Deutschland nach der Wahl in Bayern – vor der Landtagswahl in Hessen 2018

Parteiprogramme und Wahlhilfen wie Wahl-O-Mat sind eine Sache, die der Volksweisheit gehorchen: „Papier ist geduldig„. Parteiprogramme landen spätestens am Wahlabend in den Archiven der Parteizentralen und haben als Druckerzeugnisse in Papiercontainern ihr trauriges Ende gefunden. Darüber hinaus hat sich bei der Landtagswahl in Bayern gezeigt, dass die Einflüsse aus der Bundespolitik und die entsprechenden irrationalen Kampagnen der Parteien die Landespolitik in den Schatten stellen. Daher ist es sinnvoll, das bundespolitische Werteprofil der Parteien mitzubetrachten. Es erscheint mir auch informativer zu sein, die zur Wahl stehenden Politiker danach zu beurteilen, welche Alleinstellungsmerkmale sie in den Vordergrund zu rücken versuchen, als sich auf wohlfeile Versprechungen in Wahlprogrammen zu verlassen, die in Koalitionsverhandlungen nichts mehr wert sind.

In diesem Beitrag versuche ich, die Erfahrungen der gerade stattgefundenen Landtagswahl und die Situation vor der Landtagswahl in einen Gesamtzusammenhang zu stellen und darüber hinaus die politischen Schwerpunkt-Themen der zur Wahl stehenden Spitzenkandidaten aus dem Wust an Informationen, die täglich von den Medien erzeugt werden, herauszufiltern.

WMem-Vergleich Deutschland 2012-2018

Vergleich der Wertewelten für Deutschland 2012 und 2018 (links)

In der ersten Grafik ist die Entwicklung der Wertewelt von Deutschland in den vergangenen 6 Jahren abzulesen. Kennzeichen dieser Entwicklung ist der leichte Anstieg von Grün und die daraus resultierende Ausbildung eines aufkeimenden Bewusstseins in der zweiten Ordnung der Entwicklungsspirale, das sich in einem deutlich wahrnehmbaren Gelb zeigt. Für das Gelingen dieser Entwicklung ist das ebenfalls ablesbare stabile Blau Voraussetzung. Das diese Veränderungen zu Lasten von Orange stattfinden ist folgerichtig und angemessen. Es kann sich bei dieser Entwicklung jedoch nur um den Beginn eines Prozesses handeln, der sich in der zweiten Ordnung in der Entwicklung eines deutlich ausgeprägten Türkis und eines weiter wachsenden Grün zeigen muss. Wertewelten der Parteien in Deutschland als Balkengrafik - Oktober 2018

In der oben stehenden Grafik sind die Wertewelten der im Bundestag vertretenen Parteien (mit Ausnahme der CSU) zu sehen, deren Vergleich einen Eindruck von der politischen Situation des Landes vermittelt. Zunächst fällt auf, dass die Wertewelten von Bündnis 90 / Grüne und „Die Linke“ weitgehend gleich sind und sich in der Struktur der Wertememe dem Bild von Deutschland annähern. Ihre Differenz zu Deutschland ist in einer Überbetonung von Orange zu Lasten von Blau und Grün zu sehen. In der Ähnlichkeit der beiden Parteien kann ein Argument für die von der Linken-Politikerin Wagenknecht angestrebte Sammlungsbewegung „Aufstehen“ gesehen werden, jedoch fehlt es dazu an einer dazu passenden SPD. Diese könnte allerdings als Korrektiv innerhalb einer Koalition aus drei Parteien (Grüne-SPD-Linke) fungieren. Solange eine Lagermentalität in alten Schemata wie links-rechts, konservativ-fortschrittlich oder nationalistisch-europäisch in Parteien gepflegt wird, können die sich abzeichnenden Veränderungen des Wahlverhaltens nicht in Politik umgesetzt werden. Unter diesem Aspekt gesehen zeigt die Grafik ganz deutlich die treibende Kraft der AfD mit ihrem überbetonten Blau, die zur Koalition aus CDU/CSU und SPD drängt und bei Bedarf auch die FDP einbeziehen wird. Sollte sich die SPD tatsächlich aus der Umklammerung national-konservativer Kräfte lösen wollen, so reichte dazu nicht ein nur formaler Schritt aus, wie es das Verlassen der großen Koalition wäre, sondern es müsste ein struktureller Wertewandel vor sich gehen, der zu einer Verlagerung von Macht in Richtung Grüne und Linke führen wird. Solch ein Schritt bedeutet einen Einschnitt, der eine ähnliche Tragweite hat, wie das Godesberger Programm, mit dem die SPD den Schritt zur kapitalistischen Volkspartei getan hat – das Ergebnis wäre jedoch offen.

