Menschen stets präsent und kann als bilanzierte Summe aller Empfindungen betrachtet werden, die im Bewusstsein an die Stelle des berechneten Gesamtindexes tritt. Der Verlauf der beiden Linienzüge ist deshalb sehr ähnlich. Der Gegenbegriff Trauer ist an einen Verlust gebunden, der meistens ein einschneidendes Ereignis darstellt und für den Verlauf der Biografie eher eine Ausnahmesituation darstellt.

 Allgemeinbefinden  Die hinter diesem Index stehenden Begriffe gut und schlecht sind Werturteile, die auf Jedes und Alles täglich angewendet werden und deshalb situationsunabhängig ein Grundgefühl des Menschen zum Ausdruck bringen können. In der Kommunikation mit dem sozialen Umfeld wird diese wertende Selektion der Gesprächsgegenstände oft als Laune bezeichnet. Die Launen eines Menschen wirken sich durchaus auf sein soziales Handeln (seine sozialen Interaktionen) aus, nach allgemeinem Urteil mehr als seine Vernunft oder seine guten Vorsätze. Im Umgang gilt launenhaft zu sein (seinen Launen ungehemmt nachzugeben) selbst bei Kindern als unhöflich und wird allenfalls bei Stars (als „Starallüren“) hingenommen.
 Aktivität Dieser Index wird aus „wach“ und „müde“ gebildet.

Die wesentlichen Eigenschaften von Wachheit unterscheiden diese von anderen Bewusstseinszuständen durch Gedanken, die in der Regel sprachlich organisiert sind, und Handlungsfähigkeit. Sprachlich gefasstes Denken ermöglicht und erweitert viele kognitive Fähigkeiten. Dieser Bewusstseinszustand ermöglicht somit ein sehr weit reichendes Planen der Lebensumstände, was als Vorteil im Kampf ums Überleben angesehen wird.

Müdigkeit bedeutet dagegen eingeschränkte Denk- und Handlungsfähigkeit:
verminderte Konzentrations- und Leistungsfähigkeit
Beeinträchtigung der Wahrnehmung
allgemeines Unwohlsein
Antriebslosigkeit
erhöhte Reizbarkeit

Es wird nicht die ausgeführte Tätigkeit ermittelt, sondern die Fähigkeit, eine solche – wie auch immer geartete – auszuführen.

 Kraft  Synonym für Kraft steht Stärke, die in ihrer Form als Verb verwendet wird, da die Bildung eines Gegensatzpaares mit den Substantiven Kraft oder Stärke zu Bedeutungsunschärfen führen würde. Es wird deshalb auf die Verben „stark“ und „schwach“ ausgewichen.
 Mut Mut, auch Wagemut oder Beherztheit, bedeutet, dass man sich traut und fähig ist, etwas zu wagen, das heißt, sich beispielsweise in eine gefahrenhaltige, mit Unsicherheiten verbundene Situation zu begeben.[1]

Diese kann eine aktivierende Herausforderung darstellen wie der Sprung von einem Fünfmeterturm ins Wasser oder die Bereitschaft zu einer schwierigen beruflichen Prüfung (individueller Hintergrund). Sie kann aber auch in der Verweigerung einer unzumutbaren oder schändlichen Tat bestehen wie einer Ablehnung von Drogenkonsum oder einer Sachbeschädigung unter Gruppenzwang (sozialer Hintergrund einer Mutprobe).[2]

Mut und Angst werden bisweilen in einem Widerspruchsverhältnis gesehen. Der Mutige scheint angstfrei zu sein oder zumindest weniger von Angstgefühlen belastet. Diese Vorstellung entspricht nicht der psychischen Wirklichkeit: Angst und Furcht sind keine mit dem Mut unvereinbare Gemütsverfassungen, sondern im Gegenteil Komponenten im Spannungsgefüge verantwortbaren Wagemuts. Sie kontrastieren miteinander, schließen sich aber nicht gegenseitig aus, sondern ergänzen einander: [7][8]

Nach Warwitz kommt dem Mut die Funktion des Antriebsfaktors, der Angst die Funktion des Bremsfaktors zu. In der wagnishaltigen Situation müssen beide wie bei der vernünftigen Autofahrt zu einem ausgewogenen Zusammenspiel finden. Um die Handlungsfähigkeit zu gewährleisten, kann Mut auch in der Überwindung unbegründeter oder überhöhter Ängste bestehen. Andererseits hat Angst die Aufgabe, vor einem nicht verantwortbaren Tun zu warnen. Der Mutige beweist Handlungsfähigkeit zwischen den Extremen „Tollkühnheit“ und „Angstlähmung“.[9]

Nach dieser Definition ist das Verhältnis von Mut zu Angst ein Indikator für Handlungsfähigkeit. Er korreliert mit dem Vertrauen, das bei abnehmendem Mut zwangsläufig zunimmt. Dieser Zusammenhang ist durch die entsprechenden Trends in der Beobachtungsreihe bestätigt.

 Hoffnung Hoffnung (vgl. mittelniederdt.: hopen „hüpfen“, „[vor Erwartung unruhig] springen“, „zappeln“) ist eine zuversichtliche innerliche Ausrichtung, gepaart mit einer positiven Erwartungs­haltung, dass etwas Wünschenswertes in der Zukunft eintreten wird, ohne dass wirkliche Gewissheit darüber besteht. Das kann ein bestimmtes Ereignis sein, aber auch ein grundlegender Zustand wie etwa anhaltende Gesundheit oder finanzielle Absicherung. Hoffnung ist die umfassende emotionale und unter Umständen handlungsleitende Ausrichtung des Menschen auf die Zukunft. Hoffend verhält sich der Mensch optimistisch zur Zeitlichkeit seiner Existenz.

Hoffnung kann begleitet sein von der Angst und der Sorge, dass das Erwünschte nicht eintreten wird. Ihr Gegenteil ist die Verzweiflung, die Hoffnungslosigkeit, die Resignation oder die Depression.

Hoffnung ist auch eine der drei christlichen Tugenden: Glaube, Liebe und Hoffnung.

Verzweiflung dagegen ist ein Zustand der emotionalen oder psychischen Verfassung in einer als aussichtslos empfundenen Situation sowie ein Zustand völliger Hoffnungslosigkeit.[1] Knaur’s Wörterbuch schreibt dazu, wenn man verzweifelt sei, habe man die Hoffnung aufgegeben und „Angst, dass etwas geschehen wird oder nicht geschehen wird“, und sei ratlos.[2]

Hoffnung ist ein Indikator für die Selbstbewertung der persönlichen Verhältnisse und sie zeigt politischen Handlungsbedarf an.

 Vertrauen  Vertrauen ist ein Phänomen, das in unsicheren Situationen oder bei risikohaftem Ausgang einer Handlung auftritt: Wer sich einer Sache sicher sein kann, muss nicht vertrauen. Vertrauen ist aber auch mehr als nur Glaube oder Hoffnung, es benötigt immer eine Grundlage, die sog. „Vertrauensgrundlage“. Dies können gemachte Erfahrungen sein, aber auch das Vertrauen einer Person, der man selbst vertraut, oder institutionelle Mechanismen. Vertrauen ist teilweise übertragbar. Jemandem sein ganzes Vertrauen zu schenken, kann sehr aufregend sein, beispielsweise das Vertrauen, das ein Kind dem Vater schenkt, wenn es von oben herab in die ausgebreiteten Arme springt. Dies gilt sowohl für den Vater als auch für das Kind. Die Geschichte wird oft im übertragenen Sinn erzählt – als Gottvertrauen.

Vertrauen ist der Wille, sich verletzlich zu zeigen.“ [3] Dieser einfache Satz umfasst mehrere Vertrauensdimensionen: 1. Vertrauen entsteht in Situationen, in denen der Vertrauende (der Vertrauensgeber) mehr verlieren als gewinnen kann – er riskiert einen Schaden bzw. eine Verletzung. 2. Vertrauen manifestiert sich in Handlungen, die die eigene Verletzlichkeit erhöhen. Man liefert sich dem Vertrauensnehmer aus und setzt zum Vertrauenssprung an. 3. Der Grund, warum man sich ausliefert, ist die positive Erwartung, dass der Vertrauensnehmer die Situation nicht zum Schaden des Vertrauensgebers verwendet.

Die Undurchschaubarkeit von wissenschaftlich-technischen Entwicklungen, politischen Zusammenhängen und kriegerisch-terroristischen Gewaltakten nimmt aus deutscher Perspektive immer mehr zu und der Einzelne wird in seiner ohnehin voreingenommenen Position der Ohnmacht mehr und mehr bestätigt. Die hierdurch entstehende Unsicherheit kann nur durch Vertrauen in die Sicherheitskräfte des Staates kompensiert werden. Ein Versagen dieser Ersatzstrukturen führt zu neuen Unsicherheiten und zu neuen Ersatzstrukturen, so dass ein Teufelskreis entsteht, der schließlich zum autoritären Staat oder zum Zerfall der Gesellschaft führen muss. Damit wäre das Kalkül fundamentalistischer Angreifer auf demokratische Strukturen in Erfüllung gegangen.

Das Niveau des Vertrauens ist sehr hoch und deutet darauf hin, dass politische Massnahmen zur Herstellung und Stärkung von Handlungsfähigkeit auf kommunaler und persönlicher Ebene höchste Priorität haben müssen.

Offenheit Das Merkmal Offenheit bezeichnet im Sprachgebrauch hauptsächlich  Erfahrungen, die auf die Psyche wirken. Sie bildet zusammen mit Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Neurotizismus die fünf Hauptdimensionen einer Persönlichkeit nach dem Fünf-Faktoren-Modell (Big Five). Offenheit wird als normalverteilt angenommen, sodass die meisten Menschen mittlere Ausprägungen aufweisen und extreme Werte selten sind.

Menschen mit viel Offenheit werden charakterisiert durch Adjektive (lexikalischer Ansatz) wie

einfallsreich, originell, erfinderisch, phantasievoll
intellektuell neugierig, offen für neue Ideen
interessiert an Ästhetischem wie Kunst, Musik und Poesie
mit Vorliebe für Abwechslung (statt Routine), Neigung zu neuen Aktivitäten, neuen Reisezielen, neuem Essen usw.
aufmerksam für eigene und fremde Emotionen
Am anderen Ende der Skala (wenig Offenheit) stehen Adjektive wie konservativ, konventionell, routiniert, uninteressiert usw.

Im Zusammenhang mit der Entwicklungsspirale wird Offenheit als Hinweis auf die Bereitschaft zu Veränderungen betrachtet.

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Gefühle Anfang Mai 2017

Alles neu macht der Mai„, so beginnt ein Frühlingslied, dessen Anfang zu einem geflügelten Wort geworden ist. Ob die SPD nach ihrer Wahlschlappe in Schleswig-Holstein noch in der Laune war, solches anzustimmen, darf bezweifelt werden; wo Neues wächst, muss Altes weichen und so geht es in dem Lied weiter: „macht die Seele frisch und frei, Laßt das Haus, kommt hinaus, windet einen Strauß!“ Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Das Wahlergebnis hat bei den Akteuren wie bei den Beobachtern für Ratlosigkeit gesorgt, da sich eine rationale Erklärung dafür nach ihrer Einschätzung nicht anbietet. Ein Blick auf die Gefühlslage der Menschen in Deutschland in den letzten Wochen und Monaten kann daher besonders ergiebig sein, da ja auch die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen in wenigen Tagen stattfindet und von Vielen als „kleine Bundestagswahl“ betrachtet wird.

Nach dem bewährten Muster der Kurzzeit-Beobachtung und der Ableitung mittel- und langfristiger Trends lassen sich Verhaltensänderungen in diffuser Form beobachten. In einer integralen Sicht ergeben sich dennoch aus den abzulesenden Veränderungen Hinweise auf politische Einstellungen, die in der Kurzzeit-Betrachtung mit einzelnen Tagesereignissen in Verbindung gebracht werden können und die politische Phantasie anregen. Wie die Daten ermittelt werden und wie die Kurven inhaltlich zu interpretieren sind, stelle ich in einem gesonderten Beitrag dar.

Tagesprofil

Zunächst ein Blick auf die Tagesereignisse von Anfang April bis Anfang Mai. Die bedeutendsten Tagesereignisse haben sich auf die Vertrauenskurve ausgewirkt, gefolgt von der Zufriedenheitskurve und der Kurve für die Kraft. Bewegte Verläufe mit zwar genauso häufigen, jedoch weniger starken Ausschlägen sind im Bezug auf Offenheit, Mut, Glück, Freude und Hoffnung auffällig. Nur geringe Bewegungen gibt es im Bezug auf Aktivität, Allgemeinbefinden und den als Summe aller Gefühlswerte errechneten Gesamtindex.

