New York – Eine Stadt wie ein Universum?

Das 20. Jahrhundert bis zur Errichtung des Empire State Buildings

Die amerikanische Gesellschaft hatte bis zum Eintritt in den Ersten Weltkrieg eine Krise der eigenen nationalen Identität zu durchleben. Das in Folge der Industrialisierung gesteigerte Machtpotential geriet in ein Ungleichgewicht zu der Rolle, die das Land in der Weltpolitik und auf dem amerikanischen Kontinent spielte und verunsicherte das politische Selbstbild der Menschen in den USA. Zusätzlich trug die Masseneinwanderung seit den 1880er Jahren hierzu bei. „Ab den 1890er-Jahren stammte diese sogenannte Neue Einwanderung erstmals nicht mehr überwiegend aus Westeuropa, sondern aus Süd- und Osteuropa. Sie löste eine Welle von Fremdenfeindlichkeit aus, da diese Immigranten im Ruf standen, nicht assimilierungswillig zu sein und unfähig, die amerikanische Demokratie und ihre Werte zu verstehen und zu akzeptieren. Vielfach rief man nach Einwanderungsbeschränkungen und der Einführung eines Kriterienkatalogs, den Immigranten bei Einwanderung erfüllen sollten, wie zum Beispiel Schreib- und Lesetests. In jene Zeit fiel die Uraufführung von Israel Zangwills Theaterstück »The Melting Pot«. Seither gilt der »Schmelztiegel«Begriff als Bild für eine Einwanderungsgesellschaft, in der die verschiedensten Gruppen sich zu einem Ganzen vereinen. Die schnelle Verstädterung sowie die zunehmende Anzahl und Größe von Immigranten-Ghettos in den Zentren der Ostküste und des Mittelwestens führten zu sozialen Problemen und der Furcht vor Keimzellen sozialen Unfriedens und Aufruhrs in Großstädten. Hatte 1870 jeder vierte Amerikaner in einem urbanen Umfeld gewohnt, so war es 1890 etwa jeder dritte, und bis Ende des Ersten Weltkrieges 1918 wohnten mehr Menschen in Städten als auf dem Land.“ (Prof. Dr. Jörg Nagler in Bundeszentrale für politische Bildung, „USA – Geschichte, Wirtschaft, Gesellschaft„)

In dem Prozess der politischen Standortbestimmung zeichnete sich die besondere Bedeutung des Seehandels und der Kriegsmarine als Rückgrad der Machtinteressen ab. Als Ergebnis dieser strategischen Überlegungen kam es 1902 zur Übernahme des bereits seit 1881 unter französischer Regie begonnenen Baus des Panama-Kanals, der 1914 eröffnet wurde und für die Häfen an der Ostküste große Bedeutung hat. Vor dem Bau des Kanals führte die kürzeste nutzbare Seeverbindung von der Ostküste zur Westküste Nordamerikas durch die Magellanstraße. Durch den Kanal wurde die Seestrecke New York–San Francisco von etwa 25.000 auf zirka 10.000 Kilometer verkürzt. Die Reisezeit konnte hierdurch um rund drei Wochen verkürzt werden. Bedeutend ist er vor allem für den Handel zwischen den Ost- und Westküsten der USA, denn über zwei Drittel aller in US-amerikanischen Häfen be- oder entladenen Waren werden durch den Panamakanal transportiert. Auch für Waren aus China und Japan, die an die Ostküste der USA verschifft werden, ist der Transport durch Panama unerlässlich. 

In den Jahren zwischen dem Zusammenschluss mit Brooklyn und dem ersten Weltkrieg geriet die Stadt durch die politischen Ereignisse des Landes und die eigenen städtischen Entwicklungen sowohl physisch wie auch mental in Bewegung. Die Umbrüche konnten nun mit der 1896 von Edison erfundenen Filmkamera festgehalten werden und vollzogen sich hierdurch vor den Augen der Öffentlichkeit. Nun konnte die in der Stadt erlebte Dynamik auch in bewegten Bildern vorgeführt werden und es ergaben sich Reflektionen, die zu einem neuen Selbstbewusstsein führten. Das schloss auch die bereits durch die Presse geschürte Angst vor den Ausmaßen der Einwanderung und ihren Folgen für das Zusammenleben ein.

