Neue Wege in den USA – Mit Vielfalt gegen rechten Populismus III

Annäherung an die Stadt

Der heutige Morgen war der Beginn des Tages nach dem zweiten Weihnachtstag, dem Tag an dem unsere Familie zum Wichteln zusammen kommt. Dabei war es dieses mal recht spät geworden und so kam es, dass ich durch mein Handy mit der Eilnachricht geweckt wurde, Donald Trump sei unerwartet in Ramstein gelandet. Auf dem Weg von seinem unangemeldeten Truppenbesuch im Irak zurück habe er Station auf dem US-Stützpunkt Ramstein in Deutschland gemacht. Ich fand nichts Aufregendes an dieser Nachricht und hatte wenig Verständnis dafür, deswegen von meinem Handy geweckt zu werden. Nicht nur amerikanische Präsidenten jetten spontan um den Globus, auch Mitarbeiter international engagierter Firmen unternehmen spontane Fernflüge, mein Nachbar tut es und sogar meine Bekannte aus Samoa tut es, wenn in ihrer samoanischen Familie etwas unvorhergesehenes passiert ist, das sie bewegt.

In allen Fällen benutzen diese um den Globus jettenden Menschen eine Infrastruktur, die überall gleich funktioniert und an städtische Strukturen angebunden ist, ohne die sie ihre Dienste nicht erfüllen könnte. In einem Werbetext mit der Überschrift „Ein besonderes Flair“ las ich folgende Charakterisierung von Flughäfen: „Es gibt keinen anderen Ort, der mir das gleiche Gefühl gibt, wie der Flughafen. Die Atmosphäre ist eine ganz besondere. Sie ist gefüllt mit unterschiedlichsten Emotionen. Von Vorfreude auf den Urlaub, ein Wiedersehen mit Geliebten oder eine Rückkehr zurück in die Heimat, die Sehnsucht nach der Ferne bis hin zu tränenreichen Trennungsschmerz. Von Flughafen zu Flughafen – es ist immer das gleiche Bild. Plötzlich laufen einem hier hunderte Nationen über den Weg, die alle nicht unterschiedlicher aussehen können. Doch haben wir alle etwas gemeinsam. Und zwar alle Gefühle, die ich eben beschrieben habe. Ich möchte sogar behaupten, dass Flughäfen uns vereinen. Ich finde es etwas ganz Besonderes diese Situation zu spüren. Für mich ist ein Flughafen das Tor zur „großen weiten Welt. …Wir alle bleiben hier an diesem Ort nur kurz, reisen weiter, aber nehmen jedes Mal Erinnerungen mit.“ Der Clou an dieser Werbeidee ist, dass die „große weite Welt“ für einen kurzen Moment in den „KristallpalastFlughafen geholt wird, ohne die Probleme der vielen Länder, deren Menschen hier zusammen kommen, wodurch die für Konsum nützliche Wohlfühlstimmung erzeugt wird, alle sind in dem Wunsch vereint, möglichst bald an das Ziel der Reise zu kommen, die Liebenden tragen den Trauernden mit, der Soldat trägt dem alten Mann aus Afghanistan den Koffer, ohne zu wissen, wie er zu den Taliban steht.

Es ist zu erwarten, dass jeder der vielen Menschen in einem Flughafen ohne lange zu zögern beschreiben könnte, was ein Flughafen ist, und die Antworten der Menschen würden weitgehend übereinstimmen. Anders wäre die Situation, wenn die Frage gestellt würde, was eine Stadt ist, obwohl vieles der genannten Merkmale für Flughäfen auch auf sie zutreffen. Jedoch käme niemand auf die Idee, dass alle Städte gleich sind, wie es für Flughäfen zutrifft. In einigen Aspekten sind sie ziemlich gleich, in anderen jedoch grundverschieden und es stellt sich daher die Frage, was macht den besonderen Charakter einer bestimmten Stadt aus? Die Städte selbst haben diese Problematik erkannt und haben das Stadtmarketing erfunden. Es verfolgt das Ziel, ein positives Image einer Kommune zu erschaffen oder zu festigen. Beim Stadtmarketing betrachtet man die Stadt wie ein Produkt, dessen attraktive Seiten besonders herausgestellt werden. Dabei wird versucht, einen besonderen Charakterzug oder ein Stadtmotto zu begründen, um eine dauerhafte Erinnerung beim Adressaten der Werbebotschaft zu erzeugen. So warb die bayrische Landeshauptstadt München in der Zeit von 1962 bis 2005 mit dem SloganWeltstadt mit Herz“. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland gab 2005 den Anstoß für eine neue Imagekampagne der Stadt. Künftig wirbt sie für sich unter dem Slogan Munich Loves You / München mag Dich. Hierin deutet sich an, dass Stadtmarketing nicht unbedingt etwas über die Realitäten der Städte aussagt, sondern eher ein Versprechen darstellt oder nebensächliche Aspekte der Städte in den Blick rückt.

