Integrale Theorie

An Holons sind vier Grundvermögen zu erkennen: Selbsterhaltung, Selbstanpassung, Selbsttranszendenz und Selbstauflösung.
Selbsterhaltung
„Alle Holons besitzen eine gewisse Fähigkeit, ihre Individualität, ihre besondere Ganzheit und Autonomie zu wahren.“ Solch ein Holon behält seinen wiedererkennbaren Aufbau, obgleich seine materiellen Komponenten ausgetauscht werden; es assimiliert sich die Umwelt (und ist damit eine »dissipative Struktur«).
„Holons existieren also vermöge ihrer Wechselbeziehungen, ihres Kontexts, aber sie sind nicht durch den Kontext definiert, sondern durch ihr Muster, ihre individuelle Form oder Struktur…. Diese Form, dieses innere Muster, hat verschiedene Namen erhalten: Entelechie (Aristoteles), morphische Einheit oder morphisches Feld (Sheldrake), Regime, Kodex, Kanon (Koestler) oder Tiefenstruktur (Wilber).
Selbstanpassung
„Ein Holon ist nicht nur ein sich selbst erhaltendes Ganzes, sondern fungiert auch als Teil eines größeren Ganzen, und in seiner Eigenschaft als Teil muss es sich anderen Holons anpassen.Der Teil-Aspekt eines Holons zeigt sich in der Fähigkeit, andere Holons zu registrieren und sich auf sie einzustellen – sich in die angetroffene Umwelt einzufügen. Sogar ein Elektron »berücksichtigt« die Verhältnisse in seiner Umgebung, etwa die Zahl der Elektronen in einer Orbitalschale; es registriert seine Umwelt und reagiert auf sie.“  Wilber verwendet für diese beiden Qualitäten des Holons die Begriffe Agenz und Kommunion. Seine Agenz – seine Selbstbehauptungs-, Selbsterhaltungs-, Assimilationstendenz – bringt seine Ganzheit zum Ausdruck, seine relative Autonomie; seine Kommunion dagegen – seine partizipatorische Tendenz, Verbindungen zu knüpfen und sich einzufügen bekundet seine Teilheit, seine Beziehung zu etwas Größerem. Ein Ungleichgewicht dieser beiden Tendenzen führt zu pathologischer Agenz (Entfremdung und Unterdrückung) oder pathologischer Kommunion (Verschmelzung und Indissoziation). Diese Ur-Polarität zieht sich durch alle Bereiche des manifesten Seins und fand ihren archetypischen Ausdruck in den daoistischen Prinzipien Yin (Kommunion) und Yang (Agenz).
Selbsttranszendenz
Selbsttranszendenz ist nicht nur einfach eine Kommunion, Selbstanpassung oder Assoziation einzelner Teile, „sondern eine Transformation, die etwas Neuartiges und Emergierendes zum Ergebnis hat – verschiedene Ganze kommen zusammen und bilden ein neues und völlig anderes Ganzes. Hier kommt etwas Schöpferisches ins Spiel, das Schöpferische, das Whitehead »die höchste Kategorie« nannte (die Kategorie, die notwendig ist, um irgendeine andere Kategorie zu verstehen).
…„Es genügt nicht, diese Systeme einfach als offen oder adaptiv, als Ungleichgewichts- oder Lernsysteme [Kommunion] zu kennzeichnen; sie sind all das und mehr: sie sind selbsttranszendierend, das heißt, sie sind fähig …, sich selbst zu verwandeln. Selbsttranszendierende Systeme sind das Vehikel der Evolution für qualitativen Wandel, und daher sichern sie die Kontinuität der Evolution; die Evolution ihrerseits erhält selbsttranszendierende Systeme, die nur in einer Welt der lnterdependenz existieren können, am Leben. Für selbsttranszendierende Systeme fällt Sein mit Werden zusammen.“ (Erich Jantsch, zitiert nach Wilber) Der evolutive Prozess kommt nach Erich Jantsch und Ilja Prigogine durch Symmetriebrüche zustande, indem neue dynamische Möglichkeiten der Morphogenese, also der Entstehung neuer Formen auftauchen. Wilber sieht hierin innerhalb seines Denksystems eine vertikale Dimension, die horizontale Agenz und horizontale Kommunion gleichsam rechtwinklig schneidet.
