Einblicke in „Interessante Zeiten“

 Sehen als Erkenntnisprozess

Deutlicher als in den Religionen tritt die Bedeutung des Sehens in der Philosophie und in den Naturwissenschaften hervor. Eines der bekanntesten Gedankenexperimente – das Höhlengleichnis des Platon – befasst sich mit dem Sehen. In diesem Gleichnis sind Gefangene so am Boden einer Höhle angekettet, dass sie nur die Schatten der Dinge auf der Höhlenwand sehen, die vor einer unsichtbar hinter ihnen liegenden Lichtquelle vorbeiziehen. Sie bilden sich Meinungen , verfallen auf Trugschlüsse und streiten sich. Platon lässt nun einen der Gefangenen von seinen Fesseln befreien und sogleich aufstehen und das Gesicht zu dem Licht wenden. Auf Grund der plötzlichen Bewegungen nach langer Fixierung verspürt der befreite Gefangene Schmerzen. Diese und der flimmernde Glanz des Lichts hindern ihn daran, jene Dinge zu sehen, wovon er vorher die Schatten sah. Platon fragt nun seine Zuhörer, was der Protagonist seines Gleichnisses sagen würde, wenn ihm jemand versicherte, damals habe er lauter Nichtiges gesehen, jetzt aber, dem wirklich Seienden näher und zu dem mehr Seienden hingewendet, sähe er richtiger. Was würde er dem Jemand antworten, wenn dieser ihm alle Dinge zeigen würde und ihn fragen würde, was es sei. Platon nimmt seinen Zuhörern die Antwort vorweg und meint, der so Befreite werde ganz verwirrt sein und glauben, was er damals gesehen hatte, sei doch wirklicher als was ihm jetzt gezeigt werde.

Mit seinem Höhlengleichnis bringt Platon uns einige Grundfragen der Philosophie und Psychologie näher: Was sind Wahrnehmung und Erkenntnis, in welchem Verhältnis stehen sie zueinander und wie kommen sie zustande? Einige wesentliche Details dieses Fragenkomplexes können bis in die Gegenwart nicht erklärt werden, so dass die in der griechischen Antike spekulativ gefundenen Antworten auch heute noch in einigen Aspekten lebendig sind. In seinem Buch „Der Wissenschaftswahn“ berichtet der englische Biologe und Wissenschaftsautor Rupert Sheldrake von einer Untersuchung der Ohio State University zu der Frage, wie sich die Bevölkerung allgemein den Sehvorgang vorstellt. Weit über die Hälfte der Probanden zeigten dabei Vorstellungen auf, die denen der griechischen Antike entsprachen. Es erscheint mir daher sinnvoll, hier einen kurzen Überblick über die Entwicklung der Theorien des Sehens – als einem zentralen Bestandteil der menschlichen Wahrnehmung – zu geben. Ich werde dabei weitgehend der Darstellung in dem oben erwähnten Buch von Rupert Sheldrake folgen und mich auf die technischen Aspekte beschränken, da die weitreichenden philosophischen Grundannahmen teils unbekannt oder soweit ausholend sind, dass sie vom Thema des „Sehens“ wegführen..

Historisch können die seit etwa 2500 Jahren aufgestellten Theorien des Sehens in drei Gruppen eingeteilt werden:

  1. Die Augen senden unsichtbare Sehstrahlen aus – sie emittieren – und „scannen“ so den angezielten Gegenstand ab. Hierauf beruhende Theorien werden manchmal auch als „Emissionstheorien“ bezeichnet. Diese Vorstellung wurde von Platon unterstützt und durch Euklid mathematisch ausgearbeitet. In dieser Fassung wurde sie von Isaac Newton aufgegriffen und bildlich verständlich gemacht. Auf dieser Darstellung beruhen noch Darstellungen des Sehvorgangs in einigen Schulbüchern.
  2. Bei der zweiten Art von Theorien werden Bilder zum Auge oder in das Auge geschickt – daher der Name „Immissionstheorien“.
  3. In der dritten Art von Theorien werden „Emissionstheorie“ und „Immissionstheorie“ miteinander kombiniert, wobei die Einwärtsbewegung des Lichts in das Auge die Immission darstellt und die Ausrichtung des Auges auf einen bestimmten Gegenstand, der unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht, die Emission darstellt.

In der abendländischen Entwicklung stellten die von Platons Schüler Aristoteles getroffenen Feststellungen für viele Jahrhunderte den Abschluss der Entwicklung dar. Er widersprach der Auffassung seines Lehrers Platon unter anderem mit dem Argument, es sei unvernünftig zu denken, dass die Augen einen Strahl aussenden, der bis zu den Sternen reicht. Wenn die Augen Licht produzieren würden, müsste man auch in einem vollkommen dunklen Raum sehen können. Seine eigene Theorie, die weniger auf Vorstellungen als auf Beobachtungen basierte ging davon aus, dass nur leuchtende Objekte wie das Feuer und die Sonne Licht abgeben. Das Licht sei immateriell und werde von Gegenständen reflektiert und treffe danach auf die Augen, die so das Sehen ermöglichen. Auf dem Weg vom reflektierenden Gegenstand zum Auge durchwandere das Licht ein unsichtbares Medium.

Erst 1300 Jahre später wurde durch die Experimente des arabischen Gelehrten „Alhazen“ ein weiterer Schritt vorwärts getan. Er analysierte den anatomischen Aufbau des Auges, erkannte die Bedeutung der Linse und widerlegte die in der Antike aufgestellte „Emissionstheorie“ durch Experimente. Die von „Alhazen“ aufgestellte Theorie rückte nun das Auge als optisches Organ in das Zentrum seiner Betrachtung und ging entscheidend darüber hinaus, indem er die Tätigkeit des Gehirns als maßgeblich für die Wahrnehmung von Sinnesreizen erkannte – und was man sehe, werde von persönlichen Erfahrungen beeinflusst.

