Kindheit zwischen Stadt und Land

Das Jagdhaus

Meine Mutter war 18 Jahre alt, als ich geboren wurde. Sie lebte in einem kleinen Münsterländischen Dorf bei ihren Eltern in einem Jagdhaus, das von Wald umgeben war. Noch in den letzten Kriegstagen des zweiten Weltkriegs war ihr Haus durch eine Brandbombe in Brand geraten und bis auf die Grundmauern abgebrannt. Das Haus war besonders gefährdet, da es in Nachbarschaft zu einer Flugabwehrstellung der Luftwaffe lag. Soldaten, Flakhelfer und Familie hatten sich arrangiert, doch nun war die Familie auf die Hilfe des nahen Schulzenhofs angewiesen. Zu ihm gehörte neben dem von meinem Großvater betriebenen Kotten auch ein Jagdhaus in dem nahe gelegenen Wald, in dem jetzt die Familie wohnte. Ausser meiner Mutter und einer älteren Schwester wohnten keine Kinder in den beengten Verhältnissen der Notunterkunft. Eine weitere Schwester war bereits in Münster verheiratet und von den vier Brüdern wurden zwei nach dem Krieg vermisst, einer befand sich in englischer Kriegsgefangenschaft und ein weiterer arbeitete als Knecht auf einem Bauernhof. Dennoch wurde es oft eng im Jagdhaus, denn in Münster gab es wenig zu essen und auf dem Lande lebte es sich in den Nachkriegsjahren leichter.

Auf dem Schulzenhof trafen nach Kriegsende nach und nach Hilfskräfte ein, die als versprengte und heimgekehrte Soldaten die entlassenen Zwangsarbeiter ablösten. Es war, wie mein Großvater mir später erzählte, eine gefährliche Zeit für die Bauern. Ein Teil der Freigelassenen übte Rache an ihren Unterdrückern und zog marodierend über Land, überfiel Bauern und raubte Lebensmittel. Oft gaben die Bauern ihre Verstecke nur unter Gewaltanwendung preis und manche von ihnen ließen unter diesen Umständen ihr Leben. Zum Schutz vor solchen Übergriffen vernetzten sich die Höfe in einem Alarmsystem, das meist aus Klingeldraht mit einer Klingel bestand. Hierdurch konnten sie Gesundheit und Leben bewahren, vor materiellen Schäden bewahrte es jedoch nicht.

Doch auch die Bauern selbst litten Not an Material für Maschinen und Fuhrwerke. Besonders Reifen waren begehrt und konnten leicht aus Militärbeständen „organisiert“ werden. Wer hierbei erwischt wurde, hatte mit harten Strafen der Militärregierung zu rechnen. So erging es auch dem Eigentümer des Jagdhauses, in dem meine Mutter wohnte. Ein anderes Vergehen, das auf dem Lande häufig vorkam, war das illegale Schlachten. Was dem Städter die Zigaretten, war den Bauern das Fleisch. Zigaretten und Lebensmittel waren die Ersatzwährungen, für die alles zu haben war.

Durch den Verlust der eigenen wirtschaftlichen Grundlage war mein Großvater allein auf die Arbeit auf dem Schulzenhof angewiesen. Meine Mutter arbeitete bei „Dokters“, wie sie die Arztfamilie im Dorf immer nannte, in deren Haushalt sie angestellt war. Auf ihrem Weg zur Arbeit, der durch Wald, Wiesen und Auen führte und reichlich Anregungen für romantische Gefühle lieferte, muss es dann auch wohl zur Erfüllung des natürlichen Verlangens nach höchster Harmonie gekommen sein, indem sie meinen Vater lieben lernte. Er gehörte zu jenem letzten Aufgebot, das vom NS-Regime in den Krieg an die Ostfront geschickt wurde, die zu dem Zeitpunkt bereits in Ostpreußen verlief. Als 17-Jähriger hatte er die Wolfsschanze gesehen und war über viele verworrene Pfade schließlich in diesem münsterländischen Dorf angekommen, wo er auf dem Schulzenhof arbeitete. Seine Heimat vor dem Kriegseinsatz war das Siegerland gewesen, wohin er aber nicht zurück wollte, da seine Familie ihm keinen Platz mehr bot. Es hatten sich also zwei Kriegsgeschädigte gefunden, die nichts anderes hatten, als ihre Zuneigung zueinander und die Hoffnung auf ein besseres gemeinsames Leben.