Parteien in einer Demokratie mit kapitalistischem Überbau unterliegen Dynamiken, die sie nicht beherrschen. Darin drücken sich ihre Schicksale aus. Zu diesen Schicksalen gehört auch das Erlöschen ihrer Namen, wie das Beispiel der italienischen Democrazia Cristiana zeigt, was jedoch nicht das Erlöschen politischer Ideen bedeutet. Was die Politiker der SPD in dieser für sie schicksalhaften Zeit lernen sollten, ist Demut vor den Wählern und die Offenheit, neue politische Verbündete zu finden. Ein unumgängliches Signal zu einem solchen Neuanfang wäre das Eingeständnis jenes Kardinalfehlers, der mit dem Begriff Harz IV bezeichnet wird und die sofortige Aussetzung von Stafmaßnahmen gegen Arbeitnehmer.

In den folgenden Grafiken werden die Wertewelten der Kandidaten zur hessischen Landtagswahl nach dem System der Spiral Dynamics dargestellt. Diese Darstellungen geben einen Eindruck von dem Kräftefeld, in dem sich die jeweilige Person bewegt. In einem weiteren Schritt stelle ich die Kandidaten im Spiegel von 8 Themenkomplexen dar, die zu den wichtigsten Aufgaben der Landespolitik gehören. Es handelt sich dabei um

  • die Baupolitik, die aus Sicht der Wähler summarisch in den Wohnungsmieten zum Ausdruck kommt,
  • die Bildungspolitik, die durch das Schlagwort „Schule“ abgebildet wird,
  • die innere Sicherheit, die durch den Begriff „Kriminalität“ erfasst wird,
  • das Querschnittsthema Ausländer, das durch das Schlagwort „Flüchtlinge“ zum Ausdruck gebracht wird,
  • den Verkehr, der keiner weiteren Umschreibung bedarf,
  • die Umwelt, die ebenfalls keiner weiteren Umschreibung bedarf,
  • die Wirtschaft, die nicht zu den originären Aufgaben des Staates gehört und nur in begrenztem Umfang gemeit ist, jedoch sprachlich nur schwer einzugrenzen ist. Der hierfür am besten passende Begriff wäre „Staatsquote“, dieser Begriff ist jedoch nicht allgemein gebräuchlich;
  • die Verbraucherpolitik, die alle Menschen innerhalb der Landesgrenzen angeht, jedoch in besonderem Maße Bedeutung für Sozialschwache und bildungsferne Bevölkerungsteile große Bedeutung hat. Sie wird durch die Benennung der Adressaten eindeutig bezeichnet.

Nachfolgend werden die Ergebnisse der Untersuchungsschritte grafisch dargestellt und kommentiert. 

WMeme Parteien in Hessen

Wertewelten der Parteien in Hessen im Vergleich zum Land als Ganzes

In dem oben stehenden Vergleich der Parteien in Hessen kommt deren Wirkungsrichtung im Bezug zum Land zum Ausdruck. Ein Vergleich kann nicht als absolute Feststellung erfolgen, sondern nur im Verhältnis zu anderen Parteien. So ist festzustellen, dass sich alle Parteien bezüglich Orange deutlich unterhalb des Landesniveaus befinden, Grüne und Linke wesentlich weniger als die anderen Parteien, AfD und CDU in gleichem Maße, die SPD etwas abgeschwächt und die FDP in einer mittleren Position. In der Beziehung von Blau und Grün zu den Landeswerten unterscheiden sich AfD und CDU deutlich voneinander, hier zeigt sich dagegen große Übereinstimmung zwischen CDU und SPD. Letzteres gilt ebenfalls für Grüne und Linke.

Kandidaten Landtagswahl Hessen 2018

Wertememe der Spitzenkandidaten zur Landtagswahl in Hessen 2018

In der Betrachtung der Kandidaten zeigen sich strukturell – mit Ausnahme des AfD-Kandidaten – keine Brüche. Bei allen ist Orange das dominierende Wertesystem, jedoch mit deutlichen Unterschieden. Den Spitzenwert erreicht der CDU-Kandidat, gefolgt vom SPD-Kandidaten, deutlich davon abgesetzt auf gleichem Niveau die Kandidaten von Grünen und FDP und schließlich die Kandidatin der Linken. Besondere Akzente stellen das starke Grün bei der Grünen-Kandidatin und das starke Blau bei dem AfD-Kandidaten dar. Bei der Kandidatin der Linken ist auf das starke Rot und das im Gleichgewicht befindliche Verhältnis von Blau und Grün hinzuweisen. Das Niveau von Orange bei den Kandidaten von CDU und SPD hebt sich deutlich von dem ihrer Parteien ab. Hierin werden Zweckoptimismus und die Hervorhebung eigener Regierungsleistungen mit zum Ausdruck kommen. Im Sinne der Werthaltung stellen sie eine gefährliche Selbstüberschätzung dar, die vom Wähler eher bestraft als honoriert wird.