In der nachfolgenden Tabelle sind den markanten Ausschlägen jeweils Tagesereignisse zugeordnet, die eine Interpretation ermöglichen. Informationsgrundlage sind die Schlagzeilen der Tagesschau vom jeweiligen Tag. Durch farbige Markierungen sind die aus meiner Sicht wahrscheinlichen Ursachen für die Gefühlsausschläge kenntlich gemacht. Hierbei sind grün hinterlegte Ereignisse den ebenfalls grün hinterlegten Trends zuzuordnen und trendfördernd, magenta hinterlegte Ereignisse den ebenso hinterlegten Trends zuzuordnen und trendhemmend zu werten.

Datum Kurve Tagesschau-Schlagzeilen
06. April 2017 Vertrauen

Zufriedenheit

Offenheit

Streit über Verantwortung für Giftgasangriff in Syrien, Merkel kritisiert Haltung Russlands zu Syrien, Bundesweit erste Abschiebung eines Terror-Gefährders, Strukturschwache Regionen in Ostdeutschland sollen auch nach 2019 weiter gefördert werden, Einigung auf Reform der Pflegeausbildung, Opel-Betriebsversammlungen zur Übernahme durch PSA, Öffentliches Leben in Argentinien durch Generalstreik weitgehend lahmgelegt
08. April 2017 Mut

Vertrauen

Ermittlungen nach Anschlag in Stockholm, USA-Luftangriff von Russland kritisiert, Landesweite Proteste in Serbien gegen Präsidenten, Untergrundorganisation ETA übergibt Waffen an Behörden, Steinmeier eröffnet documenta in Athen
13. April 2017 Glück

Zufriedenheit

Hintergründe des Anschlags auf BVB-Mannschaft weiter unklar, Kampf gegen IS: USA wirft Mutter aller Bomben über Afghanistan ab, Trump würdigt Bedeutung der NATO, Polen begrüßt NATO-Bataillon, Russland drängt auf unabhängige Untersuchung des Giftgaseinsatzes in Syrien, Assad weist Verantwortung für Giftgasangriff zurück, EGMR verurteilt Russland für Geiseldrama von Beslan, Erneut Flüchtlingsboot vor der Küste Libyens gesunken, Inflation in Deutschland wieder rückläufig, IGA in Berlin eröffnet
17. April 2017 Kraft

Hoffnung

Zufriedenheit

Wahlbeobachter kritisieren Verlauf des türkischen Referendums, Diskussion über EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei, Bundesregierung reagiert zurückhaltend auf Abstimmungsergebnis in der Türkei, Rettungsschiffe im Mittelmeer in Seenot, Anklage gegen Südkoreas Ex-Präsidentin erhoben, US-Vizepräsident warnt Nordkorea vor Festhalten am Atomprogramm, Palästinensische Häftlinge treten in den Hungerstreik, Mehr Zulauf bei traditionellen Ostermärschen, Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel feiern 150-jähriges Bestehen
18. April 2017 Vertrauen

Kraft

Hoffnung

Offenheit

Oppositionspartei CHP beantragt Überprüfung nach Referendum in der Türkei, Diskussionen über Referendum-Ergebnis in Deutschland, May kündigt Neuwahlen in Großbritannien an, Auftakt zur Sozialwahl 2017, Recherche zu Cum-Ex-Geschäften, IWF warnt vor Gefahren für die Weltwirtschaft, US-Fizepräsident Pence trifft Regierungschef Abe in Japan, Mark Zuckerberg äußert sich zu veröffentlichtem Mordvideo auf Facebook, Konferenz zu Weltraumschrott
20. April 2017 Glück Massenproteste gegen Präsident Maduro in Venezuela, Bundesaußenminister Gabriel besucht Nordirak, Fehlende Gelder für Aufklärung von Kriegsverbrechen in Syrien, Debatte über deutschen Exportüberschuss auf Frühjahrstagung von IWF und Weltbank, Facebook will Gedanken auslesen, Studie des Europarates zur Lage von Journalisten in Europa, Tugce-Angreifer wird abgeschoben
23. April 2017 Vertrauen

Glück

Allgemeinbefinden

Offenheit

Ende der ersten Runde im französischen Präsidentschaftswahlkampf, Abschluss des AfD-Parteitags in Köln, OSZE-Mitarbeiter in Ostukraine getötet, Bayrische Grenzkontrollen bleiben vorerst erhalten, Kriminalstatistik 2016, Eröffnung der Hannover Messe
26. April 2017 Zufriedenheit

Hoffnung

Mut

Offenheit

Trump konkretisiert Pläne für Steuerreform, Razzien gegen Gülen-Anhänger in der Türkei, Arbeitsbedingungen für Journalisten weltweit verschlechtert, EU leitet Verfahren gegen Ungarn ein, Bundesregierung hebt Wachstumsprognose leicht an, Bundeskabinett beschließt Rentenerhöhung, EU-Kommission stellt Vorschläge für sozialeres Europa vor, Von der Leyen entlässt Ausbildungsleiter, In China wird erster Flugzeugträger vorgestellt, Frankreich macht Assad für Giftgas-Angriff verantwortlich, Gedenken an die Zerstörung Guernicas vor 80 Jahren
27. April 2017 Vertrauen

Glück

Hoffnung

Bundeswehrsoldat wegen mutmaßlicher Anschlagspläne verhaftet, Regierungserklärung: Merkel kündigt harte Brexit-Linie an, EU-Staaten planen engere Zusammenarbeit in der Sicherheitspolitik, BKA-Gesetz: mehr Kompetenzen im Anti-Terror-Kampf, EU-Parlament rügt Ex-Präsident Schulz, Gericht spricht Altkanzler Kohl Schadensersatz zu, BGH zu Vergleichsportalen: Anbieter müssen besser informieren, Ärzte klagen über Lieferengpässe bei Narkosemitteln
28. April 2017 Kraft

Zufriedenheit

EU uneins über Zukunft der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei, Parlament in Montenegro stimmt für Beitritt zur NATO, Debatte über Konsequenzen nach Festnahme eines Bundeswehroffiziers, FDP-Chef Lindner bei Bundesparteitag klar im Amt bestätigt, Bundestag beschließt Burka-Verbot für Beamte, USA wollen Nordkorea im Atom-Konflikt noch stärker isolieren, Facebook: Regierungen beeinflussen Meinungen über Fake-Accounts, Papst Franziskus wendet sich bei Besuch in Ägypten gegen Gewalt im Namen Gottes, Dresden feiert seinen Kulturpalast
30. April 2017 Zufriedenheit

Kraft

Freude

Mut

De Maizière legt Thesen zu Leitkultur vor, Merkel zu Besuch in Saudi Arabien, FDP beschließt Bundestags-Wahlprogramm, Reaktionen von May auf EU-Gipfel, Tausende Staatsbedienstete in der Türkei entlassen, Bayern ist deutscher Meister, Fußball-Bundesliga: 31. Spieltag, Formel 1, Wladimir Klitschko verliert gegen Titelverteidiger Anthony Joshua , Schweizer Extrembergsteiger Ueli Steck tödlich verunglückt
03. Mai 2017 Kraft Aufklärungsbedarf im Bundeswehrskandal um Franco A., EU-Kommission besteht auf Brexit-Forderungen, Erdogan besucht Putin in Sotschi, Palästinenserpräsident Abbas besucht Trump, Die Türkei im Fokus beim Internationalen Tag der Pressefreiheit, Neues Gutachten attestiert Zschäpe verminderte Schuldfähigkeit, Arbeitslosigkeit im April gesunken, Tausende Stahlarbeiter protestieren gegen Sparpläne von ThyssenKrupp, Maler A. R. Penck im Alter von 77 Jahren gestorben
04. Mai. 2017 Freude

Glück

Zufriedenheit

Offenheit

Von der Leyen trifft Führungskräfte der Bundeswehr, Bilanz des TV-Duels Le Pen gegen Macron, Schutzzonen in Syrien vereinbart, Fraktionsklausur der Linkspartei, Rechercheverband weist Verbreitung resistenter Keime nach, Schweizer Informant in NRW-Finanzverwaltung vermutet, Prinz Philip zieht sich von öffentlichen Terminen zurück
05. Mai 2017 Vertrauen

Hoffnung

Glück

Freude

Offenheit

BAMF prüft rund 2000 positive Asylentscheidungen, Verteidigungsministerin von der Leyen räumt Fehler beim Bundeswehr-Skandal ein, Wahlkampfabschluss in Schleswig-Holstein, Bundesregierung gegen mögliches Todesstrafen-Referendum der Türkei in Deutschland, US-Repräsentantenhaus stimmt für Gesundheitsreform, IAEA besorgt über Atomprogramm von Nordkorea, China baut ersten Mittelstreckenflieger „C919“ für 168 Passagiere, Umweltkonferenz in Genf zum Umgang mit giftigen Chemikalien

Die Reaktionen auf die Wahlergebnisse in Schleswig-Holstein und Frankreich haben die Gefühlsebene in Deutschland (noch) nicht erreicht. Ein möglicher Grund hierfür könnte die offene Frage der Regierungsbildung sein, die den Erfolg der CDU bzw. den Misserfolg der SPD relativieren kann.

Kurzzeit-Trends

Eine mögliche Erklärung für die überraschenden Verluste der SPD in Schleswig-Holstein bringt die Betrachtung der letzten zwei Wochen vor dem Wahltermin. Hier sind drei unterschiedliche Trendverläufe festzustellen: 7 der 11 Trends verlaufen waagerecht, weitere zwei Trends verlaufen geradlinig, Mut mit negativer Tendenz und Glück mit positiver Tendenz. Weitere zwei Trends mit positiver Tendenz verlaufen als exponenzielle Kurven, Hoffnung mit schwacher Krümmung und Vertrauen mit deutlicher Krümmung. Der sinkende Mut ist Ergebnis der Angst, wie sie der Politikwissenschaftler Corey Robin interpretiert: Eine Angst, die von starken Männern dafür genutzt werde, die Nation gegen eine ständige Bedrohung von außen zu mobilisieren und das Versprechen abzugeben, sie, die starken Männer, seien die Garanten dafür, diese Bedrohung abwehren zu können. Der sinkende Mut bedeutet, an die Stelle der eigenen Lebenstüchtigkeit das Vertrauen in äußere Mächte zu setzen, die in Form staatlicher Ordnungskräfte bereit stehen. In dieses Szenario fügt sich das wachsende Glücksgefühl solange aus glücklichem Schicksal ein, wie die äußeren Bedrohungen den Einzelnen nicht selber treffen. Diese „Glückslose“ kosten materiell nichts und haben eine hohe Gewinnquote.

Trends seit Ende März 2017

Das dargestellte Muster hat sich erst in kurzer Zeit aus dem nebenstehenden Muster entwickelt. Die Unterschiede bestehen in einer beschleunigten Zunahme der Vertrauenskurve und der Abnahme des Kraftvermögens. In der nachlassenden Kraft kommt der Zeitfaktor zum tragen. Die Aufrechthaltung einer nervlichen Anspannung über längere Zeit führt zu Ermüdung und Resignation. Wesentlichen Anteil an diesen Folgen haben die Medien, die jede Massnahme der Polizei berichten, auch wenn es sich nur um die Untersuchung einer herrenlosen Tasche im Bahnhof oder sonstwo handelt.

Langzeittrends

Ein Blick auf die Langzeittrends zeigt, dass die Tendenzen des Kraftvermögens zeitlichen Schwankungen unterliegen. Der negative Langzeittrend des Kraftvermögens zeigt für die Zeit von Ende März bis Anfang Mai eine positive Entwicklung und geht in dem sehr kurzen Abschnitt vom 20. April bis Anfang Mai in eine positive Richtung. Dagegen zeigt sich für den Mut eine kontinuierliche Trendwende von einem positiven Langzeittrend über einen negativen Kurzzeittrend bis zu dem aktuellen negativen Ultra-Kurzzeittrend.

Das Gefühlsleben in Deutschland wird nach den aktualisierten Ergebnissen der Trendbeobachtung weiterhin von den Folgen des Terrorismus bestimmt. Die z. Zt. stattfindenden Wahlkämpfe heizen die ohnehin vorhandene Grundstimmung an. Einen deutlichen Hinweis hierauf gibt der beschleunigte Trend des Vertrauens. Von den Politikern wird suggeriert, die Gefahren des Terrorismus könnten durch schärfere Gesetze und weitgehende Einschränkungen der Bürgerrechte beherrscht werden, andererseits wird Staatsversagen immer deutlicher, bis hin zu aktiver Unterstützung terroristischer Aktivitäten – bewusst oder unbewusst? – aus den Reihen der Sicherheitsorgane. Aus Politikverdrossenheit wird so mehr und mehr Staatsverdrossenheit – eine Reaktion, die latent schon immer im Bürgertum in Form von Bürokratiekritik vorhanden war, von der neoliberalen Propaganda genutzt wurde und nun als „Postdemokratie“ seine Vervollständigung erfährt.

