Archive - November 2017

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Gegen eine „alternativlose“ Groko!
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Gefühle in Deutschland – Auf dem Weg nach Jamaika
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Der Prellstein

Gegen eine „alternativlose“ Groko!

Das Verfallsdatum politischer Größe der deutschen Kanzlerin betrug nicht einmal zwei Jahre. Die unbürokratische Aufnahme von ca. einer Million Flüchtlinge in Deutschland, die über die Balkan-Route aus dem nahen Osten nach Europa drängten, nötigte auch der politischen Linken Zustimmung und Hochachtung ab. Das änderte sich jedoch, als das Wahlergebnis der Bundestagswahl vom 24. September 2017 offen legte, was die nationalistisch und rassistisch auftretende Rechte mit vielen unbelehrten alten Frauen und Männern den schon immer seit Bestehen von Nachkriegsdeutschland vorhandenen braunen Bodensatz an die Wahlurnen zu bringen verstand. Das war in der innenpolitischen Situation mit guten Zahlenwerten der Wirtschaftsstatistik jedoch schlechten Arbeitsbedingungen der Leistungsträger nicht schwer. Jene Arbeitnehmer, die von den Unternehmern zu Leistungsträgern erkoren wurden, leiden unter zunehmendem Streß, der im Zwiespalt von guter Bezahlung und hohem persönlichen Einsatz zu persönlichen Konflikten führt. Auf der anderen Seite jene ausgegrenzten Arbeitnehmer, die als Verfügungsmasse der Wirtschaft dienen und allenfalls für miese Jobs herangezogen werden.

Von dem Wahlergebnis – so schien es – ging ein politisches Signal aus, das zu der Aufkündigung der Gefolgschaft in einer erneuerten großen Koalition durch die SPD-Führung führte. Damit wurde im Moment höchster öffentlicher Aufmerksamkeit für jeden wahrnehmbar politische Verantwortung für die von der Linken und Rechten repräsentierten Reaktionen auf die Politik der großen Koalition übernommen. Für die einen war dies ein Signal für die nun beabsichtigte Korrektur der von der früheren SPD-Regierung zu verantwortenden Agenda 2010 mit Folgen für viele Arbeitnehmer, die in eine relative Armut an den Rand der Gesellschaft abgedrängt wurden. Für die politische Rechte wurde das Scheitern der großen Koalition auf die mit der Flüchtlings- und Zuwanderungspolitik verbundenen Fragen reduziert, ohne den Zusammenhang mit der von vielen Arbeitnehmern befürchteten Konkurrenz durch zugewanderte Menschen und damit einer Verschärfung prekärer Verhältnisse im unteren Segment des Arbeitsmarktes zu thematisieren.

Vor dem skizzierten Hintergrund muss das in diesen Tagen nach dem Scheitern der Sondierungsgespräche für eine „Jamaika-Koalition“ von der Verfassung vorgesehene Prozedere gesehen werden, in dessen Mittelpunkt der Bundespräsident steht. Die Rolle des Bundespräsidenten hat sich – entgegen dem in Teilen der Medien vermittelten Eindruck eines politischen Kontrolleurs – auf eine politische Reservefunktion zu beschränken. In seinen politischen Handlungen unterliegt er dabei der Kontrolle des Bundesverfassungsgerichts. In seinen Entscheidungen zur verfassungsrechtlichen Stellung des Bundespräsidenten hat das Bundesverfassungsgericht im Jahr 2014 zum Ausdruck gebracht, dass er seine politischen Leitentscheidungen vor allem auf geistig-moralische Wirkung auszurichten hat. Hieraus ergibt sich das Gebot, eine gewisse Distanz zu Zielen und Aktivitäten von politischen Parteien und gesellschaftlichen Gruppen zu wahren. Diese dem Bundespräsidenten von der Verfassung zugewiesene Rolle ist Ergebnis geschichtlicher Erfahrung aus dem Präsidialsystem der Weimarer Republik, das wesentlich zur Entstehung der Diktatur des Dritten Reichs beigetragen hat.

