Die blau-rote Seite

Farben vermitteln Gefühlswerte, Beziehungen und Kontraste, Dramen und Spannungen, die Natur von Materie und ihrer Prozesse und Umwandlungen. Sie können auf Temperament, Gattung, Neigung und Hierarchie verweisen. Farben definieren, differenzieren und durchmischen. Farben zeigen uns Klima und Jahreszeiten an und wann die Vegetation reif und essbar ist. Sie signalisieren Gelegenheiten zur Paarung und die Anwesenheit einer Beute oder eines Raubtiers. Schutzfarben ermöglichen es manchen Tieren , unsichtbar zu werden, und anderen, deren leuchtende Farben vor Giften warnen, sich vor Angriffen zu schützen. Bestimmte Blumen ziehen ganz bestimmte Insekten und Vögel zur Bestäubung an.

Die meisten Säugetiere sind Farbenblind, auch manche Menschen, doch farbenblindes Sehen ermöglicht auch ein intensiveres Wahrnehmen unterschiedlicher Strukturen und von Tarnungen, da durch den Ausfall dieser Wahrnehmungsfunktion andere Sinnesempfindungen geschärft werden. Manche Menschen leben mit einem Phänomen, das eine besondere Begabung darstellen kann und unter dem Begriff Synästhesie in der Psychologie untersucht wird, wie der Fall einer Musikerin, die gleichzeitig zu den Tönen auch Farben sieht und Geschmacksempfindungen hat und hierdurch eine wesentlich intensivere Beziehung zur Musik erfährt. Andererseits wurden während des zweiten Weltkriegs von der britischen Royal Air Force farbenblinde Piloten eingesetzt, weil sie getarnte Militärlager und Fahrzeuge aufspüren konnten. Das führt zu der Frage, was Farben im physiologischen Sinne sind.

Temperamentenkreis nach Goethe und Schiller

J. W. v. Goethe und F. Schiller entwickelten gemeinsam diese Temperamentenrose nach Goethes Farbenlehre. Die vier Kategorien menschlichen Temperaments entsprechen jeweils einem bestimmten Viertelkreis. Quelle: Wikimedia Commons

Hierzu ist zunächst festzustellen, dass die letzten Geheimnisse der Farbe nicht gelöst sind und ständig neue Forschungsergebnisse zu den Wirkungen und dem Zustandekommen dieser Wirkungen von Farbe veröffentlicht werden. Allgemein gesprochen ist Farbe eine neurale Resonanz, eine biochemische Reaktion und ein psychologisches Phänomen und hat auch mit den Komplexitäten von Kultur und Sprache zu tun. Als Gestaltungsmittel des Menschen ist sie bis in die steinzeitlichen Höhlen zurückzuverfolgen und ist bis heute in unterschiedlichen Maßen und abhängig vom Zeitgeist ein wichtiges Element der Architektur.

Künstler gestalten und schaffen Farben ästhetisch und bescheren uns so die Pigmente sinnlich wahrgenommener Realität wie auch die Töne unsichtbarer Dimensionen. Hierbei spielen die Grundfarben Blau und Rot eine hervorgehobene Rolle, die sich in der Häufigkeit ihrer Verwendung als Einzelfarben, aber häufiger noch als Farbenpaar zeigt.

Javanische Tanzmaske; Quelle: Wikimedia Commons

Wenn Farbe Musik für die Augen wäre, dann wäre Rot der Klang von Trompeten. Die von Rot ausgestrahlte Energie erhöht den Muskeltonus, den Blutdruck und die Atemgeschwindigkeit. Auf manche Tiere wirkt Rot sexuell erregend. Da sich diese Effekte auch bei blinden Menschen und Tieren bemerkbar machen, ist Rot nicht nur ein reines Augenerlebnis, sondern ebenso ein Energiebad.

