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Von Metaphysik und Aufkärung

Als Folge der im 17. Jahrhundert einsetzenden Aufklärung büßte die im Mittelalter vorherrschende Metaphysik als entscheidende Instanz letzter Fragen wie „wer bin ich“, „woher komme ich“, „wohin gehe ich“, „warum bin ich“ ihren Einfluss weitgehend ein. Im deutschen Kulturraum und darüber hinaus wurde die knappe Definition für „Aufklärung“ von Immanuel Kant zur bestimmenden Geisteshaltung: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Die Entdeckung der Naturgesetze und ihre praktische Anwendung mit erstaunlichen Ergebnissen führten im 19. Jahrhundert dazu, dass dem Eigenschaftswort „metaphysisch“ ein abwertender Sinn wie „zweifelhaft spekulativ“, „unwissenschaftlich“, „sinnlos“, „totalitär“ oder „nicht-empirische Gedankenspielerei“ anhaftete. Mit der rationalen Arbeitsmethode der Aufklärung hat die Natur viel von ihrem Schrecken verloren und metaphysischen Spekulationen den Boden entzogen, doch Verschwörungstheorien bleiben. Die von Kant apostrophierte Freiheit des Individuums im Denken bildet nun auch den Nährboden für Verdächtigungen der Mitmenschen und ruft damit neue Ängste hervor. Der Philosoph Jean-Paul Sartre spitzte diese Möglichkeit soweit zu, dass er dem „Anderen“ die Fähigkeit zuschrieb, die Freiheit zu missbrauchen um sein Gegenüber zum Objekt zu machen. Einen Schritt weiter geht der Sozialphilosoph Theodor W. Adorno wenn er sagt, jede wirkmächtige Theorie bilde paranoide Züge aus, sie werde zur fixen Idee – und falls nicht, so könne dieses immer noch durch ihre Aufnahme und Anwendung in der Gesellschaft geschehen. Hieraus folgert er, die Wissenschaft müsse sich selbst laufend in Frage stellen damit Theorien nicht zu Verschwörungstheorien werden. Sonst könne Aufklärung in ihr Gegenteil , in die Barbarei, umschlagen – wie durch den Nationalsozialismus historisch belegt ist.
Verschwörungstheorien sind als ein Phänomen anzusehen, dass auf Defizite innerhalb des Erklärungsmodells der Welt hinweist. Ihre Wurzel ist der Skeptizismus. Im 17. Jh. entwarf der Philosoph und Mathematiker René Descartes ein Gedankenexperiment, in dem die Hauptrolle ein böser Dämon spielt, der uns permanent und systematisch hinters Licht führt. Eine moderne Version dieses Experiments mit der Bezeichnung „Gehirn im Tank“ stammt von dem amerikanischen Philosophen Hilary Putnam. Diese wie auch alle anderen Bemühungen nachfolgender Philosophen und sonstigen Berufenen, diese Möglichkeit einer umfassenden Täuschung unserer Wahrnehmungen zu widerlegen sind bisher gescheitert. Wie groß das öffentliche Interesse an dieser Frage ist, zeigt z. B. der Erfolg des Films „Matrix“, der sich an diesen Gedankenexperimenten orientiert. Schon Immanuel Kant bezeichnete es als “Skandal der Philosophie und allgemeinen Menschenvernunft, das Dasein außer uns bloß auf Glauben annehmen zu müssen und, wenn es jemandem einfällt, es zu bezweifeln, ihm keinen

Vexierbild "Totenkopf"

Vexierbild – Totenkopf oder zwei Damen im Salon?

