Archive - 2. November 2017

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Der Prellstein

Der Prellstein

Der Prellstein

Es war 1978, als meine Eltern das Haus meiner Kindheit verließen und in eine Wohnung im Dorf umzogen. Etwa zur gleichen Zeit zog ich mit meiner Familie in das eigene Haus ein. Durch die zeitliche Nähe dieser Ereignisse mit der gesteigerten Aufmerksamkeit für das, was an einem Ort aufgegeben wird und an einen anderen Ort verbracht werden muss oder kann fiel mir der Prellstein ein, der an der Einfahrt zum Hof des Hauses lag, in dem ich die längste Zeit meiner Kindheit und Jugend gelebt hatte. Prellsteine oder Radabweiser haben traditionell die Aufgabe, die Räder von Fuhrwerken vor Beschädigungen durch Mauerkanten und Toreinfahrten zu schützen. Dieser Prellstein hatte die an die Moderne angepasste Aufgabe, den Betonpfahl in der Gartenecke an der Einfahrt vor Zerstörung zu schützen und Blechschäden an Fahrzeugen zu vermeiden. Es ist ein unbearbeiteter „Findling“, eigentlich ein als Geschiebe bezeichnetes Relikt der Eiszeit, in einem tragbaren Format. Auf diesem Stein hatte ich oft in der Mittagszeit nach der Rückkehr von der Schule gesessen und meine Gedanken reflektiert. Hierzu gehörten auch philosophische Fragen von der Art, wie sie in dem von Peter Handke verfassten „Lied vom Kind sein“ umrissen ist:… Als das Kind Kind war, war es die Zeit der folgenden Fragen: Warum bin ich ich und warum nicht du? Warum bin ich hier und warum nicht dort? Wann begann die Zeit und wo endet der Raum? Ist das Leben unter der Sonne nicht bloss ein Traum? Ist was ich sehe und höre und rieche nicht bloss der Schein einer Welt der Welt? Gibt es tatsächlich das Böse und Leute, die wirklich die Bösen sind? Wie kann es sein, dass ich, der ich bin, bevor ich wurde, nicht war, und dass einmal ich, der ich bin, nicht mehr der ich bin, sein werde? …

Die grundlegenden Fragen von Kindern, die manchmal die Welt aus den Angeln heben, sind für den Philosophen Karl Jaspers „ein wunderbares Zeichen dafür, dass der Mensch als solcher ursprünglich philosophiert.“ Immanuel Kant hat sie in Kategorien geordnet:

  • Was kann ich wissen? (Erkenntnistheorie)
  • Was soll ich tun? (Moral und Ethik)
  • Was darf ich hoffen? (Religion und Gesellschaftstheorie)
  • [Was ist der Mensch? (Anthropologie)]

Die Grundfragen des Menschen sind von existenzieller Bedeutung und haben ihre Bestätigung für mich in einigen prägenden Erlebnissen gefunden, auf die ich nachfolgend näher eingehe. Zu diesen Erlebnissen gehört ein häufiger Traum der davon handelt, daß ich über dem Prellstein in seiner schützenden Funktion an der Hofeinfahrt mit dem unmittelbar daneben im Garten stehenden Pflaumenbaum aus eigener Kraft ohne andere Hilfsmittel als nur den sich auf- und abbewegenden ausgebreiteten Armen in die Höhe steige. Es ist eher das Bild einer Lerche über dem Feld als das eines davon fliegenden Vogels. Diese immer wieder aufgefrischte Erinnerung an meine philosophischen Überlegungen auf dem Stein hat vor allem ein Bündel der mit ihm verbundenen Fragen wach gehalten. Hierzu gehörten Fragen wie: Gibt es mich nur einmal auf der Welt – im gesamten Universum? Wenn ja, gibt es eine Gleichzeitigkeit zwischen mir und meinem Doppel? Können wir unabhängig voneinander denken und handeln? Was und wo bin ich, wenn ich schlafe? Ist die Welt um mich herum auf mich konzentriert und gar nicht unabhängig von mir existent? Es gab ein Gefühl der Angst im Hintergrund, das diese Fragen hervorzurufen schien: Es war die Sorge, allein auf der Welt zu sein und keine Bestätigung meiner Gefühle zu erhalten – ja, nicht erhalten zu können.

Die Fragen der Kindheit wurden weitgehend verdrängt durch die im 14. Lebensjahr von mir verlangte Entscheidung, welchen Beruf ich ergreifen wollte. Die Folgen dieser Entscheidung nahmen nahezu vollständigen Besitz von mir. Es mussten Adressen von Ausbildungsstellen gesammelt werden, Bewerbungsunterlagen erstellt werden, Vorstellungstermine wahrgenommen werden in einer völlig neuen Sphäre. Eine Intensivierung dieser Besitzergreifung erfolgte jedoch erst als „der Ernst des Lebens“ mit dem Antritt der Lehrstelle begann. In diese Zeit fiel ein Ereignis, dass eine tiefe Ergriffenheit bei mir erzeugte.