Kandidaten LT-Wahl Hessen 2018

Themen der Spitzenkandidaten zur Landtagswahl in Hessen 2018

Wenn es bei der Landtagswahl um die Fragen geht, die für das Leben der Menschen wichtig sind und um das Interesse der Politiker an diesen Fragen, so gibt die oben stehende Grafik Auskunft über die öffentliche Wahrnehmung der Spitzenkandidaten in dieser Hinsicht. Bei den 8 untersuchten Politikfeldern zeigen sich Spitzenwerte in den Themenbereichen Wirtschaft und Verkehr, die bei allen Kandidaten an erster Stelle liegen – mit Ausnahme der Kandidatin der Grünen, bei der die Verbraucherpolitik den Vorrang hat. Die Verbraucherpolitik nimmt jedoch auch bei den Kandidaten von CDU und SPD einen hervorgehobenen Stellenwert ein. Besondere Akzente werden darüber hinaus von der Kandidatin der Grünen im Politikfeld Umwelt, von dem Kandidaten der FDP im Politikfeld Schule und von dem Kandidaten der AfD im Politikfeld Flüchtlinge gesetzt. Auffallend ist, dass die anderen Kandidaten sich nicht von der AfD im Flüchtlingsthema fesseln lassen haben. Eine hervorgehobene Bedeutung hat auch das Thema Kriminalität bei den Kandidaten von AfD und Grünen. Eine geringe Wahrnehmung gibt es jedoch – entgegen der immer wieder von den elektronischen Medien hervorgehobenen Bedeutung – für das Thema Wohnungsmieten. Es drängt sich hierzu der Eindruck auf, dass es sich dabei um ein stellvertretendes Thema für die angespannte Einkommenssituation großer Bevölkerungsteile handelt, wobei eine räumliche Komponente (Ballungszentren) einbegriffen ist, handelt.

Themenschwerpunkte Hessen 2018 im Vergleich

Themenschwerpunkte der Spitzenkandidaten zur Landtagswahl in Hessen 2018 – Vergleich mit dem Durchschnitt aller Kandidaten

In der vorstehenden Grafik werden die Stärken und Schwächen der Kandidaten innerhalb der Themensetzung am Durchschnitt aller Kandidaten dargestellt. Hier bestätigen sich die bereits zuvor festgestellten Stärken, es werden jedoch auch die Schwächen gut sichtbar. Diese liegen beim CDU-Kandidaten in den Themen Schule und Umwelt, bei der Grünen-Kandidatin bei den Themen Wirtschaft und Verkehr, bei der Linken-Kandidatin bei den Themen Verbraucher und Umwelt, bei dem FDP-Kandidaten bei den Themen Verkehr und Verbraucher und bei dem AfD-Kandidaten ebenfalls bei den Themen Verkehr und Verbraucher. Den Durchschnitt bildet nahezu ideal der Kandidat der SPD ab, der unter diesem Aspekt gute Aussichten auf einen Wahlerfolg hat. Hiermit ist jedoch nichts über die Qualität der Sachaussagen zu den einzelnen Themenkomplexen gesagt, sondern es ist lediglich festgestellt, dass er in allen Themenkomplexen gut wahrgenommen wird – worin eine Grundbedingung für einen Wahlerfolg zu sehen ist.

 

 

 

 

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Hessen vor der Landtagswahl 2018

Zwei Wochen trennen die Wahlbürger in Hessen von ihren Möglichkeiten, über den weiteren politischen Weg ihres Bundeslandes mitzubestimmen. Aus den Erfahrungen mit dem politischen System in Deutschland wurden in jüngster Zeit von verschiedenen Seiten der politischen Beobachter eher deprimierende Schlüsse über den politischen Stellenwert von Wahlen gezogen – und das ist nicht unbegründet -, doch wäre es verfehlt, den Sinn von Wahlen generell und total in Abrede zu stellen. Zumindest in sozioökonomischer Hinsicht und in Ökologischer Hinsicht stehen mit den Parteien „Die Linke“ und „Bündnis 90/Grüne“ politische Hoffnungsträger auf existentiell wichtigen Politikfeldern zur Wahl, an denen der „Zahn der Zeit“ noch kein Siechtum herbeigeführt hat. Unter diesem Aspekt stellt die AfD – wenngleich formal noch jung – keine Alternative dar, da sie bemüht ist, sich außerhalb der Zeit zu positionieren und daher als Geschichtsblinde einer politischen Eugenik zu unterziehen ist.