 

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Frankreich vor der Wahl

Kaum eine ausländische Wahl ist schon im Vorfeld so beachtet worden, wie die am  07. Mai stattfindende Stichwahl der Präsidentschaftsbewerberin Marine Le Pen und des Senkrechtstarters Emmanuel Macron. Im Hintergrund steht die Frage, ob sich der in den westlichen Demokratien abzeichnende Trend zu populistischen Politikmachern – sie selbst verstehen sich nicht als Politiker alter Prägung – nun auch in Frankreich anhält. Die europakritische – besser EU-kritische – Haltung, die eine wesentliche Triebkraft des Populismus in Europa ist, hat auch bei mir zu Überlegungen geführt, die ich mit Hilfe einiger Kriterien nach der Methode der Spiral Dynamics näher prüfen möchte.

Die Wertewelten der beiden Kandidaten und Gfrankreichs als Ganzem

In einem ersten Schritt stellt sich die Frage, ob die beiden Kandidaten, die in der Stichwahl gegeneinander antreten, wirklich so verschieden sind, wie sie in den Medien dargestellt werden. Auf der einen Seite die Juristin Marine Le Pen, die an der renommierten Universität Pantheon-Assas in Paris studiert hat und auf der anderen Seite der an Eliteschulen und -hochschulen ausgebildete Emmanuel Macron, der sowohl eine Regierungstätigkeit wie auch eine Banktätigkeit aufweisen kann und damit zum Polit-Establishment Frankreichs gehört. In der ersten Grafik stelle ich die beiden Kandidaten in ihren Wertewelten nach der Methode der Spiral Dynamics dar. Diese Darstellung hat mich sehr überrascht. Die Wertewelten der beiden Kandidaten sind sich so ähnlich, dass man von einer Austauschbarkeit sprechen könnte. Eine zweite Überraschung besteht darin, dass sie sich grundlegend von der Wertewelt Gesamt-Frankreichs unterscheiden. Die größere Überraschung liegt allerdings in dem Wertebild von Frankreich als Ganzem mit der überragenden Dominanz von Grün und der Abstufung über Orange nach Blau. An diesem Bild wird deutlich, welches Problem Frankreich hat und welche Dimension es hat. Das relativistische Grün ist in der Entwicklungsspirale das Entwicklungs- und Durchgangsstadium zu den Entwicklungsstufen der zweiten Ordnung (Gelb und Türkis). Diese höheren Entwicklungsstufen sind zur Harmonisierung der Stufen in der ersten Ordnung erforderlich. Offensichtlich gibt es aber in Frankreich einen Entwicklungsstau, der durch die in Frankreich stark ausgeprägte Laizität mitverursacht ist. Unter diesen Bedingungen kann sich offensichtlich kein Ethos entwickeln, das den moralischen Ansprüchen der Demokratie gerecht wird. Zum Vergleich gebe ich das Bild für Deutschland wider, das immerhin Ansätze von Entwicklungen der zweiten Ordnung zeigt. Ein weiterer Grund für die vollkommen andere Gewichtung der Wertesysteme wie auch für die Laizität sind die Ergebnisse der französischen Revolution. An dieser Stelle kann das Resumee gezogen werden, dass weder Marine Le Pen noch Emmanuel Macron Zugänge zu Werten erwarten lassen, die für eine Entwicklung in der angesprochenen Richtung erforderlich sind.

In einem zweiten Schritt werde ich versuchen, auch in den Sachthemen Unterschiede bei den Kandidaten aufzuspüren und vielleicht Hinweise für die Wahlchancen zu finden. Hierzu habe ich die Affinitäten der Kandidaten zu den 8 Problemfeldern Angst, Anerkennung (Indikator für Migrationsprobleme), Gewalt, Arbeitslosigkeit, Terrorismus, Kriminalität, Europa und Armut an Hand von Internetabfragen bestimmt und den Ergebnissen für Frankreich als Ganzem gegenüber gestellt. Hier ist abzulesen, dass lediglich bei den Problemfeldern Terrorismus und Europa größere Differenzen sowie bei den Problemfeldern

Legende zu den Problemfeldern

Kriminalität und Armut kleinere Differenzen bestehen. Bei der Hälfte der Themen besteht also Gleichgewichtigkeit, allerdings sind hieraus keine Ansätze zur Lösung der Probleme abzuleiten. Es dürfte jedoch für die Wahlentscheidung von großer Bedeutung sein, ob ein Kandidat auf ein bestimmtes Problem antwortet oder ob er es aus seiner Wahrnehmung ausblendet.

 

Im Bezug auf die reale Problemlage, wie sie sich in dem Bild für Gesamtfrankreich darstellt, bleiben beide Kandidaten deutlich hinter der allgemein in der Öffentlichkeit ablesbaren Bedeutung des Themas Europa zurück. Dagegen wir das Thema Arbeitslosigkeit wesentlich stärker in den Vordergrund gestellt, als es in der öffentlichen Wahrnehmung ausmacht..

Ein genaueres Bild von den Abweichungen zum öffentlichen Bild der Problemfelder liefert die nebenstehende Grafik. Hier wird nochmals die Ignoranz gegenüber dem Thema Europa deutlich, die bei Marine Le Pen wesentlich größer ist, als bei ihrem Gegenkandidaten. Weitere Defizite bestehen bei den Problemfeldern Anerkennung und Gewalt sowie besonders bei Macron auch das Thema Kriminalität. Besonderes Gewicht wird seitens der Kandidaten offensichtlich auf die Themen Arbeitslosigkeit und Terrorismus gelegt.

Addition aller Abweichungen (aus Minus wurde Plus)

Die Bedeutung der bevorstehenden Wahl kann man nach den vorgestellten Ergebnissen kurz auf den Nenner bringen: Frankreich wünsch eine Abstimmung über seine Rolle in Europa, doch es findet sich niemand, der das Volk erhört. Aber wer versteht das Volk am besten? Hierzu zum Schluss noch ein Bild, das aus der Summe aller Abweichungen von den Werten für ganz Frankreich resultiert (negative Abweichungen wurden hierbei als positive Werte behandelt). Hiernach ergeben sich klare Vorteile für Emmanuel Macron.

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Jeder Schritt ein Schmerzensschrei

Es muss etwa vor 15 Jahren gewesen sein, als ich mit Stephan, meinem Sohn, im Jahresabstand einige teils mehrtägige Wanderungen unternommen habe. Wandernd lernten wir die Eifel, die Rhön, das Sauerland, den Teutoburgerwald und die münsterländischen Baumberge kennen. Der besondere Reiz dabei sollte darin bestehen, dass wir mit Ausnahme der Route keine weitere Planung vornahmen – speziell auch auf die Buchung von Übernachtungen verzichteten. Improvisation und Spontanität sollten als sonst eher unterdrückte Bestandteile unserer Tagesabläufe erprobt werden.

Übersichtskarte zur Wanderstrecke

Eine Wanderung ist davon besonders in Erinnerung geblieben: Wir wollten auf dem Abschnitt des Hermannsweges von Bad Iburg bis Bielefeld wandern und hatten dafür zwei Tage veranschlagt. Meine Frau brachte uns an einem Sommertag mit durchwachsenem Wetter mit dem Auto zum Startpunkt in jene Wälder, in denen Hermann der Cherusker nach dem Stand der Forschung im Jahre 9 n. Chr. den römischen Legionen aufgelauert haben soll.
An der Bundesstrasse zwischen Iburg und Georgsmarienhütte ließen wir uns absetzen, nahmen unsere Rucksäcke und hatten nur noch wenige Meter bis zur Einmündung einer ruhigen Seitenstraße zu gehen, von der wir nach etwa 150 m auf einen Weg trafen, der zu einem Haus am Waldrand führte, von wo es dann in den Wald ging. Erstes Ziel war nun, den eigentlichen Hermannsweg zu erreichen, der weitgehend auf dem Kamm des Teutoburger Waldes verläuft. Auch in diesem Punkt war ich in der Vorbereitung eher zurückhaltend gewesen, was Präzision der Routenfestlegung anging. Hier hatte ich mich auf die Wegeführungen einer topografischen Karte im Masstab 1 : 50.000 verlassen und auf die Hinzuziehung einer Wanderkarte verzichtet. Wie sich später herausstellte, führte die offizielle Wegebeschilderung den Wanderer durch den Ort Bad Iburg hindurch, so dass wir einige Kilometer nördlich des gekennzeichneten Weges starteten. Doch es stellte sich zunächst ein anderes Problem: Quer über dem Hohlweg lag ein mächtiger Baum, der uns mit seinen Ästen und Zweigen schon nach wenigen Metern den Weg versperrte. Nach kurzer Begutachtung der Situation mit dem Ziel, den besten Weg für die Überwindung des Hindernisses zu finden, stiegen wir die Böschung herauf und querten den Baum auf ihrer Krone. Beim Abstieg zurück auf den Weg passierte es dann – ich knickte mit dem rechten Fuß um. Es stellte sich schnell heraus, dass ich mit einer Verstauchung davon gekommen war. Der Schmerz war auszuhalten. Wir gingen voller Optimismus weiter und erreichten auch bald den gekennzeichneten Hauptweg.
Mittags zogen Gewitterwolken am Himmel auf und wir machten uns Gedanken, wie wir uns bei einem Gewitter verhalten sollten. Zum Glück ergab sich ein günstiges Zusammentreffen von Gewitter und Autobahnüberführung, so dass wir hier unsere Mittagspause mit dem mitgebrachten Proviant verbringen konnten.
Nach der Pause wurden die Wegverhältnisse wesentlich schwieriger. Der Gewitterregen hatte die von Schwerfahrzeugen tief eingefahrenen Spuren, die auch ohnedies schon schwierig zu begehen waren, schlammig und glitschig werden lassen. Ich musste meinem Ärger über diesen schlechten Zustand eines Fernwanderweges überregionaler Bedeutung immer wieder Luft machen, indem ich Stephan ebenfalls zu ähnlichen Kommentaren herausforderte. Doch der schien weniger Probleme mit dem Weg zu haben und schwieg.
Nach einer Weile stellten sich in meinem linken Knie Schmerzen ein, die sich kontinuierlich steigerten. Etwa auf halber Strecke unserer Tagesetappe wurde mir klar, dass wir unter diesen Bedingungen besser unsere Wanderung abbrechen sollten. Es stellte sich jedoch heraus, dass selbst der Abbruch gut überlegt sein wollte. Der Plan war nämlich, dass wir, wie ursprünglich geplant, mit dem Zug von Bielefeld zurück nach Ahlen fahren wollten. Also galt es, den Wald zu verlassen, in der Hoffnung, das ein Bahnhof in günstiger Lage zu erreichen wäre. Wie aber sollten wir das feststellen, wo wir unseren aktuellen Standort nur sehr vage einschätzen konnten und die Landschaft uns auch sonst sehr fremd war? Handys besaßen wir nicht, es war die Zeit, als Handys noch selten waren und von vielen – so auch von uns – kritisch betrachtet wurden. Darüber hinaus war auch die Funktionalität nicht mit heutigen Handys vergleichbar. Das mitgeführte Kartenmaterial half auch nicht weiter, da die Kartenausschnitte nur schmale Geländestreifen seitlich des Weges darstellten und gerade an die benachbarten Orte heranreichten. Wir standen also im wahrsten Sinn des Wortes im Wald.

