Wie das Land, so der Mensch? – Virtuelle Landschaftsbilder in NRW

Virtuelle Landschaften NRWBeitrag als pdf herunterladen

Zum Verhältnis von Kultur und Landschaft

In einer bekannten Bierwerbung wird ein an der Nordsee getrunkenes Produkt mit dem markigen Spruch beworben: „Wie das Land, so das Jever„. Damit wird auf den „friesisch herben“ Charakter dieses Bieres hingewiesen, der somit dem Charakter der Ostfriesen entsprechen soll.

Zuschreibungen, die auf Charaktermerkmale der Bewohner Bezug nehmen, gibt es für viele Regionen in Deutschland wie auch für ferne Länder und fremde Kulturen. Stereotype wie die „rheinische Frohnatur“ und der ihr gegenüber gestellte „sture Westfale“ wie auch der sparsame und Häusle bauende Schwabe gehören zu den bekanntesten Redewendungen in Deutschland.

Wie kommt es, dass gerade jetzt, wo die Erde zu einem Dorf zu schrumpfen scheint, Reisen zu allen Kontinenten selbstverständlich sind und Sprachen dank Google keine Hindernisse mehr darstellen, immer noch ein provinzieller Gestus serviert wird, der damit mutmaßlich werbetechnische Erfolge verbucht? Im Gegenteil – es scheint sogar eine Aktivierung dieser schlummernden Gefühle stattzufinden, die sich an Begriffen wie Heimat und Region festmachen und seit der letzten Bundestagswahl auch ihre Referenz auf höchster politischer Ebene erhalten. Eine mögliche Erklärung könnte die Erfahrung vieler Deutscher sein, dass auch das eigene Land ein erstrebenswertes Ziel ist, wie Hunderttausende freiwillig – im Unterschied zu den in den 1960-er Jahren angeworbenen Gastarbeitern – in das Land kommende Migranten und Flüchtlinge zum Ausdruck bringen. Nach der Bewusstwerdung des eigenen Landes als Ort, an dem es sich gut leben lässt, können in einem zweiten Schritt Verlustängste entstanden sein, die zu Abwehrhaltungen gegenüber allem Fremden geführt haben. Dabei übernehmen bereits seit Jahrhunderten latent vorhandene Abgrenzungen gegenüber Bewohnern anderer Landstriche eine aktive Rolle, wie sie in Charakterzuschreibungen  auf regionaler Ebene – siehe oben – oder auch international – schwatzhafte Italiener, introvertierte Nordländer, arrogante Franzosen, gastfreundliche Araber usw. – schon lange existierten.

Über den historisch gewachsenen Versuchen, die Verschiedenheit der Menschen mit ihrer geografischen Herkunft zu erklären, haben sich mit der modernen Wissenschaft neue Erklärungsmuster erhoben, die jedoch keineswegs zu einer Klärung der Zusammenhänge geführt haben. Mit den Erkenntnissen der Quantenphysik und der Hirnforschung hat sich die Zahl der Erklärungsversuche nur noch erhöht, ohne einer Lösung näher zu kommen. Neben den schon in voraufklärerischer Zeit an diesen Fragen interessierten Herrschaftsstrukturen ringen nun auch die neue Rechte und die Wissenschaft um die Deutungshoheit über die Frage, was den Menschen eigentlich prägt. Von besonderem Interesse an diesen Adaptionen sind Versuche, objektiv feststellbare und determinierende Einflüsse für Charakterzuschreibungen zu finden. Besonderes Gewicht haben dabei die angenommenen Prägungen durch die geografische und geschichtliche Eigenart der Landschaft – oder allgemeiner ausgedrückt: des Raumes – auf den Menschen. Solche Annahmen können auf dem Boden neuerer Diskussionen in der Hirnforschung, die den Menschen von der Eigenverantwortung freistellen möchten, da er neuronal keinen freien Willen besitze, höchste naturwissenschaftliche Kompetenz für sich in Anspruch nehmen. Trotz inzwischen erfolgten Relativierungen sorgen die von der Hirnforschung unter Erfolgszwang bekanntgegebenen „Ergebnisse“ immer wieder für irritierende Diskussionen und setzten Verhaltensweisen in Gang, die – einmal eingeübt – gar nicht oder nur schwer zu korrigieren sind.

