Die Wertewelten der Angela Merkel (CDU) und des Horst Seehofer (CSU)

Nach dem Stühlerücken bei den Spitzenpolitikern der SPD wollten auch CDU, CSU und GRÜNE nicht im medialen Schatten bleiben und rückten ihre Spitzenkandidaten zur Bundestagswahl in das Rampenlicht der Medien. Im Vergleich mit der Kandidatenkür bei den Sozialdemokraten war es allerdings magere Kost, die insbesondere von CDU / CSU geboten wurde. Wer hätte auch schon erwartet, dass aus  bayrischen Drohgebärden schließlich handfeste Resultate werden. Dazu gibt es zuviele Kostproben bayrischer Kraftübungen mit Zirkushanteln, wie noch kürzlich bei der PKW-Maut vorgeführt wurde. Hier wie auch in dem öffentlich demonstrierten Burgfrieden zur Flüchtlingspolitik bleiben mehr Fragen, als Antworten, obwohl die Zeit für die Ausreifung politischer Konzepte und Entscheidungen reichlich vorhanden war.

Spannungsbögen zu Wahlen werden gewöhnlich zwischen möglichen Koalitionspartnern aufgespannt oder in der Spekulation über mögliche absolute Mehrheiten aufgelöst. Beides scheint zur anstehenden Bundestagswahl nicht möglich. Darüber hinaus bieten Wahlen gewöhnlich in der Programmatik nicht viel Konkretes, worauf sich die Stimmabgabe konzentrieren könnte. Nun aber öffnet sich eine Art politischer Wundertüte, in der sich ein SPD-Kandidat mit politischer Erfahrung, jedoch ohne bundespolitischen „Stallgeruch„, eine amtierende Kanzlerin der CDU mit der Schwesterpartei CSU auf Emanzipationskurs, eine verstoßene Zwillingsschwester der CSU mit dem Namen AfD und drei kleine Parteien befinden, die sich gerne als politische Wadenbeisser betätigen.

In diesem Beitrag werde ich versuchen, für die Beurteilung der drei Hauptakteure im Streben nach der Macht im Staate ein wenig mehr Struktur zu schaffen als dies durch die veröffentlichte Berichterstattung in den Medien möglich ist. Grundlage hierfür bilden die Methoden der Spiral Dynamics und der Integralen Theorie.

Wertememe für Deutschland im Januar 2017

Das Wertespektrum in Deutschland. Schlüsselbegriffe: Überlebenswille (Beige), blutsverwandt (Purpur), Ausbeutung (Rot), Wahrheit (Blau), Erfolg (Orange), Gemeinschaft (Grün), aktivistisch (Gelb), Gaia (Türkis)

Für jeden Politiker ist die Ausgangslage so gültig, wie für jeden Menschen, der sich innerhalb des Wertesystems eines Volkes oder Staates bewegt. Diese Heimat der Werte ist neben dem Raum, in dem sich alle bewegen, die gemeinsame Sprache. Mit Hilfe des Internets ist nur die letztere geeignet, Feststellungen über Wertorientierungen zu treffen. Im System der hier zu Grunde gelegten Spiral Dynamics sind es Schlüsselbegriffe, die jeweils ein Wertemem kennzeichnen. Für Deutschland ist festzustellen, dass Orange in der Summe aller sprachlichen Wesensmerkmale das weitaus dominierende Wertesystem ist. Es steht für Demokratie und Pluralismus, Rationalität, Erfolgsstreben, aber auch für Prestigedenken, hohe Erwartungen und die Macht des Geldes. Die Zukunft gehört dem Erfolgreichen, der sich zur Einforderung von Privilegien berechtigt hält. Dieses Kennzeichen ist Ausdruck einer kapitalistischen Marktwirtschaft, die den Gestaltungsraum für Politik stark einengt. Als Regulativ steht ein relativ schwaches Blau zur Verfügung, das Ordnungsprinzipien und ethische Normen beinhaltet. Es stellt jedoch gleichzeitig einen hemmenden Faktor für das „unproduktive“ Grün dar, in dem soziale Werte dominieren und Freiräume für spirituelle Entwicklungen entstehen. Dennoch hat sich ein deutlich wahrnehmbares Türkis entwickelt, von dem spirituell gelenkte Impulse in den materiellen Teil der Entwicklungsspirale einfließen können.