Nach dieser Vorrede möchte ich nun den Vorhang des Politiktheaters etwas transparenter machen und mit Hilfe der in diesem Projekt verwendeten Methode die Wertewelten der aussichtsreichsten Parteien zur Landtagswahl in Hessen darstellen. Dabei werden die Wertewelten dieser Parteien im Bezug auf die fünf Großstädte Hessens einmal als isolierte Stadtergebnisse und in einem weiteren Schritt im Vergleich zum Durchschnitt aus allen Großstädten dargestellt. Zusätzlich werden die Ergebnisse der Parteien für das gesamte Bundesland als Balkengrafik dargestellt.

In der oben stehenden Galerie sind die Ergebnisse für sechs Parteien dargestellt. Für jede Partei ist ein Vergleich der Werte mit dem ebenfalls dargestellten Bundesland als Gesamtheit möglich. Zunächst ist bei unscharfem Hinsehen auf die Übersicht der Grafiken festzustellen, dass sich das Bild der CDU (oben  links) deutlich von den anderen Bildern unterscheidet. Dieser Unterschied wird wesentlich durch ein deutliches Zurücktreten der WMeme Grün und Blau gegenüber allen anderen Parteien bewirkt. Als Folge davon sind in allen Großstädten vergleichsweise hohe Anteile von Orange zu sehen. Die größte Nähe zur Wertewelt der CDU findet sich bei der AfD, womit sich der in der öffentlichen Warnehmung entstandene Eindruck bestätigt. Eine weitere Auffälligkeit besteht in einer Ausnahme von dem allgemeinen Bild der Großstädte und betrifft die Stadt Offenbach. Für diese Stadt sind auch bei der CDU mit den anderen Parteien vergleichbare Anteile von Blau und Grün vorhanden. Ob die beschriebene Situation der CDU von besonderen örtlichen Bedingungen, von der Wahlkampfstrategie, der Rolle als Regierungspartei oder den Parteistrukturen und deren programmatischer Ausrichtung bestimmt ist, kann nicht mit Verlässlichkeit differenziert werden. Wahrscheinlich ist eine Mischung aus allen Faktoren für dieses Ergebnis bestimmend. Ein Hinweis auf ein starkes Gewicht der politischen Ausrichtung ist jedoch mit der hohen Übereinstimmung zwischen der Wertewelt von Frankfurt und der CDU im Landesvergleich feststellbar, die es nur noch bei der AfD in angenähertem Maße gibt.

Das zweite übergreifende Ergebnis einer summarischen Betrachtung ist die Wertewelt im Bezug auf Offenbach. Darin zeigt sich bei allen Parteien das im Vergleich der Städte schwächste Orange und dementsprechend der stärkste Anteil des Komplexes Blau/Grün, wobei bis auf „Die Linke“ bei allen Parteien Grün den stärkeren Anteil hat. Als Industriestadt mit langer Tradition und dem höchsten Anteil an Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Deutschland (60%) ist Offenbach auch durch eine traditionell sozialdemokratisch ausgerichtete Kommunalpolitik geprägt. Diese Einflüsse kommen in dem quer durch alle Parteien gehenden Einfluss von Grün zum Ausdruck. Darüber hinaus zeigen sich als konsequente Entwicklung einer Grün bestimmten Tradition deutliche Spuren von Wertesystemen der zweiten Ordnung. Bei der CDU ist es Türkis, bei den anderen Parteien ist es überwiegend Gelb, worin diese Entwicklung ablesbar wird. Zwar trifft diese Feststellung auch für die AfD zu, jedoch mit der Einschränkung, dass es sich hierbei – zumindest in einem erheblichen Umfang – um zweckgerichtete Romantisierung  in der Art einer Prä-/Transverwechslung handelt. Als deutlicher Hinweis in diese Richtung kann der große Anteil von vorrationalem Rot bei der AfD gelesen werden. Allerdings gilt diese Einschränkung auch für die anderen Parteien – jedoch nur eingeschränkt für die SPD.

Die Wertewelt der SPD ist wie die aller Parteien durch Orange gekennzeichnet. Jedoch sind deutliche Unterschiede in der geografischen Verteilung zu sehen. Hierbei ist der Ausprägungsgrad auf Landesebene nahezu als Mittelwert der Großstädte anzusehen. Den höchsten Wert erreicht Orange in Frankfurt, den niedrigsten erreicht es in Offenbach. Das Verhältnis von Blau zu Grün, welches für die Stabilität innerhalb des Gesamtsystems von ausschlaggebender Bedeutung ist, stellt sich bei der SPD nahezu ausgewogen dar. In der Stärke dieser beiden Wertesysteme unterscheiden sich SPD und CDU erheblich. Hierbei ist in dem wuchernden Orange ein strukturelles Problem der CDU zu sehen, das eine gesunde Entwicklung innerhalb der Wachstumsspirale verhindert. Demgegenüber kann innerhalb des dargestellten Parteienspektrums jede andere politische Konstellation – unter Ausschluss der AfD – für die Regierungsbildung als geeigneter angesehen werden, als die derzeitige Regierungspartei sich darstellt.

