Einblicke in „Interessante Zeiten“

Die neue Angst in der Stadt

Im Milieu der aus Angst vor der modernen Stadt in die Vorstädte gezogenen Bürgersöhne wächst nun eine neue Quelle der Angst heran, die mit den ursprünglichen Motiven der Angst nichts gemein hat. Es ist der Tag zwei nach den Brüsseler Terroranschlägen vom 22.03.2016 an dem ich diese Zeilen schreibe. Eine immer wiederkehrende Frage dieser Tage lautet, warum ist Brüssel gerade die Zentrale des islamistischen Terrorismus? Die Gründe hierfür gehen nach meiner Auffassung in das 19. Jahrhundert zurück, eben in jene Zeit, in der auch Suburbia zu wachsen begann. Der Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich Riehl schrieb als Zeitgenosse dieser Entwicklung: „Am auffallendsten gestaltet sich das Verhältniß von Stadt und Land in Belgien. Dieses kleine Königreich wird mehr und mehr ein rein städtisches Land. Schon bei der mit Ende 1850 abschließenden Volkszählung war beiläufig jeder dritte Belgier ein Stadtkind! Die Städte beherrschen hier das Land, die städtische Industrie den bäuerlichen Beruf wie in keinem andern Strich des europäischen Festlandes von gleicher Größe. Das Anwachsen der Städte geht hier mit Sturmeseile. Die Einwohnerzahl von Brüssel hat sich binnen 45 Jahren nahezu verdoppelt, von Gent mehr als verdoppelt, von Antwerpen wenigstens um mehr als ein Drittel gemehrt. Und zwar ist dieses Ueberwiegen des städtischen Lebens in Belgien nicht willkürlich und gemacht, es ist historisch und in der Natur und Lage des Landes tief begründet.“ In einer aktuellen Veröffentlichung zu diesem Thema ist zu lesen: „Wie historisch variabel sich die Stadt-Land-Beziehungen entwickelten, zeigt das Beispiel Belgien, wo anstelle einer Konzentration auf städtisches Wachstum und Überplanung städtischer Räume eine bewusste Dezentralisierungspolitik verfolgt wurde und wo man durch ein dichtes Netz an S-Bahnen die Industriearbeiter an ihren Landorten hielt – die freilich selbst urbane Züge anzunehmen begannen. Die vielfach als Zersplitterung wahrgenommene, hybride Siedlungsweise weiter belgischer Landstriche stellt sowohl eine Variante des Urbanisierungsprozesses wie eine frühe Form der Suburbanität dar.“

Siedlungsstruktur in Belgien. Entnommen: "Globale Urbanisierung - Perspektive aus dem All", Hrsg. Hannes Taubenböck u. a., Springer Spektrum 2015

Siedlungsstruktur in Belgien. Entnommen: „Globale Urbanisierung – Perspektive aus dem All“, Hrsg. Hannes Taubenböck u. a., Springer Spektrum 2015

Belgien kann als Beleg für den Zusammenhang zwischen der Inhaltsleere von Suburbia und der Entstehung von terroristischer Gewalt gesehen werden, die in einer Analogie besteht, die der schweizerische Psychoanalytiker Arno Gruen für das Produkt dieses Zusammenhangs so formulierte: »Hinter jedem Terrorismus und jeder Gewalttätigkeit steht eine innere Leere, die ihre Ursache darin hat, dass sich keine Identität bilden konnte, die im Mitgefühl und in der Empfindsamkeit für den eigenen Schmerz und den des anderen wurzelt.« Terrorismus ist aus diesem Grund kein Problem des Islam allein, sondern in gleichem Maße eines der westlichen Zivilisation.

Es wird deshalb interessant sein, einen Blick auf die Werteordnung in den zentralen Räumen des Terrorismus in Belgien zu werfen. In den folgenden Grafiken sind die Wertememe für Belgien, Brüssel und den Stadtteil Molenbeek – jenen Stadtteil, der als Keimzelle des islamischen Terrorismus in Belgien gilt – dargestellt.