Zwar hat Frank Walter Steinmeier seine SPD-Mitgliedschaft seit Übernahme seines Amtes als Bundespräsident ruhen lassen. Dennoch hat er sich mit seinen Äußerungen zu einer möglichen erneuten  großen Koalition eindeutig positioniert und damit eine politische Richtungsbestimmung intendiert, die als Fortsetzung der von ihm als Kanzleramtsminister einer früheren Bundesregierung maßgeblich mitgestalteten Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik mit den oben dargestellten Folgen zu verstehen ist. Nicht zuletzt mit seinen Äußerungen zum gewünschten Verhalten der SPD hat Steinmeier einen Flügelstreit in seiner Partei provoziert, der die Rolle des Bundespräsidenten in einem fadenscheinigen Licht erscheinen lässt.

Die nach den gescheiterten Jamaika-Verhandlungen entstandene Situation, die den Bundespräsidenten auf den Plan gerufen hat, erfordert eine intensive öffentliche Diskussion, der sich alle beteiligten politischen Kräfte zu stellen haben, statt den Wählerwillen willkürlich für eine gerade opportun erscheinende Regierungskoalition wie „Jamaika“ zu interpretieren. Wähler stimmen nicht über Koalitionen ab – und schon gar nicht solch bunte, wie sie in den Farben der Jamaikanischen Flagge zu sehen sind.

Wie es nun nach dem (Alb)Traum von Jamaika weitergehen kann steht auf dieser Seite des Kampagnen-Netzwerks campact.

Gefühle in Deutschland – Auf dem Weg nach Jamaika

Beherrschende Themen der Hauptnachrichtensendungen der Tagesschau waren in den vergangenen Wochen die Folgen der Bundestagswahl und die Anbahnung der sogenannten Jamaika-Koalition sowie die Insolvenz und Zerlegung der Fluggesellschaft Air Berlin. Daneben rückten Umweltfragen durch nationale und internationale Wetterereignisse mit katastrophalen Folgen in den Fokus. Dominierendes Auslandsthema waren und sind die Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens.

In der nachfolgenden tabellarischen Übersicht sind die Gefühlsregungen in Deutschland im Spiegel der Tagesschau-Schlagzeilen nachgezeichnet.  Die an den genannten Tagen auffallend in Wallung geratenen Gefühle sind jeweils benannt und nach Zunahme und Abnahme farbig mit grün oder rot hinterlegt. Auf die Zuordnung zu bestimmten Ereignismeldungen der Tagesschau wird verzichtet, da die subjektiven Momente in der Interpretation der sehr komplexen Nachrichten überwiegen und ein allgemeingültiger Aussagewert lediglich der farbig ausgedrückten Tendenz weiter unten zukommt.In der Grafik sind Vertrauen, Glück, Kraft und Zufriedenheit die dominierenden Gefühlszustände. Spitzenwerte werden von der Kurve für Vertrauen erreicht.

