Der Krötenstuhl

Eine der kulturellen Gemeinsamkeiten aller Zeiten und aller Kulturen ist der Gebrauch von geistbewegenden und stimulierenden Mitteln pflanzlicher und tierischer Herkunft. Was der heutigen modernen Gesellschaft als tolerierbarer Genuss gilt, ist lediglich eine kleine Auswahl dessen, was traditionell bei Naturvölkern gebraucht wurde und wird, und so ist es legitim, allerlei verbotene Stoffe als Schauobjekte und Mittel der Anschauung in den Kulturbetrieb einzubringen.

Unter dem Titel „Der Fliegenpilz“ fand 1991 eine Ausstellung im Hagener Karl Ernst Osthaus-Museum zur kulturellen Bedeutung des Fliegenpilzes statt. Ich hatte davon in der Tageszeitung gelesen und war sofort davon angesprochen, da ich mich zu der Zeit mit Naturheilkunde, Medizingeschichte und Alchemie beschäftigte.  Mein Interesse an solchen Themen war durch meine Mutter geweckt worden, die mich öfter zu einem Heilpraktiker mitnahm, bei dem sie in Behandlung war und den sie auch um Rat bezüglich meiner Gesundheit fragte. Was es mit dem Fliegenpilz auf sich hatte, war mir überhaupt nicht bewusst, weder hatte ich ihn je in natura gesehen, noch hatte ich von ihm gelesen oder gehört. Aber ich hatte wage davon gehört, dass er sehr giftig sei. Meine Neugier war daher sehr groß. Was sollte an diesem für mich unscheinbaren Pilz, einer Gefahr für Mensch und Tier so besonderes sein, dass er für würdig befunden wurde, ihm ein Museum zu widmen?

In die Ausstellung konnte ich nicht mehr gehen, dafür war es für mich zu spät. Ich besorgte mir daher das zu der Ausstellung erschienene Buch und las über die große Weite des im Verborgenen wirkenden Fliegenpilzes – und dies in seiner zweifachen Bedeutung. Als Netzwerk breitet sich sein Mycel, wie das aller bodenständigen Pilze, im Boden aus, in seinen sichtbaren Fruchtkörpern erfreut er Kinder und Erwachsene durch seine Wandlungsfähigkeit von dem zunächst eiförmigen weißen Knoten zu einem länglich gestreckten „Zwillingsei“ bis zum waagerechten Hut mit den charakteristischen weißen Tupfen und durch seine gefällige Erscheinung, die ihn zum Stopfpilz, zur Spardose und zum Zauberpilz in Märchen werden ließen. In seiner Beziehung zu den Menschen ist er dennoch unsicher, für die Urahnen war er heilig und ist es für viele indigene Völker auch heute noch, für moderne Menschen stellt er dagegen eher eine Bedrohung dar. Seine Inhaltsstoffe rufen nach seinem Verzehr Übelkeit oder Halluzinationen hervor, was ihn zu einem Helfer der Schamanen auf ihrer Reise zu den Geistern macht bekommt dem von allen Geistern verlassenen Menschen schlecht. Auf set und setting kommt es an, diese von Timothy Laery aufgestellte Regel besagt, dass erst in der richtigen persönlichen Einstimmung auf das Drogenerlebnis in einer passenden Umgebung mit einer angenehmen Wirkung einer Droge zu rechnen ist.

Wollten die Ausstellungsmacher mit ihrem Fliegenpilzprojekt nun die in den 1960-er und 1970-er Jahren geführte Drogendebatte neu entfachen? Diesem „Verdacht“ beugte bereits der einleitende Artikel des Buches vor, der den Fliegenpilz in den Zusammenhang mit der sich in den 1990-er Jahren stattfindenden Wandlung der Museumskonzeption stellte. Die immense Verbreitung des Fliegenpilzes als künstliches Produkt des Menschen sollte in den Kontrast zu den natürlichen Eigenschaften dieses Pilzes, die zumindest hinsichtlich seines Giftpotentials im Widerspruch zu seiner Popularität stehen, gebracht werden. Gerade weil zum Fliegenpilz weitgehende und relativ feste Vorurteile bestehen, erschien er den Ausstellungsmachern besonders geeignet, eine Alternative zum gängigen Ausstellungs- und Museumsbetrieb darzustellen. Das Museum sollte nicht länger eine Bastion philosophisch abstrakter Erörterungen sein, sondern auch zum Ort der Erkenntnis werden, „ein Gehäuse, in dem die Wechselbeziehung zwischen bestimmten Überzeugungen, wie die Welt beschaffen sei, und den Formen der Wahrnehmung wie des Sich-Verhaltens in der Welt thematisiert ist“. Was den Fliegenpilz unter dieser Zielsetzung nach Ansicht der Ausstellungsmacher qualifiziert, ist der Umstand, dass diese Pflanze geistbewegende Eigenschaften hat und so eine materielle Brücke zwischen Geist und Natur darstellt. Ihre Eigenschaften und ihre Bedeutung zu beschreiben erfordert, verschiedene Wissenskomplexe aufeinander zu beziehen und damit die Grenzen der Fachwissenschaften zu sprengen.