Doch nicht nur bei Bewohnern New Yorks herrschte Angst, auch die auf Ellis Island ankommenden Einwanderer hatten Angst, den wachsamen Untersuchungen durch die Einwanderungsbehörde nicht genügen zu können. Diese Untersuchungen und speziell die Prüfung der körperlichen Verfassung liefen schroff, unpersönlich und schnell ab. Besondere Aufmerksamkeit widmeten die Beamten der Prüfung, ob unter den Einwanderungswilligen anarchistische oder kriminelle Neigungen festzustellen waren. Trotz der intensiven Prüfung wurden weniger als 2% der Einreisewilligen abgelehnt. Für 80% der Untersuchten war die Prozedur in vier bis fünf Stunden überstanden. Von den Ankömmlingen auf Elis Island blieb etwa ein Viertel in New York.

Im Urteil des französischen Schriftstellers Paul Bourget, der über seine Eindrücke während eines 8-monatigen Aufenthalts in verschiedenen Städten Amerikas in den Jahren 1893/94 schreibt, stellt sich New York dar als „gigantisch, kolossal, riesig, gewagt, es gibt dafür kaum Worte. Worte sind unzureichend für diese Erscheinung, diese Landschaft, in der der gewaltige Fluss als Rahmen für die Darstellung der noch gewaltigeren menschlichen Energie dient. Diese enorme Energie, die aus der kollektiven Anstrengung entsteht ist selbst zur Naturgewalt geworden. Sie ist die Poesie der Demokratie, ein riesiges Konzert. Es ist nicht der Parthenon, dieser kleine Tempel auf dem kleinen Hügel, sondern die verworrene und gewaltige Poesie der modernen Welt in der es so viel menschliche Verrücktheit und Eigenwilligkeit gibt, dass es einen erschaudern lässt.

Clock Tower Building; erster Wolkenkratzer in New York; © Urheber unbekannt

Die in New York herrschende Mentalität, der Wegbereiter einer globalen Zivilisation zu sein und sich vom „Alten Europa“ abzusetzen führte zum raschen Durchbruch der Stahlskelett-Bauweise. Das im September 1889 fertiggestellte Tower Building war der erste Wolkenkratzer in New York City und das erste Gebäude mit einer Stahlskelettstruktur. Es galt auf Grund seines ungewöhnlich schmalen Grundrisses mit nur 6,60 m Breite am Broadway und der ebenso ungewöhnlichen Konstruktion als idiotisches Gebäude und es wurde bereits ab 1913 abgerissen. Mit seiner Höhe von 39 Metern wurde es schon bald von wesentlich höheren Gebäuden in den Schatten gestellt.
Es folgten das 1890 fertiggestellte New York World Building mit einer Höhe 94 m, das 91 m hohe Flatiron Building (1902), das 187 m hohe Singer Building (1908) und der 213 m hohe Metropolitan Life Tower (1909). Letzteres wird bereits von 50 später entstandenen Gebäuden überragt. Der Bau von Wolkenkratzern wurde neben dem Schachbrettplan zu einem weiteren Beispiel für die der amerikanischen Baukultur eigene abstrahierende Vorgehensweise.

Am Beginn des 20. Jahrhunderts war New York die größte jüdische und irische Stadt sowie eine der größten deutschen Städte. Hier lebten etwa 700.000 Russen und mehr Italiener als in Rom, vier von fünf New Yorkern waren Einwanderer oder Kinder von Einwanderern., 70% der Kinder im Grundschulalter waren im Ausland geboren. Auf Grund dieser allgegenwärtigen Einwanderung betrachteten viele Amerikaner New York als fremdes Land. Andererseits erlitten viele Einwanderer auf Grund des abrupten Übergangs von nahezu mittelalterlichen Lebensverhältnissen in ihren Herkunftsländern und der  Mischung vieler Nationalitäten einen Kulturschock. Hier trafen die Extreme der rückständigsten Lebensweisen Europas mit den Lebensweisen der modernsten Stadt der Welt zusammen. Die schlechten Wohnverhältnisse trugen ebenfalls hierzu bei, indem man sich lieber im öffentlichen Raum aufhielt, als in den engen, schlecht belüfteten und schlecht belichteten Wohnungen aufzuhalten. Zwei Drittel bis 3/4 der Menschen lebten in Mietskasernen, die noch deutlich unter dem Niveau in europäischen Großstädten lagen.  Zwar wurde das seit 1867 bestehende Gesetz über die Miethäuser 1902 verschärft, es handelte sich jedoch für Mindeststandards bei Neubauten und enthielt keine Regelungen für ein direktes Eingreifen der Behörden. Zukunftsweisender waren dagegen einige private Modellvorhaben, die wesentliche Qualitätssteigerungen der Mietwohnungen beinhalteten und für die Gesetzgebung als Vorlagen für entsprechende gesetzliche Regelungen herangezogen werden konnten. Diese Chancen wurden jedoch von den politisch Verantwortlichen nicht genutzt.