Ereignistag Gefühlsspitze Tagesschau-Schlagzeilen
Montag, 09. Oktober 2017  Glück, Kraft  Union schließt Kompromiss für Flüchtlingszuwanderung, Schäuble verabschiedet sich von Eurogruppe, Türkei startet Militäreinsatz in Nordsyrien, Air Berlin kündigt Ende des Flugbetriebs an, Richard Thaler erhält Wirtschafts-Nobelpreis, Polizei durchsucht Wohnung von AFD-Politiker Hampel, Autor Robert Menasse erhält deutschen Buchpreis
Dienstag, 10. Oktober 2017  Kraft, Allgemeinbefinden Puidgedemont verschiebt Erklärung zur katalanischen Unabhängigkeit, Grüne beraten über Regierungskoalition, IG-Metall-Vorstand fordert mehr Geld und reduzierbare Arbeitszeit, Streiks im öffentlichen Dienst Frankreichs, Regierungsprogramm in den Niederlanden vorgestellt, Impfkampagne in Bangladesh, Frankfurter Buchmesse eröffnet, Brände in Kalifornien
Mittwoch, 11. Oktober 2017  Mut, Glück, Hoffnung, Zufriedenheit Ministerpräsident Rajoy will Klarheit über katalanische Unabhängigkeit, Prozessbeginn gegen deutsche Journalistin und Übersetzerin, Deutschland verfehlt Klimaziele deutlich, Konjunkturprognose der Bundesregierung sieht Wirtschaft weiter wachsen, Zahlen von Asylsuchenden in Deutschland sinkt, Deutsche Studie belegt wachsende Internetnutzung, Frankfurter Buchmesse eröffnet, Bericht zu Menschenrechtsverletzungen an Rohingya, Urteil zu Vergewaltigung minderjähriger Ehefrauen in Indien, Weltmädchentag, Mindestens 17 Tote durch Brände in Kalifornien
Donnerstag, 12. Oktober 2017  Hoffnung, Glück, Aktivität, Vertrauen Lufthansa übernimmt Großteil von Air Berlin, Abschlussbericht im Fall Amri, Weitere Brexit-Verhandlungsrunde ohne Durchbruch, Österreich zieht wegen geplanter Maut vor EuGH, Deutschland verlängert Grenzkontrollen, Merkel besucht Kongress der IG Bergbau Chemie Energie, Einigung zwischen Fatah und Hamas, USA treten aus Unesco aus, Friedrichspreis für Fernsehjournalismus in Köln verliehen, Goetheturm in Frankfurt abgebrannt, Weiterhin zahlreiche Waldbrände in Kalifornien
Freitag, 13. Oktober 2017  Freude, Glück, Offenheit, Kraft  Trump kündigt neue Sanktionen gegen den Iran an, Grundschüler fallen bei Mathematik und Deutsch zurück, Wahlkampfendspurt in Niedersachsen, Ermittlungen gegen niedersächsischen AfD-Chef Hampel eingestellt, EU-Innenminister beraten über Schengen-Grenzkontrollen, Deutsch-türkischer Schriftsteller Akhanli wird nicht an die Türkei ausgeliefert, Buschbrände in Kalifornien, Dutzende Tote nach Überschwemmungen in Vietnam
Samstag, 14. Oktober 2017   Türkische Asylbewerber erheben Spitzelvorwürfe gegen BAMF-Mitarbeiter, Konservative ÖVP geht als Favorit in die Parlamentswahl in Österreich, UN-Blauhelme ziehen nach 13 Jahren aus Haiti ab, Sexskandal um Harvey Weinstein, Waldbrände in Kalifornien
Sonntag, 15. Oktober 2017 Vertrauen, Zufriedenheit, Aktivität, Gesamt, Glück SPD wird stärkste Kraft in Niedersachsen, Bundespolitische Reaktionen auf Niedersachsen-Wahl, Rechte Parteien gewinnen laut Hochrechnungen Wahlen in Österreich, Zahl der Todesopfer bei Anschlag in Somalia steigt auf über 200, Margaret Atwood erhält Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
Montag, 16. Oktober 2017  Zufriedenheit Beratungen über Wahlergebnis in Niedersachsen, Konservative nach Wahl in Österreich stärkste Kraft, Ultimatum für Katalonien endet Donnerstag, Irakische Armee rückt auf Kirkuk vor, Bahn erhöht Preise für den Fernverkehr, Wissenschaftler beobachten Entstehung von Gravitationswellen, Mindestens 35 Tote bei Waldbränden in Portugal
Dienstag, 17. Oktober 2017 Zufriedenheit, Allgemeinbefinden, Vertrauen, Freude, Hoffnung, Kraft, Mut, Gesamt Machtkampf zwischen Partei- und Fraktionsführung bei der Linkspartei, Fraktionsvorsitzende Nahles stimmt SPD-Abgeordnete auf Oppositionsarbeit ein, „Islamischer Staat“ offenbar vollständig aus Rakka vertrieben, Bundeswehr setzt Ausbildung von kurdischen Peschmerga-Kämpfern aus, Mindestens 85 Menschen bei Taliban-Angriffen in Afghanistan getötet, Internationales Entsetzen über Mord an maltesischer Journalistin, Türkei will deutschen Menschenrechtler Steudtner vor Gericht stellen, Spanien inhaftiert zwei katalanische Unabhängigkeitsaktivisten, Bundesamt warnt vor Sicherheitslücke bei drahtlosen Netzwerken
Mittwoch, 18. Oktober 2017 Vertrauen, Kraft, Hoffnung, Mut, Zufriedenheit, Allgemeinbefinden Ministerpräsident Tillich tritt zurück, Sondierungsgespräche zur Bildung einer Jamaika-Koalition, Wagenknecht und Bartsch bleiben Fraktionschefs der Linken, Xi Jinping eröffnet Parteikongress in China, Frankreich beschließt neues Anti-Terror-Gesetz, Gerichte in den USA blockieren Trumps Pläne zu Einreiseverboten
Donnerstag, 19. Oktober 2017 Zufriedenheit, Freude, Mut, Hoffnung, Vertrauen, Kraft FDP und Grüne treffen sich zu Jamaika-Sondierungen, Neue Studie zum Familiennachzug erwartet geringere Zahlen als bisher angenommen, Katalonien-Krise verschärft sich weiter, Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs in Brüssel, Debatte über sexuelle Übergriffe: #MeToo, Zahl der fliegenden Insekten stark zurückgegangen
