Einblicke in „Interessante Zeiten“

 Sehen manipuliert

Die Vielzahl merkwürdiger Phänomene führte zu verschiedenen Theorien über die Verarbeitungsmuster im Gehirn, die nicht auf die Psychologie beschränkt blieben. Da diese Theorien auch zur Entwicklung technisch erzeugter Bilder führten, die mit der Erfindung der Fotografie im 19. Jahrhundert begann und sich über die Röntgentechnik bis hin zu computergestützten Visualisierungsverfahren  und 3D-Scans in alle Bereiche ausgebreitet hat, kann von technischen Augen und einer visuellen Zeitenwende gesprochen werden. Damit rückten das Ultrakleine und der Makrokosmos sowie Raum und Zeit – das sonst Unzugängliche, das rasend Schnelle und das lähmend Langsame – auf breiter Basis in den Wahrnehmungsbereich des menschlichen Geistes und erlangten gesellschaftsprägende Kraft sowie philosophische Bedeutung.

Lennart Nilsson: Embryo

Sechs Wochen alter Embryo. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: CC-BY-SA-2.5,2.0,1.0, Fotograf: Lennart Nilsson

So veränderten die 1967 veröffentlichten Fotos von Föten des schwedischen Fotografen Lennart Nilsson unsere Einstellung zum werdenden Leben und bezogen damit Stellung in der damals öffentlich geführten Abtreibungsdebatte. Gleichzeitig zeigen diese Fotos die Möglichkeiten der Manipulation mittels technisch erzeugter Bilder auf. Durch die vom Mutterleib isolierte Darstellung der Föten wurde ihre Eigenständigkeit als Lebewesen demonstriert und damit ein gegenüber der Mutter bestehender Schutzanspruch suggeriert. Die Wirkung der Bilder wurde noch durch ihre Brillianz unterstrichen, die jedoch bei etlichen Aufnahmen dadurch erreicht wurde, dass sich die fotografierten  Föten außerhalb des Mutterleibs befanden. Ein weiteres Beispiel bieten die aus dem Weltraum aufgenommenen Fotos der Erde, die erstmals einen Gesamteindruck des Heimatplaneten vermittelten und die täglichen Sorgen vor dem Hintergrund eines ozeanischen Einheitsgefühls klein erscheinen ließen. An ihre Stelle konnte nun die Sorge um die Erde treten, die im Sinne der Gaia-Hypothese als schutzbedürftiges Lebewesen aufgefaßt wurde.

Mit den Fortschritten der Hirnforschung, die sie bis zum Status einer Leitwissenschaft entwickelt haben, nahmen die Versuche zu, die im Gehirn ablaufenden Prozesse der Bildwahrnehmung zu erfassen. Heute vergeht kaum ein Tag, an dem die Medien nicht von sensationellen Ergebnissen der Hirnforschung zu solchen wie auch anderen Prozessen berichten. Darin heißt es dann sinngemäß, die Hirnforscher hätten »jetzt« entdeckt, wo irgendetwas »steckt« – bestimmte Wahrnehmungen, das Mitgefühl, die Angst, das Glück … Grundlage dafür sind bildgebende Verfahren, meistens die Positronenemissionstomografie (PET) und die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT).

Wahrnehmung_Gehirn

fMRT Aufnahme des Gehirns eines 24-jährigen Probanden, rot = Bereich erhöhter Aktivität. Quelle: Wikimedia Commons, User Polarlys, Lizenz: gemeinfrei

Das letztere Verfahren kann beispielsweise messen, welcher Teil eines Gewebes (also auch: welcher Hirnbezirk) zum Zeitpunkt der Messung besonders gut durchblutet ist. Was dabei nur selten beachtet wird: Diese Verfahren bilden nichts anderes ab als den Stoffwechsel des Gehirns. Doch daraus wird ohne Bedenken auf die angeblich in gleicher Verteilung ablaufenden elektro-chemischen Prozesse und deren Verknüpfungen im Gehirn geschlossen. Ein bemerkenswertes Beispiel für das Missverhältnis von Erkenntnissen und Verständnis ist eine Meldung von Versuchen bei denen einzelne Hirnzellen nur dann aktiv wurden, wenn der Proband ein bestimmtes bekanntes Gesicht sah. Selbst bei coolen Hirnforschern löste diese Nachricht von so extrem spezialisierten Neuronen großes Erstaunen aus, glich sie doch einem Signal von Außerirdischen, das zwar die Existenz intelligenten Lebens im Universum beweist, dessen Inhalt jedoch völlig unverständlich bleibt. Hirnforscher wissen nach wie vor nicht, wie die elektrische Aktivität eines Neurons damit zusammenhängt, dass wir ein bekanntes Gesicht erkennen und es einer bestimmten Situation zuordnen können. Für diese Aufgabe nutzt unser Gehirn wahrscheinlich ein großes Ensemble von Hirnzellen, die über einen noch unbekannten neuronalen Kode miteinander kommunizieren. Die Fragwürdigkeit der bisherigen Forschungsmethoden wird in jüngster Zeit auch Wissenschaftlern bewusst und sie rufen nach neuen Methoden, um die elektrische Aktivität von Tausenden oder Millionen von Neuronen aufzeichnen und beeinflussen zu können. Eine späte Erkenntnis, hatte doch bereits vor mehr als 80 Jahren der spanische Pionier der Neuroanatomie Santiago Ramón y Cajal von dem Dschungel gesprochen, in dem sich viele Forscher verlaufen haben.