Ein  Zeitzeuge beschreibt den Selbstfindungsprozess jener Zeit: „Was ist ein New Yorker, ist er Jude oder Ire, ist er Engländer oder Deutscher, ist er Russe oder Pole. Er mag wohl etwas von alledem sein und ist es dennoch nicht ganz, irgendetwas ist dazu gekommen, was er vorher nicht hatte. Er bewegt sich schneller und sein Urteilsvermögen ist weniger beschränkt. Er mag etwas von seiner Weisheit gegen einen schärferen Verstand einbüßen, die Veränderung ist unverkennbar. New York ist in der Tat mit einem Hexenkessel vergleichbar. Diejenigen, die hineingeworfen werden kommen neugeboren wieder heraus.

In der aufgeheizten Stimmung um die Jahrhundertwende wuchsen zahlreiche politische Initiativen heran, die um Einfluss auf die Verbesserung der Situation in den Armenvierteln kämpften. Bis zum Jahr 1909 hatten diese Reformbestrebungen bereits zahlreiche Verbesserungen – vor allem im Gesundheitswesen – gebracht, doch war es nicht gelungen, bis zum Kern des industriellen Motors der Stadt vorzudringen. In ca. 30 Tsd. Fabrikhallen und Betrieben erarbeiteten etwa 612 Tsd. Arbeiter ein Zehntel der gesamten Industrieproduktion der USA. Das Herz dieser Maschine bildete der hart umkämpfte Markt der Bekleidungsindustrie. In diesem Industriezweig arbeiteten rund 1/4 Mio. Frauen und Kinder ohne gesetzliche Vorschriften 11 Stunden täglich an sechs Tagen der Woche unter brutalen menschenunwürdigen und oft gefährlichen Bedingungen. Soweit die Arbeit an Maschinen geleistet wurde, mussten die Arbeiter diese auf dem Rücken getragen von zuhause mitbringen. Die Bezeichnung „Sklavenfabrik“ trifft den Arbeitsplatz dieser, meistens als Einwanderer gekommenen, Arbeiter am besten. Ein besonderes Problem in der Regulierung dieser Verhältnisse bestand in der Struktur der Betriebe, die sich aus Tausenden kleiner und kleinster Betriebe zusammensetzte. Die Konkurrenz auf dem Textilmarkt war für diese Betriebe sehr hart und sie waren ständiger Existenzbedrohung ausgesetzt. Unter diesen Bedingungen kamen die Betriebe nicht an der Ausbeutung ihrer Arbeiter vorbei. 