Freitag, 20. Oktober 2017 Vertrauen, Kraft, Mut, Hoffnung, Offenheit, Zufriedenheit, Allgemeinbefinden Jamaika-Sondierungen: Erste gemeinsame Sitzung der Parteien, EU-Gipfel ohne Durchbruch bei Brexit-Verhandlungen, Spaniens Ministerpräsident Rajoy plant offenbar Auflösung des katalanischen Parlaments, Mindestens 72 Tote bei Anschlägen auf afghanische Moscheen, G7-Innenminister vereinbaren entschiedeneres Vorgehen gegen terroristische Netzinhalte, Österreichs Bundespräsident erteilt Wahlsieger Kurz Regierungsbildungsauftrag, Beginn der Parlamentswahlen in Tschechien, Millionen Menschen sterben wegen Umweltverschmutzung, Rundfunkkommission berät Reform der Öffentlich-Rechtlichen, WM-Affäre: DFB muss Steuern nachzahlen
Samstag, 21. Oktober 2017  Vertrauen, Glück, Mut, Freude, Hoffnung, Zufriedenheit, Kraft, Gesamt Spanien leitet Entmachtung von Kataloniens Separatisten ein, Politiker der Jamaika-Parteien mahnen zu Kompromissen bei Sondierungen, Deutlicher Rechtsruck bei Parlamentswahl in Tschechien, Dutzende Tote bei schweren Gefechten mit Islamisten in Ägypten, IS reklamiert Anschlag auf Moschee in Kabul für sich, Messerattacke in München, 70. Jahrestags der Bremischen Verfassung
Sonntag, 22. Oktober Vertrauen, Zufriedenheit, Kraft, Gesamt, Freude, Mut, Allgemeinbefinden Bundeswehr setzt Ausbildung der Peschmerga im Nordirak fort, Situation in den irakischen Kurdengebieten, Demonstration „Gegen Hass und Rassismus im Bundestag“, Widerstand gegen Spaniens Plan zur Entmachtung Kataloniens, Italiens Regionen Venetien und Lombardei stimmen über mehr Autonomie ab, Tausende demonstrieren in Malta nach Journalisten-Mord, Japans Regierungschef Abe triumphiert bei Parlamentswahl, Russischer Oppositioneller Nawalny wieder frei, Benefizkonzert für Hurrikan-Opfer
Montag, 23. Oktober 2017 Hoffnung, Allgemeinbefinden, Vertrauen, Zufriedenheit, Kraft, Glück Vorbereitung der ersten Sitzung im neuen Bundestag, Personalquerelen bei der SPD, Transfergesellschaft für Mitarbeiter von insolventer Air Berlin, Reformentwurf gegen Lohndumping in der EU, Große Mehrheit für mehr Autonomie bei Referenden in Norditalien, Japanischer Ministerpräsident Abe gewinnt Parlamentswahlen, Millionen-Hilfe für verfolgte Rohingya-Flüchtlinge, „Reichsbürger“ zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt
Dienstag, 24. Oktober 2017 Vertrauen, Glück, Kraft, Zufriedenheit, Freude, Hoffnung  Wolfgang Schäuble ist neuer Bundestagspräsident, Auftakt zur konstituierenden Sitzung, Sondierungsgespräche werden fortgesetzt, EU-Kommission fordert Aus für Glyphosat, Reformentwurf gegen Lohndumping in der EU, BverfG prüft Volkszählung von 2011, ÖVP plant Koalitionsverhandlungen mit der FPÖ, Chinas Staatschef Xi Jinping baut Machtposition weiter aus
Mittwoch, 25. Oktober 2017 Freude, Mut, Aktivität, Vertrauen, Glück Air Berlin: Tausenden Angestellten droht Arbeitslosigkeit, Jamaika-Sondierungsgespräche thematisieren Haushaltspolitik, AfD-Fraktion hält an Glaser-Kandidatur für das Amt des Bundestagsvizepräsidenten fest, Bundespräsident Steinmeier trifft Putin bei Besuch in Russland, Menschenrechtler Steudtner in Istanbul vor Gericht, EuGH-Entscheidung zu Asylanträgen, China: Xi als Generalsekretär wiedergewählt
Donnerstag, 26. Oktober 2017 Zufriedenheit, Hoffnung, Kraft, Allgemeinbefinden, Freude, Mut Freiheit für Menschenrechtler Steudtner nach mehr als 100 Tagen U-Haft in der Türkei, Jamaika-Sondierungsgespräche: Beratungen zu Migration und Klimaschutz, Katalonien-Konflikt: Puigdemont schließt Neuwahlen aus, EZB will weniger Anleihen kaufen, Sacharow-Preis geht an Venezuelas Opposition, Ausschreitungen bei erneuten Wahlen in Kenia, Thailand nimmt Abschied von König Bhumibol
Freitag, 27. Oktober 2017 Mut, Allgemeinbefinden, Zufriedenheit, Kraft, Vertrauen, Hoffnung Zwangsmaßnahmen gegen Katalonien im Amtsblatt veröffentlicht, Internationale Reaktionen auf die Entscheidungen im Katalonien-Konflikt, Schwierige Jamaika-Sondierung: Parteien vertagen ihre Verhandlungen zu Kernthemen, Air Berlin stellt nach fast 40 Jahren den Betrieb ein, EU-Kommission schlägt fünfjährige Verlängerung von Glyphosat-Zulassung vor, UN-Experten sehen Verantwortung für Giftgasangriff bei syrischer Führung, Trump ruft wegen Missbrauchs von Opioiden Gesundheitsnotstand aus, USA geben tausende Geheimdokumente zur Ermordung Kennedys frei, Gutachter: Keine Vollsperrung der A20 nötig
Samstag, 28. Oktober 2017 Vertrauen, Zufriedenheit, Hoffnung, Kraft, Allgemeinbefinden, Freude, Mut Spanische Zentralregierung entmachtet katalanische Regionalregierung, Air Berlin stellt Flugbetrieb ein, SPD-Parteichef Schulz spricht auf Konferenz in Hamburg, Deutliches Plus im Bundeshaushalt, Drei Jahre „Pegida„, Georg-Büchner-Preis geht an Lyriker Jan Wagner, Island wählt neues Parlament
Sonntag, 29. Oktober 2017 Kraft, Aktivität, Allgemeinbefinden, Offenheit, Hoffnung, Zufriedenheit Schwere Schäden durch Sturmtief „Herwart“, Parteien suchen Kompromisse in Klima– und Flüchtlingspolitik, Hunderttausende demonstrieren in Barcelona für Einheit Spaniens, Kurdenpräsident Barsani kündigt Rückzug an, Island nach Wahl vor schwieriger Regierungsbildung, Wiederaufbau der Garnisionskirche in Potsdam, Deutscher Umweltpreis in Braunschweig verliehen
Montag, 30. Oktober 2017 Vertrauen, Zufriedenheit, Freude, Gesamt, Hoffnung, Aktivität, Offenheit, Kraft, Mut Anklage gegen Trumps Wahlkampfchef Manafort, Katalanischer Regionalpräsident Puigdemont verlässt Spanien nach Anklage, Sondierungsgespräche von möglicher Jamaika-Koalition, CO2-Gehalt im letzten Jahr schneller gestiegen als zuvor, Syrien-Gespräche in kasachischer Hauptstadt Astana, Kenyatta gewinnt Präsidentschaftswahl in Kenia, Mittelalterliches Marktspektakel in der Lutherstadt Wittenberg, Nach Sturmtief „Herwart“: Normaler Verkehrsbetrieb bei Deutscher Bahn läuft wieder