Es gibt also nicht nur eine Kontinuität der Evolution, sondern auch wichtige Diskontinuitäten. »Die Natur schreitet eher in plötzlichen Sprüngen und tief reichenden Transformationen als durch allmähliche Anpassung weiter. Der sich verzweigende Baum des Lebens hat heute nicht mehr die kontinuierlichen Y-förmigen Ansatzpunkte der synthetischen Theorie, sondern ist voller abrupter Umschwünge …Auf vielen Gebieten der empirischen Wissenschaft mehren sich die Anhaltspunkte dafür, dass dynamische Systeme nicht kontinuierlich und stetig evolvieren, sondern in eher plötzlichen Sprüngen und Schüben.« (Ervin Laszlo, zitiert nach Wilber) Diese Sprünge – die sogenannten missing links – werden von Kreationisten gern für die Widerlegung der Evolutionstheorie angeführt. Sie bedeuten aber nichts anderes, als dass Systemen die Fähigkeit innewohnt, über das Vorliegende in mehr oder weniger großen Schritten hinauszugehen und sie können die Evolution damit nicht widerlegen.
Selbstauflösung
„Holons, die durch vertikale Selbsttransformation aufgebaut werden, können auch zusammenbrechen. Und wie man erwarten kann, löst sich ein Holon, das seinen inneren Zusammenhang verliert, in einer ebenfalls vertikalen Schrittfolge auf, nur in der umgekehrten Richtung.“
„Wird eine …Struktur gezwungen, ihren Evolutionsweg zurück zu krebsen (etwa durch Änderung des Ungleichgewichts), so tut sie dies, solange keine wesentlichen Störungen auftreten, auf demselben Weg …Dies verweist auf ein primitives, ganzheitliches Systemgedächtnis das schon auf dieser Ebene [chemischer Reaktionssysteme] auftritt.“ (Erich Jantsch, zitiert nach Wilber)
Selbsterhaltung (Agenz), Selbstanpassung (Kommunion), Selbsttranszendenz und Selbstauflösung können zu einem Kreuz geordnet werden, auf dessen Achsen jederzeit Verbindungen zwischen den gegenüberliegenden Enden bestehen. „In der Horizontalen gilt: je mehr Agenz, desto weniger Kommunion, und umgekehrt. Je mehr ein Holon seine Individualität oder Ganzheit zu wahren versucht, desto weniger hat es für seine Kommunion übrig, für seine Teilheit in größeren Ganzen. Je mehr es andererseits Teil ist, desto weniger kann es seine eigene Ganzheit sein.
Der auf allen Ebenen ständig wogende Kampf zwischen Agenz und Kommunion kann auch in pathologische Zustände führen, wo zu viel Agenz, zu viel Individualität, das vielfältige Netz der Kommunion zerreißt, das Individualität überhaupt erst ermöglichte; und wo zu viel Kommunion zum Verlust individueller Integrität führt, zur Verschmelzung mit anderen, zur Indissoziation, zu einem Verschwimmen der Grenzen und dem Verlust der Autonomie.
Die männliche Pathologie besteht nach Wilber typischerweise in übertriebener Agenz und Beziehungsangst, die weibliche Pathologie dagegen in überbordender Kommunion und Angst vor der Selbständigkeit.
Wenn der horizontale Kampf sich zwischen Agenz und Kommunion abspielt, so besteht die ständige vertikale Verbindung zwischen Selbsttranszendenz und Selbstauflösung, der Tendenz zu Aufbau oder Zusammenbruch; und natürlich gibt es auf allen Ebenen komplexe Wechselwirkungen zwischen diesen beiden Kräften einerseits und Agenz und Kommunion andererseits, etwa in dem Sinne, dass zu viel Agenz oder Kommunion zum Zusammenbruch führt. (Das ist, wie sich auch zeigen wird, ein dauerndes Problem im menschlichen Bereich, wo die Suche nach einem »umfassenderen Sinnzusammenhang« häufig ein Übermaß an Kommunion nach sich zieht, ein Aufgehen in »etwas Größerem« ; diese Fusion wird dann für Transzendenz gehalten, ist aber in Wirklichkeit nur Autonomieverlust und ein Sich-Wegstehlen aus der Verantwortung.)… Erhalten und anpassen, transzendieren und auflösen – die vier so verschiedenen Zugkräfte, denen jedes Holon im Kosmos ausgesetzt ist.

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