Neue Wege in den USA – Mit Vielfalt gegen rechten Populismus I

Vorspiel auf der politischen Bühne

“Jede Person die vorgibt, die Fähigkeit zu besitzen, für Belohnung oder Entschädigung sagen zu können, wo verloren gegangene oder gestohlene Gegenstände gefunden werden können; jede Person, die durch Spiel oder mit Hilfe von Geräten, durch Handlungen, durch Täuschung, Wahrsagen oder durch einen Trick oder auf andere Weise durch Verwendung von Karten oder Geräten und Instrumenten, auf betrügerische Weise von einer anderen Person Geld, Belohnung oder Eigentum jeglicher Art erhält; jede Person, die vorgibt, gegen Bezahlung Zauber entfernen, vor Zauber schützen oder getrenntes vereinigen zu können, gilt als Straftäter. Jede Person, die gegen die Bestimmungen dieses Gesetzes verstößt, wird mit einer Geldstrafe von höchstens 250 US-Dollar oder einer Freiheitsstrafe von höchstens sechs Monaten oder sowohl mit einer Geldstrafe als auch mit einer Freiheitsstrafe bestraft. „

Das Kapitol in Washington DC – Quelle:Wikimedia Commons, GNU-Lizenz für freie Dokumentation

So etwa lautete die zentrale Passage einer Gesetzesvorlage, über die der amerikanische Kongress Ende Februar 1926 zu entscheiden hatte. Eingereicht wurde diese von dem New Yorker Abgeordneten Sol Bloom, ihr geistiger Urheber war jedoch der berühmte Magier Harry Houdini.

Der zu dieser Zeit weit verbreitete und populäre Spiritismus war dadurch gekennzeichnet, dass er im Unterschied zu den vorangegangenen tradierten Formen zunehmend in Gegensätze zur Aufklärung geriet. Seine Anfänge werden gewöhnlich mit den Schwestern Margaret und Kate Fox und ihren Eltern in Verbindung gebracht, die 1848 behaupteten, in einem unlängst neu bezogenen Haus in Hydesville im US-Staat New York seltsame Klopfgeräusche zu hören, welche sie dem Geist eines ermordeten und im Keller begrabenen Hausierers zuschrieben und dieses in öffentlichen Vorführungen gegen Eintrittsgeld zu beweisen schienen. Aufgrund ihres großen Erfolgs traten bald auch andernorts Nachahmer auf, die hauptsächlich im evangelikal geprägten Nordosten der USA beheimatet waren, und in der „Beweisführung“ sehr kreativ vorgingen.

Als die Ikone der modernen spiritistischen Umtriebe vierzig Jahre nach den Ereignissen in Hydesville, öffentlich zugab, den ganzen Spuk durch Manipulationen selbst herbeigeführt zu haben, und als sich viele andere vermeintliche Geistkommunikationen ebenfalls als Betrügereien entpuppten, verlor die spiritistische Bewegung ihr Ansehen in der Bevölkerung. Bis zu ihrem Lebensende hielt Fox Vorträge über diese Betrügereien. Insbesondere die vorgetäuschten Kommunikationen mit Verstorbenen hatten dennoch unter Millionen von Spiritismusbegeisterten längst so viele Nachahmer gefunden, dass sich bereits in diesem Umfeld ein eigener Wirtschaftszweig mit politischem Einfluss gebildet hatte.

Zu den größten Widersachern der spiritistischen Medien gehörten die Zauberer und Illusionisten, weil sie die Tricks und Hochstapeleien der berügerischen Umtriebe schnell durchschauten. Zu den berühmtesten dieser Zauberkünstler, die sich der Entlarvung spiritistischer Illusionen widmeten, gehörte Erik Weisz, genannt Harry Houdini, der in seinem Enthüllungsbuch A Magician Among the Spirits die betrügerischen Methoden der spiritistischen Medien und Hellseher wie automatisches Schreiben, Tischerücken, Geistmanifestationen und Schweben dokumentierte und entlarvte.

