CDU und SPD im sozialen Wertegefüge

Die Fixierung der öffentlichen Aufmerksamkeit auf die Spitzenkandidaten für das Amt des Bundeskanzlers ist ein neues Phänomen, das erst in der Konstellation Merkel – Schulz zur unübersehbaren Realität geworden ist. Ursache dafür ist eine CDU-Amtsinhaberin, von der oft behauptet wird, sie könne statt eines CDU-Parteibuchs ebenso gut ein SPD-Parteibuch besitzen, und die hieraus erwachsene Notlage der SPD, einen sozialdemokratisch absetzungsfähigen Gegenkandidaten zu präsentieren. Nach anfänglicher Euphorie der SPD ist über ihre Kandidatenwahl jedoch inzwischen Ernüchterung eingetreten, da die Kanzlerin offensichtlich nicht auf die öffentliche Abarbeitung des von der SPD vorgelegten Wahlprogramms eingehen will. Ohne die Überzeugungskraft eines Programms, das auch vom politischen Gegenüber reflektiert wird, steht Martin Schulz jedoch der Kanzlerin ziemlich hilflos gegenüber. Umso mehr wird er auf die Überzeugungskraft und das Engagement der Partei und ihrer Unterstützer-Milieus angewiesen sein.

In der folgenden Grafik wird dargestellt, unter welchen Wertekonstellationen CDU und SPD mit den sozialen Statusgruppen in Deutschland interagieren. Diese Übersicht gibt die Möglichkeit, Rückschlüsse auf die Ansprechbarkeit dieser Gruppen zu ziehen und eine statusgerechte Ansprache zu konzipieren.

Als deutlichstes Ergebnis ist aus der Grafik abzulesen, dass die Beziehungen der SPD zu ihrem traditionellen Milieu der Arbeiter trotz vielfältiger Veränderungen in der gesellschaftlichen Stellung der Arbeiter, die an Zahl und Ansehen geschrumpft sind und trotz aktiver Beteiligung der SPD an diesem Prozess, noch immer von der oft beschworenen Solidarität getragen wird. Das kennzeichnende und die Beziehung der Arbeiter dominierende WMem ist Grün. Es überflügelt sogar das für die Industriegesellschaften charakteristische Orange und deutet damit auf eine Verbindung zwischen SPD und Arbeiterschaft hin, die in einem geschichtlichen Mythos verwurzelt ist. In Ergänzung hierzu stellt sich auch das egomanische Rot relativ schwach dar, obwohl es viele Gründe gäbe, der Partei gegenüber eine kritische bis feindliche Haltung einzunehmen. Es zeigt sich aber hier, dass zwischen Grün und Rot eine Unvereinbarkeit besteht, die nur durch starke gelbe und türkise Einflüsse oder verstelltes Rot überwunden werden kann. Gerade diese Unterstützung ist im Vergleich zu den anderen Statusgruppen sehr gering. Ziel der SPD muss es sein, die in Grün bestehenden Potentiale für einen Übergang in die zweite Ordnung der Entwicklungsspirale zu entwickeln und hierfür speziell auf die Arbeiterschaft abgestimmte Angebote zu entwickeln.

Die traditionellen Werte der SPD, wie sie von Grün repräsentiert werden, spielen im Verhältnis der CDU zur Arbeiterschaft nur eine untergeordnete Rolle. Hier ist Orange als Leitsystem der westlichen Welt an die Stelle von Grün getreten. Dabei spielt es dennoch eine relativ große Rolle, die das mit Grün konkurierende Blau überflügelt. Jedoch kann nicht übersehen werden, dass ein erhebliches Ablehnungspotential in dem starken Rot besteht.

Das stärkste Gewicht im WMem-Spektrum hat für beide Parteien Orange im Bezug auf die Gruppe der Angestellten. Hier besteht der größte Abstand zwischen Orange und allen anderen Wertesystemen. Unter den nachrangigen WMemen spielt Blau die größte Rolle, dicht gefolgt von Rot. Grün ist hier von allen Statusgruppen das schwächste Glied innerhalb der ersten Ordnung der Entwicklungsspirale. Andererseits besteht in dieser Gruppe das stärkste Gelb und damit ein Potential für die situative Anpassung im Gesamtsystem. Ein Vergleich mit der Gruppe der Selbständigen zeigt, dass Orange die Gruppe der Angestellten als tragende Säule des Gesamtsystems ausweist. Dieses erklärt sich aus der Struktur des Industriesystems, das auch in den Führungspositionen von Angestellten geleitet wird.

Bei den Selbständigen handelt es sich überwiegend um Familienbetriebe, die von Familienangehörigen mit Unterstützung meist langjährig beschäftigter Angestellter als mittelständische oder kleine Unternehmen geführt werden. Eine Besonderheit im Verhältnis dieser Betriebe zu den beiden größten Parteien ist das starke Rot, das noch vor Blau und Grün rangiert. Als Ursachen hierfür können sowohl die als Belastungen empfundenen Regelungen der Politik gelten wie auch die aus der Not geborenen exzentrischen Problemlösungen, die von Betrieben in Unkenntnis oder in bewußter Verletzung gesetzlicher Bestimmungen angewandt werden.

Ein starkes Rot ist auch bei der Gruppe der Beamten zu sehen. Daneben ist hier das stärkste Blau zu sehen. Diese Merkmale ergeben das Bild des konservativen „Staatsdieners“, der seine Pflicht mit Groll auf Politiker erfüllt, die ihn in den letzten Jahrzehnten immer wieder mit Verweis auf leere Staatskassen gebeutelt haben und sich selbst ungeniert gut versorgt haben. Hinzu kommt die Rolle des Prügelknaben, der für viele missratene öffentliche Projekte gerade stehen muss, die Politiker zu verantworten haben.

Im Vergleich von CDU und SPD fällt auf, dass Orange bei der CDU im Bezug auf die Angestellten, die Arbeiter und die Selbständigen etwas stärker ausgeprägt ist, als bei der SPD. Im Bezug auf die Beamten ist dieser Unterschied umgekehrt, jedoch in geringerem Maße. Ein weiterer Unterschied zwischen CDU und SPD betrifft das Gelb der Selbständigen. Dieses ist bei der SPD deutlich stärker ausgeprägt, als bei der CDU. Es scheint demnach eine größere Zahl innovativer Unternehmer zu geben, die stärker auf die SPD reflektieren als auf die CDU.

 

 

Über Fidelio

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