Seit dem frühen 17. Jahrhundert ist die Immissionstheorie die gültige wissenschaftliche Lehrmeinung. Mit der Veröffentlichung seiner Theorie des Netzhautbildes durch den Astronomen Johannes Kepler wurde ein großer Schritt vorwärts getan. Kepler stellte fest, dass die Augenlinse das durch die Pupille einfallende Licht bündelt und ein Bild auf der Netzhaut erzeugt. Dieses Bild musste jedoch nach den Gesetzen der Optik – aber gegen alle Erfahrung – auf dem Kopf stehen und seitenverkehrt sein. Es steht seitdem die Frage offen, wie die Bilder „vom Kopf auf die Füße“ gestellt werden. Der große Entdecker Johannes Kepler wußte sich in dieser Frage nur dadurch aus der „Affäre“ zu ziehen, dass er sagte, die Ausstrahlung beim Sehakt sei etwas aktives und das Sehen sei etwas passives, da dies aber gegensätzlich sei, so müsse auch das Bild im Auge dem äußeren Objekt entgegengesetzt sein. Es handele sich also um kein Problem der Optik und es seien andere Disziplinen berufen, dieses Problem zu lösen. Eine wissenschaftliche Erklärung aber gibt es bis heute nicht.

In neuerer Zeit wurden Experimente durchgeführt, in denen ein normalsichtiger Mensch eine Umkehrbrille trug, wodurch alles „auf dem Kopf“ stehend erschien; nach etwa zwei Wochen hatte sich die Wahrnehmung  – trotz der Brille – so verändert, dass nun wieder alles „mit dem Kopf nach oben stehend“ erschien. Als nun die Brille entfernt wurde, trat die gleiche Reaktion ein – nur dieses mal in anderer Richtung, so dass die Wirklichkeit nun „kopfstand“. Diese erneute Korrektur war bereits nach wenigen Minuten vollendet und damit der Ausgangspunkt wieder erreicht. Offensichtlich werden die visuellen Eindrücke des Auges von einer übergeordneten Instanz im Gehirn auf ihre „Systemkonformität“ überprüft und soweit notwendig korrigiert.

Perseus und Medusa

Francesco Maffei: Perseus enthauptet Medusa, während er sie im verspiegelten Schild der Athene sieht. Lizenz: gemeinfrei

Auch Keplers Zeitgenosse Galileo Galilei ließ die Wahrnehmung im Kopf stattfinden, jedoch differenzierte er diese in „primäre“ und „sekundäre“ Qualitäten der Dinge. Zu den primären Eigenschaften zählte er alles was messbar war und sich mathematisch behandeln ließ, wie Größe, Gewicht und Form. Hierfür sollte die objektive Wissenschaft zuständig sein. Demgegenüber standen die sekundären Eigenschaften wie Farbe, Geschmack, Beschaffenheit und Geruch, die nicht in der Materie selbst vorliegen sollten, sondern nur subjektiv und im Gehirn angesiedelt waren. Damit wurde die Welterfahrung eingeteilt in das Objektive da draußen und das Subjektive im Gehirn. Diese Aufsplittung hat jedoch nicht zu einer nennenwerten Vermehrung des Wissens über die subjektive Seite der Wahrnehmung geführt. Im Vordergrund steht auch hier die Verlagerung ungelöster Fragen auf die neue Disziplinen der Neurowissenschaften, die mit großem technischen Aufwand eine Fülle von Daten produzieren, die wiederum neue Fragen aufwerfen. Eine dieser Fragen ist die nach den immer weiter eindringenden technischen Augen und der Interpretation der gelieferten Bilder.

Platon waren die Dinge, die wir sehen nur der schattenhafte Widerschein der wirklichen Dinge jenseits von Raum und Zeit. Alle einzelnen Dinge, die unseren Sinnen begegnen sind Widerspiegelungen transzendenter Formen, die nur von der unsterblichen Seele erkannt werden können. Aus dieser Weltsicht war es nur konsequent, dass unsere Sinne nur subjektive Erfahrungen ermöglichen und auch das Sehen ein aktiver Prozess ist. Wir sehen die Dinge an und entscheiden selbst, wohin wir die Aufmerksamkeit lenken. Platons Vorstellung vom Sehen steht den von den älteren Philosophien Griechenlands entwickelten Sehtheorien der Naturphilosophen und Atomisten nahe. Sie enthält jedoch bereits eine Unterscheidung zwischen Empfindung und Denkvermögen. Er ordnete die Empfindungen dem sinnlichen und die Bildung von Vorstellungen dem seelischen Gebiet zu. Zwischen diesen beiden Vorgängen findet die teils bewußte und unbewußte Wahrnehmung statt. Diesen letzten Schritt, die Unterscheidung und Analyse der Wahrnehmung, vollzog Platons Schüler Aristoteles.

Die Geschichte der Sehtheorien und die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Sehens führen zwangsläufig zur Annahme von Hirnaktivitäten wie Wahrnehmung und Aufmerksamkeit, mit denen sich vor allem die Psychologie befasst. Da die Psychologie keine Wissenschaft im ursprünglichen Sinn ist, sondern sich nahezu ausschließlich empirischer Methoden bedient (Interview, Fragebogen) und nicht zu prozesshaften Ergebnissen führt, wie sie in den Naturwissenschaften üblich sind, bleiben offene Fragen bestehen, die von anderen Disziplinen beantwortet werden können.

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