Jedoch hatte die Entwicklung zur Massenbewegung mit religiösen Zügen neben ihrer politischen und wirtschaftlichen Bedeutung auch zu der verfassungsrechtlich bedeutsamen Frage geführt, ob es sich bei den spiritistischen Praktiken (Medien, Tischerücken, Geisterstimmen u.a.) etwa um eine Religionsausübung handeln könne. Manches dieser Praktiken kann unter den Sammelbegriff der Apotropäischen Riten – zu denen auch der bis heute von der katholischen Kirche praktizierte Exorzismus gehört – gefasst werden. Eine Bestätigung hierfür bot der sich selbst als Religion verstehende Spiritismus, der auch heute noch weit verbreitet ist, an. Er ist durch eine ausgeprägte szientistische Haltung und durch eine scharfe Ablehnung des traditionellen Christentums charakterisiert. Grundlegend ist die Überzeugung, dass die menschliche Seele nach dem Tod weiter existiere und dass es mit Hilfe von Medien möglich sei, mit den Seelen Verstorbener zu kommunizieren. Die Verstorbenen unterscheiden sich demnach nur wenig von ihrer früheren irdischen Existenz, behalten ihre Eigenheiten, und auch die „andere Welt“, in der sie leben, ähnelt dem Diesseits, ist allerdings in mancherlei Hinsicht „besser“. Damit verbunden war ursprünglich die Überzeugung, dass die Existenz der Seelen oder Geister mittels wissenschaftlicher Experimente nachgewiesen werden könne. Wilhelm Wundt bezeichnete den Spiritismus daher als eine Form des Materialismus, die sich zwar „spirituell“ nenne und eine Alternative zum herkömmlichen Materialismus sein wolle, aber das Spirituelle materiell vorstelle. Ähnlich ambivalent ist das Verhältnis zum Christentum, da Spiritisten sich vielfach selbst als Christen bezeichnen, aber das traditionelle Christentum entschieden ablehnen.

In dieser Gemengelage verschiedener Interessen im Bezug auf den Spiritismus jeder Art musste der geistige Urheber der Gesetzesinitiative, der um seinen eigenen Berufsstand besorgte große Houdini, dem Ausschuss des amerikanischen Kongresses Rede und Antwort stehen. Über diesen Auftritt berichtet der ebenfalls populäre Magier Dean Carnegie (englisch) in seinem Blog, aus dem ich die folgende Zusammenfassung  der Ereignisse wiedergebe: In seinem Eröffnungsstatement betont Houdini, er respektiere jeden aufrichtigen Glauben an Spiritualismus oder eine andere Religion und er greife keine Religion an. Vielmehr wende er sich gegen den Betrug, der von Medien ausgehe, die in betrügerischer Absicht behaupteten, mit den Toten in Verbindung zu stehen. Ihnen glaube er auch dann nicht, wenn sie unter Eid aussagten, denn Meineid bedeute ihnen nichts. Aus den Reihen der befragten Spiritisten wurde die Rolle Houdinis im Bezug auf den Spiritismus derart in Frage gestellt, dass sich die bei den Abgeordneten bestehende Unkenntnis über die Person Houdini zu Zweifeln an dessen Integrität verdichteten. Daran vermochte auch die von Houdini aufgedeckte Verstrickung von Abgeordneten und deren Frauen in die spiritistische Szene Washingtons nichts zu ändern. Seitens der als Religion verfassten Spiritisten wurde sogar versucht, die Zielsetzung der Gesetzesinitiative dahingehend abzuändern, dass ein Schutz der Religionsausübung für Spiritisten in das Gesetz aufgenommen werden müsse. Nach der insgesamt vier Tage dauernden Beratung wurde die Gesetzesinitiative mit der Begründung abgelehnt, das vorgeschlagene Gesetz stelle eine Gefährdung der Religionsfreiheit dar.

Der Bericht Carnegie’s endet mit dem Hinweis auf die Voraussage einer Madame Marcia, die Houdini prophezeite, er werde bald sterben. Sie war nicht das einzige Medium, das solches vorhersagte oder wünschte (wer weiß es schon?). Und in diesem Fall sollte die Vorhersage in Erfüllung gehen, Houdini starb am 31. Oktober 1926.

Der Zauberer Merlin; Quelle Wikimedia Commons, gemeinfrei

An der Geschichte ist für das hier leitende Thema der kommunalen Vielfalt interessant, dass hier an einem bedeutsamen Ort in einer bedeutsamen Frage der Freiheit des persönlichen Urteils der Vorrang vor dem Urteil weniger Berufspolitiker eingeräumt wurde. Dabei soll keinesweg übersehen werden, dass hier möglicherweise das Interesse persönlicher Freiheit in besonderem Maße mit dem Interesse der entscheidenden Politiker in die gleiche Richtung wies. Nicht nur, dass sich etliche Politiker und ihre Frauen – wie berichtet – bei Wahrsagern Rat holten, auch die Freimaurer hatten in den Reihen der amerikanischen Politiker eine starke Tradition und in der Mitte der 1920er Jahre in den USA ihren Höhepunkt erreicht. Und wo Freimaurer waren, gab es auch Aufgeschlossenheit für Magie. An dieser Stelle ist darüber hinaus ein Hinweis auf die jahrtausendealten Einflüsse der Magier, ob als Priester-Magier in mesopamischen Städten oder als Auguren im römischen Reich angezeigt. Noch heute wird täglich mit der Benennung von Stadtvierteln auf die Praxis der römischen Auguren Bezug genommen.