In diesem Artikel möchte ich die Existenz regional vorhandener Unterschiede der Charaktereigenschaften und Werthaltungen nicht bestreiten. Vielmehr möchte ich am Beispiel des Landes Nordrhein-Westfalen darstellen, wie die Charakterzuschreibungen in den verschiedenen Landschaften des Landes variieren und wie diese mit grundlegenden Werthaltungen verbunden sind. Hierdurch soll ein komplexeres Bild von den Menschen im Lande entstehen, das einerseits den Gegebenheiten näher kommt als zusammengetragene Einzelquellen aus vergangenen Jahrhunderten dieses können und das andererseits anschlussfähig für weitere Betrachtungen ist.

Veröffentlicht unter Kultur, Politik, Städte, Streifzüge | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Bleiben Sie gesund – werdet gesund!

In den vergangenen zwei Monaten war ich aufgrund einer schweren Erkrankung gezwungen, mich im persönlichen Interesse intensiv mit medizinischen Themen auseinanderzusetzen. Was ich in dieser Zeit erleben musste hat bei mir zu einiger Empörung geführt, die aus den Begegnungen, die ich mit anderen Patienten hatte gestützt wurde. Dennoch habe ich gezögert, über diese Erfahrungen zu schreiben, da es mir bewusst ist, dass die Missstände im Gesundheitswesen systemisch verursacht sind und teilweise bereits in der politischen Diskussion angekommen sind. Damit meine ich nicht den „Pflegenotstand“, den man durch einige Tausend zusätzliche Pflegekräfte beseitigen möchte. Es geht um nicht weniger, als um ein neues Bewusstsein aller Beteiligten im Gesundheitssystem, also der Heilberufe, Therapeuten, Gesundheitsfachberufe, Arzneimittelhersteller, Krankenkassen und Sozialträger. Diverse „Gesundheitsreformen“ seit der Blümära haben sichtbar werden lassen, dass dieses System weitgehend Veränderungsresistent ist und sich oft auf Kosten der schwächsten Glieder im System – den Patienten – verändert (Praxisgebühr, Zuzahlung, Positivliste).

Wo, wenn nicht in diesem Projekt wäre der Platz, eine Ordnung in dieses dichte Geflecht von Interessen zu bringen, hat es sich doch unter den Anspruch gestellt, Anregungen für eine integrale Weltsicht und ein neues Handeln zu geben. Daher möchte ich hier Ken Wilber zu Wort kommen lassen, der in der Medizin ein Teilsystem sieht, dass von seinem innersten Wesenskern her nach integralem Handeln schreit: „Nirgendwo anders sind die vier Quadranten unmittelbarer anwendbar als im Bereich der Medizin, und das Modell wird zunehmend von Institutionen der Gesundheitsfürsorge in aller Welt angenommen (Anm.: In Deutschland mit den nachfolgenden Fragezeichen!)….

…Der Oben-Links-Quadrant ist ein Schlüsselelement jeder umfassenden medizinischen Fürsorge. Es hat sich gezeigt, dass Visualisierungen, Affirmationen und der bewusste Einsatz bildlicher Vorstellungen bei der Behandlung der meisten Krankheiten eine bedeutende Rolle spielen können. Und es ist erwiesen, dass die Ergebnisse von emotionalen Zuständen und mentalen Zielsetzungen abhängen….