Mit den Zielsetzungen dieses Museumsprojektes konnte ich mich sehr gut identifizieren. Seit meinem 18. Lebensjahr hatte ich mich mit der Weltsicht des modernen Mystikers Teilhard de Chardin, der sich in seinen Schriften immer wieder als „Mann der Wissenschaft“ bezeichnete und als Mystiker die Grenzen seiner Wissenschaft, der Naturwissenschaft, überschritt, befasst. Es zeigte sich nun eine weitere Bestätigung meiner Weltsicht und ich beschloss, eigene Erfahrungen im Sinne des Fliegenpilzprojekts zu sammeln. In älteren Schriften zur „ewigen Philosophie“ hatte ich Spekulationen über die Herstellung des von den Indern und Iranern in frühgeschichtlicher Zeit benutzten Soma und des von den alten Griechen gerühmten Ambrosia gelesen. Hierin sollte der Fliegenpilz als wichtigste Zutat der Tränke die charakteristische Wirkung hervorrufen, wie sie auch in den nordischen Erzählungen von den Berserkern beschrieben sind. Mein Ziel war es, meine Interpretation der für mich verfügbaren Informationen zu überprüfen. Hierzu wollte ich einen Auszug des Fliegenpilzes in einem Kombucha-Ansatz herstellen.

Zur Umsetzung meines eigenen Fliegenpilzprojekts benötigte ich zunächst einige Fliegenpilze. Der Fliegenpilz wächst in Höhen ab 300 m über dem Meeresspiegel, und ich wohnte auf dem platten Land bei etwa 80 m. Die höchsten Erhebungen im näheren Umfeld erreichten etwa 175 m. Als Standorte bevorzugt der Pilz Nadelwaldschonungen. Mit diesem Wissen machte ich mich auf die Suche und arbeitete mich langsam hoch bis Bielefeld, wo gerade mal 320 m Höhe erreicht werden, aber keine passende Nadelwaldschonung existierte. Nach mehreren ergebnislosen Anläufen blieb mir nur das Sauerland. Das Sauerland ist groß und ich wollte in diesem großen Gebiet nicht planlos umherfahren. Wenn der Fliegenpilz als Artefakt unsere Kultur so tief durchdrungen hat, wie es von den Ausstellungsmachern des Fliegenpilzprojekts beschrieben wurde, musste es Spuren in den Ortsbezeichnungen von der Stadt bis hinunter zu Flur– und Gewannenbezeichnungen geben. Da die kultischen Praktiken zur Anwendung des Fliegenpilzes sich ausschließlich im Verborgenen abspielten, war nur zu erwarten, dass sich Hinweise nur unter Tarnbezeichnungen für diesen Pilz finden ließen. Gleichzeitig wäre damit die große Bedeutung, die er für den bezeichneten Ort hat, belegt. Spontan fiel mir dazu der Name „Warstein“ ein. Träger dieses Namens ist eine Stadt im Sauerland, die Sitz einer Brauerei ist, deren Bier nach der Stadt benannt ist. Intuitiv war Warstein für mich eine Kurzbezeichnung für den „Stein der Weisen“ und da es nach meiner Recherche im Internet keine plausiblere Erklärung  für den Namen gab, war die Bedeutungskette Warstein-Stein der Weisen-Fliegenpilz ein ausreichender Grund, hier weiter nach Belegen für die kultische Bedeutung des Ortes zu suchen.

Heute bestätigt sich mir die Auffassung von dem Begriff durch seine Etymologie. Das in „Warstein“ enthaltene „War“ geht auf das althochdeutsche wāra = Vertrag, Treue zurück. Wāra wiederum ist vom indogermanischen ṷer- = vertrauenswert, Gunst, Freundlichkeit abgeleitet. Dieselbe Idee steckt in den Wörtern gewähren und Wirt. Wahrheit ist die Gunst des Ganzen, die es den Teilen gewährt.

