Gefühle der Deutschen im Juni 2017

Der Juni stand im Zeichen schwerer Katastrophen, die durch Wettereinflüsse und/oder menschliche Einflüsse verursacht oder mitverursacht wurden. Zu den stimmungsdämpfenden Einflüssen kamen der Tod des Altkanzlers Kohl und eines von Nord-Korea freigegebenen amerikanischen Studenten hinzu. Emotionale Höhepunkte bildeten ein neuer  Terroranschlag in London und der Brand eines Wohnhochhauses in London mit vielen Toten. Innenpolitisch war das Geschehen von den Koalitionsverhandlungen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen sowie den Wahlvorbereitungen von Grünen, SPD und CDU bestimmt. Besondere Beachtung fanden dabei programmatische Aussagen, die Spekulationen über mögliche Koalitionen nach der Bundestagswahl ermöglichen würden. In diesem Zusammenhang standen auch die Absetzbemühungen der SPD, sich aus den Fängen der CDU als derzeitigem Partner in der großen Koalition zu befreien. Hierzu bot sich das in den C-Parteien heftig umstrittene Thema der „Ehe für alle“ an, das als unerledigtes Wahlversprechen der SPD seit der letzten Bundestagswahl zur Verwirklichung ansteht, an. Außenpolitisch standen die Parlamentswahl in Frankreich im Mittelpunkt, die dem politischen Senkrechtstarter Macron nun auch eine solide parlamentarische Basis bescherte, jedoch wegen der massenhaften Wahlenthaltungen ein erhebliches Demokratiedefizit im politischen System Frankreichs offenbarte. Mit der Isolierung des arabischen Kleinstaats Katar durch seine arabischen Nachbarn ist ein neuer Blickwinkel im vorderen Orient entstanden, der die Beurteilung der ohnehin schon komplizierten Interessenverflechtungen in dieser Weltregion noch schwieriger macht. Neben diesen Schwerpunkten gab es die schon zur Routine gewordenen Trump-News, die zu verschiedenen politischen Reaktionen in Europa führten.

In der nachfolgenden tabellarischen Übersicht sind die Gefühlsregungen in Deutschland im Spiegel der Tagesschau-Schlagzeilen nachgezeichnet.  Die an den genannten Tagen auffallend in Wallung geratenen Gefühle sind jeweils benannt und nach Zunahme und Abnahme farbig mit grün oder rot hinterlegt. Auf die Zuordnung zu bestimmten Ereignismeldungen der Tagesschau wird verzichtet, da die subjektiven Momente in der Interpretation der sehr komplexen Nachrichten überwiegen und ein allgemeingültiger Aussagewert lediglich der farbig ausgedrückten Tendenz zukommt.