Dienstag, 31. Oktober 2017 Zufriedenheit, Mut, Kraft, Vertrauen, Glück, Freude Festakt zum Beginn der Reformation vor 500 Jahren, Polizei nimmt Syrer wegen Terrorverdachts fest, Abgesetzter katalanischer Regionalpräsident will kein Asyl in Belgien beantragen, Amerikanischer Kongress befragt Internet-Konzerne über Einflussnahme Russlands auf den Wahlkampf, Selbstmordattentäter tötet mindestens sechs Menschen in Kabul, Bergung des havarierten Frachters vor Langeoog wird vorbereitet, Bahnverkehr hat sich normalisiert, Olympisches Feuer an kommende Winterspiele im südkoreanischen Pyeonchang übergeben
Mittwoch, 01. November 2017   Anschlag mit Kleinlaster in New York, Trump will nach Anschlag „Green-Card-Lotterie“ abschaffen, Haftbefehl gegen 19-jährigen Terrorverdächtigen in Schwerin, Sondierungen für Jamaika-Koalition gehen in weitere Runde, Koalitionsverhandlungen in Niedersachsen, Kosten für Asylbewerber gestiegen, bpb-Chef beklagt „kulturellen Kolonialismus“ westdeutscher Eliten, Puigdemont will Vorladung von Madrider Gericht ignorieren, UNICEF kritisiert Gewalt gegen Kinder, Katholiken in Deutschland feiern Allerheiligen, Russischer Langläufer Legkow gesperrt
Donnerstag, 02. November 2017 Vertrauen, Glück, Allgemeinbefinden, Freude, Gesamt, Freude, Zufriedenheit, Kraft, Mut Haftbefehl gegen Puigdemont und weitere Ex-Minister, Jamaika-Sondierungsgespräche ohne greifbare Ergebnisse, Steigende Anzahl an Asylbewerbern in Deutschland, Zahl der Arbeitslosen sinkt auf historischen Tiefstand, US-Republikaner präsentieren Entwurf für Steuerreform, Jerome Powell wird neuer FED-Chef, Suu Kyi besucht erstmal Krisenregion Rakhine, Skandal um Großbritanniens Ex-Verteidigungsminister Fallon, 100. Jahrestag der Balfour-Deklaration, Auf Grund gelaufener Frachter vor Langeoog wurde freigeschleppt
Freitag, 03. November 2017 Mut, Aktivität, Vertrauen, Glück, Allgemeinbefinden, Freude, Kraft Parteien ziehen Zwischenbilanz der Jamaika-Gespräche, Erhöhung der Hartz-IV-Regelsätze, Deutsche aus türkischer Haft entlassen, Puigdemont will sich nur belgischer Justiz stellen, Machtbereich des IS in Syrien schrumpft weiter, 588 Bootsflüchtlinge im Mittelmeer gerettet, Vereinte Nationen fordern Ende der Diskriminierung von Menschen ohne Staatsbürgerschaft, Beerdigung von ermordeter maltesischer Journalistin Galizia, Staatsanwaltschaft und Polizei durchsuchen Metro-Konzernzentrale in Düsseldorf, Diskussion über den Videobeweis in der Bundesliga
Samstag, 04. November 2017 Hoffnung, Mut, Freude, Vertrauen, Kraft, Gesamt, Glück, Zufriedenheit, Aktivität CSU-Chef Seehofer unter Druck, Außenminister Gabriel trifft türkischen Amtskollegen Cavusoglu, Ausschreitungen bei Demonstration von Kurden in Düsseldorf, Erneutes Flüchtlingsdrama im Mittelmeer, Demonstration für Klimaschutz vor Weltklimakonferenz in Bonn, USKlimareport widerspricht Trump, Machtbereich des IS in Syrien schrumpft weiter, Österreichischer Politiker Pilz tritt zurück
Sonntag, 05. November 2017  Vertrauen, Glück, Freude, Hoffnung, Mut Paradise Papers„: Daten-Leak enthüllt Steuertricks der Reichen, Puigdemont stellt sich belgischer Polizei, CSU-Jugendverband will Söder als Parteichef, Klimakonferenz in Bonn, Saudi-Arabiens Königshaus lässt mehrere Funktionsträger des Staates festsetzen, Tote und Verletzte bei Anschlag in Syrien, Trump droht Nordkorea auf Asienreise, Mehr als 50.000 Teilnehmer bei New-York-Marathon
Montag, 06. November 2017 Glück, Kraft, Zufriedenheit, Vertrauen, Hoffnung, Mut Weltklimakonferenz in Bonn eröffnet, Studie zum Kraftstoffverbrauch von Neuwagen, Bundesregierung fordert Herausgabe der „Paradise Papers“ Recherchen, Reaktionen aus der Politik auf „Paradise Papers“, Zweite Runde der Sondierungsgespräche beginnt, Parteichef Schulz stellt Leitantrag für Erneuerung der SPD vor, US-Präsident Trump beginnt Asien-Reise in Japan, Trauer nach Anschlag in Texas, Ex-Schiedsrichter Krug als Projektleiter für Videobeweis abgesetzt
Dienstag, 07. November 2017 Vertrauen, Zufriedenheit, Allgemeinbefinden, Gesamt, Hoffnung, Mut, Freude Bundesverfassungsgericht stärkt Kontrollrechte des Bundestags, Kompromisssignale bei Sondierungsgesprächen für Jamaika-Koalition, Deutsche Unternehmen fordern Ausstieg aus der Kohleverstromung, Verhandlungen über große Koalition beginnen in Niedersachsen, Gesetzliche Krankenkassen: Bundessozialgericht stärkt Rechte von Patienten, Paradise-Papers: Beteiligung von deutschen Banken an Zahlungsverkehr für Online-Glücksspiele, Konflikte zwischen Saudi-Arabien und dem Iran, Trump auf Staatsbesuch in Südkorea, Kundgebung von katalanischem Regierungschef Puigdemont in Brüssel, 100 Jahre Oktoberrevolution, Tropensturm in Vietnam
Mittwoch, 08. November 2017 Kraft, Freude, Vertrauen, Zufriedenheit, Allgemeinbefinden, Gesamt, Hoffnung, Behördenregister sollen Geschlechtseintrag für Intersexuelle anbieten, Wirtschaftsweise heben Konjunkturprognose deutlich an, Fast jeder fünfte Einwohner Deutschlands von Armut bedroht, Berliner Innenausschuss: Verdacht auf versuchte Unterwanderung der Berliner Polizei durch kriminelle Clans, EU-Kommission beschließt strengere CO2-Grenzwerte für Autos, NATO-Minister wollen Bündnisverteidigung stärken, Louvre Abu Dhabi eröffnet