…Die Art und Weise, wie eine Kultur (ULQ, d. h. unterer linker Quadrant) mit einer bestimmten Krankheit umgeht – mit Fürsorge und Mitgefühl oder mit Spott und Geringschätzung -, kann tiefgreifende Auswirkungen darauf haben, wie ein Individuum (OLQ) mit dieser Krankheit umgeht, was den Verlauf der physischen Krankheit selbst (ORQ, d. h. oberer rechter Quadrant) unmittelbar beeinflussen kann. In der Tat können viele Krankheiten ohne einen gemeinsamen kulturellen Hintergrund nicht einmal definiert werden (ebenso wie das, was man als „Unkraut“ ansieht, oft davon abhängt, was man vor allem anpflanzen möchte). Zum Unten-Links-Quadranten gehört auch die riesige Zahl der intersubjektiven Faktoren, die für jede menschliche Interaktion entscheidend sind – in diesem Fall etwa die Kommunikation zwischen Arzt und Patient, das Verhalten von Familie und Freunden und wie es dem Patienten vermittelt wird, die kulturelle Akzeptanz oder Herabsetzung einer bestimmten Krankheit (z. B. Aids) sowie die eigentlichen Wertvorstellungen der Kultur, die von der Krankheit bedroht werden….

…Der Unten-Rechts-Quadrant betrifft alle jene materiellen, ökonomischen und sozialen Faktoren, die fast niemals als Aspekt der jeweiligen Krankheit angesehen werden, die jedoch tatsächlich – wie jeder andere Quadrant – Auswirkungen auf Krankheit und Heilung haben. Ein Gesellschaftssystem, das die Ernährung nicht sicherstellen kann, wird uns umbringen (wie leider täglich durch viele Länder, in denen Hunger herrscht, demonstriert wird). Doch gilt selbst für entwickelte Länder: Leidet man an einer lebensbedrohenden, jedoch therapierbaren Krankheit und ist die private Krankenversicherung die einzige verfügbare Geldquelle, so wird man sterben, wenn diese Finanzierungsquelle für die Therapie nicht ausreicht. Eine der Ursachen deines Todes ist dann – Armut….“

Die letzten Ausführungen bezüglich der Privatversicherungen sind auf die Situation in den USA gemünzt, in Deutschland tritt in diesem Beispiel an die Stelle der Armut die mangelnde wissenschaftliche Begründung von Therapien (Therapiefreiheit) und das mangelnde Interesse der Pharmaindustrie an der Entwicklung passender Medikamente für seltene Krankheiten – auch das im weiteren Sinne eine Form der Armut.

Mein Weg von der lebensbedrohlichen Krankheit zur Rückkehr in das „normale“ Leben begann mit der totalen Hingabe an das von medizinischen Notfallroutinen bestimmte Regime eines Krankenhauses. Für ausführliche Patientenaufklärung war unter diesen Umständen keine Zeit. Dennoch war es von Vorteil, bei vollem Bewusstsein zu sein, da auch in der Routine die Mitwirkung des Patienten in beiderseitigem Interesse hilfreich ist (Vorgeschichte der Krankheit, Allergien und Unverträglichkeiten usw.). Das Ziel der Lebensrettung bestimmt die Kommunikation zwischen medizinischem Personal und Patient. Diese Erfahrung steht in deutlichem Widerspruch zu meinen sonstigen Erfahrungen in der Begegnung mit Ärzten. Die strenge Orientierung an dem kurzfristig zu erreichenden Ziel der Lebenserhaltung wird in den meisten Fällen durch eine Art Verhör durch den Arzt ersetzt, indem dieser nach dem einleitenden Satz: „Was führt Sie zu mir“ und der darauf folgenden Antwort die Regie übernimmt und kaum eine Möglichkeit zur freien Äußerung des Patienten gibt. So entsteht einerseits ein Bild der Krankheit und des Krankheitsgeschehens, das dem vorgefassten Urteil des Arztes soweit entspricht, wie es seinem Fragemuster und dem Diagnoseschlüssel entspricht und darüber hinaus wird dem Entstehen eines Vertrauensverhältnisses der Boden entzogen. Bei bestimmten Krankheiten werden vom Patienten sogar Begründungen verlangt, warum er eine bestimmte Krankheit, z. B. Lungenkrebs, Herzinfarkt oder Diabetes bekommen hat. So wird der Patient vom Hilfesuchenden zum Angeklagten, der durch sein Rauchen, seine falsche Ernährung oder zu wenig Sport seine Krankheit selbst verschuldet hat und nun der Solidargemeinschaft zur Last fällt. Alle Angaben des Patienten, die dem propagierten Schema der Krankheitsentstehung bestimmter Krankheiten widersprechen, werden vom Arzt mit Ungläubigkeit zur Kenntnis genommen und distanzierend in ärztlichen Berichten festgehalten. Es versuche doch einmal ein Patient mit „hohen Leberwerten“ einen Arzt davon zu überzeugen, dass er nur selten Alkohol oder gar keinen Alkohol trinkt! Die Situation ist durch das Anspruchsdenken des Arztes bestimmt, nur er könne wissen, was dem Patienten fehlt, denn er verfügt ja über die wissenschaftlichen Mittel, dieses zuverlässig festzustellen. Dennoch glaubten im Jahr 2003 bei einer Befragung 19% der Bevölkerung, mindestens einmal im Leben von einem Arzt falsch behandelt worden zu sein. Ergebnisse von Untersuchungen an den Verstorbenen in einzelnen Städten lassen den Schluss zu, dass in solchen Zahlen nur die Spitze eines Eisbergs zu sehen ist. Hier ergaben sich Anteile von 20% bis 40%, bei denen die auf dem Totenschein angegebene Todesursache nicht mit dem Befund der Nachuntersuchung übereinstimmte. Diese Fakten haben dazu geführt, dass selbst in der Ärztepresse zur „zweiten Meinung“ geraten wird – was einen zusätzlichen Aufschwung des Medizinbetriebs garantiert, aber an den Ursachen nichts ändert