Übersicht der Landschaft bei Borgholzhausen; Von User:Dst – File:Borgholzhausen Luisenturm.png, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17054387

Diese Situation war zunächst einmal zu verbessern und wir hielten Kurs auf den Waldrad in Richtung Süden, um uns einen Überblick über die Landschaft zu verschaffen. Wir hatten Glück, die Landschaft stellte sich ziemlich offen dar und wir konnten die Kirchtürme von zwei Orten sehen, doch wir waren nicht sicher, welche Orte es waren. Deshalb gingen wir auf den in Richtung unseres eigentlichen Ziels gelegenen Ort zu. Hier in dieser landwirtschaftlich intensiv genutzten Gegend waren die Wege gut zu gehen, die meisten waren asphaltiert. Hin und wieder kamen wir an einzeln stehenden Häusern vorbei, was mir wegen meinem schmerzenden Knie sehr gelegen kam, denn die Möglichkeit bei weiter zunehmenden Problemen telefonisch Hilfe zu rufen können, gab ein Gefühl von Sicherheit. Andererseits kamen wir nur langsam voran und der Abend rückte immer näher. Schließlich erkundigte Stephan sich über meinen Gesundheitszustand, halb anteilnehmend und halb vorwurfsvoll und ich antwortete ihm in der Absicht, seine Einstellung zu mir und meinem Problem eindeutig auf die anteilnehmende Seite zu verlagern: „Jeder Schritt ein Schmerzensschrei“. Die hierin zum Ausdruck gebrachte Dramatik war mir im Moment des Ausspruchs nicht bewusst gewesen, aber sie verfehlte ihre Wirkung nicht. Es war ein Thema für den weiteren Weg gefunden, das den eigentlichen Schmerz erheblich minderte, die Zeit allerdings nicht aufhalten konnte.
Spät nachmittags erreichten wir einen Landgasthof an einer Landstraße, in den wir dankbar einkehrten. Nach einer kurzen Erfrischungspause erkundigten wir uns beim Wirt, in welche Richtung wir zu dem Dorf gehen müssten, dass den Namen Borgholzhausen trug, wie wir nun erfuhren. Dabei nahm ich an, dass einem Werbespruch der Deutschen Bahn zufolge – „Wir bringen Sie ins Zentrum“, oder so ähnlich – der Bahnhof ja wohl eben dort liegen müsse. (Ich hätte mich erinnern sollen, dass ich schon einmal mit dieser Annahme hereingefallen war, nämlich in Biarritz, wo der alte Bahnhof im Stadtzentrum durch den neuen TGV-Bahnhof am Stadtrand ersetzt wurde.)
Der Straße folgend gingen wir in die vom Gastwirt angegebene Richtung zum Dorf. der Weg zog sich immer mehr und ein unbestimmtes Gefühl von Zweifel stellte sich ein. Schließlich im Dorf angekommen suchten wir auf der wie ausgestorbenen Straße nach einem ansprechbaren Menschen um uns den weiteren Weg zum Bahnhof erklären zu lassen. Endlich trafen wir jemanden – war es an einer Tankstelle oder tatsächlich ein Passant – der uns erklärte, wir müssten genau in die Richtung gehen, aus der wir gekommen waren bis wir den Ortsteil Bahnhof erreicht hätten. Diese Nachricht war einfach niederschmetternd, die leeren Straßen, die heraufziehende Dämmerung und das schmerzende Knie und jetzt nicht nur den ganzen Weg entlang der Straße zurück sondern dazu etwa noch einmal soweit von der Gaststätte zum Bahnhof – denke ich an diese Situation zurück, fällt mir der Spruch aus Dantes göttlicher Komödie ein:“Lasst, die Ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“
Was nun folgte, lässt sich nur als ein „Schleppen“ meines Körpers entlang der Landstraße bezeichnen. Nichts anderes als meinen Körper konnte ich noch wahrnehmen. Auch Stephan wagte es nicht mehr, mich an die Dramatik des Schmerzensschreis zu erinnern. Dramatik war nun der Resignation auf dem Boden eines bösen Schicksal gewichen.
Als wir im Ortsteil Bahnhof ankamen war es bereits dunkel und wir wussten, dass wir auf schnellstem Wege zum Bahnhof gelangen mussten, da der „Haller Willem“ nur eine sehr begrenzte Taktungfrequenz erwarten ließ – was für diese eingleisige Nebenstrecke als normal gelten konnte und am Samstagabend erst recht. Wir brauchten nicht lange suchen, an der Kreuzung der Straße auf der wir gekommen waren mit den Bahngeleisen befand sich auch der Bahnhaltepunkt, Bahnhof wäre zuviel gesagt für einen Fahrkartenautomaten neben einem Anschlagkasten, in dem der Fahrplan hing und einer überdachten Sitzbank. Dieses Ambiente verstärkte meine Befürchtungen bezüglich der Taktfrequenz und ein kurzer Blick auf den Fahrplan ließ sie zur Wirklichkeit werden, der letzte Zug war vor etwa einer Stunde abgefahren. Was sich nun in meinem Gefühlshaushalt abspielte überraschte mich. Statt noch tiefere Verzweiflung stellte sich ein Gefühl der Erleichterung ein, was vielleicht darauf zurückzuführen war, dass wir uns über die Fortsetzung der Bahnfahrt in Bielefeld nun keine Gedanken mehr machen mussten und es hatte sich ein Verlangen nach Geborgenheit eingestellt, die in einer Fastfood-Mahlzeit im Schnellimbiss bestehen mochte. Diese Möglichkeit war realistisch, da wir an einem kleinen Imbiss vorbeigekommen waren, den wir nun aufsuchten um unsere Laune durch etwas Warmes im Bauch zu heben und unsere neue Situation zu durchdenken.
In dem Imbiss war nicht viel Betrieb und wir konnten uns der Aufmerksamkeit des Betreibers sicher sein. Die Auswahl nach der Karte war schnell getroffen und der Betreiber war so nett, uns sein schnurloses Telefon zur Verfügung zu stellen, nachdem ich ihm unsere Situation geschildert hatte. Unser Notfallplan sah nun so aus, dass wir versuchen wollten, meine Frau anzurufen und sie zu bitten, uns abzuholen. Ich wusste, sie würde bei einer Freundin in der Nachbarschaft deren Geburtstag feiern. Dort rief ich sie an und erlebte die nächste Enttäuschung. Sie hatte bereits einige Gläser Bowle getrunken und wollte kein Risiko mit dem Auto eingehen. Das war ein überzeugendes Argument und nun musste Plan B greifen. Dieser war so schnöde wie der Mammon und basierte im wesentlichen auf der Hoffnung, von Bielefeld aus mit der Bahn nach Ahlen fahren zu können, oder doch dort wenigstens im Hotel übernachten zu können.
Wir ließen uns mit einem Taxi nach Bielefeld bringen und stellten dort fest, dass es um 0:10 Uhr eine Zugverbindung mit einem Nahverkehrszug Richtung Ruhrgebiet geben würde. Bis dahin hatten wir noch etwa eine Stunde Zeit. Kurz vor der Abfahrtzeit fanden wir uns wieder auf dem Bahnsteig ein. Es wurde 0:10 und es war noch keine Ankündigung des Zuges über den Lautsprecher gekommen. Minuten über Minuten verstrichen und es passierte nichts. Weder waren auf den Bahnsteigen Menschen zu sehen, noch war etwas über den Lautsprecher zu hören. Schließlich studierte ich akribisch den Fahrplan und stellte fest, dass mich die Hoffnung auf ein glückliches Ende unserer Odyssee überwältigt hatte. In dem Fahrplan war die Abfahrtzeit mit einem kleinen Hinweis versehen, der bedeutete, dass dieser Zug sonntags nicht verkehrt. Es war zwar noch Samstag gewesen, als ich kurz nach Ankunft in Bielefeld auf den Fahrplan geschaut hatte, doch die Abfahrtzeitpunkt war Sonntag. Nun waren unsere Reisemöglichkeiten also endgültig erschöpft, außer wir würden uns mit dem Taxi nach Hause bringen lassen. Soweit ging die Sehnsucht nach dem eigenen Bett dann doch nicht. Schließlich hatte ich ja schon einmal eine unfreiwillige Nacht im Bahnhof von Köln verbracht, ohne dass es zu großer psychischer Belastung geworden wäre. Immerhin hatte es dort die Fahrgäste mehrerer Züge getroffen, die nun auf den Bahnsteigen und im Bahnhofsgebäude umherschlenderten. Einen Teil der Zeit verbrachte ich damals im Gespräch mit einem chinesischen Gastprofessor der TH Aachen aus Taiwan, der das deutsche Eisenbahnwesen studierte. Er konnte es nicht begreifen, dass die Deutsche Bahn die Situation so schlecht managte. So war die Zeit im Gespräch und in der Beobachtung der Menschen schnell vergangen. Diese Erfahrung hatte mich auch gelehrt, dass zu später Stunde – selbst im Bahnhofshotel – kein Zimmer mehr zu bekommen ist.
Der Entschluss stand fest, diese Nacht würden wir auf dem Bielefelder Bahnhof verbringen. Nur gab es hier nicht viel Ablenkung von unserem Schlafbedürfnis und so suchten wir schon bald nach geeigneten Plätzen für ein wenig Schlaf. Wie machten es die Obdachlosen, die hier ebenfalls einen Schlafplatz suchten? Sie lagen auf ihren Jacken auf dem Steinboden eines verglasten Warteraums auf dem Bahnsteig, wo wir uns, nach dem vergeblichen Versuch, auf der aus aneinandergereihten Schalensitzen zusammengesetzten Bank zu liegen, ebenfalls bis zum Morgen ausstreckten.
Mit dem ersten Zug fuhren wir nach Ahlen, wo wir von unserer Odyssee zu berichten hatten. Was die Erinnerung an diese Erlebnisse immer wieder wachruft, ist mein Klagelied „jeder Schritt ein Schmerzensschrei“, das sich als Thema unserer gesamten Odyssee herausstellte.

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Nordrhein-Westfalen vor den Wahlen 2017

Vorbemerkungen

Zur Landtagswahl am 14. Mai treten 31 Parteien an. Wenn sich die Qualität des politischen Systems nach dem Angebot der zur Wahl stehenden Parteien beurteilen ließe, müsste Deutschland im internationalen Vergleich vermutlich ganz vorn rangieren. Leider entspricht das nicht dem Lebensgefühl einer zunehmenden Zahl der Menschen in diesem Land. Statt nach gestaltbaren Defiziten im politischen System zu suchen wird von einigen ein besonderer Zug des Deutschseins hierfür verantwortlich gemacht – die „German Angst“ – , von anderen der sich wandelnde Zeitgeist, der unter dem schwer fassbaren Begriff „Populismus“ diskutiert wird.

In diesem Beitrag werde ich aus Anlass der anstehenden Wahlen zum Nordrhein-Westfälischen Landtag einige Hinweise geben, die neue Aspekte in die vorhandenen politischen Muster einfügen und die grundlegenden Orientierungen von Parteien und ihrem Spitzenpersonal einerseits und des Wahlvolks andererseits in virtuellen Wertewelten zusammenfassen. Es handelt sich dabei um zusätzliche Informationen, die keine sachbezogenen Beurteilungen der Politik ersetzen können, wohl aber zum Verständnis der Politik beitragen können.

Auf Grund der von mir entwickelten Methode können die Ergebnisse vom Nutzer der Informationen durch Internet-Recherchen überprüft, aktualisiert oder erweitert werden, sofern er die von mir an anderer Stelle beschriebene Methode akzeptiert.

In gleicher Weise stelle ich einen Querschnitt durch Problemfelder dar, die üblicherweise in politischen Programmen angesprochen werden. Anders als in der Demoskopie üblich, stellen die Ergebnisse eine Vollerhebung dar, die jedoch auf das Internet beschränkt ist. Einzelheiten hierzu sind in dem verlinkten Artikel zur Metode beschrieben.

Demokratie lebt von der Vielfalt der Menschen und Meinungen. In der durch Massenmedien und Bürokratien gesteuerten Politik ist jedoch der Eindruck entstanden, als seien Politiker und Parteien zu einem Chor zusammengewachsen, der nur noch wenige Tonlagen und Noten beherrscht und bei den Zuhörern immer mehr zum Verlassen des Saales führt. Ein konservativ gestimmter Blog greift dieses Gefühl in Abwandlung eines bekannten Zitats aus friedensbewegten Zeiten auf: „Stell Dir vor, es ist Demokratie und keiner geht hin“. Das scheint sich nun nach den überraschend hohen Wahlbeteiligungen in den Niederlanden und im Saarland nicht unbedingt und vielleicht auch nicht auf längere Sicht zu bewahrheiten. Unter den Bedingungen des „Schulz-Effekts“ hat das Ergebnis der Saarland-Wahl jedenfalls sehr überrascht. Ein Blick auf den zur Saarland-Wahl erstellten Beitrag hätte allerdings zu weniger Überraschung geführt. Es scheint demnach einen neuen Trend zu geben, der nicht mehr auf die Parteien fokussiert, sondern ihre Spitzenkandidaten als zukünftige Verantwortungsträger in das Zentrum des Interesses nimmt. Damit wird aus dem über Jahrzehnte andauerndern Prozess der immer dünner werdenden programmatischen Aussagen – von dem die Grünen seit den 1980er Jahren durch präzise programmatische Forderungen und ihre ernsthaft betriebene Durchsetzung, profitieren konnten – eine Konsequenz sichtbar, die das ganze Elend des deutschen Politikbetriebs erst richtig sichtbar macht, nämlich durch die so betriebene Personalisierung und Konzentration der Macht der de facto Abschaffung demokratischer Prozesse Vorschub zu leisten. Umso wichtiger ist es, über die an der Spitze der Macht agierenden Personen so viele Informationen wie möglich zu erhalten.

Wertewelten der parlamentarisch bedeutendsten Parteien

Zunächst ein Überblick über die Wertewelten der Parteien im System der Spiral Dynamics für Deutschland insgesamt. Auf eine Differenzierung für Nordrhein-Westfalen wurde hierbei verzichtet, da gerade die kleinen Parteien regional sehr unterschiedlich sind (z. B. ist die Linke vorwiegend im Osten stark, die FDP in NRW schwach) und andernfalls ein verzerrtes Bild entstehen würde.