Wertememe_Belgien_2010

Wertememe Belgien-Bruessel-Molenbeek

Wertememe Belgien-Bruessel-Molenbeek

In diesen Grafiken sind gravierende Unterschiede im Zeitvergleich bezüglich Belgien und im räumlichen Vergleich bezüglich der Fokussierung auf den Brüsseler Stadtteil Molenbeek abzulesen. Die Daten der ersten Grafik stammen aus dem Jahr 2010, die der zweiten Grafik aus dem Juni 2016. Hierdurch ist der Einfluss der Terroranschläge von Brüssel auf das Wertegefüge in Belgien als Ganzes zu ermessen und hinsichtlich der Stabilität in den drei skalierten Räumen abschätzen.

Der Zeitvergleich für Belgien zeigt einen enormen Einflussgewinn des roten Wertemems, der im wesentlichen auf eine Verlagerung von Grün auf Rot zurückzuführen ist. Dem liegt die Erfahrung zu Grunde, dass es dem autoritativen und individualistischen Rot möglich ist, die für Grün typischen Rituale und Konventionen zu erlernen und so unerkannt in der Gemeinschaft zu leben. Das Ausmass dieser Verschiebung ist allerdings so gravierend, dass hierfür nicht allein die Terroristen selbst mit ihrem Umfeld ursächlich sein können. Es wird vielmehr so sein, dass sich hier Reaktionen auf den Terrorismus in Form einer Regression von Teilen der Zivilgesellschaft in rote Gegengewalt zeigen. Gestützt wird diese Vermutung auch durch eine Abnahme von Blau, womit ein Vertrauensverlust in gesellschaftliche Ordnungsstrukturen und religiöse Moralinstanzen zum Ausdruck kommt. Trotz der historisch gewachsenen und aktuell zugespitzten prekären Situation des Landes bleibt Orange stabil, nach dem Motto „business as usual„. Hierbei ist jedoch darauf hinzuweisen, dass nach wie vor Grün dominiert und in nächster Zeit zunehmend durch Rot angegriffen wird.

Ein Blick auf die Werteordnung in Brüssel nach den Terroranschlägen bestätigt die Prognose „interessanter Zeiten“ für Belgien und insbesondere Brüssel. Für diese Stadt ist eine existentielle Krise angebrochen, die in einem dominierenden Rot bei sehr starkem Beige zum Ausdruck kommt. Hier bestätigt sich die bereits oben erwähnte Rolle von Rot in besonderem Maße. Zwar bedeutet ein starkes Rot nicht zwangsläufig Gewalt- und Terrorherrschaft einzelner mächtiger Männer – es hat auch eine kreative Seite – doch muss im Bezug auf Brüssel die Funktion der Stadt als Landeshauptstadt und europäische Hauptstadt sowie als Sitz internationaler Organe bedacht werden, die auf ein gut funktionierendes Orange mit seinen wissenschaftlich-technischen Möglichkeiten und Angeboten angewiesen sind. Doch gerade hieran fehlt es in dem gegenwärtigen Wertespektrum. Die Überwachung und Beschränkung des öffentlichen Lebens und seiner Infrastruktur wird nicht über längere Zeit fortgesetzt werden können, ohne dass die Stadt als Ganzes Schaden dabei nimmt.

