Bedingungen für politischen Umbruch

Bedingungen für gelingende Veränderungsprozesse

Neben den drei allgemeinen Grundbedingungen (H-O-A) gibt es weitere Bedingungen, die den Verlauf von Veränderungsprozessen bestimmen und teilweise bereits für die Entscheidung zur Einleitung eines gelenkten Prozesses ausschlaggebend sind. Kurz gefasst ist es

  • das Potential im Denken; hier können drei Stadien unterschieden werden: offen für die Bereitschaft eine neue Form des Seins anzunehmen – blockiert durch Hindernisse, die im geistig-psychischen Entwicklungsstand von Personen liegen oder die als unauflösbar empfundene Verquickung mit einer bestimmten Situation – geschlossen, unzugänglich für jede Veränderung.

  • Lösungen für bestehende oder im Laufe des Prozesses auftretende Probleme müssen kontrollierbar bleiben. Um Ängste und emotionale Gegenreaktionen zu vermeiden ist die Schaffung von Sicherheit wichtig.

  • Dissonanz und Unsicherheit sind hilfreiche Anknüpfungsmöglichkeiten für Veränderungsprozesse. Es ist wichtig, dass die Betroffenen selber fühlen, dass etwas „nicht rund läuft“.

  • Erkenntnis und Alternativen sind entscheidende Schritte auf dem Weg zu dauerhaften Problemlösungen.

  • Hindernisse müssen erkannt und beseitigt werden.

  • Konsolidierung ist als letzte Phase des Veränderungsprozesses anzusehen und ergibt sich aus den gesammelten Erkenntnissen, Erprobungen von Alternativen und Beseitigung von aufkommenden Hindernissen.

Die angesprochenen Schritte beziehen sich auf konkrete Prozesse und treffen sowohl auf unternehmerische Situationen zu, wie auch in sinnvoller Anpassung auf öffentliche Projekte – vor allem auf kommunaler Ebene – wie z. B. Im Rahmen von Agenda-Prozessen, Zukunftswerkstätten u. ä.. In dem hier benutzten Zusammenhang werden sie zu einem Analyseinstrument, das für eine Abschätzung der Chancen für Veränderungsprozesse im Bezug auf die Referenzwerte für das Gesamtsystem „Deutschland“ herangezogen wird. Aus der Natur der Sache ergeben sich Einschränkungen in der Methode, die sich im Unterschied zu realen Veränderungen aus der fehlenden Reflexion eingeführter Änderungen an den analysierten Situationen ergeben – allgemein gesprochen fehlt es hier an der Zeitebene.

In der folgenden Tabelle werden die eingangs im Bezug auf die Grundbedingungen H-O-A erläuterten Lebensphasen und Parteien im Hinblick auf die Prozessbedingungen dargestellt. Hierbei ist der Adressat der Veränderungen Deutschland als Staat und der Veränderungsprozess jede irgendwie – politisch, wirtschaftlich, privat, körperschaftlich usw. – geartete Aktivität.

1. Probleme

Probleme sind seit der Vertreibung des Menschen aus dem Paradies zur Grundbedingung des Lebens geworden – in der Evolution sind sie sogar die treibende Kraft für Entwicklung. Sie sind deshalb so unentbehrlich wie die physikalisch-mathematischen Größen Zeit und Raum. Die Art und der Grad der Probleme bestimmen die Chancen und die Art der Anpassungen in der Entwicklungsspirale. Neue Probleme haben neues Denken und neue Wertesysteme zur Folge. Nicht erkannte und unlösbare Probleme führen zum Rückfall in alte Verhaltensmuster.

In der oben stehenden Grafik sind die Ergebnisse für die Lebensphasen als Säulendiagramme dargestellt. Hier wird deutlich, dass die Phasen am Beginn und am Ende des aktiven Lebens allgemein am häufigsten mit Problemen behaftet sind, Dieses Ergebnis entspricht der Erwartung und trägt zur Plausibilität der Erhebungsmethode bei. Aus dem Ergebnis ist auch abzulesen, das die Phase des Übergangs in die berufliche Tätigkeit als unproblematisch empfunden wird. Das Verhältnis junger Wähler zur Politik ist ebenfalls nicht wesentlich durch Probleme bestimmt. Dieses Ergebnis ist in der gegenwärtigen politischen Situation so nicht zu erwarten gewesen. Der Widerspruch löst sich auf, wenn die Ergebnisse nach Geschlechtern betrachtet werden. Hier wird deutlich, dass in dem Gesamtbild der ersten Grafik der Anteil institutioneller Informationen mit vorgefassten Meinungen sehr stark vertreten sein muss, der bei der geschlechtsspezifischen Adressierung der Abfrage zu Gunsten authentischer direkter Informationen stark relativiert wird. In dieser Sicht tritt eine deutliche Unterscheidung zwischen den Geschlechtern hervor, die für die Frauen eine weitgehende Übereinstimmung der Lebensphasen hinsichtlich Problemen aufweist, mit Ausnahme der Jungwählerinnen, die ein erhöhtes Problembewusstsein haben.

Bei den Männern sticht besonders ein erhöhtes Problembewusstsein bei Berufsanfängern hervor. Dagegen ist das Problembewusstsein bei den Junioren relativ schwach ausgebildet. Das Gesamtbild ist gegenüber dem der Frauen vielschichtiger, wodurch der Eindruck entsteht, das Frauen eine wesentlich höhere Toleranz gegenüber Problemen haben und sich somit das Klischee von der großen Duldsamkeit der Frauen hierin bestätigte. Zu dieser Interpretation würde auch der hohe Anteil von Problembewusstsein bei den Jungwählerinnen passen, die ihre Wahlentscheidung als einen Befreiungsakt von ihrer Rolle als Dulderinnen verstehen. Dieser Gedanke ließe sich noch ausweiten auf die Sympathie der Frauen für bestimmte Politiker und die Psychologie der Frauen ganz allgemein – das soll hier aber nicht geschehen.

In der nebenstehenden Grafik ist das Bild der im Bundestag vertretenen Parteien in ihrer Affinität zu Problemen zu sehen. Es zeigt sich, dass die größte Übereinstimmung mit dem Referenzwert „Deutschland“ wie bei den H-O-A-Szenarien bei den GRÜNEN und der AfD gegeben ist, es folgen CSU, CDU, Die Linke, FDP und am Ende die SPD. Bemerkenswert ist, dass die Eigenprobleme der Volksparteien sich hier allenfalls mit einem kleinen Anteil niederschlagen und eher zu einer Außenwahrnehmung führen, als beschäftige sich die Partei nur noch mit sich selbst und habe kein Interesse mehr an den Problemen der Wähler.

2. Ich und Wir

In der Tabelle sind die Anteile ich-bezogener und wir-bezogener Äußerungen als Summen ablesbar , an dem rechten Balken für „wir“, „uns“ und „unser“, an dem linken Balken für „ich“, „mir“ und „mein“ ablesbar. Sie sagen in dem hier interessierenden Zusammenhang etwas darüber aus, welche Gewichtsverteilung in den jeweiligen Lebensphasen bzw. Parteien zwischen Themen des Selbstausdrucks und Selbstaufopferung besteht. Harmonische Verhältnisse herrschen in der Entwicklungsspirale, wenn ein Hin– und Herschwingen zwischen diesen Polen besteht. Im Idealfall ist das Verhältnis ausgeglichen.

Auf den ersten Blick besteht ein leichter Überhang an wir-bezogenen Einflüssen in der Gesellschaft. Diese Tendenz und das Niveau des Unterschieds zwichen den Aspekten stimmen vor allem bei den Lebensphasen der Männer mit den Referenzwerten für Deutschland überein. Deutlich stärkere Überhänge wir-bezogener Äußerungen finden sich in allen Lebensphasen der Frauen. Hierbei finden sich Extremwerte bei Berufseinsteigerinnen und Juniorinnen. Die tendenziell größte Übereinstimmung mit den Männern ergibt sich in der Lebensmitte. Die Ergebnisse legen die Interpretation nahe, dass speziell die Frauen im Beruf sozialisiert werden und in den Lebensphasen am Anfang und Ende des Lebenswegs Mädchen- und Frauenbilder vermittelt werden, die den tradierten Rollenbildern folgen. Ob sich die im Berufsleben erlernten Muster zurückbilden kann aus den Ergebnissen nicht abgelesen werden, da erhebliche Anteile der heutigen Seniorinnen noch zu Zeiten aus dem Berufsleben ausgeschieden sind, als die berufliche Gleichstellung noch im Anfangsstadium war. Unter emanzipetorischen Gesichtspunkten stellt sich hier weniger die Frage, ob die Unterdrückung der Frau durch den Mann für die Situation der Frauen verantwortlich ist, oder vielmehr die geschlechterspezifische Erziehung und kulturelle Emanzipation, die weit über das Spannungsverhältnis der Geschlechter hinausweist.

Die weitgehende Übereinstimmung der Lebensphasen von Männern mit den Referenzwerten für Deutschland zeigt, dass der männliche Einfluss für das politische, wirtschaftliche und kulturelle Geschehen der Gesamtheit Deutschland weitgehend bestimmend ist. In dem Verhältnis zwischen ich-bezogenen und wir-bezogenen Äußerungen besteht darüber hinaus weitgehende Harmonie, so dass die Gipfelansicht des Systems Deutschland durchaus in Ordnung zu sein scheint. Für die Wirtschaft kann dieses definitiv gesagt werden, da – hier nicht abgebildet – ein 100%-iges Gleichgewicht zwischen den Polen besteht. Es muss dabei – wie oben bereits angedeutet – davon ausgegangen werden, dass es sich hierbei im Sinne der Systemtheorie um ein Fließgleichgewicht handelt.  Die Betrachtung der oben erläuterten Geschlechtsunterschiede und das Bild der Lebensphasen in der allgemeinen Sicht zeigt an Anfang und Ende der Lebensphasen stärkere Einflüsse ich-bezogener Äußerungen als bei den Männern und beim Referenzwert. Den Gegenbeleg zeigt die berufsbezogene Lebensphase des Berufseinstiegs, in der die wir-bezogenen Äußerungen – wesentlich zurückhaltender als bei den Frauen – ein leichtes Übergewicht annehmen. In der Lebensmitte spielt der berufliche Einfluss ebenfalls noch eine bedeutende Rolle. Wenn auch die Routinen die ständigen Neuerungen und Anpassungen abgelöst haben und den Hauptanteil an der beruflichen Tätigkeit ausmachen, so bringen doch nachrückende junge Kollegen neue Aufgaben mit sich, die in der Weitergabe von Erfahrungswissen bestehen und andererseits die Überprüfung eingefahrener Praktiken bedeuten.

Durch den Vergleich der Lebensphasen werden trotz des ausgeglichenen Verhältnisses auf der Ebene „Deutschland“ erhebliche Ungleichheiten sichtbar, die über das Maß dessen hinausgeht, was in einem Fließgleichgewicht zu erwarten wäre.

Das entsprechende Bild der im Bundestag vertretenen Parteien zeigt ein stark differenziertes Bild. Insgesamt dominiert der Einfluss wir-bezogener Äußerungen. Eine Gruppe von drei Parteien (CDU, AfD und Die Linke) liegt auf dem Niveau der Referenz „Deutschland“, extrem darunter Bündnis 90 / GRÜNE sowie FDP, SPD und CSU in aufsteigender Folge der Anteile ich-bezogener Äußerungen. Es zeigt sich hier eine Übereinstimmung bezüglich der Rolle als staatstragender Partei, die von der CDU mit dem Neuanfang der Bundesrepublik nach dem zweiten Weltkrieg übernommen wurde mit dem Wert für Deutschland. Für die AfD kann festgestellt werden, dass ihr in diesem Bild die Rolle einer CDU-Nachfolge zukommt. Bezüglich der Partei „Die Linke“ kann unterstellt werden, dass sie für das Gebiet der ehemaligen DDR das abbildet, was die Funktion der CDU für die alte Bundesrepublik war. Bezüglich der AfD ist es möglich, dass sie mit der Übernahme ehemaliger CDU-Politiker in verantwortlichen Positionen auch etwas von deren ideellen Werten übernommen hat.

Das starke Gewicht des Wir bei den übrigen Parteien führt zu Ähnlichkeiten, die quer zu dem gewöhnlich benutzten rechts – links Schema liegen. Am plausibelsten ist hierbei noch das Verhältnis von SPD zu den GRÜNEN, wo die Rolle der auf Solidarität bauenden Politik von der Meinungsführerschaft der SPD auf die GRÜNEN übergegangen ist. Zu hinterfragen ist vor allem der Unterschied zwischen den Schwesterparteien CDU und CSU, der sich ebenso wenig in das politische Muster einfügt wie der hohe Anteil von Wir-bezogenheit bei der liberal ausgezeichneten FDP. Es kann vermutet werden, dass bei CSU und FDP eine gewisse Beliebigkeit eingekehrt ist, die sich z. B. bei der CSU in eigenwilligen politischen Projekten wie der PKW-Maut und bei der FDP in dem unvermittelten Abbruch der Sondierungsgespräche zur Bildung einer Jamaika-Koalition 2017 zeigten. Diese Beliebigkeit ist dem populistischen Zeitgeist geschuldet, der auch mehr und mehr zur Verwaschung der politischen Farbenlehre führt. Aufgrund dieser Entwicklung ruft es auch keine Überraschung hervor, wenn in den Medien plötzlich der Name des GRÜNEN-Sprechers Robert Habeck als möglichem Nachfolger von Angela Merkel genannt wird. Hierzu kann ich nur feststellen: hergeben täte das „Wir sind für gutes Klima“ solches schon, doch hält die Partei das aus?

Über Fidelio

Ich bin 68 Jahre alt, verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder. Meine berufliche Tätigkeit als Stadtplaner habe ich vor fünf Jahren beendet und ich widme mich seitdem intensiver um dieses Internetprojekt, Kommentare und Beiträge, die sich auf die hier veröffentlichten Themen beziehen sind mir willkommen!
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