Symbolisch gesehen, ist Rot die Farbe des Lebens. Genau genommen bezieht sich seine Bedeutung auf die menschliche Erfahrung mit Blut und Feuer. Im primitiven Denken war Rot Leben: Verließ das Blut den Körper, nahm es das Leben mit sich. Gleichzeitig war der rote Fluss des Blutes ein Gefahrensignal. Die Glut des Feuers war für uns eine große Annehmlichkeit und ein Schutz , außer Kontrolle jedoch drohte sie mit Vernichtung. Rot zieht uns an, vermittelt Vitalität, Wärme, Erregung, Leidenschaft, warnt aber auch vor Gefahr, macht aufmerksam, sagt „Stopp!“ In China wie auch im steinzeitlichen Europa vergrub man mit den Knochen der Toten rotes Pigment zur Erneuerung des Lebens.

Die Farbe Rot steht dem modernen Menschen für Libido, Lebensenergie, Aggression und Wut. Es zeigt sich in der Kleidermode, im Nachtleben der Städte und auf den Schlachtfeldern des Krieges. Rot wird allgemein als stürmische Energie emfunden, sodass sogar rotes Haar in Zusammenhang mit hitzigem Naturell, Reizbarkeit und cholerischem Temperament gebracht wurde. Nach dem homöopathischen Prinzip, dass Ähnliches gegen Ähnliches wirkt, wurde über Eingängen ein rotes Band angebracht oder war ein roter Punkt auf der Stirn ein Schutz gegen Teufel.

Brahmanisches Viertel im indischen Jodhpur; Quelle: Wikimedia Commons

Goethe schrieb „…eine blaue Fläche scheint vor uns zurückzuweichen…“, und er war der Meinung, dass Blau „…uns mitzieht“. Es zieht uns auch hinein in die wilde blaue Ferne, in die tiefe, blaue See. Dieses Blau, das in der Natur – abgesehen von Meer und Himmel – die seltenste Farbe ist, hat etwas Überirdisches. Deshalb haben wir Menschen unsere Götter blau gefärbt, so die vorchristlichen Götter Kneph, Jupiter, Krishna, Vishnu und Odin, aber auch die göttliche Maria der Christen: „Blau ist die Farbe von Marias himmlischem Mantel; sie ist die Erde, die vom blauen Himmelszelt bedeckt ist“ (C. G. Jung). Blau ist mit Ewigkeit verknüpft, dem Jenseits, überirdischer Schönheit, religiöser Transzendenz, dem Spirituellen und Mentalen als Gegensatz zum Emotionalen und Körperlichen und mit Loslösung vom Irdischen.

Blau erzeugt ein Gefühl von Kälte. Es ist die Farbe des Mondlichts, verlangsamt den Herzschlag, senkt den Blutdruck und verzögert das Wachstum von Pflanzen. Weitere Wirkungen, Erscheinungsformen oder Beziehungen sind blaue Flecken, Melancholie, Isolation und der Blues. Pablo Picassos Werke der blauen Periode zeigen arme Arbeiter, Bettler, Cafehaus-Besucher in Zuständen von Lethargie und Verzweiflung.

Psychologisch betrachtet, kann Blau als ein Mittelweg zwischen schwarzer Verzweiflung und dem Weiß von Hoffnung und Klarheit gesehen werden und verweist auf einen Zustand der Reflexion und des Abstands.

Aus dem Hildegardis-Codex; Quelle: Wikimedia Commons

Die Verwendung der Farbkombination Rot mit Blau findet sich in vielen alten Kulturen und besonders häufig in der modernen Malerei. Hierin, wie auch in der Wahl der Motive, kommt neben den Körper und Geist einbeziehenden Bildschöpfungen, die seit den ersten Hochkulturen stattfindende Entwicklung einer „ewigen Philosophie“ (Philosophia perennis) und der hiermit zum Ausdruck drängenden Seele wachsendes Gewicht zu. Im Widerspruch zum vorherrschenden Realismus in der europäischen Kunst ist über die vergangenen 900 Jahre hinweg die Tradition einer sporadisch auftauchenden mystischen und symbolischen Malerei nachweisbar. Ein frühes Beispiel dieser visionären Kunst findet sich in den Werken der Äbtissin Hildegard von Bingen wie auch in den Werken des Mönchs und Malers Fra Angelico, der seine Bilder den Glaubensbrüdern zur Kontemplation widmete. Aus ihnen spricht eine tiefe Hingabe an das Jenseitige, die sich vorwiegend der Ausdruckskraft der Farbe bedient.

