Neue Wege in den USA – Mit Vielfalt gegen rechten Populismus III

Die kolonialen Anfänge in Neuengland

Bevor ich die untersuchten Kriterien darstelle, ist zum besseren Verständnis eine Beschreibung der besonderen räumlichen und geschichtlichen Bedingungen erforderlich, unter denen die Besiedlung der USA stattgefunden hat.

Die Besiedlung und Urbanisierung der USA erfolgte durch Eroberer und Einwanderer, die seit der Wiederentdeckung des Kontinents durch Christoph Kolumbus am Ende des 15. Jh. erfolgte. Es handelte sich um die Landnahmen europäischer Mächte, von denen Spanien, Portugal, Frankreich und Großbritannien den bedeutendsten Anteil hatten. Die Motive für die Ausrüster der Entdeckungsreisen dieser Zeit waren durch die leeren Kassen der Herrscher- und Fürstenhäuser bestimmt und deshalb auf die Gewinnung neuer Gold– und Silbervorkommen sowie von Gewürzen und exotischen Produkten zur Hebung des gesellschaftlichen Status ausgerichtet. Auf Grund dieser Motivlage erfolgte die Kolonisation der USA nur zögerlich. Träger dieser Entwicklungsvorhaben in den neu entdeckten Gebieten waren private Unternehmen, die sich von den zuständigen Herrschern mit entsprechenden Konzessionen ausstatten ließen. Für den Bereich Nordamerika beanspruchte England das Recht auf das Territorium, da der italienische Seefahrer Giovanni Caboto 1497 nordamerikanischen Boden betreten hatte. Verschiedene Versuche zur Gründung von Kolonien durch englische Unternehmungen verliefen über 50 Jahre erfolglos und endeten oft mit dem Tod der Siedler und dem Verlust des kultivierten Bodens. Hieran waren die in den jeweiligen Gebieten lebenden Indianer in einigen Fällen ursächlich beteiligt, in anderen Fällen jedoch scheiterten die Siedler  auch trotz der Hilfsbereitschaft der benachbarten Indianer.

Im Gegensatz zu seinen europäischen Rivalen – insbesondere Frankreich, später auch die Niederlande – rückte im Falle Englands von Beginn an nicht nur die Ausbeutung in den Vordergrund, sondern es bestand auch großes Interesse an der dauerhaften Inbesitznahme des Territoriums. Dennoch gelang die dauerhafte Besiedlung Nordamerikas erst 1607 mit der Gründung von Jamestown, doch war auch dieser Erfolg teuer erkauft: Von den 105 Siedlern überlebten nur 33 die ersten sieben Monate.

Nachhaltige Spuren der Einwanderung hinterließen erst die puritanischen Pilgerväter, die 1620 in Massachusetts an Land gingen. Unter ihrem Einfluss wurde bereits 10 Jahre später im Gebiet der heutigen Stadt Boston eine größere Kolonie gegründet, die für die weitere Entwicklung der britischen Kolonien große Bedeutung erhalten sollte.

Schiffe der Pilgerväter

Nachbau der Schiffe, mit denen die Pilgerväter die Küste von Virginia erreichten

Die Motive und die soziale Herkunft der Einwanderer waren sehr unterschiedlich und führten zu Reibungsverlusten bei der Schaffung und Sicherung einer neuen Lebensgrundlage. Unter diesen Umständen war der Einfluss geschlossener Gruppen, wie sie religiös motivierte Einwanderer bildeten, von existentieller Bedeutung und brachte diesen Gruppen für die Entwicklung politischer Strategien große Vorteile. Das erste Dokument, in dem dieses zum Ausdruck kommt, ist der Mayflower Vertrag, der den Pilgervätern ein Leben nach ihren religiösen Vorstellungen in einer größeren Gemeinschaft Andersgläubiger sicherte und die Grundzüge amerikanischer Wertvorstellungen enthält.

Neben britischen Einwanderern gründeten auch schwedische Einwanderer 1638 die Kolonie Neuschweden und holländische Kaufleute 1624 die Kolonie Neu-Niederlande im Gebiet der heutigen Stadt New York. Bereits 1565 hatten die spanischen Kolonisatoren die erste durchgehend besiedelte Stadt der USA mit dem Namen St. Augustine auf der Halbinsel Florida gegründet. Ein französischer Versuch ein Jahr zuvor im selben Gebiet eine Kolonie mit französischen Hugenotten zu gründen, war am Widerstand der Spanier gescheitert.

Die Grundzüge der amerikanischen Bautradition entstammen den Ursprungsländern der Einwanderer, vor allem England, in ihrer Anpassung an die neue Umgebung machen sie jedoch tiefgehende Veränderungen durch. Die Siedler des 16. und 17. Jahrhunderts fanden keinerlei brauchbare Bautradition vor. Die indianische Bevölkerung Nordamerikas kannte bis auf die Siedlungen der Pueblo-Kultur im heutigen Arizona, New Mexico und der Fremont-Kultur mit Schwerpunkt im heutigen Utah, keine festen Siedlungen, an denen sich die Einwanderer hätten orientieren können. Sie bemühten sich deshalb, die in ihren Herkunftsländern üblichen Bausysteme nachzubilden: Mauerwerk aus Stein oder Ziegelstein, Zimmermannsarbeiten aus Holz. Die hierzu notwendigen Baumaterialien waren vor Ort vorhanden, Arbeitskräfte und die erforderlichen Werkzeuge waren dagegen knapp. Ein Gesamtbild der hieraus entstandenen Siedlungen beschreibt Lewis Mumford so:

Wenn die spanische Kolonialstadt in der Neuen Welt ein militärisches Überbleibsel war, so stellt das Dorf in Neuengland eine erfreuliche Mutation dar. Bei der Besiedelung der Kolonie an der Back Bay [Boston] widerstanden die puritanischen Kolonisten, obwohl ihnen Handel und Handwerk vertrauter waren als die Landwirtschaft, der Versuchung, ihre Bevölkerung ausschließlich auf die Hafenstadt Boston zu konzentrieren. Glücklicherweise waren sie zunächst auf die Landwirtschaft angewiesen, und dieser Umstand zwang sie, ihre Pflanzungen weiträumig zu verteilen, um so das Land zu besetzen. Das Herz ihrer neuen Marktflecken und Dörfer war die Allmende oder Gemeindewiese: ein freies Feld, häufig größer als die spanische Plaza, wo ihre Schafe und Rinder, bewacht von dem Gemeindehirten, sicher weiden konnten. Rund um die Gemeindewiese wurden von Anfang an die öffentlichen Gebäude errichtet: das Versammlungshaus, das Rathaus und später die Schule.

…Zu Anfang wurde jedem Mitglied des Gemeinwesens sein Stück Land zugewiesen, im Dorf gewöhnlich ein bis zwei Morgen, während der Pastor bis zu zwanzig Morgen erhalten mochte. Das Ackerland lag am Dorfrand, außerhalb der ersten Palisaden und manchmal so weit entfernt, daß es sich Iohnte, wie bei der mittelalterlichen Stadt, vor den Toren ein Sommerhaus zu bauen. Nach den ältesten Vorschriften durfte, wie William Weeden berichtet, niemand weiter als achthundert Meter von dem Versammlungshaus entfernt wohnen, damit er sich nicht im kalten neuenglischen Winter seinen Verpflichtungen als Mitglied der Kirchengemeinde entzöge.

Über Fidelio

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