Einblicke in „Interessante Zeiten“

Die Enträumlichung der Stadt

In den USA leben heute zwei Drittel der städtischen Bevölkerung in Vorstädten mit vorwiegend rechtwinklig  arrangierten Baublocks mit vorwiegend ein- bis zweigeschossigen Häusern. Selten wird der geradlinige Straßenverlauf durch Kurven unterbrochen, die dem einzigen Ziel dienen, der Monotonie zu entkommen. Einladende Orte im öffentlichen Nahbereich gibt es nicht – kein Platz, der zum Verweilen einladen könnte, kein Treffpunkt an dem sich Nachbarn begegnen könnten, kein markantes Zeichen, dass dem umherschweifenden Blick Halt geben könnte. Die eher trostlos wirkenden homogenen Wohnbereiche wechseln sich mit immer gleich aussehenden Sportanlagen, Einkaufszentren, Restaurantketten und Coffee-Shops ab, die nur mit dem Auto zu erreichen sind. Was für die unten abgebildete autogerechte Stadt Los Angeles gilt, trifft nahezu identisch für alle Vorstädte der USA zu. Nur die Verfügbarkeit des Autos bewahrt die Bewohner der Vorstädte vor der Isolation, wie sie in der Weite der ländlichen Räume besteht, und dem Auto ist es auch zuzuschreiben, dass dieses Gesicht des Kapitalismus in einen wesentlichen Zug chinesischen Verhaltens mündet, nach dem Grundsatz: „Was vielen Menschen gefällt, kann nicht ganz schlecht sein.“ Hierin drückt sich jedoch auch der freiwillige Verzicht auf die in der westlichen Kultur zu den Grundwerten gehörende Individualität aus. Das in Massenproduktion am Fließband hergestellte Auto ermöglichte den Bau ausgedehnter Siedlungen vor den Städten, und das mit dem Auto verbreitete technologische Prinzip der Fließbandproduktion ermöglichte die billige Massenproduktion von Gebäuden in riesigem Maßstab.

In den Siedlungen herrschen oft strikte Verhaltensregeln: Wäscheaufhängen ist verboten, der Rasen darf eine gewisse Höhe nicht überschreiten, Obstbäume dürfen nicht gepflanzt werden. Diese Regeln ergeben sich teils aus der Enge der Grundstücke, teils aus wirtschaftlichen Interessen (der Supermarkt muss sein Obst und seine Marmeladen ja auch verkaufen können), aber auch aus dem Verlangen, alles möglichst im originalen Zustand zu erhalten um den Marktwert möglichst hoch zu halten – der Sammler alten Spielzeugs will ja auch die Originalverpackung dabei haben. Der amerikanische Historiker Kenneth T. Jackson hat sich in seinem 1985 erschienenen Buch „Crabgrass Frontiers – Die Suburbanisierung der Vereinigten Staaten“ (Originaltitel: Crabgrass Frontier: The Suburbanization of the United States) grundlegend mit der Entstehung der amerikanischen Vorstädte auseinandergesetzt und weist darauf hin, dass die Gestaltung der Vorstadtsiedlungen tiefe Einblicke in das Lebensgefühl ihrer Bewohner gestattet. Das menschliche Verhalten werde konditioniert, aus dem suggerierten Lebenstraum und seinen gebauten Umsetzungen und den weitgehend vorbestimmten sozialen Rollen– und Verhaltensstrukturen entstehe ein serielles Leben.

Für viele Menschen in den USA sind die Illusionen der geordneten und sicheren Vorstadtwelt mit dem Platzen der Immobilienblase und der darauf folgenden Weltfinanzkrise im Jahr 2008 zerstoben, in anderen Teilen der Welt haben sich Vorstadt-Variationen gebildet, die ein Überleben der Idee ermöglichen und neue Immobilienkrisen auslösen können. Insbesondere wird diese Gefahr aktuell in Europa gesehen, wo die Politik des billigen Geldes zu überzogenen Investitionen in Immobilien führen kann, zusätzlich angeheizt durch die kurzfristige Nachfrage von Migranten. Darüber hinaus zeigen die Produktionsbedingungen der Bauwirtschaft im Rückblick auf vergangene Wirtschaftsperioden, dass eine flexible Reaktion auf kurzfristige Konjunktursprünge kaum erwartet werden kann und somit auch aus dieser Sicht die Entstehung einer Immobilienblase möglich erscheint.

Levittown Pennsylvenia

Levittown in Bucks County, Pennnsylvenia, 1959. Quelle: Wikimedia Commons,  public domain

Seit der amerikanische Bauunternehmer William Levitt 1947 begann, Vorortsiedlungen für  weiße Kriegsveteranen zu bauen, gingen das Auto und die uniforme Baukultur eine unauflösbare Verbindung ein. Gleichzeitig wurde die bei den US-Streitkräften praktizierte Diskriminierung Schwarzer durch den Ausschluss der Schwarzen aus den neu entstehenden Siedlungen durch Levitt fortgesetzt, so dass sich die Vorstädte zu Enklaven der weißen Mittelklasse entwickeln konnten. Gleichzeitig verarmten die Kernstädte und wurden mit ihren überwiegend farbigen Bewohnern zu Sanierungsgebieten oder – noch schlimmer – zu No-go Areas.

Urban sprawl in Los Angeles (USA); Quelle: Flickr

Suburbia Los Angeles; Quelle: Flickr; Lizenz: (CC BY-NC-SA 2.0)

Im zweiten Weltkrieg – in Deutschland vor allem nach dem Krieg – erlebte Suburbia im Leitbild der „gegliederten und aufgelockerten“  Stadt eine Renaissance als moderne, gesunde und zugleich militärisch sichere Siedlungsweise, da weite Stadtlandschaften dem Bombenterror aus der Luft weniger Angriffsfläche bieten als die dicht bebauten Städte des 19. Jahrhunderts. Mit der konsequenten Umsetzung der Charta von Athen  wurde das Modell der amerikanischen Vorstadt zum Vorbild weltweiten Städtewachstums, wobei lokale Abwandlungen den geografischen, klimatischen und wirtschaftlichen Bedingungen Rechnung zu tragen hatten. Das Bild der Stadt zerfiel damit in viele Teilansichten und der Lebensraum des Menschen war auch von technischen Augen nicht mehr in einem Bild zu erfassen.

Die deutsche Variante von Suburbia befriedigt neben kostengünstigem Bauen auch nostalgische Sehnsüchte nach dörflicher Geborgenheit mit Fachwerkhäusern und Dorfbrunnen genauso wie das illusionäre Verlangen nach andauerndem Urlaub im meditteranen Ambiente. Dabei bleibt es immer aktuell. Sein allumfassender Charakter schert sich nicht um örtliche Traditionen, er ist universell und macht die Orte austauschbar. Suburbia hat kein Zentrum und keine Begrenzungen, es nimmt die Charaktere und die Geschichte des Ortes in sich auf und bringt sie in ein neues Format. So kann es sein, dass Schwarzwaldhäuser im norddeutschen Flachland erscheinen und mittelalterliche Stadttore und -türme an historischer Stelle im autogerechten Straßenraum  neu errichtet werden. Suburbia ist mehr als eine Ansammlung modischer Ausdrucksformen der Stadtentwicklung, es ist Ausdruck des Zeitgeistes im 20. und 21. Jahrhundert.

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