Die in der Grafik ablesbaren Wertestrukturen zeigen für alle Parteien eine Dominanz von Orange, jedoch in deutlich verschiedenen Graden. Am deutlichsten fällt diese Dominanz bei den Grünen und der Linken aus. Hierin zeigt sich ein starkes Gewicht von Persönlichkeiten mit politischen „Instinkten“ für Erfolg und Selbstdarstellung. Die politische Auseinandersetzung mit konkurrierenden Parteien bzw. die Werbung um Wählerstimmen wird argumentativ geführt. Ein deutlicher Unterschied hierzu ist bei der SPD und bei der FDP zu sehen. Bei diesen Parteien wird auf dem Boden ihrer Traditionen der einmal als richtig befundene Weg fortgesetzt. Deshalb ist bei ihnen der stärkste Einfluss von Blau zu sehen. Da für die Beurteilung  des blauen Einflusses das Verhältnis von Blau zu Grün entscheidend ist, kann für die FDP die Abhängigkeit von Blau festgestellt werden. Das antagonistische und relativistische Grün ist hier nur halb so stark wie Blau. Bei der SPD steht dem starken Blau jedoch ein nahe heranreichendes Grün gegenüber, das trotz des propagierten Schulz-Effekts jedoch nur unwesentlich stärker ausgebildet ist, als bei der CDU obwohl das traditionelle Profil der SPD weitgehend mit dem WMem Grün übereinstimmen sollte. Insgesamt ergibt ein Vergleich der beiden größten Parteien SPD und CDU nur geringe Unterschiede der Wertewelten. Durch ein erheblich stärkeres Orange der CDU ist das Niveau von Blau und Grün im Vergleich zur SPD abgesenkt. Von besonderem Interesse dürfte das Werteprofil im Bezug auf die AfD sein. Es weist starke Ähnlichkeit mit dem der FDP auf und unterscheidet sich insbesondere durch ein stärkeres Orange von ihr. Für die Piraten ist die gleich starke Ausprägung von Blau und Grün bei relativ starkem Gelb charakteristisch.

Wie in der nebenstehenden Grafik zu sehen ist, weichen die Wertewelten von CDU und SPD auch im Verhältnis zu Deutschland als Ganzem strukturell nicht voneinander ab. Gemeinsames Kennzeichen ist, dass die beiden „grossen“ Parteien in dem für die westliche Welt bestimmenden Wertesystem Orange weit hinter der für Deutschland festgestellten Bedeutung zurückbleiben. Hier drückt sich die Entfremdung zwischen Wahlvolk und politischem Establishment in vollem Umfang aus und es ist gleichzeitig zu sehen, welche Wertesysteme an die Stelle von Orange treten: Blau und Grün vor allem bei der SPD, Gelb, Rot und Grün bei der CDU. Die hierin zum Ausdruck kommende Entfremdung bedeutet nicht zwangsläufig eine problematische Gesamtlage des politischen Systems, denn die politischen Parteien haben auch politisch gestaltende Aufgaben. Diese sind jedoch nur unter günstigen Bedingungen – wie z. B. einer in der Bevölkerung existierenden Bereitschaft zu Veränderungen – fruchtbar. Einerseits hat sich durch die weltweite Finanzkrise, die Flüchtlingskrise und die Europakrise soviel internationaler Veränderungsbedarf angesammelt, dass tiefgreifende politische Veränderungen notwendig sind, andererseits bleiben jedoch die in der zweiten Ordnung der Spiral Dynamics zu sehenden Potentiale mit einem schwachen Türkis hinter den notwendigen Kräften zur Herstellung von Harmonien zurück.

Summe aller WMem-Abweichungen von den Werten für Deutschland

Die nebenstehende Grafik zeigt eine Addition der Abweichungen für alle Parteien auf der Ebene von Gesamtdeutschland, wobei negative Werte als positive Werte in einer Summenabweichung mitgerechnet wurden. Hier ist sehr deutlich zu sehen, dass die Grünen am Nächsten an das Wertespektrum von Deutschland angepasst sind und die SPD sich am Weitesten von Deutschland entfernt hat. Als gestaltender politischer Faktor sind die Grünen in dieser Situation nicht mehr in das politische Kalkül einzubeziehen – wohl aber als idealer Koalitionspartner, bzw. als Mehrheitsbeschaffer, je nach Sichtweise.

Wertewelten der Spitzenkandidaten in Nordrhein-Westfalen

Das Spitzenpersonal der Parteien zur Landtagswahl zeigt deutliche Unterschiede zum Bild ihrer Parteien. Zunächst ist festzustellen, dass Orange ein wesentlich höheres Niveau erreicht als die jeweilige Partei. Die Ursachen hierfür liegen zum Teil in der Wahlkampfsituation, die den Optimismus des erfolgreichen Politikers produziert und entsprechende Widerspiegelungen aus der Medienöffentlichkeit erzeugt. Ein weiterer Grund liegt vermutlich in der Wirtschaftsstruktur des Landes, die den industriellen Kern Deutschlands ausmacht und traditionell für den Erfolg der Wirtschaftsmacht Deutschland steht. Wer hier als Politiker Erfolg hat, bekommt fast automatisch die höheren Weihen, die für eine politische Karriere in der Bundespolitik hilfreich sind. Die besondere Struktur des Landes zeigt sich auch im Verhältnis des blauen WMems zum grünen WMem, das sich hier gegenüber den Parteien als Ganzen umkehrt bzw. eindeutig zu Gunsten von Grün verschiebt.  Hierin drückt sich das mehrheitliche Verlangen nach einer sozialdemokratischen Politik aus, die von starken blauen Strukturen unterstützt und toleriert wird. Aus diesem Grundmuster fallen lediglich die Kandidaten der FDP und der AfD heraus. Christian Lindner, der auch Bundesvorsitzender der FDP ist, stellt sich in seiner Wertewelt als Spitzenkandidat in NRW als Bestandteil der Bundespartei dar, jedoch mit einem wesentlich stärkeren Grün als der Gesamtpartei zukommt. Der Kandidat der AfD stellt sich in weitgehender Übereinstimmung mit dem Gesamtbild seiner Partei dar, d. h. mit einem starken Übergewicht von Blau gegenüber Grün. So gesehen stellt er eine echte Alternative neben der FDP dar. Es ist jedoch zu bedenken, dass seine Partei ein besonderes Verhältnis zur Wahrheit – die das bestimmende Kriterium für Blau ist – hat und die Charakteristik von Blau auf ihn nicht unbedingt zutreffen muss. Besondere Erwähnung muss auch die Wertewelt von Christian Leye als einem der zwei Spitzenkandidat(in)en der Partei Die Linke finden. Seine Wertewelt beinhaltet neben den erwähnten WMemen auch ein starkes Rot und relativ starke Anteile von WMemen der zweiten Ordnung, insbesondere Türkis, wie sie bei keinem seiner Gegenkandidaten zu sehen sind. Diese Struktur steht im Einklang mit seinem Engagement in verschiedenen außerparlamentarischen Bewegungen, wobei die Friedenbewegung in besonderer Weise die für Rot maßgebende Gewaltfrage thematisiert haben wird.

Der Vergleich der Wertewelten mit der Wertewelt von Gesamtdeutschland lässt die Anpassungen oder eben die Nicht-Anpassungen optisch deutlich in Erscheinung treten und muss nicht ausführlich kommentiert werden. Es soll an dieser Stelle nur auf die besonders auffälligen Abweichungen bei Christian Leye und dem AfD-Kandidaten Pretzell hingewiesen werden. Der erste zeigt die stärksten Abweichungen, der zweite die beste Anpassung – warum auch sonst wird er zu den Populisten gezählt?

Legende

Für die Ermittlung von Themenschwerpunkten der Kandidaten wurden 17 Problemfelder ausgewählt, die einzeln oder in Gruppen zusammengefasst Aussagen über die Affinitäten der Politiker zu diesen Themen zulassen. Hieraus lässt sich entnehmen, ob das persönliche Interesse des Betrachters an einem bestimmten Problemfeld die gleiche Wertigkeit bei den Spitzenkandidaten hat. Programmatische Einzelheiten in den Problemfeldern sind hieraus nicht abzuleiten. Eine Darstellung der Bedeutungszusammenhänge findet sich an anderer Stelle dieses Projekts. Die Interpretation der Ergebnisse im Detail überlasse ich dem Leser. Ich beschränke mich darauf, einige Grundtendenzen und herausragende Einzelergebnisse zu benennen und in einer zusätzlichen Grafik den Vergleich mit Gesamtdeutschland zu ermöglichen.

Als Problemfelder ersten Ranges zeichnen sich bei allen Kandidaten die Problemfelder Angst und Gewalt ab. Das höchste Gewicht haben sie bei den beiden Spitzenkandidat(in)en der Linken. Deutlich dahinter rangiert die Entwicklung der Kosten. Dieses wird insbesondere durch die Kandidatin der Linken thematisiert. Es folgen in mittlerer Wertigkeit die Problemfelder Armut, Arbeitslosigkeit und Anerkennung. Man könnte sie als sozial-psychologische Indikatoren zusammenfassen. Bei ihnen gibt es jedoch bereits deutliche Unterschiede zwischen den Kandidaten. Eine annähernd gleiche Bedeutung haben die Problemfelder Rassismus und Drogen, wobei Rassismus besonders bei den Kandidaten der AfD und der Linken in Erscheinung tritt. Die geringste Bedeutung bei allen Kandidaten hat das Problemfeld Verschmutzung, das für lokale Umweltprobleme steht.

Differenz der Problemfelder zu Deutschland

In der oben stehenden Grafik ist zu erkennen, dass die Abweichungen von dem allgemeinen Problembewusstsein in Deutschland als Ganzem im Bezug auf die Kandidaten der  Hauptgestalter des politischen Deutschland – SPD, CDU, Grüne, FDP – gegenüber den Kandidaten der anderen Parteien wesentlich geringere Abweichungen mit wenigen starken Abweichungen aufweisen. Es ist deshalb nicht verfehlt, wenn man diese Kandidaten als Kandidaten der Mitte bezeichnet, wobei nicht zu vergessen ist, dass diese Mitte erst von diesen Parteien im wesentlichen selbst geschaffen wurde. Eine Lagerbildung, wie sie gerne von CDU– und FDP-Politikern als Menetekel an die Wand geschrieben wird, könnte es allenfalls in Gegenüberstellung zu der Linken, AfD und Piraten geben, was nach der politischen Farbenlehre vollkommen abstrus wäre.

Als besonders herausstechende Ergebnisse sind die besondere Bedeutung der Themen Armut und Rassismus bei dem Kandidaten Leye von der Linken und die Themen Armut und Kostenentwicklung bei seiner Mitstreiterin Demirel zu erwähnen. Bei letzterer fällt das Thema Gesundheit als besonders defizitär auf. Bei dem Kandidaten der AfD ist ein relativ großes Defizit im Problemfeld Anerkennung zu sehen. Wie an anderer Stelle erläutert, fallen unter dieses Kriterium in der aktuellen Situation des Landes vor allem Migrationsprobleme, die vorhanden sind und von Rechtspopulisten aufgegriffen und dramatisierend dargestellt werden. Von daher ist es erklärlich, dass dieses Thema von der AfD eher gemieden wird und dagegen Rassismus thematisiert wird, wie ebenfalls aus der Grafik bei dem Kandidaten Pretzell zu entnehmen ist. Als weiteres Einzelergebnis ist auf die relativ große Bedeutung des Themas Kriminalität bei dem Kandidaten der FDP hinzuweisen.

Summenabweichungen der Kandidaten von den Werten für Deutschland.

Um die Relationen der Kandidaten im Bezug auf Deutschland griffiger zu machen, sind in der nebenstehenden Grafik – wie bereits oben bzgl. der WMeme – die Gesamtabweichungen der Kandidaten als Differenzsummen zu Deutschland dargestellt. Hier ist der bereits oben erwähnte Gesamteindruck mit einer Ausnahme bestätigt. Die Piraten liegen auf gleichem Niveau wie die FDP. Am weitesten vom Mainstream entfernt befinden sich die beiden Kandidaten der Linken. Am nächsten kommen ihm die Grünen. Damit bestätigt sich auch hier die bereits bezüglich der Werteordnung getroffene Feststellung, dass die Grünen die größten Schnittmengen mit möglichen Koalitionspartnern haben.

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Die Gefühlslage im April 2017

Das Wahljahr 2017 mit drei Landtagswahlen und der Bundestagswahl im September sowie die weltpolitische Entwicklung lassen emotionale Schwankungen und vielleicht auch Verwerfungen im Gefühlshaushalt der Menschen erwarten, deren Erfassung in dieser Beobachtungsreihe versucht wird. In dieser Ausgabe der in nahezu täglichem Abstand ermittelten 11 Indizes für Werte und Gefühle in Deutschland werden drei Zeitschnitte dargestellt: Für den Zeitraum vom 13. Februar bis zum 09. April jeweils eine Tageskurve und ein Trend und für den gesamten Beobachtungszeitraum seit 24. Juli 2016 ein Langzeittrend.