Nicht zuletzt wegen dieser Situation ist auch das Vertrauen in die ärztlichen Verordnungen sehr gering. Hinzu kommt die mangelnde Vertrauenswürdigkeit der Medikamente, die vom Arzt verschrieben werden und die mit kleingedruckten Beipackzetteln geliefert werden, die im Normalformat eine ganze Broschüre ausmachen würden. Wer auf solche Medikamente angewiesen ist, hat es sich oft schon abgewöhnt, die Neben- und Wechselwirkungen sowie die Gegenanzeigen durchzulesen, da diese dazu geeignet sind, einen Nozebo-Effekt zu erzeugen. Böse Zungen behaupten sogar, die meisten Menschen würden am Ende nicht an ihrer Krankheit sterben, sondern an den Vergiftungen durch Medikamente. Glaubwürdigen Berichten zufolge liegt die Einhaltung der Einnahmevorschriften (Compliance) bei etwa 50%. Die am Ende im Müll landenden Medikamente machen schon seit Jahrzehnten jährlich Milliardenbeträge aus. Bei alledem ist dem Patienten aber auch nicht geholfen, da Krankheiten zwar  oft wie von selbst verschwinden, bei schweren chronischen Krankheiten jedoch zu Siechtum und Tod führen und am Lebensende ein menschenwürdiges Sterben erschweren.