Das Niveau von Orange ist bei Bündnis 90 / Grüne insgesamt niedriger als bei allen anderen Parteien. Dagegen sind die Anteile von Rot hier am stärksten. Für weitere vergleichende Betrachtungen wird auf die folgende Galerie Bezug genommen.

Im Vergleich der Parteien mit ihrem arithmetischen Mittel in den Großstädten treten die bereits augenscheinlich erfassten Besonderheiten deutlich hervor. Zusätzlich sind jedoch noch einige Merkmale abzulesen, die im Bereich der kleinen Zahlen liegen und das Bild der Parteien vervollständigen.

Neben Frankfurt zeigt auch die Landeshauptstadt Wiesbaden bei allen Parteien ein überdurchschnittlich starkes Orange. In der Wertewelt der FDP nimmt es sogar den Rang vor Frankfurt ein. Darüber hinaus spielt Orange bei CDU und SPD auch in Kassel eine überdurchschnittliche Rolle. In Darmstadt besteht ein erhöhtes Gewicht von Orange bei der CDU und der Partei „Die Linke„. Es ergibt sich daraus für die CDU das Bild der politischen Heimat von Orange, die sie von allen anderen Parteien unterscheidet, jedoch auch eine Anfälligkeit für persönliche Ambitionen darstellt, die mit dem demokratischen Anspruch der Partei im Widerspruch stehen. Diese Problematik spiegelt sich in durchgehend unterdurchschnittlichem Grün wider, wie es auch bei der AfD zu sehen ist.

Besonders hervorzuheben sind die unterdurchschnittlichen Anteile von Blau und Grün, bei der CDU im Bezug auf alle Großstädte, außer Offenbach, bei der SPD im Bezug auf Frankfurt, Wiesbaden und Kassel, bei den Grünen im Bezug auf Frankfurt und Wiebaden, bei der FDP im Bezug auf Frankfurt, Wiebaden und Darmstadt und bei der Partei „Die Linke“ im Bezug auf Frankfurt. Hierbei stellt sich die Situation für Frankfurt als besonderes Problem dar, da offensichtlich keine Partei in der Lage ist, Werte zu mobilisieren, die eine angemessene Entwicklung von Frankfurt fördern. Besonders ausgeprägt ist dieser Mangel bei den traditionellen Volksparteien CDU und SPD zu sehen. Dagegen ist bei der SPD im Bezug auf Darmstadt ein unterdurchschnittliches Orange mit überdurchschnittlichem Komplex aus Blau und Grün zu sehen.

Neben der bereits weiter oben angesprochenen Sonderrolle von Offenbach am Main – auf die hier nicht näher eingegangen wird, da hierzu vertiefte Kenntnisse der Situation vor Ort erforderlich sind – zeigen sich auch in den Wertewelten von der Partei „Die Linke“ und der FDP im Bezug auf Kassel Besonderheiten. In der Wertewelt der Linken spielt Grün eine weit überdurchschnittliche Rolle, die ein Resultat der Schwäche bei anderen Parteien – insbesondere CDU und SPD – sein kann. Mit der Linken konkurriert diesbezüglich die FDP, jedoch gehemmt durch überdurchschnittliches Blau. Im Bezug auf Kassel sind in der Wertewelt der Grünen überdurchschnittliche Anteile von Rot und Blau zu sehen, die einerseits auf egozentrische Einflüsse und andererseits auf betont rationale Einflüsse hinweisen. Eine weitere Konkurrenzsituation besteht im Zusammenhang mit Darmstadt zwischen SPD und AfD. Hier zeigt sich bei der AfD ein überdurchschnittlicher Anteil von Blau, der anders als bei der SPD nicht durch hemmendes Grün „gefesselt“ ist.

Im Bezug auf die AfD ist auch in Hessen der Einfluss vorrationalen Denkens in Purpur zu sehen, der vermutlich aus rückwärtsgewandten romantisierenden Vorstellungen herrührt und auch rassistischen und nationalistischen Bestrebungen eine politische Heimat bietet. 