Die vorstehende Grafik zeigt die Trends der vergangenen Wochen. Die oben erwähnten Gefühle zeichnen sich auch hier als stärkste Einflussfaktoren für das psychische Empfinden der Menschen in Deutschland aus. Dieses Ergebnis wird von der  unspezifischen Trendlinie des Allgemeinbefindens bestätigt. Es zeichnen sich zwei bemerkenswerte Korrelationen ab, die nach Erklärungen suchen: Die Trendlinien von Vertrauen und Zufriedenheit verlaufen waagerecht parallel, die im vorhergehenden Beobachtungszeitraum parallel verlaufenden Trendlinien von Mut und Glück verlaufen nun in entgegengesetzte Richtungen – Mut mit abnehmender Tendenz, Glück mit zunehmender Tendenz. Trotz heftiger Ausschläge der täglichen Werte von Vertrauen und Zufriedenheit mit einigen Korrelationen ergibt sich über den Zeitraum von einem Monat gesehen doch eine hohe Korrelation. Maßgeblich hierfür kann der durch die Jamaika-Gespräche auf Parteiebene wie auch in den Medien erzeugte politische „Schwebezustand“ sein: Solange nichts entschieden ist und noch verhandelt wird können alle Beteiligten zufrieden sein. Solange diese verhandlungen andauern sind die Wähler und ist die Öffentlichkeit suspendiert. Dieser Zustand wurde von einem Fernsehkommentator geradezu als erwägenswertes Modell für ein Interimsjahr erwähnt, bis es danach Neuwahlen gibt. (Es könnte sich allerdings hierdurch der Stellenwert der Bundesregierung gegenüber anderen Staatsorganen relativieren!) Dagegen verlaufen Kraft, Allgemeinbefinden, Freude und Offenheit mit abnehmender Tendenz. Will man auch hierfür die bundespolitischen Verhältnisse verantwortlich machen, so bietet sich folgende Interpretation an: Die Auseinandersetzung so unterschiedlicher Wahlkampfkontrahenten wie FDP, Bündnis90/Grüne und CSU in jeder denkbaren Paarung bereitet sicher ihren Parteigängern wenig Freude und verlangt große Offenheit, die jedoch mit zunehmender Verhandlungsdauer abnimmt. Das zehrt an den psychischen Ressourcen und raubt auch physisch durch langes Sitzen Kraft. Am Ende steht ein schlechtes Allgemeinbefinden. Politisch gesehen sind das keine guten Voraussetzungen für ein Regierungsprogramm, das unter den Bedingungen eines Verhandlungsmarathons im physischen und psychischen Stress ausgehandelt wurde.