Die Hierarchie und bis zur Unüberschaubarkeit getriebene Spezialisierung innerhalb der Ärzteschaft führt zu Verwirrungen beim Patienten. Nicht nur für Juristen gilt die Lebensweisheit:“Frage 10 Juristen und Du erhältst 10 Meinungen.“ Die Sprache bietet eben viele Möglichkeiten. Die Sprache ist es aber auch, die den Verständigungsprozess zwischen Arzt und Patient trägt. So kommt es, dass einerseits die von zwei Ärzten getroffenen Aussagen mit gleichem Inhalt vom Patienten unterschiedlich bewertet werden. Hierbei kommt es auf das Sprachvermögen der Beteiligten und das Bemühen um echte Kommunikation an. In der Arztpraxis liegt eher eine ungünstige Gesprächssituation zwischen dem oft hochspezialisierten Arzt und dem nur in seltenen Fällen auf gleichem Sprachniveau sprechenden Patienten an. Diese Situation lässt die Aufklärungspflicht des Arztes in vielen Fällen zu einer lästigen Pflicht verkommen. Schwieriger für den Patienten wird es, wenn er z. B. von seinem Hausarzt zu verschiedenen Fachärzten geschickt wird, die für den Patienten eindeutig zu verstehende unterschiedliche Beurteilungen der Krankheit mit unterschiedlichen Medikationsvorschlägen zur Folge haben. Diese Situation kommt sowohl bei niedergelassenen Ärzten, wie auch in Krankenhäusern vor. Am Ende entscheidet der überweisende Hausarzt bzw. der Stationsarzt, wie mit den eingeholten Facharztberichten zu verfahren ist. Solche Situationen entstehen vor allem bei Mehrfacherkrankungen wie z. B. bei einer Kombination aus Diabetes, Herz-/Kreislauferkrankungen und Nierenerkrankungen. In diesem Zusammenhang besteht ein spezielles Problem darin, dass für alle wichtigen Erkrankungen medizinische Leitlinien – in den meisten Fällen – von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) herausgegeben werden. Diese Leitlinien sind zwar rechtlich nicht verbindlich und müssen auf den Einzelfall angepasst werden, sie führen jedoch bei Mehrfacherkrankungen und/oder mehreren beteiligten Ärzten – z. B. einem Internisten und einem Kardiologen, der ein Spezialist innerhalb des Fachgebiets der Inneren Medizin ist – manchmal zu  Disputen, die auf dem Rücken der Patienten ausgetragen wird. Darüber hinaus führen diese Leitlinien bei Ärzten zu einem Dogmatismus, der bei einem Arztwechsel zu unterschiedlichen Behandlungen derselben Krankheit beim selben Patienten führen kann, bei diesem ein Staunen auslöst und das Misstrauen gegenüber den Ärzten verstärkt.

Eine ambulante Versorgung durch Notdienstpraxen ist durch die kassenärztlichen Vereinigungen nicht flächendeckend gewährleistet. In Westfalen wird z. B. auf die Krankenhäuser verwiesen. Das führt dazu, dass auch solche Patienten, die nachts, an Wochenenden oder an Feiertagen Hilfe bei nicht lebensbedrohlichen Erkrankungen benötigen bei der Notaufnahme im Krankenhaus landen und dort in vielen Fällen stationär aufgenommen werden. Dabei kann es passieren, dass ein Patient mit Nierenkoliken – also Nierensteinleiden – die zum wiederholten mal auftreten nicht mit schmerzstillenden Mitteln versorgt wird bis er zu einem Urologen in die Praxis gehen kann, sondern in einem Krankenhaus, das gar keine urologische Abteilung besitzt, langwierig auf alles mögliche hin untersucht wird – nur nicht auf Nierensteine, da die entsprechenden Geräte und das Personal für die Diagnostik fehlen. So etwas kann man auch als unterlassene Hilfeleistung bezeichnen! Darüber hinaus führt es zu unnötigen Kosten im Gesundheitssystem und zusätzlichen Belastungen des Patienten.

Trotz großer Medienkampagnen gegen die Einflussnahme von Pharmaunternehmen und Medizin-Produktherstellern (z. B. künstl. Herzklappen) in den letzten Jahren hat man als Patient den Eindruck, dass man bei bestimmten Leiden wie Arthrosen im Knie oder im Hüftgelenk von den Ärzten mehr als Kunde denn als Patient angesehen wird. Das gleiche gilt z. B. bei Geräten wie tragbaren Defibrillatoren bei bestimmten Herzerkrankungen oder Anti-Schnarch-Masken beim Schlafapnoe-Syndrom. Solche Geräte sind für die Patienten sehr belastend und werden hinsichtlich ihrer Effizienz und Verlaufskontrolle nur unzureichend begleitet. Ohne die Zusammenhänge genau zu durchschauen geraten Patienten mit Hilfe von Ärzten so in die Rolle des Anwalts für Firmeninteressen.