Die Rufe nach neuen Forschungsmethoden und -techniken – und damit auch nach Forschungsgeldern – wurden in den USA bereits 2013 erhört. Die US-amerikanische Regierung stellte im Jahr 2014 für das Großforschungsprojekt BRAIN (Brain Research for Advancing Innovative Neurotechnologies) ein Startkapital von 100 Millionen Dollar zur Verfügung. Die Europäische Union finanziert das auf zehn Jahre ausgelegte Human Brain Project mit 1,2 Milliarden Euro. Ziel ist nicht weniger als ein Computermodell des gesamten menschlichen Gehirns. Auch China, Japan und Israel legen ebenfalls ambitionierte neurowissenschaftliche Forschungsprogramme auf. Ob die Rätsel des Gehirns jedoch mit einer Vervielfachung des Geldes für seine Erforschung zu lösen sind muss bezweifelt werden – neue Ideen müssen her. Letztendlich läuft der etablierte Forschungsansatz auf eine Senkung der ethischen Schranke hinaus. Experimente am lebenden Gehirn waren bisher nur in sehr geringem Umfang zulässt und wurden meist in der Öffentlichkeit entzogenen Bereichen des Forschungsbetriebs durchgeführt. Vor diesem Hintergrund ist eine Infragestellung des materialistischen Paradigmas ethisch notwendig und zur Erzielung eines Erkenntnisfortschritts im öffentlichen Interesse erforderlich. Zu wünschen ist die Erweiterung der theoretischen Ansätze unter den Leitgedanken der Evolutionären Erkenntnistheorien, die Erkenntnisse der Evolutionsforschung, Quantenphysik, Psychologie und der Systemwissenschaften allgemein einbezieht. In diesem Rahmen kann Theorien wie der „Impliziten Ordnung“ des Physikers David Bohm oder den „Morphogenetischen Feldern“ des Biologen Rupert Sheldrake der Stellenwert gegeben werden, den sie verdienen. An dieser Stelle erinnere ich an den Erfinder Nikola Tesla, der neben dem heute gebräuchlichen Wechselstrom viele Grundlagen-Erfindungen gemacht hat, auf denen das gesamte heutige technisch-industrielle System beruht – und der weit darüber hinaus dachte. Einem Mann, der prophezeite „der Kampf der Frauen um die Gleichheit der Geschlechter wird in eine neue Ordnung der Geschlechter münden, bei der das weibliche überlegen sein wird„, und der das Vorhandensein einer „freien Energie“ postulierte würde heute niemand mehr große Summen an Forschungs- und Entwicklungsgeldern anvertrauen, wie es vor 100 Jahren noch der amerikanische Industriemagnat George Westinghouse tat. So gesehen kann die Menschheit dankbar sein, dass Tesla vor über 100 Jahren lebte. Für uns Heutige aber stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien Forschungsgelder vergeben werden, wer sie vergibt und wie die öffentliche Kontrolle über Forschungsthemen ausgeübt wird. Ein Schritt in die richtige Richtung, weil kostengünstig und demokratisch, ist die Stärkung und öffentliche Förderung von „Bürgerwissenschaft“ oder Citizen Science. Dabei kommt es vor allem darauf an, einen selbstbestimmten Forschungsbereich zu schaffen, der ein festes Budget zur Verfügung hat und die Projekte selbst wählen kann. Hierzu hat Rupert Sheldrake in seinem Buch „Der Wissenschaftswahn“ konkrete Vorschläge gemacht.

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