genugtuenden Beweis entgegenstellen zu können.“ An diesem Urteil hat sich bis heute nur wenig geändert und es schmerzt die Philosophie besonders, da der Skeptizismus einer vollständigen Emanzipation der Philosophie von der Theologie im Wege steht. Daher ist es sinnvoll, auch die Theologie zu befragen, welche Lösungen sie zur Überwindung der Erkenntnislücke für Menschen anbietet, die nach einem festen Fundament für ihre Leben suchen.
Die Frage für die Theologie lautet: Gibt es ein Gottesbild, das für aufgeklärte Menschen annehmbar ist – also den Erkenntnissen der Wissenschaft nicht widerspricht und den suchenden Menschen einen Sinn für ihr Leben eröffnen kann?
Heutige Theologen gehen von dem Dilemma gläubiger Menschen aus, die an die Gegenwart Gottes glauben, jedoch in dem Bewusstsein leben, dass dieser Gott nirgends in die Welt eingreift. Andererseits kann es sie auch nicht befriedigen, an einen Gott zu glauben, der die Naturgesetze jederzeit durch ein Prinzip, dass außerhalb der Welt liegt, jederzeit aus den Angeln heben kann. Aktuelle Diskussionen in der Theologie – vor allem in der katholischen Theologie – befassen sich mit dem Pantheismus. In der hierauf ausgerichteten Prozesstheologie wird Gott als Wirkender oder Mitwirkender in allen Dingen gesehen. Gott und Welt müssen demzufolge von Anfang an zusammen gedacht werden. Gott ist immer schon Teil des sich evolutiv entfaltenden Weltprozesses. Er nimmt an allem Teil, was der Welt in all ihren Einzelheiten und als Ganzes widerfährt. Er teilt mit ihnen Freud und Leid und begegnet allem auf Augenhöhe. Er hat auf seine Allmacht verzichtet und teilt sich der Welt in Liebe mit. Hieraus ergeben sich Kurzbeschreibungen wie: „Der Kosmos ist eine Selbstäußerung Gottes“, „alles ist Selbstoffenbarung Gottes“, „Gott ist das Dasein“. Gott wird z. B. im Erleben der Schönheit der Natur, in der Emphase der Musik oder in der poetischen Beschreibung der Welterfahrung von Dichtern und Dichterinnen transzendent erfahren.
In anderen pantheistischen Denkansätzen, die sich vielfach mit religiös-mystischen Erfahrungen verknüpfen wird die Welt von Gott her gedacht, vom Prinzip des All-Einen, das sich dann evolutiv in eine Vielheit der Dinge und der Menschen entfaltet. Der Benediktinerpater Willigis Jäger drückt diese Sichtweise als evolutiven Prozess aus, den Gott in allen Dingen tanzt. Diese Art des Pantheismus wird in der Theologie als Monismus bezeichnet.
Die Bedeutung des Skeptizismus ergibt sich erst vor dem Hintergrund des Defizits der Philosophie gegenüber der Theologie, und dort besonders der Wirkmächtigkeit des herrschenden Gottesbildes. Je gewaltiger die Macht Gottes als Weltenherrscher erscheint, desto größer die Skepsis gegenüber dem Menschen, der als „kleiner Wurm“ erscheint.
In der Philosophie zeichnet sich eine pragmatische Haltung zum Skeptizismus ab, die den grundlegenden Zweifel an der Erkennbarkeit der Wirklichkeit bestehen lässt, jedoch eine begrenzte Wahrheit für die Wahrnehmung des einzelnen Beobachters annimmt. Von diesem Standpunkt aus erscheint es mir sinnvoll und möglich, eine Brücke zu pantheistischen Gottesbildern zu schlagen.

Die Matrix

Poster zum Film „Die Matrix“

Die Erfahrung lehrt, dass Menschen ein Grundvertrauen brauchen, um die Wechselfälle des Lebens unbeschadet überstehen zu können oder wie Franz Kafka es ausdrückte: „Wir brauchen Vertrauen zu etwas Unzerstörbarem in uns“. Dahinter stehen Fragen nach dem Wer, Wie und Warum – Fragen die aus dem Bestand der Metaphysik nicht in das Denkgebäude der Moderne übernommen wurden. Es ist ein Ruf nach gesundem Menschenverstand, nach Zusammenschau und nach Moral. Die Antworten auf diese Fragen sind jedoch in ein Schattendasein verbannt, aus dem sie nur von öffentlich bestellten Neugierigen – den Aufspürern von Wissen und Neuigkeiten – hervorgeholt werden. Sie nennen sich Philosoph und Spion, Polizist und Journalist, Detektiv und Psychologe, Historiker und Moralist. Sie alle leben von der Aufklärung verborgenen Wissens, Konkurrenz, Misstrauen und verborgener Zusammenhänge. Sie erstarkten mit der Entstehung des Bürgertums und des neuzeitlichen Staates im 19. Jh.. Alles was in raschem Tempo neu erschien könnte ein riesiges Täuschungsmanöver sein, wie es Descartes bereits im 17. Jh. erwogen hatte. Spezielles Kriegswissen und Spionage werden von den Staaten als probate Mittel entdeckt. Dabei werden eigenartige Forschungsmethoden eingesetzt: Verstellung, Verheimlichung, Gewinnung von Vertrauenspositionen, Ausbeutung von Freundschaften. Spionage übt die Kunst, andere zum Sprechen zu bringen, überwacht und durchsucht, späht fremde Intim- und Geheimbereiche aus, sucht nach Ansatzpunkten für Erpressungen, erforscht die verwundbaren Stellen und das schwache Glied in der gegnerischen Kette. Sie setzt auf die Bereitschaft zum Verrat bei Angehörigen der anderen Seite. Spionage ist amoralisch und sie beruft sich selbst unverhüllt auf das Kriegsrecht und eine Ausnahmeethik, die alles erlaubt, was der Selbsterhaltung dient.
Die öffentlich bestellten Aufklärer sind kein Mittel gegen die Bildung von Verschwörungstheorien, denn sie arbeiten überwiegend im Geheimen und sie geben nur das Preis, was ihrem Interesse bzw. dem Interesse ihrer Auftraggeber entspricht – und sie selbst produzieren Wissen und Neuigkeiten, die neue Fragen aufwerfen.

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