Einblicke in „Interessante Zeiten“

Die Stadt als Brutstätte der Gewalt?
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Karlsruhe mit barocker Stadtanlage

Mit der Stadt als komplexem Ausdruck des menschlichen Schaffens hat sich auch der Krieg gewandelt und versetzt uns heute als räumlich ungebundene und allgegenwärtige Gewalt in Angst und Schrecken.Waren es in den mesopotamischen Städten der Tempelbezirk mit Zikkurat und Palst der Gottkönige, die Stadtmauern und Festungen im Mittelalter und die Schlösser des Barock, die Herrschaft und Frieden in der Stadt gewährleisten sollten, so sind es heute die subtilen Überwachungsmethoden der Sicherheitsbehörden. Jede Phase der Stadtentwicklung hatte sich mit der Bedrohung durch Gewalt auseinanderzusetzen: In der Antike mit dem Kurzschwert, Speer und Lanze, dem Reflexbogen der Hunnen; im Mittelalter mit Schwertern, Armbrusten und ersten Feuerwaffen; ab dem Mittelalter mit Kanonen und schließlich ab dem 19. Jahrhundert zusätzlich mit modernen Gewehren. Allen Waffen war bis zum Beginn des zweiten Weltkriegs ihre begrenzte und kalkulierbare räumliche Wirkung gemeinsam. Mit dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen – zunächst die Bomberverbände und zum Schluss die Atombomben, die auch die Zivilbevölkerung zum Ziel hatten – kam im zweiten Weltkrieg ein neues Element in die Kriegsführung.

Die Aktivitäten kriegerischer Handlungen konzentrierten sich zu allen Zeiten auf die Städte und hinterließen in ihnen dauerhafte Spuren oder führten zu ihrer totalen Vernichtung. Da liegt es nahe, einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Stadt und den Agressionen, die zum Krieg führen, zu vermuten. Ansatzpunkte hierzu bilden religiöse Praktiken der Menschenopfer, wie sie in vielen alten Hochkulturen üblich waren. Eine weitere Ursache können Raubzüge sein, die zur Erbeutung von Rohstoffen und Sklaven durchgeführt wurden. Einen Eindruck von den Vorgängen in der Neolithischen Revolution, jener Zeit als der Mensch sesshaft wurde und die ersten Siedlungen entstanden, liefern die archäologischen Funde in Anatolien. Von besonderem Interesse ist die Stadt Çayönü, wo sich die Siedlungs- und Kulturgeschichte vom 10. bis zum 7. Jahrtausend v. Chr. nachvollziehen lässt. Aus den hier wie auch in anderen anatolischen Städten freigelegten Kulturschichten wurde die Theorie eines „Anatolischen Kommunismus“ entwickelt, der nach anfänglicher Tyrannei durch eine Priester- oder Priesterkönigskaste nach einer gewaltsamen Erhebung entstand. Das Leben in der Stadt war von Gleichberechtigung, Gleichheit, Friedfertigkeit und körperlicher Arbeit geprägt.

Die Kultur der anatolischen Städte hat großen Einfluss auf die Entwicklungen im östlichen Mittelmeerraum gehabt, so dass auf der Insel Kreta und auf dem griechischen Festland in der Frühzeit matriarchale Gesellschaften vermutet bzw. nachgewiesen werden konnten. Für die weitere Entwicklung der europäischen Stadt war das Eindringen von vaterrechtlichen Hirtenvölkern aus dem südrussischen Raum und der Übergang vom Hackbau zum Pflugbau in Griechenland von entscheidender Bedeutung. Der von Frauen betriebene Hackbau mit dem Grabstock ist für matriarchalische Kulturen auf der ganzen Welt charakteristisch und er bedeutet, dass die Frau den Hauptanteil an der Nahrungsbeschaffung in der Gesellschaft hat. Durch die in zwei zeitlich auseinanderliegenden Anläufen eindringenden Viehzüchter (Hirten) kam eine gänzlich andere Wirtschaftsweise in die Dörfer und von dort in die Städte. Der ab dem 3. Jahrtausend aus Bronze hergestellte Pflug erforderte die Kraft eines Zugtieres. Das zur Domestizierung entsprechender Tiere notwendige know how war bei den Männern der Hirtenvölker vorhanden und verschaffte ihnen einen entscheidenden Vorteil, der zu einer Machtverschiebung in der frühzeitlichen Gesellschaft zu ihren Gunsten führte. Mit der Übernahme der Führung durch das Patriarchat wandelten sich nicht nur die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse, auch die Mythologie wurde an die männliche Vorherrschaft angepasst.

Die Frage nach dem Verhältnis von Stadt und Gewalt lässt sich nicht eindeutig beantworten. Sicher ist jedoch, dass der Wandel vom Matriarchat zum Patriarchat tief gehende Veränderungen bewirkt hat, die in der Mentalität der Hirtenvölker liegen und mit gewaltsamen Übergriffen verbunden waren, da er nicht überall gleichzeitig erfolgt ist und nur in Kategorien von Siegern und Verlierern zu begreifen sind. Die kulturgeschichtliche Tragweite des Konflikts lässt sich nicht zuletzt daran ermessen, wie die Geschlechterfrage in der Gegenwart das Leben bestimmt.

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