Wie sich die beiden Liebenden ihre gemeinsame Zukunft im Detail vorstellten weiß ich nicht, jedenfalls wollten sie ihre Verbindung durch eine Hochzeit besiegeln lassen. Doch wie konnte die aussehen? Mein Vater war evangelisch, meine Mutter katholisch und beide noch nicht volljährig. Es gab also zwei Probleme, deren Lösung den beiden nur mit Unterstützung ihres sozialen Umfeldes gelingen konnte. Das naheliegendste Problem wurde bald für jeden sichtbar und hatte die Form eines Schwangerenbauches, das zweite Problem war die Religion. Ein evangelischer Mann war in dieser Familie und in diesem bäuerlichen Milieu auf keinen Fall tragbar, auch dann nicht, wenn er zum katholischen Glauben konvertieren würde und außerdem, was hatte er denn schon aufzuweisen? Da gab es doch wohl Kandidaten, die eher in Frage kamen. Unter solchen Vorhaltungen und Diskussionen hatte die werdende Mutter – wie sie es mir später erzählte – nun im wahrsten Sinne des Wortes ein Martyrium durchzustehen, dass auch einen langen Fußmarsch in Begleitung der Mutter zum Wallfahrtsort Telgte beinhaltete, um dort die „Sünde“ der Empfängnis zu beichten. Vielleicht nicht ohne eine gewisse Genugtuung erzählte mir meine Mutter auch, dass ihre Mutter an Krebs erkrankt war und nach dem damals verbreiteten „letzten Mittel der Rettung“ greifend jeden Morgen ein angebrütetes Ei aß. Dennoch starb sie bald nach meiner Geburt an dieser Krankheit.

Die Entbindung fand ebenfalls unter katholischer Mithilfe und Kontrolle im katholischen Telgter Krankenhaus „Maria Frieden“ statt. Der Geburtstag war der 8. Dezember, der katholische Feiertag „Mariä Empfängnis„, der noch als allgemeiner Feiertag galt und es deutete alles darauf hin, dass ich zumindest mit zweitem Namen Maria heißen müsste, wie ich dann auch wirklich Wilhelm Maria getauft wurde. An dieser Stelle meiner Biografie hat sich wohl zusätzlich zu den katholischen Bestimmungselementen noch verstärkend die im Münsterland herrschende und von Annette von Droste Hülshoff so eindringlich beschriebene Spökenkiekerei eingeschlichen.

Die Ferdinandstraße

Schon bei meiner Geburt stand fest, dass ich nicht von meiner Mutter aufgezogen werde. Hierzu war ihre älteste Schwester ausersehen, die mich mit Pomps Kindergriess füttern und so Ersatzmutter werden sollte. Sie war in Münster verheiratet und noch kinderlos, in der Ehe mit einem Buchbinder, der im Haus seines Vaters in der Ferdinandstraße wohnte. Der Vater war ein preußischer Beamter im mittleren Dienst, der bei der Bezirksregierung arbeitete und seinen Sohn bei der Behörde untergebracht hatte. Die Unterbringung des unerwarteten Neugeborenen in dem Münsteraner Haushalt hatte ihren Preis. Zunächst hatte der Großvater Taufpate sein sollen und seinen Namen an das Kind weitergeben wollen. Hätte sich der angeheiratete Onkel aus Münster nicht hiergegen durchgesetzt, würde ich heute Joseph Maria heißen – jessas Maria und Joseph. Hiervor bewahrte mich der Onkel, der in der Ungewissheit zukünftiger Vaterfreuden die Gelegenheit nutzte, seinen Namen weiterzugeben, und so heiße ich nun Wilhelm Maria.

Das Haus in der Ferdinandstraße war ein altes Gebäude aus den 20-er Jahren des 20. Jahrhunderts. Es hatte einen Riss in der Fassade, der durch einen Bombentreffer auf das Nachbarhaus entstanden war. Auf dem Trümmergrundstück nebenan lag meterhoher Schutt, der uns Kindern reichlich Anreize für Spiele bot. Besonders intensiv sind meine Erinnerungen an Exerzierübungen auf diesem Grundstück, bei denen die nach unserer Phantasie zu tragenden Waffen durch Kinderschüppen und Holzknüppel ersetzt wurden. Diese Ausstattung und das zum Exerzieren völlig ungeeignete Trümmergrundstück hatten zur Folge, dass mein Vordermann in der Marschgruppe mit seiner Schüppe nach hinten stieß und mich damit am linken Knie traf. Es blutete stark aus der entstandenen Schnittwunde und von Schrecken gepackt lief ich nach Hause. Auf mein Klingeln an der Haustür reagierte niemand im Haus. Der Grund hierfür war in dem ebenfalls beliebten Spiel des Klingelmäuschen zu suchen, ein Spiel bei dem Kinder grundlos Klingelknöpfe an Haustüren drücken, sofort weglaufen und aus einem Versteck in der Nähe mögliche Reaktionen der Bewohner beobachten. Es war uns sehr wohl bewusst, dass dieses Spiel zur Abstumpfung der Bewohner gegenüber den Türklingeln führen würde. Für mich gab es die Regel, dass mir innerhalb eines Zeitfensters in der Mittagszeit die Tür geöffnet wurde, um die obligatorische Kartoffel frisch aus dem Topf in Empfang nehmen zu können, doch dieser Zeitpunkt traf nicht zu. In meiner Notlage mit der blutenden Wunde blieb nur der Weg durch ein Kellerfenster, das jedoch zunächst noch einzuwerfen war. Meine Skrupel wurden durch Zuspruch der Kameraden schnell überwunden, der Weg zur Hilfe war frei. Meine Tante nahm mich auf den Arm und trug mich zum nahegelegenen Evangelischen Krankenhaus, wo die Wunde genäht wurde.