Hieronymus Bosch: Aufstieg der Seligen

Im Alter von 16 Jahren musste ich mich einer Mandeloperation (Tonsillektomie) unterziehen. Zu jener Zeit wurden viele entzündliche Gesundheitsstörungen, für die keine eindeutigen Auslöser gefunden werden konnten, häufig den Mandeln zugeschrieben – auch wenn diese vollkommen in Ordnung waren. So auch in meinem Fall. Ebenfalls üblich war die vor der Operation verabreichte Narkose durch Äther. Nachdem die in  Entgiftungsphase nach der Narkose überstanden war fühlte ich mich wie ein neuer Mensch, alle Last war von mir abgefallen. Meine Gedanken kreisten um ein Erlebnis, das mir in der Narkose widerfahren war: ich befand mich plötzlich in einem Raum, in dem sich eine Anzahl gut und zivil gekleideter unbekannter Menschen befand, die großes Interesse an mir hatten und Zuneigung zu mir zum Ausdruck brachten. Für mich war dort der Ort der Glückseligkeit, den ich nicht mehr verlassen wollte. Doch man erklärte mir, ich müsse in mein irdisches Dasein zurückkehren, da meine Aufgaben noch nicht erfüllt seien. Erst einige Jahre später erfuhr ich durch die Lektüre eines Buches von Elisabeth Kübler-Ross, dass ich ein Nahtoderlebnis gehabt haben musste. Welche Rolle dabei die Äther-Narkose gespielt hat ist mir nicht klar. In der Literatur wird jedenfalls über eine Häufung von Nahtoderlebnissen in der Äther-Narkose berichtet – mal, dass ein kurzer Herzstillstand eingetreten ist, ein andermal ohne nähere Angaben. Der Nahtod-Forscher Schröter-Kunhardt gibt als die mit Abstand häufigsten Sensationen an:  61 Prozent erleben eine Stimmungsaufhellung mit angenehmen, leichten Gefühlen. Am zweithäufigsten tritt mit 58 Prozent – aus der ersten hervorgehend – die außerkörperliche Erfahrung auf, bei der man sich vom Körper distanziert und ihn von oben wahrnimmt. Letztere Erfahrung lag in meinem Fall nicht visuell vor, sondern war in der erlebten Situation als vom Körper abgelöstes Bewusstsein vorhanden.

An einem der wenigen Tage dieses Krankenhausaufenthalts geschah noch etwas zutiefst bewegendes: Meine erste intensive Begegnung mit einem Mädchen. Es war eine Studentin im Praktikum, die sich am frühen Abend zu mir auf die Bettkante setzte und sich sehr für meine Buchlektüre zu interessieren schien. Mir erschien dieses Interesse als großer Zufall, handelte es sich doch um die Lebensgeschichte von Temudschin, bekannter unter dem Namen Dschingis Khan. An diesem Abend spürte ich erstmals die erotisierende Wirkung weiblicher Nähe und erfuhr, dass ich nun an der Schwelle zum Erwachsenen stand.

Die Erlebnisse während meines kurzen Krankenhausaufenthalts hatten u. a. die Folge, dass ich breit gefächerte Interessen entwickelte und mich besonders  für psychologische und philosophisch-spirituelle Fragestellungen interessiere, ohne jedoch einen Berufswunsch auf diesen Gebieten zu entwickeln. Für mich gehörten  die  genannten Fragestellungen zur Entwicklung einer harmonischen Lebenspraxis dazu und veranlassten mich später neben meinem technischen Beruf dann später, eine Ausbildung zum Heilpraktiker zu absolvieren.

Die persönliche Aufarbeitung des oft wiederholten Traumes vom Fliegen ergab – wie könnte es bei Freud auch anders sein? – den Zusammenhang mit dem Fliegen des Vogels, der auf die Symbolik erotischer Träume hinweist. Freud schreibt hierzu: „Warum träumen aber so viele Menschen vom Fliegenkönnen? Die Psychoanalyse gibt hierauf die Antwort, weil das Fliegen oder Vogel sein nur die Verhüllung eines anderen Wunsches ist, zu dessen Erkennung mehr als eine sprachliche und sachliche Brücke führt. Wenn man der wißbegierigen Jugend erzählt, ein großer Vogel, wie der Storch, bringe die kleinen Kinder, wenn die Alten den Phallus geflügelt gebildet haben, wenn die gebräuchlichste Bezeichnung der Geschlechtstätigkeit des Mannes im Deutschen »vögeln« lautet, das Glied des Mannes bei den Italienern direkt l’uccello (Vogel) heißt, so sind das nur kleine Bruchstücke aus einem großen Zusammenhange, der uns lehrt, daß der Wunsch, fliegen zu können, im Traume nichts anderes bedeutet als die Sehnsucht, geschlechtlicher Leistungen fähig zu sein. Es ist dies ein frühinfantiler Wunsch. Wenn der Erwachsene seiner Kindheit gedenkt, so erscheint sie ihm als eine glückliche Zeit, in der man sich des Augenblicks freute und wunschlos der Zukunft entgegenging, und darum beneidet er die Kinder.“ Meine Träume vom Fliegen sind in den letzten Jahrzehnten sehr selten geworden und so hat der Prellstein mit zunehmendem Alter mehr und mehr die Rolle eines „Gedenksteins“ erhalten, der an meine persönliche Vergangenheit erinnert und diese im Bewusstsein hält.