 

 
Horst Seehofer ist wie auch Angela Merkel Teil des übergeordneten Systems Deutschland. Allerdings ist hierzu die Feststellung notwendig, dass Horst Seehofer in seiner politischen Entwicklung stark von Bayern, dessen Ministerpräsident er ist, mitgeprägt ist. Daraus könnten sich Unterschiede zu der Situation der Kanzlerin ergeben. Da er jedoch auch Parteivorsitzender der CSU ist, die in bundespolitische Verantwortung eingebunden ist, kann dieser Einfluss vernachlässigt werden.

Ein direkter Vergleich der Werteprofile für die Vorsitzenden der verschwisterten Parteien ergibt auf den ersten Blick eine große Ähnlichkeit. Bei genauerem Hinsehen fallen jedoch relativ größere Anteile der WMeme Orange, Rot und Gelb im Werteprofil für Horst Seehofer auf. Insbesondere sind Orange mit einem um 6%-Punkte höheren Anteil, Rot mit einem um 1%-Punkt höheren Anteil und Gelb mit einem um 0,6% höheren Anteil enthalten. Diese stärkeren Gewichte gehen zu Lasten der WMeme Blau und Grün.  Es ist daher anzunehmen, dass Horst Seehofer mit größerer Intensität auf der Klaviatur des Erfolgs zu spielen versteht und die materiellen Werte des politischen und wirtschaftlichen Systems für seine Selbstdarstellung nutzt. Dabei unterstützen ihn die stärkeren roten Anteile, die sein unkonventionelles persönliches Engagement mit hoher Durchsetzungskraft in Erscheinung treten lassen.

Horst Seehofer selbst hat erst im Mäi 2016 anlässlich seines Fernsehauftritts in einer Talkshow die feste Verankerung im Wertesystem Orange unterstrichen und seine Idole vorgeführt als er ein Fernsehteam in den Keller seines Ferienhauses schauen ließ und seine Modelleisenbahn filmte. Die FAZ berichtete: „Die Bahn soll, wie Seehofer der Bild-Zeitung berichtet hat, sein Leben darstellen: Bonn ist als ehemalige Bundeshauptstadt im Panorama enthalten, ein Krankenhaus für seine Zeit als Gesundheitsminister und ein Nachbau von Seehofers Wohnhaus in Gerolfing bei Ingolstadt. »Ich habe hier mein Leben lang mein eigenes Leben nachgebaut«, zitiert ihn die Boulevardzeitung.“ Die Faszination, die von Eisenbahnen ausgeht, reicht allerdings in größere Tiefen der Seele hinein. Sie war der Motor der industriellen Revolution. Die Dampfmaschinen sorgten für den Energie- und Materialfluss, der die moderne Megamaschine in Bewegung brachte, sie trieben die ersten Spinn- und Webmaschinen an, die zu sozialen Aufständen führten. In seiner Verankerung innerhalb des orange dominierten westlich-industriellen Wertesystems ist er den traditionell dort verankerten Sozialdemokraten durchaus ebenbürtig.

Das Werteprofil der Kanzlerin ist demgegenüber insbesondere durch ein schwächeres Orange und stärkere Anteile von Blau und Grün gekennzeichnet. Darin kommt zunächst ein stärkeres Gewicht kollektiver Vernetzung und geringere Betonung des persönlichen Engagements zum Ausdruck. Diese Haltung ergibt sich aus der politischen Konstellation der von ihr gebildeten Bundesregierung, deren Personal von der Schwesterpartei CSU, der SPD und ihrer eigenen Partei – der CDU – gestellt wird und der staatlichen Ordnung, die sich blauer Werte bedient. Die individuellen Wurzeln dieser maßgeblichen Wertesysteme sind wahrscheinlich bereits im persönlichen und politischen Werdegang angelegt. Als Pastorentochter in einem System des real existierenden Sozialismus aufgewachsen wird starke Ordnungsvorstellungen erzeugt haben. Selbstaufopferung, Rechtschaffenheit, Unterwerfung unter moralische Prinzipien, Gesetzestreue und Traditionsbewusstsein gehören zum Programm religiöser Erziehung, genauso auch zur Erzeugung des idealen Staatsbürgers. Als studierte Physikerin mit wissenschaftlicher Praxiserfahrung ist sie darüber hinaus mit den höheren Weihen der neuen Religion des wissenschaftlichen Zeitalters versehen worden.

Auf der einen Seite drei politische Parteien mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen, die um die Wahrung eigener Identität bemüht sind und nach mehr Vielfalt strebenden und auseinanderbrechende bürgerliche Milieus, auf der anderen Seite die Staatsräson, die eingebunden ist in internationale Verpflichtungen und die Erfordernisse von öffentlicher Sicherheit und Ordnung; Dazwischen die über allem stehenden Versprechen von Erfolg und Wohlstand des orange gefärbten dominierenden Wertesystems, das alle Quadranten bis hinunter auf die fundamentalsten Ebenen des Gesamtsystems beherrscht – dieses ist die Herausforderung für Angela Merkel und jeden Politiker, der das Amt des Bundeskanzlers anstrebt.