Die zarten, zerbrechlichen Blüten des Spirituellen, wie sie in den frühen Ikonen des Christentums mit ihren vereinfachten, über goldenen Lichtgefilden schwebenden Formen waren göttliche Sinnbilder der Fleischwerdung der Welt. Als die christliche Kirche dann den figürlichen, naturalistischen Stil der weltlichen Kunst übernahm, trat an die Stelle der symbolhaften Ikonen ein fundamentalistischer Realismus, der seine wichtigste Aufgabe in der wörtlichen Auslegung und Wiedergabe spiritueller Ereignisse wie der Auferstehung sah. Dieser Art der Darstellung von Fakten haftet jedoch nichts Transzendentales an.

Fra Angelico: Kreuzabnahme; Quelle: Wikimedia Commons

Mit der Anfang des 20. Jahrhunderts von Malern wie Kandinsky, Mondrian, Malewitsch, Klee und Brancusi vertretenen abstrakten Kunst wurde in der Malerei die Schwelle zum Transzendentalen überschritten. Diese Wegbereiter der neuen Kunstrichtung waren der Überzeugung, dass eine neue Spiritualität in der Kunst ein direktes und unmittelbares Benennen des Geistes sein müsse, nicht über die mythischen Bilder des religiösen Menschen oder durch gegenständliche Darstellung, sondern durch unmittelbare Intuition und kontemplative Erkenntnis. Sie spürten, dass sie über den individuellen Geist und Verstand hinaus vorgedrungen waren und dass sie mit ihrer Kunst einen echten und kraftvollen Zugang zum Geist selbst entdeckt hatten. Wahre Kunst, sagt Kandinsky, setzt die Bildung von Seele und Geist voraus: „Der Künstler muß nicht nur sein Auge üben, sondern auch seine Seele, damit sie die Farben nach deren eigenem Maß abwägen kann und so zu einer entscheidenden Kraft im künstlerischen Schaffen wird.“ Das Ziel der neuen Kunst formuliert Piet Mondrian indem er erklärt: „Alle Kunst ist mehr oder weniger unmittelbar ein ästhetischer Ausdruck des Universellen. Dieses Mehr oder Weniger beinhaltet Abstufungen [der Entwicklung und Evolution] … Eine starke Erhöhung des Subjektiven vollzieht sich im Menschen – mit anderen Worten, ein Wachsen und eine Erweiterung des Bewußtseins. Das Subjektive hört erst auf zu existieren, wenn es zum Sprung vom individuellen zum universellen Sein kommt, der fast auf eine Art Mutation hinausläuft.“ Und er schließt: „Die neue Kultur wird die Kultur des reifen Individuums sein; wenn es erst herangereift ist, wird sich das Individuum dem Universellen öffnen und mehr und mehr danach streben, sich mit ihm zu vereinigen“ – eine Schlussfolgerung, zu der Mystiker in aller Welt gekommen sind.

Auf den folgenden Seiten ist eine Bilderauswahl zusammengestellt, die dem Kriterium der Farbkombination Blau-Rot folgt. Es soll dem Betrachter damit ein Angebot gemacht werden, die harmonisierende Wirkung der Farbkombination Blau und Rot in der Betrachtung der Bilder zu erfahren und so einen besonderen Zugang zur abstrakten Kunst zu gewinnen. Die Texte sind stark verlinkt, so dass auf diesem Weg weitere Bilder zu erschließen sind und vertiefende Informationen aus der Wikipedia leicht zugänglich sind.

Die Auswahl der dargestellten Bilder ist durch das Urheberrecht beschränkt und somit kann die Auswahl nicht repräsentativ sein und schon gar keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Als Quellen dienten Texte von Ken Wilber aus dem Buch Sacred Mirrors – Die visionäre Kunst des Alex Grey, erschienen bei Zweitausendeins, 1996; die Künstlerbiographien aus dem Werk „Malerei der Welt“, erschienen im Verlag Taschen, Köln 2005 und „Das Buch der Symbole“, erschienen im Verlag Taschen, Köln 2011 sowie einige Wikipedia-Artikel. Die Bilder wurden aus der Sammlung von Wikimedia Commons entnommen und unterliegen den dort angegebenen Urheberrechten.

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