Von den philosophischen Fragen hat sich jene nach dem menschlichen Vermögen, die Wirklichkeit zu erkennen bis zu diesem Moment, wo ich darüber schreibe, erhalten. Sie hat für mich wieder größere Bedeutung gewonnen, seit ich aus den beruflichen Zwängen, die mich an mathematische und objektivistische Begründungen gebunden hatten, entlassen bin. Es mag vielleicht an der eingeübten Stringenz meines Denkens gelegen haben, dass ich sehr bald die Geisteshaltung des Solipsismus als Ausgangsgedanken nahm und damit an Fragen meines frühen Lebens anknüpfte. Von hier aus erschloss sich der von Immanuel Kant geäußerte Gedanke der Nichterkennbarkeit des „Ding an sich„, der zu einem der wesentlichen Grundsätze der Aufklärung wurde und als Einfallstor für den Solipsismus moderner Prägung dienen konnte – dieses aber nur, indem sich das allgemeine Interesse an Kant auf die Kritik der reinen Vernunft konzentrierte und die beiden folgenden Kritiken – Kritik der praktischen Vernunft und die Kritik der Urteilskraft weitgehend vernachlässigte.

Bereits in den Anfängen der griechischen Philosophie ist ein Bedürfnis festzustellen, eine allgemein verbindliche Definition für das, was wirklich ist, zu erreichen. Der zu den Vorsokratikern gehörende Philosoph Parmenides verkündete eine Definition von Wirklichkeit als Identität von Sein und Denken. Hiergegen behaupteten sophistische Kritiker wie Gorgias, es existiere nichts und wenn doch etwas existieren sollte, so könne der Mensch es nicht begreifen und schließlich, wenn es auch begreiflich wäre, so könnte es einem anderen nicht mitgeteilt oder erklärt werden. Viele der in der Gegenwart geführten Debatten erinnern an diese anfänglichen Sophistereien. Ich erinnere nur an Schlagworte wie Fake-News oder „alternative Fakten„. Hinter diesen Sprachschöpfungen verbirgt sich eine solipsistische Haltung, die auf der Grundhaltung beruht, „wirklich ist nur das, was ich für wirklich halte.“  Diese Haltung ist mit Vernunftargumenten nicht zu widerlegen, da in dem Moment, wo wir über das «Wesen» unseres Bewußtseins und seiner «Inhalte» (zu denen auch unser Wissen um die Außenwelt gehört) reflektieren, können wir dies wiederum nur mit Hilfe von Bewußtseinsinhalten tun. Es handelt sich also um eine Endlosschleife  oder wie der Volksmund sagt, um eine Situation, in der sich die Katze in den Schwanz beißt. Es ist nicht anders, als wollten wir beispielsweise versuchen, über das Wesen des Lichtes dadurch Näheres zu erfahren, daß wir einen Lichtstrahl beleuchten.

Rückblickend auf meine kindlichen Fragen interpretiere ich die solipsistischen Anklänge in dem Sinne, dass es eher die existentialistische Angst vor dem Alleinsein und damit der Versuch einer Vermeidung solipsistischer Arroganz war, die mich nach einem Ausweg suchen ließ, der in einer Verdopplung meines Ich existieren könnte. (Vielleicht ist in einer solchen Beziehung zwischen Solipsismus und Existentialismus auch das Verlangen einiger Eliten begründet, das Klonen von Menschen zu ermöglichen!)