Ereignistag Gefühlsspitze Tagesschau-Schlagzeilen
 03. Juni Zufriedenheit Rock am Ring geht weiter, Verfassungsschutz: Herrmann für Beobachtung mutmaßlich islamistischer Kinder, Große Teile des Personals im BAMF nicht ausreichend qualifiziert, Anschläge in Kabul, Rechter CDU-Flügel attackiert Merkels Klimakurs, Proteste in Marokko, Parlamentswahlen in Malta, Tag der Organspende
 04. Juni Freude Nach dem Anschlag: Lage in London, Nach dem Anschlag: Bestürzung und Trauer in aller Welt, Papst betet bei Pfingstmesse für die Angehörigen, Gedenken an die Opfer auch bei Pfingstfeiern in Deutschland, Premierminister Muscat in Malta wiedergewählt, Massenpanik bei Public Viewing in Turin
 06. Juni Hoffnung Schweigeminute nach Anschlag in London, Vorfall vor Notre-Dame in Paris, Offensive auf syrische Stadt Rakka gestartet, Katar nach Boykott der Nachbarstaaten unter Druck, US-Whistleblowerin festgenommen, USA kritisiert Menschenrechtsrat der UN, Warnung vor Vermüllung der Weltmeere bei Ozean-Konferenz, Demonstrationen in Moskau wegen umstrittenen Wohnprojekts, Mieterbund kritisiert Wohnungspolitik der Bundesregierung
 07. Juni Vertrauen, Zufriedenheit BVerfG kippt Brennelementesteuer, Anschläge auf Mausoleum und Parlament in Teheran, Gabriel trifft saudi-arabischen Außenminister, Kabinett billigt Bundeswehr-Abzug aus Incirlik, Chef der Amnesty International Türkei festgenommen, SPD legt neues Renten-Konzept vor, Fiskus entgingen fast 32 Millionen Euro durch Cum-Ex-Deals, EU-Kommission plant gemeinsamen Verteidigungsfond, Vor der Parlamentswahl in Großbritannien, Neuer FBI-Chef ernannt, Studie zu Todesopfer an innerdeutscher Grenze
 11. Juni Zufriedenheit Parlamentswahl in Frankreich, May unter Druck, Reisefreiheit in der Ukraine, Linkspartei verabschiedet Wahlprogramm, Brand in Flüchtlingsunterkunft in Bremen, Easyjet-Zwischenlandung in Köln, Digitaler Wandel ist Themenschwerpunkt auf Ideen-Expo
 13. Juni Kraft, Glück May setzt Regierungsbildung fort, EU-Kommission geht rechtlich gegen Polen sowie Tschechien und Ungarn vor, Ungarn will NGOs stärker kontrollieren, Ausbau der Breitbandnetze ist Hauptthema beim Digitalgipfel, Studie zu Fake News, Jamaika-Koalition in Kiel steht, Schießerei nach Polizeieinsatz in Unterföhring, Ermittlungen gegen Ronaldo wegen Steuerhinterziehung
 16. Juni Kraft, Glück Altkanzler Helmut Kohl gestorben, Reaktionen auf Kohls Tod, Euro-Gruppe einigt sich auf neue Hilfstranche für Griechenland, Grüne beraten über Wahlprogramm, CDU und FDP stellen NRW-Koalitionsvertrag vor, Proteste nach Hochhausbrand in London
 17. Mai Vertrauen, Freude Grünen-Parteitag diskutiert Wahlprogramm, Trump ändert Kuba-Reisebestimmungen für US-Bürger, Nach der Brandkatastrophe von London, Wahlstart in französischen Überseegebieten, Anschlag in Jerusalem, Demonstration von Muslimen gegen Gewalt, Merkel besucht den Papst, Trauer um Altkanzler Kohl, Gedenken an DDR-Volksaufstand von 1953, Kieler Woche eröffnet
 18. Juni  Zufriedenheit Parlamentswahlen in Frankreich, Verheerende Waldbrände in Portugal, Irakische Armee startet Sturm auf Altstadt von Mossul, Incirlik-Abzug soll bis Oktober abgeschlossen sein, Grünen verabschieden Wahlprogramm, Kritik an Überwachung von Messenger-Diensten, Civil G20-Gipfel in Hamburg begonnen, Niedersachsens Innenminister Pistorius lehnt generellen Abschiebestopp ab, Merkel trägt sich in Kondolenzbuch für Altkanzler Kohl ein, Britische Regierung bekräftigt Brexit-Pläne
20. Juni Vertrauen, Kraft, Mut Von Nordkorea entlassener US-Student Warmbier gestorben, Tag der Deutschen Industrie: Wirtschaft fordert mehr Investitionen, Weltflüchtlingstag: Aufrufe zu internationaler Hilfe, EGMR verurteilt russisches Anti-Homo-Gesetz, Katar fordert Saudi-Arabien zur Rücknahme der Sanktionen auf, Lage nach Waldbränden in Portugal, Ermittlungen gegen Fußballtrainer Mourinho wegen Steuerhinterziehung
23. Juni Vertrauen, Kraft, Zufriedenheit Macron und Merkel demonstrieren Einigkeit nach EU-Gipfel, Oberverwaltungsgericht untersagt G20-Protestcamp in Hamburg, Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung vorgelegt, Dobrindt stellt Plan für Schienengüterverkehr vor, Koalition einigt sich auf Gesetz gegen Hetze im Internet, UN-Geberkonferenz: Uganda braucht mehr Hilfen für Flüchtlingspolitik, Arabische Staaten erhöhen Druck auf Katar, Defekter Kühlschrank soll Hochhausbrand in London ausgelöst haben, Schwere Gewitter mit Starkregen richten weitere Schäden im Norden Deutschlands an
25.  Juni Vertrauen, Glück SPD verabschiedet Wahlprogramm, CDU berät über Leitsätze in der Steuerpolitik, 50.000 Menschen protestieren gegen belgische AKW, Parlamentswahlen in Albanien, Türkische Behördern verhindern Gay-Pride-Marsch in Istanbul, Feiern zum Ende des Ramadan begonnen, Mindestens 148 Tote bei Brand von Tanklastwagen in Pakistan, Zahl brandgefährdeter Hochhäuser in Großbritannien steigt auf 60, Suche nach Überlebenden nach Erdrutsch in China geht weiter, Waldbrände im Donana Nationalpark in Spanien

Wie bereits in den vorausgegangenen Zyklen zu sehen war, finden die stärksten Bewegungen in den Gefühlsbereichen Vertrauen, Glück, Zufriedenheit und Kraft statt, wobei Vertrauen sich als sensibelster Gefühlswert zeigt. Vertrauen ist die Währung der Politik und so verwundert es nicht, dass sensible Politiker wie der scheidende Bundestagspräsident Norbert Lammert in einem Interview kürzlich feststellte, dass das vertrauen in allen bereichen immer mehr verloren gehe. Besonderes Augenmerk verdienen die seltenen Ausschläge im Verlauf der Offenheits- und Aktivitätslinie, die handlungsorientierte Bedeutung und Aussagekraft für Veränderungsbereitschaft haben. Diese Ausschläge stehen mit großer Wahrscheinlichkeit in Verbindung mit dem kurz zuvor erzielten Ergebnis der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, das Veränderungen in der Zusammensetzung einer zukünftigen Landesregierung unumgänglich macht.