Der Umbruch in der Textilindustrie kam schließlich dort, wo er am wenigsten erwartet werden konnte, bei den Schwächsten der stark beanspruchten Arbeiterschaft, den verarmten jungen Töchtern süditalienischer Einwanderer und osteuropäischer Juden. In ihren Reihen wurde im Sommer 1909 die Idee eines Generalstreiks geboren, der im November desselben Jahres in einer Versammlung in der Aula der Cooper Union von den ca. 3000 Anwesenden diskutiert wurde. Vor allem die anwesenden männlichen Arbeiter warnten die Frauen vor den zu erwartenden brutalen Gegenmaßnahmen der Unternehmer und die Diskussion zog sich bis in die Nacht hinein. Erst durch die mitreißende Rede der jüdischen Gewerkschafterin Clara Lemlich wurde von der jubelnden Menge der sofortige Streik beschlossen. Am nächsten Tag erschienen 15 Tsd Arbeiterinnen nicht zur Arbeit. Einen Tag später waren es weitere 5 Tsd., die die Arbeit verweigerten. Die Streikbewegung weitete sich zum größten Streik aus, den es bis dahin in den USA gegeben hat. Letztendlich konnten die Frauen ihre Forderungen nicht durchsetzen, da der Hunger und die Kälte des Winters ihre Möglichkeiten begrenzten. Doch war ihr Kampf nicht vergeblich. Ermutigt durch den Kampf der Näherinnen gingen drei Monate später 60 Tsd. Mitglieder der Schneidergewerkschaft auf die Straße. Sie brachten die Produktion der Textilbetriebe zum Erliegen und zwangen die Betriebe an den Verhandlungstisch. Es konnten einige Verbesserungen mit den Arbeitgebern ausgehandelt werden, doch änderte sich dadurch an der Situation nur wenig. Einige große Arbeitgeber weigerten sich sogar, das Verhandlungsprotokoll zu unterschreiben. Trotz der Erfolge gab es immer noch kein Gesetz, das die Arbeitsbedingungen in New Yorks Fabriken regelte. Sie waren im Jahr 1911 noch genau so hart, gefährlich und unhygienisch wie im Jahr zuvor. Allein innerhalb des letzten Jahres waren vier kleinere Brände im Gebäude der Triangle-Fabrik ausgebrochen. Die Besitzer taten jedoch nichts und verwiesen nur darauf, dass der Betrieb die städtischen Feuerschutzbestimmungen einhalte.

Löscharbeiten an der Triangle-Fabrik; © Urheber unbekannt

Am 25. März 1911 passierte dann das unvermeidliche: In der Fabrik der Triangle Shirtwaist Factory, die in den drei obersten Stockwerken eines 10-geschossigen Gebäudes ihre Produktionsräume hatte, brach im 8. Stockwerk ein Feuer aus, das sich rasch ausbreitete und auch das 9. Stockwerk in Brand setzte. Die Mädchen im 8. Stockwerk versuchten über die Treppen zu fliehen, doch waren die Türen verschlossen. Viele Mädchen stürzten sich daher aus dem 8. Stockwerk in den Tod. Auch die Mädchen im 9. Stockwerk ereilte das gleiche Schicksal. Etliche der um ihr Leben kämpfenden Arbeiterinnen hatten noch 1909 für bessere Arbeitsbedingungen gekämpft. Der Katastrophe fielen 146 Arbeiterinnen zum Opfer. Es war die größte Industriekatastrophe in New York. Noch während des Brandes versammelten sich auf der Straße vor dem brennenden Haus tausende Arbeiter aus den benachbarten Fabriken und mussten mit Entsetzen den Todeskämpfen der oft erst 14 Jahre alten Mädchen zusehen.

Die schauerlichen Ereignisse rüttelten die breite Öffentlichkeit auf und ließen die Beisetzung der Toten zu einer politischen Demonstration eigener Art werden. Die beiden Eigentümer wurden wegen der verschlossenen Türen vor Gericht gestellt, sie wurden jedoch frei gesprochen, da das Gericht ihnen nicht nachweisen konnte, dass sie zum Zeitpunkt des Brandes von den verschlossenen Türen wussten. Darüber hinaus konnte ihnen kein Verstoß gegen ein Gesetz vorgeworfen werden, da es kein Gesetz gab.

Schon nach wenigen Wochen nahm die Triangle-Fabrik in einem anderen Gebäude ihre Arbeit wieder auf. Bei der Brandinspektion der Arbeitsräume wurde festgestellt, dass der Ausgang durch mehrere Reihen von Nähmaschinen versperrt war.