Tagesverlauf

Die Tageskurve zeigt einen sehr lebhaften Verlauf, der bereits einen optischen Gesamteindruck bewegter Zeiten ergibt. Den Hauptanteil an diesem Gesamtbild hat die Kurve des Vertrauens, gefolgt von der Kurve der Zufriedenheit. Seltenere Ereignisse signalisieren die Kurven der Freude, des Glücks, der Kraft, der Hoffnung und des Muts. Nachfolgend wird der Versuch unternommen, diesen Kurvenausschlägen bedeutsame Ereignisse zuzuordnen. Hierzu werde ich für die Tage, an denen besondere Kurvenausschläge feststellbar sind, die Tagesschau-Schlagzeilen zu bedeutsamen Ereignissen in tabellarischer Form aufführen und durch Farbmarkierungen den hierzu in Frage kommenden Werten bzw. Gefühlen zuordnen. Da es sich bei den markierten Schlagzeilen lediglich um einen Interpretationsvorschlag handelt und darüber hinaus auch andere Themen zu dem Ergebnis beitragen, habe ich die Liste der Schlagzeilen bis auf Sportmeldungen, Wetterberichte u. ä. für eigene Interpretationen der Leser vollständig  widergegeben.

Datum Kurve Tagesschau-Schlagzeilen
 16. Februar Zufriedenheit,

Vertrauen

Merkel weist Fehler in NSA-Spähaffäre zurück, G20-Außenministertreffen in Bonn, NATO-Treffen in Brüssel, Protestaktionen: „Tag ohne Einwanderung“ in den USA, Klage gegen Airbus wegen Eurofighter-Verkauf, Untersuchungsausschuss zur VW-Abgasaffäre, Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst, Recherche zu deutsche Beteiligungen an maltesischen Firmen, Trudeau spricht vor dem Europaparlament, Mindestens 70 Tote bei Anschlag in Pakistan, Schadstoffwolke über Oberhausen
 20. Februar  Freude SPD-Kanzlerkandidat Schulz will Änderungen in Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, Gesetzentwurf zu Datenauswertung von Asylbewerber-Handys, Hunderte Migranten stürmen Grenzzaun in Ceuta, Hungersnot im Südsudan, EU-Finanzminister beraten über Griechenland-Hilfe, Friedensforschungsinstitut zu Anstieg im Waffenhandel, Kämpfe in Mossul, Waffenruhe in Ostukraine, Putsch-Prozesse in der Türkei, US-Vize Pence in Brüssel: Bekenntnis zur NATO, Russischer UN-Botschafter Witali Tschurkin gestorben
 22. Februar  Vertrauen Neuer Gesetzentwurf zu Abschiebungen, Amnesty International warnt EU-Staaten vor Aushöhlung von Menschenrechts-Standards, IWF-Chefin Lagarde zu Hilfspaket für Griechenland, Feinstaubemissionen: Diskussion über Diesel-Fahrverbote, IUCN-Studie: Naturschützer warnen vor Plastikpartikeln, SPD will Managergehälter eindämmen, Milliardenverlust bei Stromanbieter RWE, A400M-Probleme drücken Gewinn bei Airbus, Gestohlenes Tor von KZ-Gedenkstätte wieder in Dachau
 25. Februar Vertrauen Konflikt zwischen US-Regierung und Medien verschärft sich, Diskussion über Agenda 2010, AKP wirbt für Präsidialsystem in der Türkei, Tote bei Anschlägen auf Sicherheitskräfte in Homs, Textilgipfel in Bangladesch, Drei Verletzte bei Amokfahrt in Heidelberg
 04. März  Vertrauen Zuspitzung der Debatte um türkische Wahlkampfauftritte, Erdogan wirft Yücel Spionage vor, Große Gewinne für Sinn Fein bei Wahl in Nordirland, Demonstration in London gegen Einschnitte in Gesundheitssystem, Polens Regierung gegen Tusks Wiederwahl als EU-Ratspräsident, Schulz fordert längeres Arbeitslosengeld I
 08. März  Vertrauen Antrittsbesuch von Bundesaußenminister Gabriel in Polen, Türkischer Außenminister Cavusoglu trifft Gabriel in Berlin, Maaßen warnt vor Austragung innertürkischer Konflikte in Deutschland, Merkel sagt vor Abgasskandal-Untersuchungsausschuss aus, Bundeskabinett macht Weg für Frauenrechte-Abkommen frei, NRW fordert Disziplinarverfahren gegen Polizeigewerkschafter Wendt, NSU-Terrorist Böhnhardt ohne Verbindung zum Fall Peggy, Hungersnot bedroht Ostafrika, IS-Anschlag auf Militärkrankenhaus in Kabul, Grimme-Preise verliehen, Felsentor „Blaues Fenster“ in Malta eingestürzt
 09. März Zufriedenheit EU-Ratspräsident Tusk wiedergewählt, Merkel warnt vor weiterer Entfremdung zwischen Deutschen und Türken, Antrittsbesuch von Bundesaußenminister Gabriel in Russland, USA schicken weitere Soldaten nach Syrien, AfD stellt Wahlprogramm vor, Gehaltsaffäre um Polizeigewerkschafter Wendt, Entsorgungspakt über Verantwortung atomarer Altlasten, Bischofskonferenz thematisiert Priestermangel, Steuerhinterziehungsvorwürfe gegen den DFB, Autobahnbrücke in Italien eingestürzt
 11. März Glück Niederlande verweigert türkischem Außenminister Einreise für Wahlkampf-Auftritt, EU-Hilfen für Türkei zurückgefahren, Einkaufszentrum in Essen nach Terrorwarnung abgeriegelt, UN warnen vor Millionen Hungertoten weltweit, Mehr als 40 Menschen bei Anschlag in Damaskus getötet, Massengrab bei Mossul gefunden, Japaner gedenken der Opfer von Fukushima, Versöhnungsgottesdienst von Protestanten und Katholiken in Hildesheim, Zentralbau der Leuphana-Universität in Lüneburg eröffnet
 16. März Kraft Niederlande stehen vor schwieriger Regierungsbildung, Europa wertet Ruttes Wahlsieg als positives Signal, Türkei warnt vor „Religionskriegen“ in Europa, US-Bundesrichter stoppen Trumps neue Einreiseverbote, Anschlag auf Pariser IWF-Büro, Verletzte bei Schießerei in Schule in Südfrankreich, CO2-Ausstoß in Deutschland steigt, Umstellung des Fernsehempfangs auf DVB-T2, Neuer 50€-Schein kommt
20. März Zufriedenheit

Vertrauen

US-Wahlkampf 2016: FBI untersucht mögliche Absprachen mit Russland, Am 29. März beginnt der Brexit, Flüchtlingsgipfel in Rom: Neue Initiative soll Migranten aus Europa fernhalten, Verbot von Familiennachzug zu Flüchtlingen bleibt umstritten, Nach Nazi-Vergleichen: Merkel droht Türkei mit Konsequenzen, Neuer Missbrauchsfall bei der Bundeswehr, Strafprozess gegen früheren Chef der Krisenbank HRE gestartet, Technologiemesse CeBIT startet in Hannover, Norwegen ist das glücklichste Land der Welt
25. März Vertrauen

Hoffnung

60 Jahre Römische Verträge, Proteste gegen Brexit in London, Politische Niederlage für US-Präsident Trump, Mehr als 130 Tote bei Angriffen auf Mossul, Arzneimittelknappheit in Venezuela, EU will Importe aus Brasilien einschränken, Konservative in der Union gründen Dachverband, Doping in der BRD
28. März Zufriedenheit Deutschland liefert Brennelemente für umstrittenes AKW Tihange, Streit über „Ehe für alle“ vor dem Spitzentreffen der Koalition, Regeln für Alterspräsident des Bundestags sollen geändert werden, Verabschiedung von Bundesagentur für Arbeit-Chef Weise, Ermittlungen nach türkischer Spionage bei der Gülen-Bewegung in Deutschland, De Maizière äußert sich im Fall Amri, UN und Amnesty International kritisieren Lage der Zivilbevölkerung in Mossul, Neues Asylgesetz von Ungarn tritt in Kraft, Schottisches Parlament stimmt für neues Unabhängigkeitsreferendum
29. März Mut Großbritannien beantragt Brexit, Erklärstück zum Brexit, Verbleibende EU-Staaten äußern Bedauern über Schritt Großbritanniens, Türkei setzt zwei deutsche Politiker auf Überwachungs-Liste, Geheimdienst-Kontrolleure prüfen mögliche Versäumnisse im Fall Amri, Koalitionsausschuss im Kanzleramt, Bundesregierung will betrügerische Firmen von öffentlichen Aufträgen ausschließen, EU verbietet Fusion von Frankfurter und Londoner Börse, BGH stärkt Mieterschutz in einem Grundsatzurteil, Trumps leitet per Dekret Kehrtwende in Klimapolitik ein
 06. April Vertrauen Streit über Verantwortung für Giftgasangriff in Syrien, Merkel kritisiert Haltung Russlands zu Syrien, Bundesweit erste Abschiebung eines Terror-Gefährders, Strukturschwache Regionen in Ostdeutschland sollen auch nach 2019 weiter gefördert werden, Einigung auf Reform der Pflegeausbildung, Opel-Betriebsversammlungen zur Übernahme durch PSA, Öffentliches Leben in Argentinien durch Generalstreik weitgehend lahmgelegt, Ermittlungsverfahren gegen mutmaßliche türkische Spione, Türkisches Gericht verurteilt Fußball-Profi Denis Naki, BGH-Urteil zu 0900-Nummer, Europäisches Parlament beschließt Abschaffung von Roaming-Gebühren

In der nächsten Grafik ist für den Zeitabschnitt vom Beginn des Jahres bis zum 09. April der lineare Trend dargestellt. Damit eröffnet sich eine abstrakte Betrachtungsebene, die allgemeinere Bewertungen ermöglicht.

Lineare Trends für das I. Quartal 2017

Grundsätzlich können die 11 untersuchten Trendlinien in drei Kategorien zusammengefasst werden:

  1. Waagerecht verlaufende Trends mit weitgehend unspezifischem Bedeutungsgehalt belegen die Plausibilität der Methode. Hierzu gehören der „Allgemeinbefinden“ genannte Index aus „gut“ und „schlecht“, der „Kraft„-Index, gebildet aus den Begriffen „stark“ und „schwach“, der „Aktivität“ genannte Index, gebildet aus „wach“ und „müde“ sowie der aus der Summe aller Indizes gebildete Gesamtindex. Letzterer ist ein Hinweis darauf, dass die Auswahl der Gefühlswerte die wesentlichen Lebensempfindungen des Menschen abbildet.
  2. Im Zeitverlauf ansteigende Trends mit unterschiedlicher Steigungszahl. Hierzu gehören Vertrauen, Mut, Freude und Offenheit. Es handelt sich um Werte, die durch schwierige Verhältnisse geweckt werden, obwohl sie nicht unbedingt selbst zur Veränderung der Situation führen. In besonderem Maße gilt dieses für das Vertrauen in jene Kräfte, die für die Konfliktbewältigung und die Behebung von Notsituationen zuständig sind. Man könnte es auf die einfache Formel bringen: „Je größer das Vertrauen, desto geringer ist das Zutrauen zu den eigenen Möglichkeiten für Veränderungen“. Es handelt sich deshalb in hohem Maße um einen indirekten Gradmesser für die Gestaltungsfreiheit der Person, der sich direkt auch in der Zufriedenheit abbildet. Soweit es sich um rein persönliche Situationen handelt, die Entscheidungen erfordern, bilden sich diese als Mut ab und wenn die Lösung des Problems gelungen ist, stellt sich Freude ein. Das alles kann jedoch nur gelingen, wenn ein ausreichendes Maß an Offenheit vorhanden ist. Letztere ist für sich gesehen, ein generelles Maß für die Bereitschaft zu Veränderungen – vor allem in der Entwicklungsspirale innerhalb der Wertesysteme der Spiral Dynamics. Es bestehen also zwischen den vier aufsteigenden Trends funktionale Zusammenhänge, die auch im Zusammenhang mit den fallenden Trends betrachtet werden müssen.
  3. Der Zusammenhang zwischen Vertrauen und Zufriedenheit wurde bereits erwähnt. Zufriedenheit gehört zusammen mit Glück und Hoffnung zu den im Zeitverlauf abfallenden Trends. Es zeigt sich, dass die Zufriedenheit deutlich abnimmt. Die Ursachen hierfür können im selbstbestimmten persönlichen Bereich liegen, aber auch in einer zunehmenden Fremdbestimmung – vor allem im sozio-ökonomischen Bereich. Einen Hinweis hierauf gibt der starke Anstieg des Trends bezüglich Vertrauen. Die negativen Trends für Glück und Hoffnung sind Ausdruck einer zunehmenden Zukunftsangst und Desillusionierung. Wenn es stimmt, dass die Hoffnung zuletzt stirbt, befinden wir uns an der Schwelle zu grundstürzenden Veränderungen. Dabei kann es eher hilfreich sein, dass man weniger dem Glück vertraut und den Mut zu eigenem Handeln hat.

