Einblicke in „Interessante Zeiten“

Der religiöse Stellenwert  des Sehens

Die Frage nach der Rolle und Bedeutung von Bildern – und damit dem Sehen – spielt in allen drei monotheistischen Religionen eine große Rolle. Nicht nur mit Zerstörung bildlicher Darstellungen ihrer Symbolfiguren reagierende Islamisten,  auch Juden und Christen haben zu verschiedenen Zeiten ihrer Geschichte darüber erbitterte Debatten und Kämpfe geführt. Hierzu liest man in der Bibel: »Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist« (erstes der Zehn Gebote (Exodus 20, 4)).  Gott lässt sich von seinem Volk nicht anschauen, sondern spricht zu ihm: Damit ist das Wort als der entscheidende Schlüssel nicht nur der Religion, sondern der Kultur überhaupt benannt, dem das Judentum in seinem religiös-kulturellen Leben durch alle Jahrhunderte bis heute erstaunlich treu geblieben ist.

Kupferstich von Frans Hogenberg: Calvinisten zerstören Kunstwerke in der Liebfrauenkathedrale von Antwerpen, Lizenz: gemeinfrei

Kupferstich von Frans Hogenberg: Calvinisten zerstören Kunstwerke in der Liebfrauenkathedrale von Antwerpen, Lizenz: gemeinfrei

Anders im Christentum: Durch die Menschwerdung Gottes in der Person Christi ist er den Menschen bildlich vor Augen getreten und es gibt ab diesem Ereignis keinen Grund mehr, sich kein Bild von ihm und von der Welt zu machen. Doch damit steckt das Christentum in einer Spannung: zwischen einer Gottsuche nach innen und einer nach außen, also im eigenen Denken oder im äußeren Bild. Welcher dieser Wege der richtige sei führte im Christentum zu jahrhundertelangen Debatten der Kirchenväter und Konzile, hat Rom und Byzanz, später Altgläubige und Reformierte in aller Welt beschäftigt. Dieser Streit wurde auch mit Gewalt und Krieg ausgetragen und ist unter der Bezeichnung „Bildersturm“ in die Geschichtsbücher eingegangen. Reformatoren in Zürich und in Basel, in Münster und in Holland und auch in England vernichteten die künstlerische Ausgestaltung des Glaubens in vielen Kirchen dieser Gegenden.

Budda-Sprengung durch Taliban

Buddha-Statue von Bamiyan vor und nach der Sprengung durch Taliban im Jahr 2001, Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Das im Islam praktizierte Bilderverbot ist dagegen nicht im Koran begründet. In der heiligen Schrift der Muslime steht nichts dazu. Erst in der Auslegungszeit der Worte des Propheten Mohammed ab Mitte des siebten Jahrhunderts, entwickelte sich die Auffassung einer neuen religiösen Führungsschicht, der Mensch solle generell keine Bildnisse anfertigen, weder von Gott noch von sich selbst oder den Dingen der Natur. Die Begründung: Gott allein ist fähig zur Schöpfung. Ihn zu ehren bedeutet auch, sich nicht selbst als Schöpfer aufzuspielen. »Von demjenigen, der ein Bild macht«, so lautet ein Spruch aus der muslimischen Tradition vom Beginn des neunten Jahrhunderts, »wird am Tag der Auferstehung verlangt werden, dass er ihm Lebensodem einhaucht. Das wird er aber nicht tun können.« Und so steht er an diesem Tag des Gerichts als Frevler da.

Die islamische Kunst beschränkt sich deshalb vor allem auf Ornamentik und Kalligrafie zum Lobpreis der Schöpfung Gottes. Jedoch hat sich auch im Islam keine einheitliche Haltung zum Bilderverbot durchgesetzt. So gibt es in der persischen Kultur Bildergeschichten vom Propheten Mohammed, in asiatischen Ländern findet man Mohammed-Comics in den Auslagen der Straßenläden.

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