Als Konsequenz aus der Brandkatastrophe hatten sich politische Initiativen gebildet, die an die Bundesregierung herantraten und um Unterstützung für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Industriebetrieben der Stadt warben. Die politische Zuständigkeit lag jedoch bei den New Yorker Stadtpolitikern, an die sich wegen des Schattenregimes der Tammany Hall erst gar kein Bürger wenden mochte. Doch der Kopf der Tammany Hall – Charly Murphi (engl.) -, von dem am wenigsten Unterstützung für Anliegen der Arbeitnehmer erwartet wurde, zeigte sich in diesem Fall zugänglich. Offensichtlich hatte auch er begriffen, dass nicht mehr nur die Interessen der irischen Arbeiter poiitisch relevant waren, sondern dass auch die Einwanderer anderer Herkunftsländer bei zukünftigen Wahlen in das Kalkül einzubeziehen sein würden. Murphi bildete eine Untersuchungskommission unter dem Vorsitz von zwei seiner Vertrauten. Woche für Woche tagte diese Fabrikkommission und trug alle Details der Trianglekatastrophe zusammen. Allein im ersten Jahr wurden mehr als 200 Zeugen vernommen. Die Arbeit der Kommission weitete sich nach den ersten Erfahrungen in der Stadt auf den gesamten Staat New York aus. Die Arbeit der Kommission führte nun endlich zu Gesetzen, die durchgreifende Verbesserungen in den Fabriken garantierten. Sie wurden aus der Sicht der Reformer als Meilensteine in der Sozialgesetzgebung des gesamten Landes bewertet. Sie beschränkten sich nicht auf den Brandschutz, sondern erstreckten sich auf alle Aspekte des Fabriklebens. Werkseigentümer mussten nun dafür sorgen, dass es Treppenhäuser, Sprinkleranlagen, angemessene Beleuchtung, Belüftungsanlagen und Waschräume gab. Der Umgang mit gefährlichen Maschinen wurde gesetzlich geregelt. Frauen durften nicht mehr als 54 Stunden pro Woche arbeiten. Kinder unter 14 Jahren durften gar nicht mehr in Fabriken arbeiten. Diese Gesetze bewertete die spätere Arbeitsministerin und erste weibliche Ministerin Frances Perkins mit den Worten: „Der New Deal begann am 25. März 1911, dem Tag an dem die Triangle-Fabrik brannte„.

Mit dem Ausbruch des ersten Weltkriegs geriet die amerikanische Politik auf Grund der vielen aus Europa stammenden Einwanderer (1910 ca. 8 Millionen in erster und zweiter Generation) in eine schwierige Situation. Die USA hatten keine territorialen Interessen in Europa, fühlten sich jedoch mit Großbritannien traditionell eng verbunden. Offiziell nahm es eine neutrale Haltung ein, es wurde jedoch durch verschiedene Kriegsereignisse und die Störungen der Handelsbeziehungen und den damit verbundenen Waffenlieferungen an Großbritannien in das Kriegsgeschehen verwickelt, so dass es im April 1917 offiziell an der Seite der Entente gegen Deutschland und Österreich-Ungarn in den Krieg eintrat. Militärisch beschränkte sich die Beteiligung der USA am Krieg auf den Einsatz eigener Truppen auf französischem Boden und den Bau von Schiffen zur Versorgung Großbrittaniens. Durch letztere Hilfeleistungen wandelte sich das finanzielle Verhältnis zu Großbritannien von dem eines Schuldners in das eines Gläubigers.

Die aus Europa zurückkehrenden Soldaten wurden von den New Yorkern tagelang auf den Straßen gefeiert. Im Überschwank des Jubels über den militärischen Sieg waren für einige Wochen alle Probleme ausgeblendet. Diese Stimmung erfuhr im Juni 1919 Unterstützung durch die Annahme des 19. Verfassungszusatzes durch den Kongress, mit dem das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. In diese Zeit viel auch die von den Frauen vorangetriebene Einführung der Prohibition. Der fehlende Alkohol und die zu dieser Zeit bestehende Nachkriegsrezession dämpften allerdings die Feierlaune der Heimkehrer. Die während des Krieges entstandene Überproduktion und die nun eintretende Verringerung der Absatzmärkte führten zu Umstellungsproblemen in der Wirtschaft. Der für das Präsidentenamt 1920 in den Wahlkampf gezogene Kandidat der Republikaner Warren G. Harding gab deshalb die Parole aus: „Zurück zur Normalität„.