Die glücklichsten Momente bei meiner Tante verbrachte ich außerhalb der Wohnung. Wenn ich nicht mit den andern Kindern auf der Straße oder auf dem Trümmergrundstück spielte, hielt ich mich im Garten des Hauses auf. In dem halb verwilderten Garten hatten es mir die großen weißen Blüten der Echten Zaunwinde besonders angetan. Oft wurde ich auch zum Bierholen geschickt, bei der Kneipe in unserer Straße. Dafür durfte ich mir dann etwas bei Bäcker Kasch an der Ecke kaufen. Vor den Winterabenden in der Wohnung graute mir, da dieses die Zeit war, in der sich der Konflikt zwischen dem Opa und Hauseigentümer und seinem auf der anderen Seite des Flurs wohnenden Sohn in einem immer wiederkehrenden Ritual abspielte. Wenn die Abendessenszeit vorüber war ging plötzlich das Licht aus, der Onkel ging in den Flur und drehte die Sicherung wieder ein, worauf nach kurzer Zeit der Opa in der Küche erschien und lauthals verkündete, das Licht sei nun abzuschalten, da mit dem Strom sparsam umgegangen werden müsse. Es folgte die ebenso lautstarke Entgegnung seines Sohnes und in banger Erwartung weiterer Attacken des Opas verging der restliche Abend.

In die Erinnerung an diese Abende mischen sich lautstarke Ausfälle des betrunkenen Onkels gegen die Tante ein und vermischen sich zu einer komplexen Ablehnung der Wohnung, in der ich mich nicht zu Hause fühlte und wo mein soziales Empfinden durch die Exzesse des alkoholkranken Onkels gegen meine Tante in Empörung verwandelt wurde. Nicht genug damit, dass er im Delirium wilde Beschimpfungen ausstieß, er trieb mich an, auf sie einzuschlagen und ihr gegen die Schienbeine zu treten. Obwohl sich mein gesamtes Empfinden hiergegen sträubte, gehorchte ich dennoch. Unter diesen Umständen war es wahrscheinlich zwangsläufig, dass zu der psychischen Verrohung eine physische Erschlaffung hinzukam, die sich durch verzögertes „Sauberwerden“ äußerte. Dieses Problem verhinderte den Besuch des Kindergartens aus dem ich bereits am ersten Tag des Besuchs fortlief.

Zu den wenigen positiven Erinnerungen an die Zeit in der Ferdinandstraße gehört das Lambertussingen an der Kreuzkirche im Schein der bunten Laternen.

Die Zeit in der Ferdinandstraße endete mit dem Umzug zu meiner Mutter, die inzwischen mit einem wesentlich älteren Mann verheiratet war und in Saerbeck wohnte. Meine Mutter kam in Begleitung einer Frau des Jugendamtes und nahm mich unter heftigen emotionalen Widerständen meiner bisherigen Ersatzeltern mit. Ein letzter Akt dieses Dramas stand jedoch noch aus. Noch am selben Abend der „Familienzusammenführung“ stand plötzlich der alkoholkranke Onkel aus Münster in der Wohnstube und verlangte die Rückgabe des Kindes. Die Details der darauf folgenden Ereignisse sind mir nicht mehr erinnerlich, jedoch hat sich ein Bild in meine Erinnerung eingenistet, wie mich zwei Parteien quer über den Tisch hin und her zerren. Hierzu stellt sich der Gedanke an das salomonische Urteil in der biblischen Geschichte ein, wo die wahre Mutter des Kindes dieses vor der Teilung  durch den König – und damit vor dem Tod – dadurch rettet, dass sie es der zweiten – unrechtmässigen – Frau überlässt. Dieses Bild sollte mich im Laufe meiner Jugendzeit noch weiter begleiten.

 

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