Der Vergleich der Kurzzeittrends verdeutlicht die oben dargestellten Interpretationsmodelle und zeigt die gravierendsten Veränderungen in der Entwicklung von Vertrauen, Kraft, Glück, Freude und Offenheit an. Weniger augenscheinlich sind die Trendumkehrungen von Allgemeinbefinden, Hoffnung und der Gesamtheit der Gefühle. Lediglich graduelle Trendveränderungen gibt es bei Zufriedenheit, Mut und Aktivität.

Der oben stehende Vergleich des längerfristigen Trends mit dem trend des vergangenen Monats zeigt, dass bei 6 der insgesamt 11 Trends eine abweichende Tendenz  vorhanden ist. Eine Verbesserung langfristiger Trends ist dabei für Vertrauen, Zufriedenheit und Glück, eine Verschlechterung für Kraft, Freude und Mut zu sehen. Dieses Ergebnis würde in dem oben dargestellten Denkmodell „Interimsjahr“ durchaus einen Sinn ergeben: Der allgemein diagnostizierte Vertrauensschwund in die politischen Organe, das nachlassende Gefühl von Glück trotz materiellen Wohlstands von 2/3 der Menschen in Deutschland und die wachsende Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation würden aus der Machtsphäre des Staates für eine gewisse Zeit herausgelöst und gäben außerparlamentarischen Initiativen mehr Einfluss. Frei werdende Potentiale von Kraft, Freude am Gestalten und Mut zu neuen Initiativen könnten die momentane Abwärtstendenz dieser Werte überwinden. In jedem Fall gilt jedoch das Rheinische Grundgesetz: Et kütt wie et kütt. (Füge dich in das Unabwendbare; du kannst ohnehin nichts am Lauf der Dinge ändern.)