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Bayern vor der Landtagswahl 2018

Selten hat eine Landtagswahl eine so große Bedeutung für das politische System Deutschlands erhalten, wie die am 14. Oktober 2018 stattfindende Landtagswahl in Bayern. Hierfür können mehrere Ursachen gefunden werden. Die von CDU/CSU und SPD gebildete Bundesregierung stellt eine Schicksalsgemeinschaft aus einer zunehmend dahinsiechenden SPD, einer in wesentlichen Fragen sozialer Gerechtigkeit gespaltenen CDU und einer konkurrenzgetriebenen CSU unter einer schwachen CDU-Kanzlerin dar. Unter dem Verdikt der Staatsräson gebildet sind diese Parteien um den Preis der Abstrafung durch die Wähler zum Erfolg gezwungen. Es drängt sich der Vergleich mit einer Ehe auf, die zum Wohle der Kinder aufrecht gehalten wird, jedoch jeder Harmonie zwischen den Eheleuten entbehrt.

In dieser Konstellation kommt der CSU als Dauerpartner der CDU in der Bundespolitik ein größeres Gewicht zu, als sie es jemals in einer großen Koalition hatte. Zwar hatte sie schon immer die Möglichkeit – wie zu Zeiten eines FJ Strauß und dem Kreuther Beschluß, – die Parteienlandschaft in Deutschland in Bewegung zu bringen, doch fehlte hierzu das in der Wählerschaft notwendige Verständnis. Mit dem Auftauchen der AfD ist dieses argumentative Hindernis weggefallen und es kann ungeniert mit der Macht der Ämter taktiert werden.

Der Hang zum Ressentiment der „Weißwurstesser“ gegen die „Saupreißn“ hat sich in der Antwort eben dieser „Preißn“ weitgehend auf die multikulturellen Botschafter des FC Bayern München beschränkt, worin noch nie ein ernstes Problem gesehen wurde. Jetzt, wo dieser Hang der Bayern zum Ressentiment sich in der Flüchtlingspolitik breit machen möchte, besteht allerdings umso mehr Veranlassung dagegen zu halten. Wie weit die „Mutter aller Probleme“ – wie die Migration vom CSU- Bundesinnenminister Horst Seehofer bezeichnet wurde – die Annäherung der CSU an die AfD bewirkt hat, soll in diesem Beitrag ansatzweise aufgezeigt werden. Es kann jedoch nicht übersehen werden, dass die Propaganda und die ständige Medienpräsenz der AfD und ihrer Vorfeldorganisationen auch auf andere Parteien wirkt. Die Ergebnisse sind darüber hinaus eine Orientierung für die Wahlentscheidung am 14. Oktober.

In der nachfolgenden Tabelle sind die Wertewelten für die AfD in den einzelnen Stimmkreisen dargestellt. Die Stimmkreise stellen den Stand zur letzten Landtagswahl dar und sind deshalb nur für eine ungefähre Lageangabe der Stimmkreise gedacht.

AfD-Wertememe in Bayern

Wertewelten der AfD in bayrischen Stimmkreisen

Die ungefähre Lage der Stimmkreise kann der folgenden Grafik entnommen werden. Der Zuschnitt der Stimmkreise wurde seit der letzten Wahl modifiziert. Eine geeignete bereinigte Karte stand jedoch nicht zur Verfügung. Für einige Stimmkreise konnten keine separaten Daten erhoben werden, da ihre geografische Bezeichnung (z. B. NN-Ost, NN-West) keine allgemein übliche Bezeichnung darstellt und abfragetechnisch zu falschen Ergebnissen führen würde. Solche Stimmkreise wurden zu einem Stimmkreis unter der Bezeichnung des Hauptbegriffs (NN) zusammengefasst. Diese Stimmkreise sind in der unten stehenden Übersicht an der Aufzählung ihrer Nummern erkennbar.

Übersicht der verwendeten Raumeinheiten

Übersicht der bayrischen Stimmkreise mit Eintragung der Stimmkreisnummern entsprechend der für die Abfrage benutzten Aggregate

In der Tabelle sind die 8 Wertesysteme der Spiral Dynamics für die AfD in den einzelnen Stimmbezirken bzw. deren Aggregaten dargestellt und in vier Ausprägungsgraden unterschieden. Der Bedeutungsgehalt dieser Daten umfasst sowohl das Selbst– und Fremdbild von der Partei wie auch die Beziehungen der Partei zu der jeweiligen Raumeinheit in der Fremd- und Eigenwahrnehmung. Es handelt sich also um einen Komplex, der am besten durch den Begriff „Wertewelt“ ausgedrückt werden kann.

Es zeigt sich für die AfD ein sehr vielschichtiges Gesamtbild, dass auf ungefestigte Verhältnisse sowohl programmatisch wie personell hindeutet. Sehr prägnant kommt dieses in einigen Bereichen Bayerns zum Ausdruck, wo das allgemein in Deutschland dominierende WMem Orange durch Blau oder Grün als dominierende Wertesysteme ersetzt wird (siehe folgende Übersicht).