Das Substantiv Stein hat verschiedene Bedeutungen. In der Regel bezeichnet es einen natürlichen, aus Mineralien bestehenden, festen, harten Körper wie beispielsweise Fels. Es ist seit dem 8. Jahrhundert nachgewiesen, findet sich in althochdeutschen und mittelhochdeutschen Texten und es wird von weiteren altdeutschen Sprachen abgeleitet, wo es meist „stēn“ genannt wird. Die gemeinsame Wurzel des Wortes liegt im Germanischen „staina“ (Stein) und der indoeuropäischen Silbe stai- ([sich] verdichten, zusammendrängen, stopfen, gerinnen, stocken).

Im Zusammenhang mit „War-“ kommt nur die übertragene Bedeutung, die ihm die Alchemisten des Mittelalters als „Stein der Weisen“ gaben, in Betracht. Der lapis philosophorum, wie ihn die Alchemisten lateinisch nannten, war eine Zubereitung, durch die man angeblich Metalle in Gold und Silber verwandeln konnte und die darüber hinaus auch andere wundersame Dinge bewirken sollte. Der Vergleich mit einem Stein deutet darauf hin, dass die verwendeten Substanzen im Ausgangszustand die Gestalt und Festigkeit eines Steines besessen hatten.

Der „Stein der Weisen“ verbreitete sich als Metapher unter Dichtern und Philosophen als Bezeichnung für das Unmögliche oder für okkulte Praktiken und Teufelswerk. So sah sich Paracelsus veranlasst, seine geistige Heimat auf dem Boden der Kirche zu verorten: „man macht zwar viel rühmens von dem lapide philosophorum, dem stein der weisen, dasz er das metall in gold verwandeln soll. aber von gröszerer kraft ist die heilige taufe“. Der Dichter Novalis meinte noch im ausgehenden 18. Jahrhundert: „es gibt keine philosophie in concreto. philosophie ist wie der stein der weisen, die quadratur des zirkels“. Der Dichter Ludwig Wieland spöttelte dagegen: „dem schimmernden gespenst, das ewig opfer heischet, und, gleich dem stein der narren, die hoffnung ewig täuschet.“ Auch Umdeutungen kamen vor, wie bei Angelus Silesius: „Jesus ist der weisen stein, der gesundheit giebt und leben“. (Zitate in diesem Absatz nach dem Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm)

Nach dieser Abschweifung zurück zu meinem Projekt praktischer Philosophie. Nachdem ich die Stadt gefunden hatte, auf deren Gebiet der Fliegenpils zu finden sein sollte, war nun die Detailsuche erforderlich. Dazu besorgte ich mir ein Messtischblatt von Warstein und suchte dieses nach Lagebezeichnungen ab, die Hinweise auf den Fliegenpilz enthielten. Schon bald fand ich ein Waldstück mit der Bezeichnung „Am Krötenstuhl“ und war sehr erstaunt, dass sich dieser Name ohne irgendwelche Beifügungen oder sprachliche Veränderungen direkt aus der Liste von Tarnnamen des Fliegenpilzes ergab. Aus der Karte war die Höhe des Geländes zu entnehmen, auch dieses Kriterium war erfüllt. Im folgenden August fand ein Familienausflug nach Warstein statt. Das Waldstück „Am Krötenstuhl“ war leicht zugänglich. Es bestand aus einer Tannenschonung am Rand eines Laubwaldes. Während der Rest der Familie einen Waldspaziergang unternahm, erkundete ich die Tannenschonung. Es war wie im Märchen: Der Boden war bedeckt mit prächtigen Fliegenpilzen. Das Spiel der Sonnenstrahlen zwischen den Tannen machte die Szenerie noch lebhafter als sie ohnehin schon durch die unterschiedlich großen, mehr oder weniger getupften Pilzhüte war. Ich pflückte drei besonders gut aussehende Pilze und tat sie in mein Netz. Als ich mit meinen Pilzen aus der Schonung heraustrat, begegneten mir zwei alte Damen, die mich entsetzt ansahen und mich darauf aufmerksam machten, dass es sich bei den gesammelten Pilzen um Fliegenpilze handelte. Zur Beruhigung erklärte ich, es handle sich dabei um Futter für die Hühner. Man habe – was auch stimmt – früher die Hühner mit Fliegenpilzen gefüttert, und das wolle ich nun bestätigt wissen. Ohne weitere Fragen an mich setzten die beiden Damen ihren Weg fort.

Was das Endergebnis dieses Projekts angeht, so ist lediglich zu berichten, dass ich den Pilzauszug wie beabsichtigt herstellte und hiervon geringe Mengen zu mir nahm und vorsichtig steigerte, bis sich ein Brechreiz einstellte. Nach dem Abklingen zeigte sich nach einigen Stunden eine stimulierende Wirkung, die jedoch nicht mit den in der Literatur beschriebenen Wirkungen vergleichbar war. Damit war dieser Selbstversuch beendet.

 

 

 

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