Die Situation im Stadtteil Molenbeek, der eigentlich eine selbständige Gemeinde ist, stellt sich gegenüber Brüssel als Ganzem und Belgien als wenig beeinflusst von den Terrorereignissen dar, obwohl hier die Heimat der Terrorzelle von Brüssel sein soll. Hier haben wir ein starkes Orange mit einem gut ausgeprägten Blau und einem deutlich abgesetzten Grün. Ein Bild, dass für viele Städte in Europa steht. Der wesentliche Unterschied zu diesen Städten besteht in einem starken Beige. Im Unterschied zu Belgien und Brüssel ist hier allerdings Rot nur gering ausgebildet. Das deutet darauf hin, dass es in diesem Stadtteil eine Minderheit gibt, die trotz funktionsfähiger Werteordnung von der Entwicklung abgeschnitten ist und existentielle Not leidet. Um hiervon einen optischen Eindruck zu erhalten, empfehle ich, einen Blick in die Straßen des Stadtteils mit Google Streetview zu tun – nach meinem Eindruck ein durchmischter Stadtteil mit vielen gründerzeitlichen Häusern in sehr unterschiedlichen baulichen Zuständen, die Armut und Reichtum widerspiegeln. Das Klischee von der Vorstadt trifft hier nicht zu. Vielmehr scheint es hier Entwicklungsrückstände und Sanierungsbedürftigkeit zu geben, die in vielen Städten Europas anzutreffen sind. Für solche Stadtteile sind Überalterung, niedrige Einkommen und hohe Anteile von Migranten typische Merkmale. Hieraus erklärt sich auch eine geringe Veränderungsbereitschaft, da hierzu in den meisten Fällen die Mittel  fehlen. Damit ist eine Erklärung möglich, warum der Terrorismus in Brüssel diesen Stadtteil nur wenig zu rühren scheint.

Das 20. Jahrhundert war wesentlich durch zwei Weltkriege geprägt. Mit dem 21. Jahrhundert begann der Krieg im Zeichen des Terrors. Entstehung und Ausbreitung der Kriegsereignisse erzeugten Fragen bei den Davongekommenen, die keine endgültigen Antworten finden konnten und selbst seit den politischen Verwerfungen des 11. September 2001 ist Blindheit für die Kriegsführung der westlichen Welt noch weit verbreitet, steht doch immer wieder nach Terroranschlägen ein naives «Warum?» im Raum. Zwar hat die Regierung Obama von der Rhetorik der Bush-Administration Abstand genommen, doch gehen die militärischen Aktionen mit dem Schwerpunkt „Drohnenkrieg“ weiter.

NSA, USA

National Security Agency der USA

Mit dem Einsatz von Drohnen zur militärischen Aufklärung und als Trägersystem für Luft-Boden-Raketen hat sich die Charakteristik des Krieges den Suburbanisierungsprozessen und den Strukturen des Terrorismus angepasst. So wenig heute der Aufenthaltsraum der Menschen in den Vorstädten anhand äußerer Merkmale identifizierbar ist, so unscheinbar sind die Gefechtsstände der postmodernen Kriegführung in die Städte eingebettet und haben nichts mehr mit der traditionellen Gefechtsführung zu tun. Private Sicherheitsfirmen wie z. B. die Londoner Fa. Control Risk Group haben hierbei wesentliche Aufgaben übernommen. Sie sind mit den kriegführenden Machtzentralen in den War Rooms vernetzt. In den War Rooms laufen alle Informationskanäle zusammen. Sie sind entweder beweglich und militärisch gesichert, wie die Air Force One des amerikanischen Präsidenten, oder befinden sich in speziell gesicherten Gebäuden, wie z. B. die neueren Zentralen der Londoner Banken, die in monolithischer Bauweise errichtet wurden, d. h. sie bleiben auch dann stehen, wenn alles andere einstürzt. Bereits seit den Bombenanschlägen der IRA betreiben die Londoner Banken ein Kontinuitätsmanagement, die Aufrechterhaltung des Betriebs auch bei extremen Störungen und Angriffen sicherstellen soll. Hierzu wurden in unscheinbaren Gebäuden an geheimen Orten Workstations, PCs, Telefonverbindungen und Datenterminals eingerichtet, in denen ebenfalls Arbeitsplätze für eine Notmannschaft existieren, die im Bedarfsfall besetzt werden.

Wem es angebracht erscheint, zum Abschluss dieses Streifzuges durch „interessante Zeiten“ noch einige abgeklärte Gedanken zu lesen, dem möchte ich empfehlen, nicht zu resignieren und eine innere Ruhe zu entwickeln, aus der sich Kraft für persönliches Engagement schöpfen lässt.


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