Einblicke in „Interessante Zeiten“

Das allsehende Auge

Das „allsehende Auge“ am Tor des Aachener Domes. Quelle: Wikimedia Commons, Urheber: Trexer, Lizenz: Creative-Commons 3.0 (Ausschnitt)

„Der liebe Gott sieht alles“

Welche Folgen haben die technischen Erweiterungen des menschlichen Blicks nun für den Menschen als Person und gesellschaftliches Wesen? Zunächst führt die Erweiterung des Sichtbaren und die Verfügbarkeit der Bilder zu einer fortschreitenden Erweiterung von Wissen und Erkenntnis. Die Konzentration der technischen Möglichkeiten und des hierdurch erlangten Wissens in wenigen Händen führt jedoch zu einem Machtzuwachs, der emanzipatorischen Bestrebungen entgegen wirkt. Im Extremfall kann es zu Selbstüberhöhung der Mächtigen führen, die sich im Besitz des göttlichen Blicks wähnen, dem nichts verborgen bleibt. Auf der einen Seite bekommen die Menschen immer mehr Bilder zu sehen, auf der anderen Seite sind die Menschen jedoch selbst gewollt oder ungewollt immer häufiger Objekte der technischen Augen.

Videoüberwachung (CCTV) ist seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zur Selbstverständlichkeit in vielen Städten geworden. Die City of London – die europäische Finanzmetropole – ist eine total überwachte Zone in London mit ca. 650 offiziellen Videokameras im öffentlichen Raum. In Deutschland sind viele Bahnhöfe videoüberwacht, an besonderen Brennpunkten sind ebenfalls Videokameras installiert. Darüber hinaus werden z. B. Industrieanlagen, U-Bahnen, Bushaltestellen, Geschäftsstraßen, Einkaufszentren, Bankautomaten und Gated Communities  durch CCTV-Anlagen überwacht. Gerade die freiwillige Unterwerfung der Bewohner von Sicherheits-Wohnanlagen unter den kontrollierenden Blick des Kameraauges und der darüber verfügenden Personen läßt vermuten, dass der Schutz der Privatsphäre  hinter die Angst vor Verlust zurücktritt. Hierfür spricht ebenfalls der geringe Protest der Öffentlichkeit gegen Videoüberwachung im öffentlichen Raum. Dieses Phänomen führt bei kritischen Beobachtern dieser Entwicklung bis hin zu der Vermutung, bei vielen Menschen bestehe geradezu der heimliche Wunsch, beobachtet zu werden. Für diese Annahme sprechen jedenfalls auch die arglos im Internet freiwillig preisgegeben Fotos mit intimen Inhalten und die in sozialen Netzwerken veröffentlichten persönlichen Daten.

Es hat sich jedoch gezeigt, dass Videoüberwachung weder die Terroranschläge in London noch in Boston verhindern konnte. Dennoch wird nach jedem Anschlag auf wahllos getroffene Passanten im öffentlichen Raum die Forderung nach mehr Überwachungskameras von hilflosen Politikern erhoben – so auch nach den Übergriffen auf die Silvester-Partyteilnehmer auf der Kölner Domplatte. Es hat sich aber gerade bei diesem Ereignis gezeigt, dass neben der offiziellen Bilddokumentation durch die Polizei eine informelle Bilddokumentation durch viele private Handy-Aufnahmen besteht, die durch die Polizei verwertet werden kann und gleichzeitig eine Kontrollfunktion durch die Öffentlichkeit erfüllt.

Die Ereignisse in der Silvesternacht haben die gesamte Republik erschüttert, weil sie den Kern der modernen Sicherheitsphilosophie des städtischen Raumes verletzt haben. Die von dauerhaft anwesenden Menschen weitgehend befreite Innenstadt dient der Distribution und dem Transport von Personen, Gütern und Informationen. Auf ihren Plätzen treffen sich zu bestimmten Anlässen die in die Vorstädte – nach Suburbia – gezogenen Menschen. Diese Vorstädte entstanden zunächst in England und den USA aus der Angst des Bürgertums vor der lauten, schmutzigen und „unmoralischen“ Industriestadt. Diese Angst speiste sich aus drei Quellen: dem Unverständnis, dass solch schreckliche Zustände im Herzen des englischen Empire überhaupt möglich sein konnten, die zweite Quelle waren Befürchtungen, dass es aufgrund ihrer menschenunwürdigen Situation zu einem Aufstand der Arbeiterklasse kommen könnte und schließlich die Empörung über den unsittlichen Lebenswandel in den Slums. Um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert gaben Bostoner Bürger ihren Söhnen den Rat: »Boston kann Dir außer hohen Steuern und politischer Mißwirtschaft nichts bieten. Wenn du heiratest, such dir eine Vorstadt, wo du Dir ein Haus baust, tritt in den Country Club ein und laß dein Leben sich um Klub, Heim und Kinder drehen«. So entwickelten sich Suburbia und die Gartenstadt. Von dem ersteren sagt man, es holze die Bäume ab, um seine Straßen nach ihnen zu benennen, von der Gartenstadt ist zu sagen, dass sie den Versuch darstellte, Stadt und Land wieder zu vereinen. Ihren theoretischen Überbau erhielten diese Konzepte durch die Charta von Athen. Leitgedanke dieses Konzepts ist die räumliche Trennung der städtischen Funktionen Wohnen, Arbeiten und Erholung.

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