Integrale Theorie

„Die Wirklichkeit insgesamt ist nicht aus Dingen oder Prozessen zusammengesetzt, sondern aus Holons.
Das heißt, sie besteht aus Ganzen, die zugleich Teile anderer Ganzer sind, ohne dass es nach oben oder unten eine Grenze gäbe. Die Aussage, dass Holons Prozesse und nicht Dinge seien, trifft in gewisser Weise zu, verfehlt aber das Wesentliche, nämlich dass Prozesse nur in anderen Prozessen existieren. Es gibt keine Dinge oder Prozesse, nur Holons.
Mit diesem Ansatz unterlaufen wir den alten Streit zwischen Atomismus (alle Dinge sind im Grunde vereinzelte, individuelle Ganze, die nur zufällig in Wechselwirkung miteinander eintreten) und Holismus (alle Dinge sind nur Stränge oder Teile eines größeren Gewebes oder Ganzen). Beide Anschauungen sind unrichtig. Es gibt weder Ganze noch Teile, sondern nur Ganze/Teile.
Wir unterlaufen aber auch den Streit zwischen Materialismus und Idealismus. Die Wirklichkeit besteht nicht aus Quarks oder »bootstrappenden« Hadronen oder subatomarem Austausch; aber sie besteht auch nicht aus Ideen, Symbolen oder Gedanken. Sie besteht aus Holons….Das bedeutet, wir werden nie einen Ort erreichen, wo wir aufatmen und sagen können: »Das Grundprinzip des Universums ist Ganzheit«; natürlich werden wir auch nie sagen können: »Das Grundprinzip ist Teilheit.« So werden wir also nie sagen können, das Prinzip des Ganzen regiere die Welt, denn dem ist nicht so. Jedes Ganze ist ein Teil, bis ins Unendliche. Holons in Holons in Holons bedeutet folglich, dass die Welt weder in Ganzen noch in Teilen ihr Fundament hat (und was jegliche »absolute Wirklichkeit« im spirituellen Sinne angeht, werden wir sehen, dass auch die weder Ganzes noch Teil, weder eines noch vieles ist, sondern reine grundlose Leere oder absolut nichtdualer Geist.“ (Wilber: Eros, Kosmos, Logos)Holon ersetzt bei Wilber den oft mißbrauchten Begriff „Ganzheit“, da dieser sich leicht zu ideologischen Zwecken gebrauchen läßt. Ganzheit innerhalb von Ideologien wird dann zum Allerhöchsten emporgehoben, wobei dieses Allerhöchste nur von einer kleinen Priesterkaste oder Gruppe von Ideologen geschaut werden kann, die damit ihre Macht durchsetzen. Solche Verhältnisse lassen sich erkennen, wenn man fragt, was denn alles von der so hoch gepriesenen Ganzheit umfaßt wird und wenn man dann feststellt, dass eben doch vieles nicht darin geduldet wird. Diese begriffliche Distanzierung ist für Wilber besonders wichtig, da er – wie auch unterschiedliche Denker wie Jürgen Habermas und Michel Foucault – in solchen totalisierenden Konzepten der „Ganzheit“ eine Hauptbedrohung der heutigen Lebenswelt sieht.
Eine weitere sprachliche Konvention betrifft den „Kosmos“ der ebenfalls als Holon aufgefaßt wird, von Wilber aber zur Unterscheidung von anderen Holons All genannt wird und damit weit über die heute gebräuchliche physische Bedeutung hinausgeht, sondern sich in seiner holonischen Bedeutung auf die Pythagoreer des griechischen Altertums stützt: „Der Kosmos ist das unendliche All, und das All besteht aus Holons – immer weiter aufwärts, immer weiter abwärts.

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