Houdinis Kampf gegen Wahrsagerei und andere magische Praktiken, die man als Wissenschaftsbetrug bezeichnen muss, wenn sie unter der Fürsorge der Alma mater begangen werden, hat in den gegenwärtigen politischen Verhältnissen der USA eine neue Aktualität bekommen. Auf der einen Seite, der Präsident in der Rolle des politischen Wahrsagers, auf der anderen Seite die Medien, die – bis auf wenige Ausnahmen – von diesem als Produzenten von Fake News gebranntmarkt werden. In dieser Geschichte gibt es leider nur zwei Akteure, Houdinis Rolle ist hier bereits im Drehbuch des Dramas gestrichen worden. Eine Entscheidung muss es deshalb nicht geben.

Bei den Kritikern kommt das Stück nicht gut an und es bewerben sich kleinere Bühnen um die Gunst des Publikums.

Vorerst jedoch registrieren wir die Tumulte im großen Theater, die ebenfalls zu Hoffnungen für eine Abkehr von der populistischen Manipulation der Wähler und des Wahlsystems Anlass geben. Die in Hamburg lebende amerikanische Schriftstellerin Nettie Hendricks fasst in einem Artikel der Zeitschrift Publik-Forum einige wichtige Ergebnisse der Zwischenwahlen zum US-Kongress vom 06. November 2018 zusammen:

Die Demokratische Partei hat die Mehrheit im Repräsentantenhaus zurückgewonnen. In dem Wahlergebnis kommt nach ihrer Einschätzung eine klare Zurückweisung der Politik von Präsident Trump zum Ausdruck. Die neue Mehrheitsfraktion, die sich aus einer bunten Mischung frisch motivierter Menschen quer durch alle Bevölkerungsteile zusammensetze beabsichtige, die Umgehung ethischer Standards durch die Regierung nun zu verhindern. Darüber hinaus sollen die Möglichkeiten von Wahlkampfspenden weiter beschnitten werden.

Die Rahmenbedingungen für eine bessere und höhere Beteiligung aller Bürger können nun auf der Ebene der Bundesstaaten verbessert werden. Gefängnisinsassen sollen das Wahlrecht erhalten, die Zuschnitte der Wahlkreise (Gerrymandering) können nun so geändert werden, dass faire Bedingungen für beide großen Parteien hergestellt werden, die Löschung aus Wählerverzeichnissen auf der Grundlage des nicht ausgeübten Wahlrechts bei vergangenen Wahlen soll entfallen, die Vorlage bestimmter Papiere (z. B. Führerschein) zum Nachweis der Wahlberechtigung und anderer Hürden, die geeignet sind, bestimmte Bevölkerungsgruppen von der Wahl abzuhalten, sollen abgeschafft werden.

Durch die Polarisierung im Wahlkampf seien Graswurzelbewegungen (z. B. das Projekt StoryCorps* (englisch)) entstanden, die das politische Klima dauerhaft positiv beeinflussen und zukünftige Wahlergebnisse hinsichtlich Wahlbeteiligung und Kandidatenprofil demokratischer gestalten werden.

*StoryCorps ist eine US-amerikanische Non-Profit-Organisation, deren Aufgabe es ist, die Geschichten von Amerikanern aller Herkunft und Glaubensrichtungen aufzunehmen, zu dokumentieren und weiterzugeben. StoryCorps wurde von Sound Portraits Productions initiiert und 2003 vom Radioproduzenten David Isay gegründet. Sein Hauptsitz befindet sich im New Yorker Stadtteil Fort Greene in Brooklyn.

StoryCorps orientiert sich im Geist und Umfang an den Bemühungen der Works Progress Administration (WPA) der 1930er Jahre, durch die mündliche Interviews in den Vereinigten Staaten aufgenommen wurden. Bis heute hat StoryCorps mehr als 60.000 Interviews mit mehr als 100.000 Teilnehmern in allen 50 Bundesstaaten, Washington, DC, und mehreren amerikanischen Territorien aufgenommen. (Quelle: Englische Wikipedia)

Über Fidelio

Ich bin 68 Jahre alt, verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder. Meine berufliche Tätigkeit als Stadtplaner habe ich vor fünf Jahren beendet und ich widme mich seitdem intensiver um dieses Internetprojekt, Kommentare und Beiträge, die sich auf die hier veröffentlichten Themen beziehen sind mir willkommen!
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