Lineare Trends für den gesamten Beobachtungszeitraum

In einem letzten Schritt soll geprüft werden, ob die beschriebenen aktuellen Trends auch auf längere Sicht stabil sind. Der darstellbare Zeitraum erweitert sich auf einen Zeitraum, der den Sommer 2016 und den Winter 2016/2017 mit umfasst. Wie aus der nebenstehenden Grafik zu entnehmen ist, verläuft von den oben genannten vier waagerechten Trends hier nur die Trendlinie für Aktivität waagerecht, während die anderen drei Trends von mehr oder weniger negativen Trends in waagerechte Trends übergegangen sind. Die im Kurzzeittrend positiv gerichteten Trends für Vertrauen, Mut, Freude und Offenheit zeigen unterschiedliche Entwicklungen an. So zeigen Mut und Vertrauen eine auch längerfristig gleichbeibende positive Tendenz, Freude geht von einem negativen Trend in einen – zumindest kurzzeitigen – positiven Trend über und auch die Offenheit zeigt – hier von gleichbleibendem Niveau ausgehend – eine Veränderung in positiver Richtung. Die auf kurze Sicht negativ gerichteten Trends für Zufriedenheit, Glück und Hoffnung zeigen auch im Verhältnis zu ihren längerfristigen Verläufen eine negative Entwicklung an. Am deutlichsten ist dieses im Bezug auf die Zufriedenheit zu sehen, die von einem positiven Trend in der längerfristigen Betrachtung in einen negativen Trend in der kurzzeitigen Darstellung übergeht.

Insgesamt werden die im kurzzeitigen Trend ablesbaren Tendenzen auch im Vergleich mit den längerfristigen Trends bestätigt.

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Köln in der Entwicklungsspirale der Evolution

Das Wappen der Stadt Köln (Quelle: Wikimedia-Commens)

Das Wappen der Stadt Köln deutet auf die lange und bewegte Geschichte der Stadt hin und drückt in seiner Symbolik die tiefen Beziehungen zur Macht aus.

In der Wikipedia wird es wie folgt beschrieben: „Das Wappen der Stadt Köln zeigt den doppelköpfigen Reichsadler, der Schwert und Zepter hält. Er erinnert daran, dass die Stadt im Mittelalter seit 1475 offiziell als Freie Reichsstadt zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gehörte. Der Adler hat zwei Köpfe, weil der Kaiser zugleich der römisch-deutsche König war.

Der Schild hat die Farben Rot und Weiß, die Farben der Hanse. Köln gehörte als bedeutende Handelsmetropole nicht nur diesem Bund der Kaufleute und Städte an, sondern war – zusammen mit Lübeck – Mitbegründerin der deutschen Hanse und damit eine der ältesten Hansestädte in Deutschland.

Die drei Kronen sind seit dem 12. Jahrhundert das Hoheitszeichen der Stadt; sie erinnern an die Heiligen Drei Könige, deren Reliquien 1164 der Kölner Erzbischof Reinald von Dassel aus Mailand mitbrachte und die in einem goldenen Schrein hinter dem Hochaltar des Doms aufbewahrt werden.“

Die im Schild des Wappens zu sehenden 11 flammenartig dargestellten Hermelinschwänze weisen auf einen in der Stadt populären Kult um die heilige Ursula hin, die als bretonische Prinzessin mit ihren Gefärtinnen von einer Reise zurückkehrend durch die Hunnen vor der Stadt ermordet wurde.

Über die funktionale Bedeutung hinaus zeigt das Wappen in seinen Symbolen auch tiefere mythische und psychologische Bedeutungen an, die hier kurz umrissen werden. Bereits in den ersten Kulturen der Zivilisation hat der Adler zu Vergleichen mit der Sonne, übernatürlichen Naturgottheiten wie Blitz und Sturm sowie irdischen Herrschern und imperialen Nationen inspiriert. Der Flügelschlag des Adlers klingt wie das Wehen eines mächtigen Windes oder das klatschende Geräusch eines Donners. Er steigt höher in die Lüfte als jeder andere Vogel und scheint der Sonne zuzustreben. Die religiöse Kunst hat sich diese Erfahrungen der Menschen zunutze gemacht und die Engel, jene Boten des Himmels mit festem Blick und transzendenter Sehkraft, mit Adlerflügeln ausgestattet. In der Dichtung werden die Menschen auf Adlerschwingen durch die Wolken der Stürme getragen bis in sichere Höhe. So können Menschen mit Hilfe des Adlers überleben und die neu erwachsende Natur nach dem Sturm für ihre Erhaltung nutzen.

Als großer Raubvogel hat der Adler eine ambivalente Seite, die ihn zum heiligen Tier von Kriegergesellschaften macht und im Hinduismus als Schlangenadler die siegreichen Sonnenmächte symbolisiert. In den assyrisch-babylonischen Mythen hat er als löwenköpfiger Adler Imdugud die Macht eines Regenmachers.

„In der Alchemie wird der Adler als Aufstieg des Geistes aus der prima materia dargestellt, ein Versuch, zu beschreiben, dass der Erkenntnis, wenn sie sich aus dem Chaos der Gefühle löst, Flügel wachsen und sie auf diese Weise leicht in den Äther verschwinden kann. Die Alchemisten glaubten, dass der Aufstieg durch sein Gegenteil beantwortet werden muss, was bedeutet, dass unsere erhabensten Illuminationen in eine ganzheitliche Verkörperung hinabsteigen und angewandt werden müssen. Inspiriert vom Seeadler, der sich aus dem sonnendurchtränkten Himmel in den Ozean oder einen Fluss stürzt und wieder auftaucht, stellte man sich vor, dass der mythische Adler des Geistes in das Feuer der Sonne hineinfliegt, sich dabei fast selbst verbrennt, dann aber wieder in die tiefen Wasser aufkeimenden Lebens stürzt und ihnen selbsterneuert wie ein Phönix entsteigt.“ (Zitat: „Das Buch der Symbole“, Verlag Taschen, Köln 2011)

Die Farben Rot und Weiß im Schild stehen für Leben und Anfang. Rot bezieht sich auf die Erfahrungen des Menschen mit Blut und Feuer. Verlässt das Blut den Körper, gerät er bei Blutverlusten über einen Liter in akute Lebensgefahr. Die Glut des Feuers signalisierte in den frühen Kulturen Annehmlichkeit und Schutz, geriet sie außer Kontrolle, bedeutete – und bedeutet sie bis heute – Gefahr und Vernichtung. Nicht ohne Grund ist Rot auch für moderne Menschen eine Warnfarbe. Andererseits stellt sie Lebenskraft und Libido, sexuelle Leidenschaft oder Aggression und Wut dar. Vor allem sexuelle Anklänge sind in der Sprache reichlich zu finden – vom Rotlichtviertel bis zum scharlachroten Buchstaben. Bei den antiken Römern und seit dem 17. Jahrhundert ist Rot die Farbe des Krieges und der Revolution.

In der Alchemie war das Röten (rubedo) das letzte Stadium des langen Prozesses der Goldgewinnung. Psychologisch entspricht dieses der Integration der Persönlichkeit. „Damit war nicht weniger gemeint, als die geistige Erkenntnis in heißblütige Realität zu verwandeln, die im Alltagsleben voll und ganz ausgelebt wurde.“ (Zitat: „Das Handbuch der Symbole“)

Weiß spielt zwischen Gegensätzen wie weißglühender Hitze und eisiger Kälte. Der Psychologe Rudolf Arnheim stellte fest, dass Weiß „ein Symbol der Integration ist, ohne jedoch dem Auge die Vielfalt der vitalen Kräfte darzubieten, die es einbezieht, entsprechend ist es vollkommen und leer wie ein Kreis.“ Im Hinduismus ist es der milchige, mütterliche Ozean des Mythos, aus dem die Fundamente des Kosmos entspringen.

Für die Alchemie hatte Weiß eine Bedeutung als grundlegender Aspekt des Opus Magnum. Für die Alchemisten hatte Weiß einen polaren Charakter.  Einerseits bedeutete es kindhafte Naivität, Unwissenheit, Unreife und Mangel an Erfahrung, andererseits repräsentierte es die Asche oder das Salz bitteren Leids und hart gewonnener Weisheit, die sich auch im weißen Haar des alten Menschen zeigte. Dieser Entwicklungsprozess von der unerfahrenen Jugend zum weisen Greisentum kam in der zweiten Weiße oder albedo zum Ausdruck, die als Zustand der Erhellung oder als Erwachen der unbekannten Persönlichkeit im Bewusstsein begriffen wurde. Für manche Alchemisten war mit der albedo das Ziel erreicht, für andere war das Opus Magnum nur dann vollendet, wenn sich die Morgendämmerung in das rubinrote Leuchten des Sonnenaufgangs verwandelte.

Die Symbolik der Krone verweist hier im Unterschied zu vielen anderen Kronenverwendungen in Wappen  auf eine religiöse Symbolik und dem Ursprung der Krone als Symbol schlechthin. Die Gestaltung der Krone aus Gold und wertvollen Edelsteinen erzeugt einen sanften Schimmer und Glanz, die dem Träger die seiner Funktion entsprechende Wirkung auf seine Umgebung verleiht. Die Krönung ist eine solificatio, d. h. eine Erhebung materieller Dinge auf die Stufe des höheren Geistes. Hierin kommt die tiefe Absicht zum Ausdruck, etwas nicht durch rationales Denken und bewusstes Handeln zu verändern, sondern Erleuchtung zu erlangen, die Gedanken in Licht verwandelt und so eine Vision von dem erzeugt, was möglich ist. Das gekrönte Haupt wird so mit der Sonne und ihrer Lebenskraft und Fruchtbarkeit identifiziert, die mit der Krönung des Souveräns auf das gesamte Königreich übertragen wird.

„In der alchemistischen Fantasie entsprachen irdische Metalle und Edelsteine bestimmten Eigenschaften, die auf planetarische oder siderische Gestirne projeziert wurden. Die Krone symbolisiert das Ziel des Opus Magnum, diese Elemente mit der Sonne zu synthetisieren oder, auf psychologischer Ebene, die vielfältigen Eigenschaften der Ganzheit des Selbst in einem sonnengleichen Bewusstsein zu integrieren. Die Krone erhöht den Niedrigen, so auch die Jungfrau Maria, die demütige „Magd des herrn“, die von Engeln gekrönt, zur majestätischen und barmherzigen Königin des Himmels wird. Oder die anima mundi, in der Alchemie die Seele der Welt, die das Diadem trägt, das die erhabene Wiedervereinigung von Materie und Geist verkündet.“ (Zitat: „Das Handbuch der Symbole“)

Die Krone kann jedoch auch zur Last werden, wie in Shakespeares Heinrich IV gesagt oder als Dornenkrone bei der Kreuzigung Christi. Dennoch ist die Krönung bis heute ein erstrebenswertes Ziel – nicht nur in den Phantasien der Kinder und bei den Anwäterinnen auf einen Titel als Schönheitskönigin.

Für die erläuterten Symbole finden sich wahrscheinlich in Köln vielfache Bezüge, die sich intuitiv erschließen und hier – auch aus mangelndem Einblick in die kölnische Kultur  – nicht aufgeführt werden können.

Köln zählt mehr als eine Million Einwohner und ist die größte Stadt in Nordrhein-Westfalen. wesentliche Bestandteile der spezifischen Kölner Kultur sind der sprichwörtliche „Kölsche Klüngel„, der Kölner Karneval und das Kölsch als Dialekt. Das Wahrzeichen der Stadt ist der Kölner Dom, der gleichzeitig für die Rolle des Katholizismus in der Stadt steht, die in den Kölner Wirren weit über die Bedeutung für die Stadt hinausging und nachhaltige Wirkungen erzeugt hat.

Nachfolgend möchte ich dieses Bild der Stadt für die Ansprüche an Köln als Sehnsuchtsort weiter vervollständigen und hierzu die Methoden der Spiral Dynamics und der Integralen Theorie verwenden.

In einem ersten Schritt werde ich kurz auf die in der nebenstehenden Grafik abgebildeten Wertesysteme im Bezug auf Köln beschreiben. Es ergibt sich ein sehr ausgeglichenes Bild zwischen einem im Vergleich zu anderen Großstädten mittelmäßig ausgeprägten Orange und den flankierenden Wertesystemen Blau und Grün, die im Verhältnis zueinander gleich stark sind. Der Rückstand bei Orange zu der etwa gleich großen Stadt München beträgt etwa 10%-Punkte. Dieser Unterschied ist vor allem auf das in Köln wesentlich stärker ausgeprägte Blau und Gelb zurückzuführen.

Köln hat sich in den letzten 10 Jahren zu einer Hochburg in der Schwulen- und Lesbenszene entwickelt und vermarktet dieses Image, das für lebensbejahende Offenheit stehen soll, zur Förderung des Tourismus. Eine Folge hiervon ist möglicherweise, dass seit 2014 der Anteil des blauen Wertemems als Kontrollfunktion gegenüber Grün um ca. 5%-Punkte gewachsen ist. Das relativ starke Gelb zeigt an, dass es offensichtlich eine spirituelle Weiterentwicklung aus dem relativ starken Grün in der Entwicklungsspirale gegeben hat, die der Harmonie im Gesamtsystem zu Gute kommt. Dennoch muss der Anteil von Orange immer noch als hoch angesehen werden, so dass eine Weiterentwicklung grüner Potentiale von Orange aus wünschenswert wäre.