Wertewelten der AfD in Bayern

Übersicht über die dominierenden Wertesysteme der AfD in bayrischen Stimmkreisen

Auch dort, wo Orange den stärksten Einfluss auf die Welt der AfD hat, weist die Tabelle in der Mehrzahl im Verhältnis zu anderen Parteien und zum Gesamtsystem Deutschland geringe Anteile für dieses WMem aus. Hierin bestätigt sich ein relativ geringer Einfluss demokratischer und pragmatischer Bestrebungen. Damit im Zusammenhang steht auch eine Polarisierung zwischen ordnungsorientierten blauen Kräften und auf soziale Integrität bauenden grünen Kräften, wie sie in ca. einem Zehntel der Stimmkreise sehr deutlich und darüber hinaus in vielen weiteren Stimmkreisen etwas weniger deutlich zum Ausdruck kommen.

Besonders auffällig ist die Aktivität des Wertesystems Rot und der WMeme zweiter Ordnung (Gelb und/oder Türkis). Um die Bedeutung dieser Ergebnisse ermessen zu können, sind die realen Verhältnisse der AfD in Betracht zu ziehen, da es im Bezug auf die Wertesysteme zu verschleierten Verhaltensweisen und ambivalenten Wirkungen kommen kann (näheres zu den WMemen siehe die Erläuterungen dort). Hinsichtlich der hohen Anteile von Rot ist auf das von verbaler und körperlicher Gewalt gekennzeichnete öffentliche Auftreten der Partei in Partnerschaft mit rechtsextremen Gruppen, wie es erst küzlich in Chemnitz zu sehen war, hinzuweisen.

Die eigentliche Gefahr der neuen Rechten – und damit meine ich auch die AfD – besteht in der Wiederholung eines fundamentalen Missverständnisses, wie es von den Nationalsozialisten im Dritten Reich zum politischen Programm erhoben wurde. Ken Wilber nennt es die Prä/Trans-Verwechslung und erklärt sie so: „Letztlich ist die ganze deutsche Tradition ein Lehrbeispiel für die Prä/Trans-Verwechslung,
die zum einen einen Hegel und zum anderen einen Hitler hervorbringen
konnte. Gerade weil die deutsche Tradition mit solchem
Adel und solcher Intensität um den Geist rang, was ihr ewiges Verdienst
bleibt, war sie umso anfälliger für die Verwechslung von
prärationalen physischen und emotionellen Schwärmereien einerseits
und transrationaler Erkenntnis und transrationalem Gewahren
andererseits. »Blut und Boden«, »Zurück zur Natur« und der »edle
Wilde« – dies waren die großen Schlagworte unter dem Banner einer
romantischen Rückkehr zum Geist, einer Wiedergewinnung des
verlorenen Urgrunds, einer Rückkehr zum deus absconditus (Anm.: dem verborgenen Gott), einer mit Blut geschriebenen Offenbarung, die in das Fleisch derjenigen
eingeschnitten wurde, die der Reinheit des »Volkskörpers« im Wege
zu sein schienen. Und die Gaskammern standen als der stille Schoß
der Großen Mutter bereit, die immer über solchen Vorgängen waltet,
um all diejenigen aufzunehmen, die diese Reinheit zu schänden
schienen. Nicht seine Rationalität oder Transrationalität richteten
Deutschland zugrunde; vielmehr brachten seine reaktivierten prärationalen
Impulse die Festung zum Einsturz.“ Die hier angesprochenen geistigen Kräfte treten auf individueller Ebene in Gelb und auf kollektiver Ebene in Türkis auf.

Gelb und Türkis sind geistige Ebenen eines Bewusstseins, das die gesamte Bandbreite der Wertesysteme durchwirkt und ordnet, so dass ein Fortschritt in der Entwicklung der gesamten Spirale hin zu einem globalen Bewusstsein erreicht werden kann. Das setzt die Toleranz nebeneinader existierender Wirklichkeiten und die Bildung eines immanenten Bewertungssystems voraus. Entgegenstehende Regeln der Mehrheit werden unter Berufung auf höhere Vernunft bewusst ignoriert und führen zur Arroganz.  Die Handlungsebenen sind in Gelb bestimmt durch das „Was“ und „Wie“ und werden in dem kollektiven Türkis abgelöst durch das „Wer“ und „Warum„. Diese Bedingungen der Wertesysteme zweiter Ordnung haben zur Folge, dass die Handlungsempfehlungen selektiv und undogmatisch nach den jeweiligen Erfordernissen angepasst werden und auch undemokratisches Verhalten in Kauf nehmen müssen. Hieraus ergibt sich die Gefahr, dass unreflektierte Kräfte früherer Entwicklungsstufen nicht richtig eingeschätzt werden und gefördert werden, so dass sie zur Gefahr für die Gesamtentwicklung werden. Diese Prozesse sind gegenwärtig unter den Bedingungen nur schwach vorhandener Energien der zweiten Ordnung, jedoch sehr stark ausgeprägtem Orange in vielen Teilen der Erde zu sehen. Ein typisches Beispiel hierfür ist der internationale Waffenhandel, der nicht danach fragt, wer die Waffen bestellt und was er damit anfangen will oder könnte, sondern lediglich den eigenen persönlichen Erfolg im Auge hat.