 
In den obigen Grafiken sind die Abweichungen der Wertesysteme der beiden Protagonisten von den für Deutschland als globalem räumlichen Bezugssystem erhobenen Wertesystemen der Spiral Dynamics dargestellt. Hier tritt die in der deutschen Medienlandschaft kolportierte Polarisierung zwischen Seehofer und Merkel deutlich zu Tage. Während das Hauptmotiv Sicherheit in Purpur beheimatet ist und bei Seehofer weit über das für Deutschland geltende Maß hinausschießt, stellt sich dieses bei Merkel eher angepasst an das Volksempfinden dar und geht vielleicht etwas von Seehofer getrieben darüber hinaus. Gleiches gilt für den Gebrauch der Macht, der beim bayrischen Ministerpräsidenten deutlich über das von der Kanzlerin in Anspruch genommene Maß hinausgeht, bei ihr jedoch im Vergleich zur Sicherheit wesentlich stärker ausgeprägt ist als bei Seehofer. Beiden Protagonisten ist ein – am Deutschlandmuster gemessenes – Defizit im Wertemem Beige mit dem Bezug zu existentiell gefährdeten Menschen gemeinsam. Bei Seehofer ist daneben auch ein deutlicheres Defizit an Blau mit dem Leitwert Wahrheit gegenüber dem Deutschlandwert und dem Wert der Kanzlerin zu sehen. Die den Deutschlandwert hinsichtlich des WMems Gelb weit übersteigende Ausprägung ist beiden Protagonisten gemeinsam, kann jedoch aus grafischen Gründen nicht in ihren tatsächlichen Dimensionen sichtbar gemacht werden, sondern wird hier für Merkel mit dem Faktor 531 und für Seehofer mit dem Faktor 621 angegeben. Da das WMem Gelb mit dem Leitwert systemischer Anpassung der zweiten Ordnung in der Entwicklungsspirale angehört und somit eine spirituelle Potenz darstellt, ist in diesen Werten ein Maß für die Wikung der beiden Persönlichkeiten zu sehen, die diese als öffentliche Ikonen haben. So gesehen ist die Wirkung Seehofers wesentlich stärker als die der Kanzlerin.
Ein direkter Vergleich der Wertememe von Martin Schulz – dem Herausforderer um das Amt des Bundeskanzlers – und Angela Merkel zeigt für Merkel ein deutliches Defizit in Orange, jedoch deutliche Vorteile in den WMemen Blau und Grün. Ein relativ starkes Defizit ist auch bei dem systemisch orientierten Gelb zu sehen. Hier kann Schulz die im europäischen Parlament gesammelte Erfahrung auf europäischer Ebene zur Geltung bringen, die ihm einen Zugang zu spirituellen Werten ermöglicht und für die Handhabung der ersten Ordnung in der Entwicklungsspirale eine wichtige Voraussetzung ist. Die übrigen Unterschiede sind nur maginal und bedürfen keines Kommentars. 

 

 

Eine Gegenüberstellung der hier betrachteten Hauptprotagonisten und des Herausforderers der SPD im System des AQAL-Ansatzes der Integralen Theorie zeigt einen wesentlichen Unterschied im oberen linken Quadranten, der für die individualpsychische Potenz steht. Diese ist bei Martin Schulz etwas überdurchschnittlich vorhanden. Der Unterschied zwischen Merkel und Seehofer im unteren linken Quadranten ist durch Auf- und Abrundungen bedingt, so dass im Dreiquadrantenmodell keine Unterschiede zwischen Merkel und Seehofer bestehen. Für beide gilt, dass sie etwas stärker an kulturellen Gepflogenheiten orientiert sind als an wissenschaftlich rationalen Fakten. Durch rechnerische Kombination der in den Spiral Dynamics gegebenen wechselweisen Klassifizierung in individuelle und kollektive Wertesysteme mit den Daten im AQAL-System wurde auch ein Vierquadrantenmodell erstellt, das zwischen Merkel und Seehofer zusätzlich einen leichten Unterschied in der rechten – objektiv.wissenschaftlichen – Hälfte des Quadrantensystems ergibt. Hier ist das Verhältnis zwischen dem oberen und unteren Quadranten – d. h. zwischen individuell und kollektiv erfassbaren Fakten – bei Seehofer ausgeglichener als bei Merkel.

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