Ein Vergleich mit dem Bild der WMeme von Deutschland zeigt für Köln ein geringfügiges Zurückbleiben von Orange, ein relativ starkes Zurückbleiben von Blau und Türkis und starkes Rot und Gelb. Dagegen ist Grün nur relativ gering erhöht. Bei der Bewertung dieses Vergleichs ist zu berücksichtigen, dass in den Werten für Deutschland alle ländlichen und kleinstädtischen Räume enthalten sind, die tendenziell höhere Werte bei den in der Evolution früher anzusetzenden WMemen ergeben. Daran gemessen ist der Anteil von Rot als sehr hoch zu bewerten. Er liegt etwa dreimal so hoch wie noch 2014. Vermutlich haben die Ereignisse von Silvester 2015 und vorausgegangene rechtsextreme Ausschreitungen (Pro Köln,  Attentat auf die jetzige Oberbürgermeisterin Henriette Reker)  bedeutenden Anteil hieran. Das schwache Blau bestätigt die zuvor erwähnte Tendenz der in Großstädten schwächeren Ausprägung traditionsgebundener und straff organisierter Strukturen, die in Köln jedoch gemessen an anderen Großstädten trotzdem sehr hoch ist.

Problemfelder in Köln mit Legende

1 = Kriminalität; 2 = Anerkennung; 3 = Angst; 4 = arbeitslos; 5 = Armut; 6 = teuer; 7 = Scheidung; 8 = Miete; 9 = langweilig; 10 = krank; 11 = Gewalt; 12 = Mobilität; 13 = Offenheit; 14 = Nachhilfe; 15 = Verschmutzung; 16 = Rassismus; 17 = Drogen

In einem weiteren Schritt werden die Gewichte von 17 Problemfeldern und Einzelwerten dargestellt, die eine genauere Struktur des Lebens in Köln darstellen. Die Begriffe wurden so gewählt, dass sie eine möglichst eindeutige Konnotation bzw. auf komplexere Problemfelder hinweisen, z. B. „teuer“ für Preisentwicklung, Nachhilfe für Schulprobleme, Mobilität für Arbeitspendler, Erreichbarkeit von Versorgungsstrukturen für Alte und Behinderte usw.. Mit Abstand das bedeutendste Problemfeld ist die Angst. Es folgen Gewalt, Miete, Preisentwicklung und Drogen. Am Ende der Skala befinden sich Verschmutzung (gedacht als Umweltfaktor) und arbeitslos. Hierzu ist anzumerken, dass es sich bei den Zahlenwerten um „gefühlte“ Problemintensitäten handelt, die nicht an offiziellen Statistiken gemessen werden können. Ihre Bedeutung erhalten sie in Gegenüberstellungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten und zu Vergleichsräumen. In der folgenden Grafik erfolgt ein Vergleich mit den Werten für Gesamtdeutschland.

Problemfelder in Köln im Vergleich zu Deutschland

1 = Kriminalität; 2 = Anerkennung; 3 = Angst; 4 = arbeitslos; 5 = Armut; 6 = teuer; 7 = Scheidung; 8 = Miete; 9 = langweilig; 10 = krank; 11 = Gewalt; 12 = Mobilität; 13 = Offenheit; 14 = Nachhilfe; 15 = Verschmutzung; 16 = Rassismus; 17 = Drogen

In der Grafik sind die Differenzen zu den entsprechenden Werten für Deutschland in Prozentpunkten dargestellt. Dadurch ergibt sich ein köln-spezifisches Bild, das durch eine erhöhte Angst vor Kriminalität, besonders hohe Mieten und erhöhte Präsenz von Drogen im öffentlichen Bewusstsein, andererseits durch geringere allgemeine Angst, geringeren Preisdruck und besonders durch geringeres Krankheitsbewusstsein gekennzeichnet ist.

Die für soziale Belange wichtigen Problemfelder Arbeitslosigkeit, Armut und Preisentwicklung machen zusammen ca. 14,5% und die für das Sicherheitsgefühl bedeutsamen Problemfelder Kriminalität, Angst und Gewalt machen ca. 25,5% aller untersuchten Problemfelder aus. Daraus lässt sich ableiten, dass unmittelbare Bedrohungen durch die persönliche Umwelt einen großen Anteil am Lebensgefühl haben. Im Vergleich zu Gesamtdeutschland sind dieses noch niedrige Werte. Für Deutschland machen die Bedrohungen der sozialen Belange etwa 20,5% und die der Sicherheit etwa 31%, zusammen also etwa 51% aller untersuchten Problemfelder aus.

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Die Werte- und Problemwelten der AfD und ihres Führungspersonals

Die politische Landschaft

Seit der Gründung der Partei „Die Republikaner“ im Jahre 1983 hat die Bundesrepublik zahlreiche Parteigründungen mit mehr oder weniger großem Erfolg bei Wahlen hervorgebracht. Zu den erfolgreichsten Neugründungen gehörten neben den „Republikanern“ die „Partei Rechtsstaatlicher Offensive“ (Schill-Partei), die „Alternative für Deutschland“ (AfD) und ihre Absplitterung „Liberal-Konservative Reformer“ (LKR), die „Piratenpartei Deutschland“ (Piraten) sowie die Linke „Die Linke„. Diese Parteiformierungen sind u. a. Folge des Zusammenrückens der nach dem zweiten Weltkrieg konsolidierten Parteienlandschaft in der Mitte des politischen Spektrums – nach der herkömmlichen Platzierung im politischen Ordnungsschema. Ein weiterer wichtiger Grund lag und liegt jedoch in der Unfähigkeit des politischen Systems, die vom Grundgesetz nicht integrierte Wirtschaftsordnung in politische Programme und nachhaltiges Handeln auf staatlicher Ebene zu übersetzen. Hieraus folgte die im Staats- und Verfassungsrecht gemiedene Auseinandersetzung mit der Verfassungswirklichkeit als Prüfinstanz für gelebte Demokratie. Dieser Mangel wurde ab den 1970er Jahren zunehmend in den Großprojekten der Atomwirtschaft (Atomkraftwerke, Wiederaufbereitungsanlage, Brennelementefabriken u. a.), der Aufrüstung (Startbahn West, Reketenstellungen u. a.) und der Infrastruktur- und Stadtentwicklung (Autobahnbau, Stadtsanierung, Satellitenstädte) sichtbar und führte 1980 zur Gründung der Partei „Die Grünen„, die zunächst ein Sammelbecken zahlreicher Gruppierungen wurde, die sich gegen diese Projekte wehrten. Das Selbstverständnis der neu gegründeten Partei war das einer Systemalternative, die den Widerspruch zwischen demokratisch verfasstem Staat und kapitalistischen Wirtschaftsinteressen zu überwinden suchte und daher zahlreiche kleine politische Splittergruppen aus dem linken und anarchistischen Spektrum integrieren konnte. Je mehr die Partei in die Regierungsverantwortung zunächst auf kommunaler Ebene, dann auf Länderebene und schließlich auch unter dem SPD-Kanzler Schröder auf Bundesebene eingebunden wurde, desto weiter entfernte sich die Partei von den sozialen Bewegungen, aus denen sie entstanden war. Dieser Prozess vollzog sich jedoch in gegenseitiger Beeinflussung und führte einerseits zu einem weitgehenden Schrumpfen der Basisbewegungen und andererseits zum Verlust des Profils der GRÜNEN als Alternative zum etablierten Politikbetrieb.

Mit einem größeren Maßstab vermessen stellt sich heraus, dass die beschriebenen Tendenzen eine globale Dimension haben, die bereits seit etwa 10 Jahren von den politischen Wissenschaften in Begriffen wie Politikverdrossenheit, Populismus und Postdemokratie in die Öffentlichkeit entlassen werden. Im Jahre 2004 veröffentlichte der englische Politikwissenschaftler und Soziologe Colin Crouch eine tiefgehende Analyse der Demokratie unter neoliberalen Wirtschaftsbedingungen, auf die das Schlagwort Postdemokratie zurückgeht. Darin kennzeichnet er dieses politische System, als „ein Gemeinwesen, in dem zwar nach wie vor Wahlen abgehalten werden, Wahlen, die sogar dazu führen, daß Regierungen ihren Abschied nehmen müssen, in dem allerdings konkurrierende Teams professioneller PR-Experten die öffentliche Debatte während der Wahlkämpfe so stark kontrollieren, daß sie zu einem reinen Spektakel verkommt, bei dem man nur über eine Reihe von Problemen diskutiert, die die Experten zuvor ausgewählt haben. Die Mehrheit der Bürger spielt dabei eine passive, schweigende, ja sogar apathische Rolle, sie reagieren nur auf die Signale, die man ihnen gibt. Im Schatten dieser politischen Inszenierung wird die reale Politik hinter verschlossenen Türen gemacht: von gewählten Regierungen und Eliten, die vor allem die Interessen der Wirtschaft vertreten.“ An anderer Stelle benennt er die Profiteure dieser Politik, Lobbyisten und Wirtschaftsverbände, die auf diese Weise den Staat mehr oder minder zum Selbstbedienungsladen machen, je mehr sich der Staat aus der Fürsorge für das Leben der normalen Menschen zurückzieht und zuläßt, daß diese in politische Apathie versinken. Diese Einschätzung wird für Deutschland durch ca. 2.200 registrierte Lobbygruppen, davon 575 im Jahr 2014 mit Hausausweis ausgestatteten Lobbyisten, die sich auf Grund dieses Ausweises ohne langwierige Kontrollen in den Liegenschaften des Bundestages frei bewegen können, belegt. Darüber hinaus waren im Herbst 2015 insgesamt 1111 Vertreter von Verbänden, Unternehmen, Anwaltskanzleien oder Agenturen mit Hausausweisen des Bundestags ausgestattet, die sie durch die Bundestagsfraktionen erhalten haben. Nach groben Schätzungen kommen in Berlin auf einen Bundestagsabgeordneten zwei Lobbyisten.

Damit nicht genug, werden einzelnen Unternehmens- und Verbandsvertretern Arbeitsmöglichkeiten in den Räumen des Parlaments zur Verfügung gestellt, in denen sie aktiv an Gesetzesvorhaben mitarbeiten können.

Was hier für Deutschland beschrieben wurde gilt in gleichem Maße auf internationaler Ebene und bei der Europäischen Union. Für Brüssel beläuft sich die geschätzte Zahl der Lobbyisten für das Jahr 2014 auf 15.000 bis 25.000 und stellt damit eine neue Dimension des Lobbyismus dar.

Allein der Lobbyismus wäre Anlass genug, politische Entscheidungen zur Befreiung der Politik von diesen parasitären Auswüchsen herbeizuführen. Doch Populismus funktioniert anders. Politiker wollen wiedergewählt – und im Falle neuer Parteien gewählt – werden und springen auf den Zug auf, der nach den Feststellungen der Demoskopie am schnellsten und billigsten zum Ziel führt. So gesehen besteht in der Massendemokratie alle Politik aus Populismus. Tendenziell entsteht so, was nach Freud zur Arbeitsunfähigkeit führt, nämlich arbeitsfähig sei der Mensch am besten in einer Atmosphäre gemäßigten Leidens. Wenn es einem dreckig geht, ist man arbeitsunfähig. Wenn man ganz glücklich ist, macht man auch nichts. So wird aus dem Glück des Politikers der politische Stillstand der Nation und die nur schleppend vorankommenden Baustellen des BER, JadeWeserPort, Stuttgart 21 und anderer Großprojekte zum Symbol für den Zustand des politischen Systems.

Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt die Folgen des Aussitzens und Ignorierens auf: rund ein Viertel der Bevölkerung hat ein »neurechtes Einstellungsmuster«, »40 Prozent aller Befragten meinen, die deutsche Gesellschaft würde durch den Islam unterwandert.« Rund 28 Prozent denken: »Die regierenden Parteien betrügen das Volk«. Ungefähr genauso viele beklagten: »In Deutschland kann man nicht mehr frei seine Meinung äußern, ohne Ärger zu bekommen« und forderten: »Es ist Zeit, mehr Widerstand gegen die aktuelle Politik zu zeigen«.

Im Bezug auf die AfD-Wähler und -Sympathisanten heißt es in der Studie:“Besonders auffällig sind die menschenfeindlichen Meinungen unter Befragten, die mit den Ideen der AfD sympathisieren: Ihre Anhänger und Anhängerinnen stimmen mehrheitlich fremdenfeindlichen (68%), muslimfeindlichen (64%) und antiziganistischen Meinungen (59%) sowie Abwertungen von asylsuchenden (88%) und arbeitslosen Menschen (68%) zu. Damit scheint klar zu sein, wie eine andere Politik nach den Vorstellungen dieser Klientel auszusehen hat: Abschottung des Wohlstandes der Zweidrittelgesellschaft gegen Flüchtlinge, Asylsuchende und Arbeitslose.

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