Im vorgerigen Beitrag zu diesem Thema habe ich mit dem Mittel der Metapher eine Möglichkeit aufgezeigt, in differenzierter Weise über Städte zu sprechen. Hier wurden jedoch Schwächen deutlich, die ich hier im Licht der Integralen Theorie nach Ken Wilber kurz darstellen möchte, bevor ich zum eigentlichen Thema komme.

Die Anforderungen, die an eine integrale Betrachtung eines Gegenstandes zu stellen sind, betreffen seine Repräsentationen in Raum und Zeit in Übereinstimmung mit den grundlegenden Begriffen der Physik wie auch als Geist und Psyche, Ich und Wir. Wilber geht auf diese Bedingungen ausführlich ein und nennt sie „die beiden Grund-»Triebe« aller Holons, [die] sich auf den verschiedensten Gebieten [als Dualismen] zeigen, zum Beispiel als Zeit und Raum, Kohärenz und Korrespondenz, Rechte und Pflichten, Metapher und Metonymie, innerer Wert und äußerer Wert, determiniert und probabilistisch, Notwendigkeit und Zufall, Konsistenz und Vollständigkeit, Bewußtsein und Kommunikation – der Katalog ist endlos. Der wichtige Aspekt dieser ungleichen Paarungen (etwa Kohärenz und Korrespodenz in der Erkenntnistheorie) ist aber der, daß die beiden Beteiligten stets Partner und Widerpart sind, denen bestimmt ist, für immer und ewig miteinander zu ringen, ohne daß eine Seite jemals gewinnen könnte.“ Diese Bemerkung erhellt, warum – wie im vorigen Beitrag zu diesem Thema nach Jain zitiert – es so sehr bedauert wird, dass sich die Soziologie nur am Rande für Metaphern interessiert. Das Metier der Soziologie ist die Beschreibung der Gesellschaft – also des Wir im unteren rechten Quadranten (UR) nach Wilber’s Schema – und stellt somit tendenziell eine Reduktion dar, die den persönlichen Zugang zur Metapher voraussetzungsgemäß ignorieren. So ist es auch im Bezug auf die Stadt, wenn es um konkrete räumliche Gebilde mit Geschichte und Kultur geht. Um diesen Aspekten gerecht zu werden, bedarf es ganzheitlicher Instrumente, wie ich sie in diesem Projekt anwende und in einer an diesen Beitrag anschließenden Beitragsserie am Beispiel amerikanischer Millionenstädte konkret darstellen werde. In diesem Beitrag werde ich mich auf einen Überblick über diese Ergebnisse zum Schluss beschränken.  Bei den hier erzielten Ergebnissen handelt es sich keineswegs um kultur- und gesellschafts-neutrale Bilder der untersuchten Städte, sondern um auf die englische Sprache gestützte und im Internet öffentlich zugänglich gemachte Zeichen, die auf definierte Systeme der Spiral Dynamics und der Integralen Theorie hindeuten. Damit wird die notwendige Unterscheidung von Metapher und Metonymie – und damit auch der Dualismus – umgangen. Entscheidend für die Qualität der Ergebnisse sind die Wahl der Zeichen und die Richtigkeit der Systembeschreibungen.

Über Fidelio

Ich bin 68 Jahre alt, verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder. Meine berufliche Tätigkeit als Stadtplaner habe ich vor fünf Jahren beendet und ich widme mich seitdem intensiver um dieses Internetprojekt, Kommentare und Beiträge, die sich auf die hier veröffentlichten Themen beziehen sind mir willkommen!
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