Der Weg in den Solipsismus wird, wie ich am Beispiel meiner eigenen kindlichen Phantasie geschildert habe, bereits in der Bewusstseinsentwicklung des Kindes vorgezeichnet. Nach dem Schweizer Biologen Jean Piaget erfolgt die letzte Vervollkommnung der menschlichen Denkfähigkeiten, die er formal-operationales Denken nennt,  etwa ab dem 11. Lebensjahr. Auf dieser Ebene wird die soziale Persönlichkeit oder Rolle als bloßer Schein und im Gegensatz zum wahren inneren Ich gesehen. Das Kind erhält die Fähigkeit, seine Rolle gegenüber der Gesellschaft zu definieren. Diese Phase ist über einen erheblichen Zeitraum zeitgleich mit der konfliktreichen Zeit der Pubertät, in der auch deutlich wahrnehmbare Veränderungen des Körpers stattfinden. Das Bewusstsein vom Ich wird stabil und folgt nicht mehr den wechselnden Gefühlsregungen. An die Stelle der Folgsamkeit im sozialen Umfeld tritt die Reflexion über das eigene Verhalten.  Es können verschiedene Möglichkeiten aus der jeweiligen Situation durchdacht werden und zur persönlichen Entscheidung führen. Jedes höhere Niveau erlaubt die Lösung einer grösseren Zahl und Vielfalt von Problemen, da einige neue relevante Aspekte der Aufgabe zusätzlich einbezogen werden. Gemäss Piaget schliesst jede neue Strategie die Elemente der vorhergehenden ein, ist aber differenzierter und gleichgewichtiger als diese. Wenn dieser Abnabelungsprozess von der bewahrenden und lenkenden Gesellschaft gelingt, kann schließlich vom „reifen Ich“ gesprochen werden.

In dieser für die weitere Entwicklung des Menschen entscheidenden Phase kann die Entwicklung jedoch eine falsche Wendung nehmen und zu etwas ganz anderem als dem „reifen Ich“ führen. Wie bereits oben erwähnt, kann die Bewusstseinentwicklung reflektierend in eine Endlosschleife geraten und die körperlich wie seelisch hinzu erworbenen Fähigkeiten als bloße Instrumente zur Durchsetzung von Wünschen des noch unreifen Ich benutzen, in dem die Persönlichkeit darin gefangen bleibt und kein sozialverträgliches Verhalten entwickeln kann. Hierauf sind viele Probleme der Jugendkriminalität zurückzuführen. Für die von Ken Wilber vertretene Integrale Theorie entspricht dem individuellen Defizit einer unterbliebenen Transzendierung auf eine höhere Ebene der Persönlichkeitsentwicklung in dem auf gesellschaftlicher Ebene stattgefundenen grundlegenden Programm der Aufklärung eine Reduktion des Subjekts auf seine physikalisch und mathematisch beschreibbaren Kennzeichen – den rechten Quadranten im AQAL-System nach Wilber. Wilber weißt darauf hin, dass nur ein transzendentes Ich mit anderen transzendenten Ichs wahrhaft verbunden sein kann. Entlang dieser Defizitlinie verläuft die tiefere Spaltung von Gesellschaften.

Die persönliche Entwicklung ist mit dem Erreichen des reifen Ich nicht abgeschlossen. Die psychische Entwicklung im Erwachsenenalter ist vor die Aufgabe gestellt, die getrennten Sphären von Körper und Geist zu integrieren um das von Wilber „zentaurisches Bewusstsein“ genannte Stadium zuerreichen um dann, wenn alles gut geht, am Ende des Lebens zu der Erkenntnis zu kommen, dass das menschliche Leben nur „ein kurzes Aufblitzen in der kosmischen Leere“ ist. Dieses letzte Stadium, in dem alle dem inneren Auge gegebenen Möglichkeiten zusammengefasst sind, nennt er Schau-Logik. In diesem Stadium angekommen bekannte Tolstoi: „Meine Frage, die Frage, die mich im fünfzigsten Lebensjahr zu Selbstmordgedanken brachte, war die allereinfachste Frage, die in der Seele eines jeden Menschen ruht »Was wird das Ergebnis sein von dem, was ich heute tue, was ich morgen tun werde – was wird das Ergebnis meines ganzen Lebens sein?« Anders ausgedrückt wird die Frage so lauten: »Wozu lebe ich? Wozu begehre ich? Wozu handle ich?« Etwas abstrakter kann man die Frage so ausdrücken: »ist in meinem Leben ein Sinn, der nicht zunichte würde durch den unvermeidlichen, meiner harrenden Tod?«“ [Meine Beichte, Düsseldorf, Köln: Diederichs, 1978, S. 44., zitiert nach Wilber]

Es scheint, als wäre mein Nahtoderlebnis ein Korrektiv innerhalb der oben dargestellten Abfolge von Entwicklungsphasen, indem es mir eine Ahnung von dem vermittelte, was auf der anderen Seite des Lebens möglich ist und gleichzeitig zu verstehen gab, dass  die Zeit für mich noch nicht reif war, um den Entwicklungsprozess zu beenden. Diese Interpretation ist allerdings nicht verallgemeinerbar und erklärt nicht die vielen Tode von Menschen, die am Beginn ihres Lebens sterben. Das persönliche Schicksal bleibt trotz allem ein metaphysisches Rätsel.

 

 

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