Die Situation wird übersichtlicher, wenn die Entwicklungslinien als Trendverläufe dargestellt werden:

Im Kurzzeit-Trend über den Juni sind die „Prüfwerte“ für die innere Stimmigkeit des Gesamtprofils (Gesamt, Allgemeinbefinden) geradlinige Konstanten, für die keine Vergleichswerte vorliegen. Solange die Verläufe dieser Gefühlswerte stabil sind, kann hypothetisch davon ausgegangen werden, dass die Ungleichgewichte innerhalb der Gesellschaft emotional zum Ausgleich gebracht werden können. Diese Aussage steht allerdings unter der Einschränkung, dass sie nur für die Warnehmung gilt, soweit sie sich im Internet niederschlägt. Insbesondere schließt sie nicht aus, dass bestimmte Personengruppen oder Milieus hiervon nicht erfasst werden.

Von den vier stärksten Gefühlen verlaufen Vertrauen, Kraft und Glück mit positiver Tendenz. Dagegen nimmt die Zufriedenheit deutlich ab. Hiermit korrespondieren die ebenfalls abnehmenden Tendenzen von Mut und Hoffnung. Die bereits auf sehr niedrigem Niveau verlaufende Offenheit nimmt tendentiell weiter ab. Hierin könnte sich eine Abwehrhaltung zeigen, die eine Panzerung gegen weitere negative Einflüsse auf den Gefühlshaushalt bedeuten würde. Psychologisch ausgedrückt könnte es sich um regressive Tendenzen handeln, die hier den Hintergrund bilden.

In der Gegenüberstellung der Kurzzeit-Trends vom Mai und dem aktuellen Trend bis zum Ende Juni ist als wesentlichste Veränderung eine Trendumkehr für das Vertrauen zu sehen. Hierin bestätigt sich der in den Tageswerten zu sehende Trend zu kurzzeitigen Reaktionen, die den Charakter der „politischen Währung“ unterstreichen. Eine deutliche Trendänderung gibt es daneben nur noch im Bezug auf die Zufriedenheit, die sich mit deutlich stärker abnehmender Tendenz zeigt. Die Häufung von negativen Nachrichten mit vielen Toten hat auch zu einer Umkehr des Trends zur Freude (Richtung Trauer) bewirkt, der nun in abnehmender Richtung verläuft. Darüber hinaus setzen sich die Trends der übrigen Gefühlswerte (Mut, Offenheit, Aktivität, Glück, Hoffnung) nahezu unverändert fort. Zu beachten ist hierbei, dass der bisher leicht abnehmend gerichtete Gesamttrend nun in den waagerechten Verlauf zurückgekehrt ist.

Ein Blick auf den langfristigen Trend zeigt, dass die dominierenden Gefühlswerte Vertrauen und Zufriedenheit in gegensätzliche Richtungen zeigen. Hierin drückt sich ein wachsendes Bewusstsein von Ohnmacht aus, die daraus entsteht, dass die gesellschaftliche und politische Ordnung auf Repräsentanz und Arbeitsteilung aufgebaut ist, die dem Individuum nur noch in kleinen Aktionsmustern Verwirklichungs– und Einflussmöglichkeiten lässt und gleichzeitig die Ansprüche, die das Individuum an das Leben und damit auch an die Gesellschaft hat, nicht befriedigen kann. Auf eine vereinfachende Formel gebracht bedeutet dies, die Gleichung persönliche Freiheit gegen die persönliche Vorstellung von einer friedlichen Welt und persönlichem Glück geht für immer mehr Menschen nicht mehr auf. Damit einher gibt es eine wachsende Bereitschaft zu Veränderungen, die sich in wachsender Offenheit ausdrückt.

 

 

 

 

Über Fidelio

Ich bin 68 Jahre alt, verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder. Meine berufliche Tätigkeit als Stadtplaner habe ich vor fünf Jahren beendet und ich widme mich seitdem intensiver um dieses Internetprojekt, Kommentare und Beiträge, die sich auf die hier veröffentlichten Themen beziehen sind mir willkommen!
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