Die Verordnung von Insulin, Cholesterinsenkern und anderen Präparaten wird bei verschiedenen chronischen Krankheiten als Standard praktiziert. In Krankenhäusern wird Diabetikern, die bisher mit Diät und Tabletten auskamen keine individuell angepasste Ernährung geboten. Statt dessen wird der Blutzuckerspiegel engmaschig überwacht und in mir bekannten Fällen vom Pflegepersonal in eigener Verantwortung durch Insulingaben reguliert – wenn es denn gut geht! So kommt der Patient schließlich an die Spritze und das Krankenhaus hat einen Fall mehr zu versorgen. Dieses muss vor dem Hintergrund gesehen werden, dass bereits seit einigen Jahren Bemühungen von Lobbyisten der Pharmaindustrie existieren, die von den medizinischen Laboren angegebenen Grenz- oder Zielwerte für einige weit verbreitete „Volksseuchen“ wie hohen Cholesterinspiegel, Blutzucker und Blutdruck zu senken. Die Senkung solcher Werte zieht große Zahlen neuer Patienten mit erkorenen Krankheiten nach sich und jeder neue Patient ist ein potentieller Kunde.

Die prekäre Personalausstattung und die Organisation im Krankenhaus führt zur Verlagerung von Verantwortungen auf niedrigere Hierarchieebenen. Persönliche Ansprechpartner für den Patienten innerhalb der Ärzteschaft gibt es nicht mehr. Stationsärzte wechseln in wöchentlichen bis täglichen Abständen. Sie tragen keine Namen mehr auf ihren Namensschildern sondern Bezeichnungen wie „ärztlicher Dienst“ oder ähnlich. Selbst das Pflegepersonal kennt zeitweise den diensthabenden Arzt nicht mehr und kann diesen auf Nachfrage des Patienten nicht benennen. Welcher Arzt den Patienten behandelt, ist auch auf den höheren ärztlichen Hierarchiestufen vom Engagement des Pflegepersonals abhängig. Die Behandlung des Patienten erfolgt unter diesen Bedingungen nach Standardabläufen, die eine individuell abgestimmte Reaktion auf die Situation des Patienten blockieren. So kann es passieren, das Patienten stundenlang in ihren Betten auf Fluren oder in Untersuchungsräumen vergessen werden, weil sich plötzlich keine Station mehr für sie zuständig findet, oder die Entlassung aus der stationären Behandlung zum Wochenende zwar nach Auffassung des Stationsarztes medizinisch möglich wäre, der entscheidende Oberarzt jedoch gerade nicht anwesend ist und somit eine Entlassung nicht verantwortet werden kann.

Die Verhältnisse, die ich hier in Ausschnitten angesprochen habe, müssen nicht in jedem Punkt repräsentativ sein. Es sind jedoch strukturelle Merkmale erkennbar, die den Einfluss des Wirtschafts- und Finanzsystems auf das Gesundheitssystem als „unsichtbare Hand“ hinter den Entwicklungen als wahrscheinlich erscheinen lassen. In dieser Beziehung sind die Schaffung neuer Bedarfe durch wissenschaftlich-technischen Fortschritt – der wie bei der Weiterentwicklung von Generika z. B. oft nur ein Scheinfortschritt ist – zentrale Kennzeichen kapitalistischen Wirtschaftens. Die Ausstattung der Patienten mit persönlichen Medizingeräten, die Neubewertung von Therapien auf der Grundlage fragwürdiger Gutachten mit weitreichenden Konsequenzen für die Patienten sind prägnante Beispiele für die Erfüllung des Zwangs der kapitalistischen Geldwirtschaft, ständiges Wachstum zu produzieren und der menschlichen Imagination freien Lauf zu lassen, um immer neue Produkte zu schaffen, die neue (Schein)-Bedürfnisse befriedigen. Die Fähigkeit zur Imagination erweitert hierbei die alte Fortschrittsidee und ist zu einem wichtigen Produktionsfaktor geworden, der die Arbeit und die Energie ergänzt und ein ständiges weiteres Wachstum durch die Erweiterung der Nachfrage ermöglicht. Dabei ist die Erzielung eines Mindestwachstums zur Erhaltung des Systems von solch immanenter Bedeutung, dass „Kollateralschäden“ in der Natur und beim Menschen in Kauf genommen werden.