Die Äußerungen führender AfD Politiker und deren Nähe zu rechtsextremistischen Gruppen sowie ihr Beharren auf der Rückführung von Flüchtlingen, Asylbewerbern, Asylanten und Migranten stellt eine Ignoranz gegenüber den eingetretenen Verhältnissen dar, die alles andere als kluges Verhalten im Sinne der obigen Erläuterungen darstellt und ist ein aktuelles innenpolitisches Beispiel für die Verwechslung von unreifem Bewusstsein in den Wertesystemen von Purpur und Rot und aufgeklärtem Bewusstsein in Blau. In diesen Wertesystemen werden vergleichsweise hohe Zahlenwerte erreicht. Eine differenziertere Beurteilung dieser Fragestellung soll jedoch nachfolgend auf der Grundlage von Vergleichsdaten mit anderen Parteien für Bayern als Ganzes und die bayrischen Großstädte erfolgen.

In der ersten Grafik sind die Wertewelten der aussichtsreichsten Parteien und der Freien Wähler dargestellt. Hier ist zu sehen, dass die AfD in dem dominierenden WMem Orange mit deutlichem Abstand eine Spitzenstellung einnimmt, die – wie bei allen dargestellten Gruppierungen – in erster Linie durch die Bewertung der vergangenen Jahre und die Erwartungen für den Wahlausgang beeinflusst sein dürfte. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Ergebnisse lediglich Wunschdenken darstellen, vielmehr sind sie auch als programmatische Ausrichtung oder Hoffnungen für die Zukunft zu verstehen, die z. B. in einem sehr starken Grün bei der SPD zum Ausdruck kommen und damit die originären Werte der Sozialdemokratie neu in den Vordergrund rücken. 

Hinsichtlich der AfD ergibt sich ein gänzlich anderes Bild, als es sich aus den Stimmkreiserhebungen darstellt. Dieser Eindruck wird auch durch den Vergleich mit den Ergenissen für die bayrischen Großstädte weitgehend bestätigt. Lediglich für Nürnberg wird der Spitzenwert annähernd erreicht. Insgesamt lassen sich deutliche Unterschiede zwischen der Landesebene und der Ebene der Großstädte feststellen, die mit Ausnahme der Grünen alle Parteien betreffen.

In der zweiten Gallerie sind  die Ergebnisse für die einzelnen Großstädte dargestellt. Hierbei erfolgt ein Vergleich der Bedeutung der jeweiligen Stadt innerhalb des Horizonts der jeweiligen Partei mit der Bedeutung der Stadt als Bezugsebene des politischen Systems, repräsentiert durch die genannten Parteien auf Ebene der bayrischen Großstädte. Durch den Vergleich beider Wertebilder lassen sich die Schwerpunkte der Parteien innerhalb der Konkurrenzsituation zu den Mitbewerbern und innerhalb der Parteistrukturen abschätzen. Hier ist deutlich zu sehen, dass sich die AfD ganz deutlich von allen anderen Parteien in einem starken (prärationalen, magisch-animistischen) Purpur unterscheidet, die einzige Ausnahme bildet Ingolstadt. Darüber hinaus hebt sie sich in fünf der 8 Großstädte durch ein starkes Türkis von den übrigen Parteien ab. Damit kann die oben dargestellte These bezüglich der Einordnung der AfD in das politische System als belegt angesehen werden.

Einen Aktivitätsschwerpunkt für die Wertewelt der AfD stellt – im Verhältnis zu den anderen Parteien, wie auch innerhalb der Partei – die Stadt München dar. Hier heben sich 6 der 8 WMeme gegenüber den anderen Parteien deutlich ab.

Entgegen früheren Erhebungen stellt sich die Wertewelt der AfD im Vergleich zu derjenigen der CSU wesentlich differenzierter dar. Besonders deutlich fallen diese Unterschiede im Vergleich auf Ebene der Großstädte auf.

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