Unter Hardings Präsidentschaft begann ein Wirtschaftsaufschwung, der die „Goldenen Zwanziger Jahre“ möglich machte. In diesem Zeitraum erreichte das Wirtschaftswachstum den Höhepunkt des seit 130 Jahren mit kleinen Unterbrechungen bestehenden Trends. Die während des Krieges aufgebauten Kapazitäten in den Fabriken ließen nun eine Massenproduktion zu, die vor allem den durch technische Fortschritte geweckten Bedarf an Konsumgütern wie Autos, Telefone, Kleinbildkameras, Radios und Haartrockner befriedigte. Im Jahre 1922 wurde die Radiowerbung eingeführt, die nun unterstützend für den Absatz eingesetzt wurde und der Massenproduktion einen Massenkonsum gegenüberstellte. So kam es von einer Nachfrageorientierung der Wirtschaft zu einer Angebotsorientierung, die auf die Überzeugungs- und Suggestionskraft der Werbung vertraute. Es war kein Zufall, dass der erste Einsatz der Radiowerbung in New York für den Verkauf von Wohnungen in Jackson Heights (engl.) im Stadtteil Queens erfolgte. Die Marketingphilosophie lautete: „Verkaufe Ihnen ihre Träume, verkaufe ihnen das, wonach sie sich sehnten, was sie sich erhofften und schon beinahe aufgegeben hatten. Verkaufe ihnen diese Hoffnungen und du wirst dir keine Sorgen um den Verkauf der Waren machen müssen.

Es wurde gern bilanziert, was verloren wurde und was gewonnen wurde und es tat sich eine gewaltige Kluft zwischen Vergangenheit und Gegenwart auf. Man scheute sich auch nicht, einen Blick in eine Zukunft zu wagen, die sich geradezu märchenhaft darstellte. Es war wie Hollywood bevor es Hollywood überhaupt gab.

Während die großen Einwanderergruppen wie Iren, Deutsche, Italiener und Chinesen ihre weitgehend homogenen Wohnviertel hatten – vor allem an der Lower East Side – fehlte eine solche Konzentration der Afroamerikaner. Sie fanden erst ab 1917 in Harlem zusammen, wo bis zum Jahr 1925 ca. 200.000 Zuzüge registriert wurden. Ursächlich für diese Wanderungswelle war die Verlängerung der U-Bahn bis in diesen nördlich des Central Park gelegenen Stadtbereich hinein.  Hier bildete sich ein Zentrum der Jazz-Kultur die den Ruf dieses Stadtteils begründete.

Gerald Schoenfeld Theater. © GNU

Auch am Broadway kam es zu einer kulturellen Blüte, in deren Zentrum Musicals standen, die durch lyrische Lieder, ausgeklügelte Wortspiele und Alltagssprache ein breites Publikum ansprachen und die Melodien und Rhythmen von drei Kontinenten vereinten. Ihre Botschaft lautete: Amerikaner zu sein bedeutet, Bestehendes immer wieder zu kreuzen und anders zusammenzusetzen, so dass etwas neues entsteht. In diesem kulturellen Verständnis war das Wesen Amerikas zusammengefasst, das sich in einem nie endenden Prozess der Einwanderung und Umsiedlung vollzog.

Das Aufblühen der Kultur brachte auch eine Vereinheitlichung der Sprache mit sich. Eine ihrer Schattenseiten war das nochmals gesteigerte Tempo des Lebens und des Geldes. Viele junge Menschen waren bereits mit Mitte 20 ausgebrannt. Der Börsenhandel boomte, die Hochhäuser wuchsen wie Pilze in die Höhe. In den Jahren 1926 / 1927 erreichten die Autokäufe ihren Höhepunkt, am 27. August 1929 erreichte der Dow Jones Index seinen Höchststand. Bei steigenden Aktienkursen wurden schließlich 2/3 der Börsenumsätze auf Kredit abgewickelt. Nach einer Börsianer-Legende soll der Börsenexperte Bernard Baruch von seinem Schuhputzjungen, der ihn jeden Morgen bediente, einen Aktientip erhalten haben. Daraufhin sei Baruch in sein Büro gegangen und habe seinen Makler angewiesen, alle seine Aktien zu verkaufen: Wenn schon Schuhputzjungen Aktientips gäben, sei es Zeit auszusteigen.