 

Veröffentlicht unter Erzählungen, Meinung, Streifzüge, Trends | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Onkel Heini

Onkel Heinrich – in der Familie immer nur münsterländisch Hinnink oder Heini genannt – war Anfang der neunziger Jahre in betagtem Alter in Westbevern gestorben. Er war eines von 7 Kindern gewesen und der zweite von vier Brüdern, die den zweiten Weltkrieg überlebt hatten. Sein ganzes Leben lang war er nicht über die engere Heimat, die gerade noch die Nachbardörfer von Westbevern erfasste, hinausgekommen. Seine Welt konnte er noch gut mit dem Fahrrad als seinem einzigen Verkehrsmittel durchfahren. Als Kind traf ich ihn häufig sonntags bei meiner Tante in Telgte, wenn er dort zum Kirchgang war. Bis zum mittleren Alter bediente er sich seines Fahrrads, mit zunehmendem Alter nahm ihn der Bauer häufig in seinem Auto mit. So wurden die Besuche bei seiner Schwester immer seltener und irgendwann hörten sie auf. Von jenem Zeitpunkt an drehte sich die Besuchsrichtung um und Onkel Heini geriet nur sporadisch aus besonderen Anlässen in mein Blickfeld.

Wie alle seine Geschwister war Onkel Heini „in Stellung„, das bedeutete für ihn – wie für die übrigen Geschwister mit Ausnahme meiner Mutter – er war  bei einem Bauern als landwirtschaftliche Hilfskraft tätig. Das Verhältnis zwischen ihm und dem Bauern ging weit über ein Arbeitsverhältnis hinaus, er hatte nahezu die Stellung eines „Öhm anne Muer„, d. h. eines unverheirateten Bruders des Bauern, der sich dem Hof zur Verfügung stellte. Diese Rolle ging zurück auf das jugendliche Alter, in dem Onkel Heini seinen Dienst antreten musste und den Umstand, dass er in seiner geistigen Entwicklung hinter seinen Geschwistern zurück geblieben war und Bettnässer war. Diese Handicaps wurden in der Kommunikation der Familienmitglieder unter dem Synonym „tirpken“ zusammengefasst. Die Bedeutung dieses Wortes hat sich mir bis heute nicht erschlossen und es hat diesem Onkel einen Hauch von Geheimnis verliehen. Auch ohne diesen Nimbus hatte die Persönlichkeit bei mir tiefe Eindrücke hinterlassen. Sein gesundes Aussehen mit der kräftig roten Farbe im runden Gesicht und die fragende naive Redeweise erzeugten bei mir den Eindruck ursprünglicher und unschuldiger menschlicher Natur. So ist es wohl zu erklären, dass sich am Tag seiner Beisetzung nach Jahren der nur sporadischen Kontakte zu ihm eine tief empfundene Trauer bemerkbar machte.

Bereits im Kindesalter hatte mir der Großvater vom Leben in den Dörfern des Münsterlandes erzählt und auch die Zeiten der Kriege nicht ausgespart. Hierzu gehörten seine Erlebnisse in den Schützengräben von Verdun mit den grausamen Gefahren durch Gasangriffe und sein Stolz auf seine Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz. Aus seinen Erzählungen aus der Zeit des Nationalsozialismus ist mir in Erinnerung geblieben, dass er seinen Sohn Heinrich, eben jenen Onkel Heini, vor dem Zugriff durch die Nationalsozialisten gerettet hatte, indem er persönlich bei der Gemeindeverwaltung gegen die schriftlich angeordnete Zwangssterilisation seines Sohnes protestierte. Seinen Widerspruch zum Nationalsozialismus hatte er offen zum Ausdruck gebracht, indem er den Hitlergruß verweigerte und dem ein „grüß Gott“ entgegen setzte. Damit befand er sich vereint in dem breiten Widerstand des münsterländischen Katholizismus gegen den Nationalsozialismus, der zu einer vorsichtig taktierenden Haltung der politischen Institutionen im Münsterland geführt hatte.

Onkel Heini verkörperte für mich auf Grund seiner Errettung vor den Nazis einen lebenden Beweis für Zivilcourage und den Sinn authentischen Widerstandes gegen lebensverachtende Systeme.

Veröffentlicht unter Allgemeines, Erzählungen, Politik | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar