Angst in den USA

Angst gehört zur emotionalen Grundausstattung des Menschen. Es ist ein Grundgefühl, das sich in als bedrohlich empfundenen Situationen als Besorgnis und unlustbetonte Erregung äußert. Auslöser können dabei erwartete Bedrohungen etwa der körperlichen Unversehrtheit, der Selbstachtung oder des Selbstbildes sein. Krankhaft übersteigerte Angst wird als Angststörung bezeichnet.
Es erscheint naheliegend, dass sich Angst in besonderer Weise als Werkzeug der Disziplinierung, Unterdrückung und Machtausübung eignet, wie es die Geschichte der Religionen und der weltlichen Herrscher zeigt. Dennoch leben wir nach Ansicht vieler Wissenschaftler in einer Zeit des Übergangs. Je nach Disziplin und politischer Grundüberzeugung werden hierbei unterschiedliche Schwerpunkte herausgestellt. Für die Einen sind es die zu Ende gehenden Ressourcen, die zu radikalen Veränderungen auf dem Planeten Erde führen müssen, für mehr geisteswissenschaftlich orientierte Menschen sind es die Konflikte zwischen den Kulturen, die zur Umkehr mahnen und die Gefahren des damit verbundenen Terrorismus heraufbeschwören, wieder andere tendieren zu einer Ökodiktatur, die als einzig mögliche Rettung vor dem drohenden Klimakollaps gerechtfertigt sei. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Allgemein ist es die Angst vor der drohenden Katastrophe, die uns in solchen Szenarien begegnet.
Der Psychoanalytiker Arno Gruen charakterisiert die unter den Bedingungen der europäischen Aufklärung entstandene Kultur als »Gleichsetzung von ›Größe‹ mit ›Fortschritt« womit die Technik zur treibenden Kraft in der Entwicklung des Menschlichen geworden sei. So kam es zu einer »Umpolung der Motivationen, die Macht, Unterwerfung und das Beherrschen anderer förderten, wodurch das Menschliche, die Empathie und die damit verbundenen Fähigkeiten«, zweitrangig wurden. Die Bewunderung von Siegern, die Propagierung von Heldentum und durchsetzungsfähigen Typen sei die Kehrseite der Missachtung und Zurücksetzung des Weiblichen, das mit Verletzlichkeit, Empfindlichkeit, Bedürftigkeit und Angst in Verbindung gebracht wird. »Die Geschichte der großen Zivilisationen ist die Geschichte der Unterdrückung unserer empathischen Natur.« Alles Lebendige stellt ein potentielles Hindernis der Entwicklung dar und muss deshalb beherrscht, kontrolliert, besessen und bekämpft werden. Wer dazu nach Macht strebt oder sich dafür der Macht unterwirft, verliert die Fähigkeit, »das eigene empathische Erleben wahrzunehmen, weil dies mit Angst und Unsicherheit als Zeichen von Schwäche gebrandmarkt« ist. Der Verlust des eigenen Mitgefühls, wird zur Destruktivität nach innen und außen. In diesem Prozess sieht Gruen die Ursprünge des Terrorismus, der nur durch eine Erneuerung der Gesellschaft mit dem Ziel einer Wiederbelebung empathischer Fähigkeiten zum Verschwinden gebracht werden kann.
Der New Yorker Politikwissenschaftler Corey Robin hat in seinem Buch „Fear. The History of a Political Idea“ (Angst. Die Geschichte einer politischen Kraft) die These entwickelt, dass Angst seit der Moderne die Politik ersetzt, sobald kollektive Angstphänomene auftreten. Als typisches Beispiel führt er die Folgen des Terroranschlags auf das World Trade Center an: Nach dem Anschlag sei die Angst politisch instrumentalisiert worden. „Starke Männer“ hätten erklärt, dass sich die Nation gegen eine ständige Bedrohung von außen wehren müsse. Und dass sie, die starken Männer, die Garanten dafür seien, diese Bedrohung abwehren zu können.
Die Instrumentalisierung der Angst ist als enge Verbündete struktureller Gewalt innerhalb der Menschheitsentwicklung ständig gegenwärtig gewesen. Innerhalb seines Systems der Entwicklungsebenen beschrieb der Psychologe Clare Graves die gegenwärtige Situation als Übergang von der ersten Ordnung (die ersten sechs Werte-Meme zur zweiten Ordnung innerhalb der Entwicklungsspirale der Evolution:
Nachdem die menschliche Erkenntnis von begrenzten tierähnlichen Bedürfnissen und den zwingenden Überlebensforderungen (Beige in Spiral Dynamics), von der Angst vor Geistern (Purpur in Spiral Dynamics) und anderen räuberischen Menschen (Rot in Spiral Dynamics), von der Angst, die geheiligte Ordnung zu verletzen (Blau in Spiral Dynamics), von der Angst vor seiner Gier (Orange in Spiral Dynamics) und von seiner Angst vor sozialer Ablehnung (Grün in Spiral Dynamics) eingeengt war, ist sie nun (Anm.: in der zweiten Ordnung) plötzlich frei. Da seine Kräfte jetzt frei für eine Aktivierung des Denkens sind, kann sich der Mensch auf sein Selbst und seine Welt konzentrieren (Gelb, Türkis und alle folgenden Werte-Meme in Spiral Dynamics).“
Um seine Aufgabe zu erfüllen, Bedrohungen „vorauszusehen, zuvorzukommen und abzuwenden“, benutzte die US-Regierung bis zum 27. April 2011 ein fünf Stufen umfassendes, auf Farben basierendes Homeland Security Advisory System, um die angenommene Gefahrenlage anzuzeigen: Grün, Blau, Gelb, Orange, Rot. Eine ähnliche Skala wurde schon seit den Zeiten des Kalten Krieges vom US-Militär verwendet, um den Verteidigungszustand der Streitkräfte anzuzeigen. Er wurde als DefCon bekannt. Das Homeland Security Advisory System wurde unter anderem von Michael Moore in seinem Film „Fahrenheit 9/11“ kritisiert, weil es der Regierung durch Anhebung der Gefahrenstufe ermögliche, die Medienaufmerksamkeit auf sich und von gewissen anderen Ereignissen abzulenken.
Ein weiterer Kritikpunkt besteht darin, dass noch nie objektive Kriterien für die Warnstufen veröffentlicht wurden. Dazu wurde von Sicherheitsexperten das Warnsystem hinterfragt, weil die Warnhinweise viel zu wenig konkret sind. Die Polizeikräfte wurden zwar bei einer erhöhten Alarmstufe aufgestockt, doch sie erhielten nur vage Hinweise wie „möglich sind Anschläge auf das Eisenbahnnetz“. Vom logischen Standpunkt her ist es aber jederzeit möglich, dass auf Eisenbahnen Anschläge verübt werden.

Seit dem 26. April 2011 wurde das Homeland Security Advisory System durch das zweistufige National Terrorism Advisory System ersetzt. Es unterscheidet nur noch in „current alerts“ (aktuelle Warnungen) und „Bulletins“ (Bekanntmachungen zu abgelaufenen Warnungen). Die Warnungen sollen nur dann ausgesprochen werden, wenn spezifische und glaubwürdige Informationen über eine terroristische Bedrohung der Vereinigten Staaten vorliegen. Hierbei wird in erhöhte Alarmbereitschaft und akuten Alarm unterschieden.

Daneben wurde den privaten Haushalten seitens der US-Sicherheitsbehörden empfohlen, einen eigenen Notfallplan zu erstellen und sich fortlaufend über die Möglichkeiten zum eigenen Schutz zu informieren.

Vor allem das bis 2011 geltende Terror-Warnsystem sorgte für die permanente Präsenz der Gefahr und war dazu geeignet, Angst zu schüren, ohne greifbare Ansätze für Schutz und Gefahrenabwehr anbieten zu können. Statt dessen passierten weitere Terroranschläge, die den Eindruck von Ohnmacht in der öffentlichen Meinung verstärkten. Vor allem stellten sich kurzfristig und bis in die Gegenwart hinein wirtschaftliche Verluste ein, wie z. B. ein deutlicher Kurseinbruch an der Börse, ein dramatischer Rückgang des Konsumklimas und ein ebenso dramatischer weltweiter Rückgang der Passagierzahlen im Flugverkehr. Der weltweite Flugverkehr reduzierte sich 2001 um 2,7 Prozent – vor allem Airlines in den USA litten darunter enorm. United, US Airways und Delta wurden mit rund 15 Milliarden Dollar vom Staat gestützt. Wie sehr die Fluglinien zu kämpfen hatten, zeigt der Blick auf den Dow Jones US Airlines Index: Lag er am Tag vor den Anschlägen noch bei etwa 190 Punkten, so befand er sich noch 10 Jahre später bei etwas über 50 Punkten und erreichte schließlich im Januar 2015 ein neues Hoch bei 270 Punkten. Der Index hat jedoch die in der Erholungsphase bestehende Kontinuität verloren.

Nicht nur an der Börse ist die Angst vor neuen Terroranschlägen zu spüren. Seit den Anschlägen vom 09.September 2001 ist die Anwesenheit von air marshals in den Flugzeugen verstärkt worden und die Personenkontrolle in den Flughäfen intensiviert worden, so dass die Terrorgefahr im Bewusstsein der Flugreisenden ständig präsent ist.

Als Symbol des westlichen Lebensstils ist New York in besonderem Maße von Terroranschlägen bedroht und entsprechend stark ist hier die Polizei im Straßenbild und im Luftraum über der Stadt mit 8 Hubschraubern anwesend. Vor allem die aus der Luft geführten Terrorangriffe haben dazu geführt, dass die Sicherheit gewährende geografische Situation New Yorks und der USA insgesamt relativiert wurde und eine neue Dimension für Bedrohungsszenarien eröffnet hat.

"Gefühlte" Kriminalität in den USA

„Gefühlte“ Kriminalität im Vergleich USA – Deutschland und im Verhältnis zu anderen Problemfeldern. 1=Kriminalität; 2=Anerkennung; 3=Angst; 4=Arbeitslosigkeit; 5=Armut; 6=Teuerung; 7=Familie; 8=Miete; 9=Freizeit; 10=Gesundheit; 11=Gewalt; 12=Mobilität; 13=Offenheit; 14=Schule; 15=Verschmutzung; 16=Rassismus; 17=Drogen

In der nebenstehenden Übersicht über das untersuchte Problemspektrum liegt die Bedeutung der Angst im oberen Mittelfeld des Problemspektrums. Auffällig ist im Vergleich zu Deutschland, dass nicht nur der Stellenwert im Gesamtspektrum mit den USA gleichzusetzen ist, sondern auch, dass es innerhalb des Mittelfeldes das einzige Problemfeld ist, in dem ein nahezu gleiches Niveau der beiden Länder besteht. Es erscheint mir nicht zu gewagt, hierin – in Abwandlung des für das informelle Bündnisses anläßlich des Irakkriegs 2003 geprägten Begriffs der „Koalition der Willigen“ – einen Beleg für die „Koalition der Angst“ zu sehen, in die jene „Koalition der Willigen“ übergegangen ist.

Angst in den Vereinigten Staaten und in ihren Metropolen

Angst in den Metropolen der USA

Karte mit den 11 Metropolen der USA für das Problem Angst.

Angst in den USA als räumliche Verteilung dargestellt

In der Balkengrafik für die 11 Metropolen der USA tritt erwartungsgemäß New York hervor. Das gleiche Niveau wird jedoch auch in Miami erreicht. Hier sind neben dem hohen Grundniveau der Angst in den USA die besonderen Verhältnisse in Miami als Ursachen in Erwägung zu ziehen. Vor allem sind es die Angst vor Arbeitslosigkeit und mangelnde Freizeit die hier überdurchschnittliche Probleme darstellen. Dabei spielt die ethnische Struktur mit vielen Hispanics und der Rassismus ebenfalls eine Rolle. Für den ebenfalls herausstechenden Wert von Atlanta ist darauf hinzuweisen, dass sich dort der größte Flughafen nach Passagierzahlen in den USA befindet und von daher die Wahrscheinlichkeit terroristischer Aktionen erhöht ist.

Generalisiert und als Karte dargestellt ergibt sich für die Metropolen Philadelphia, Dallas, Los Angeles und San Francisco eine nahe dem Landeswert liegende Verbreitung von Angst. Die Metropolen Boston, Chicago, Washington und Houston liegen deutlich unter dem Landeswert. Gründe hierfür liegen wahrscheinlich in den strukturellen Gegebenheiten vor Ort und können hier nicht weiter erörtert werden.

Über Fidelio

Ich bin 68 Jahre alt, verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder. Meine berufliche Tätigkeit als Stadtplaner habe ich vor fünf Jahren beendet und ich widme mich seitdem intensiver um dieses Internetprojekt, Kommentare und Beiträge, die sich auf die hier veröffentlichten Themen beziehen sind mir willkommen!
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