Der Wirtschafts- und Börsenprognostiker Roger Babson löste im September 1929 große Erregung aus. In einer Rede vor einer Wirtschaftskammer sagte er den verheerenden Börsencrash vorher. Der am selben Tag stattfindende starke Rückgang der Aktienkurse wurde auf seine Rede zurückgeführt und wird seither als „Babson-Break“ bezeichnet. Am 23. Oktober 1929 kam es zu panikartigen Verkäufen an der Börse. Westinghouseaktien verloren innerhalb von zwei Stunden 10 Mio. Dollar an Wert. Wenige Tage später, am 29. Oktober – dem schwarzen Dienstag – brach an der Börse Chaos aus und es kam zu Tumulten nach drastischen Kurseinbrüchen. Innerhalb einer Woche betrug der Verlust der gehandelten Aktien 30 Milliarden Dollar – mehr als die Kriegskosten der USA im ersten Weltkrieg. Die Hauptverlierer waren Kleinaktionäre, die ihre Aktien zum großen Teil auf Kredit gekauft hatten.

Diese Ereignisse trafen zusammen mit Plänen, das Waldorf Astoria Hotel abzureißen und an dessen Stelle das höchste Gebäude der Stadt und der Welt zu bauen, sein Name sollte Empire State Building sein. Der Erbauer war John J. Raskob, der sich auch nach dem großen Börsencrash nicht von seinem Plan abbringen ließ und auch Bedenken zum Standort, der isoliert vom Hochhausviertel lag und wenig attraktiv als Geschäftsadresse galt, nicht gelten ließ. Im Januar 1930 war der Baubeginn, dem in der depressiven Stimmung nach dem Börsencrash große symbolische Bedeutung zukam. Die Baustelle entwickelte sich zu einer Art Leistungsschau, in der die kreativen und organisatorischen Fähigkeiten der amerikanischen Kultur erneut unter Beweis gestellt wurden. Die verwendeten Stahlträger wurden innerhalb von 15 bis 20 Stunden nach Verlassen des Stahlwerks im ca. 600 km entfernten Pittsburgh auf der Baustelle eingebaut und mit Stahlnieten verbunden.  In nur 13 Monaten Bauzeit wurde das Empire State Building fertiggestellt. Wie vorhergesagt war es ein komerzieller Reinfall. Weniger als 30% der Büro- und Geschäftsflächen konnten anfänglich vermietet werden und es bekam von den New Yorkern den Namen Empty State Building. Erst ab 1950 wurde das Gebäude rentabel, nicht zuletzt durch Einnahmen, die aus der Benutzung durch Besucher der Aussichtsplattform erzielt wurden.

Empire State Building. © CC

Das Empire State Building bildet bis heute eine städtebauliche Dominante, die den Standort prägt und somit das bis dahin geltende Verhältnis von Gebäude zu Standort umkehrt. Stadtgestalterisch hat sich das Gebäude als identitätsstiftend erwiesen und wurde schon bald nach seiner Fertigstellung von der Bevölkerung angenommen. Darüber hinaus symbolisiert es eine raumzeitliche Perspektive von New York, die nun schon nahezu 90 Jahre Bestand hat:

„Aus den Ruinen stieg, einsam und unergründlich wie die Sphinx das Empire State Building empor. Genauso, wie ich es mir zur Gewohnheit gemacht hatte, das Dach des Plaza zu erklimmen um Urlaub von der wunderschönen Stadt zu nehmen, die sich erstreckte soweit das Auge reichte, so stieg ich nun auf das Dach des neuesten und prachtvollsten aller Hochhäuser, und da verstand ich, da wurde mir alles klar. Ich hatte den krönenden Fehler der Stadt entdeckt, ihre Büchse der Pandora: Voller Stolz kletterte der New Yorker hier hinauf und sah bestürzt, was er nie vermutet hätte. Die Stadt war nicht, wie er angenommen hatte, eine endlose Abfolge von Schluchten, sondern sie hatte Grenzen. Sie verlief sich von allen Seiten ins Umland, dessen ausgedehnte Grün- und Blautöne einzig grenzenlos waren. Die furchtbare Einsicht, das New York am Ende doch eine Stadt war und kein Universum, brachte das glänzende Gebäude, das sie sich im Geiste errichtet hatte zum Einsturz. Das war das Geschenk Alfred Smith’s an die Bürger New Yorks.“ (F. Scott Fitzgerald)

 

 

 

 

Über Fidelio

Ich bin 68 Jahre alt, verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder. Meine berufliche Tätigkeit als Stadtplaner habe ich vor fünf Jahren beendet und ich widme mich seitdem intensiver um dieses Internetprojekt, Kommentare und Beiträge, die sich auf die hier veröffentlichten Themen beziehen sind mir willkommen!
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