Der Prellstein

Der Prellstein

Es war 1978, als meine Eltern das Haus meiner Kindheit verließen und in eine Wohnung im Dorf umzogen. Etwa zur gleichen Zeit zog ich mit meiner Familie in das eigene Haus ein. Durch die zeitliche Nähe dieser Ereignisse mit der gesteigerten Aufmerksamkeit für das, was an einem Ort aufgegeben wird und an einen anderen Ort verbracht werden muss oder kann fiel mir der Prellstein ein, der an der Einfahrt zum Hof des Hauses lag, in dem ich die längste Zeit meiner Kindheit und Jugend gelebt hatte. Prellsteine oder Radabweiser haben traditionell die Aufgabe, die Räder von Fuhrwerken vor Beschädigungen durch Mauerkanten und Toreinfahrten zu schützen. Dieser Prellstein hatte die an die Moderne angepasste Aufgabe, den Betonpfahl in der Gartenecke an der Einfahrt vor Zerstörung zu schützen und Blechschäden an Fahrzeugen zu vermeiden. Es ist ein unbearbeiteter „Findling“, eigentlich ein als Geschiebe bezeichnetes Relikt der Eiszeit, in einem tragbaren Format. Auf diesem Stein hatte ich oft in der Mittagszeit nach der Rückkehr von der Schule gesessen und meine Gedanken reflektiert. Hierzu gehörten auch philosophische Fragen von der Art, wie sie in dem von Peter Handke verfassten „Lied vom Kind sein“ umrissen ist:… Als das Kind Kind war, war es die Zeit der folgenden Fragen: Warum bin ich ich und warum nicht du? Warum bin ich hier und warum nicht dort? Wann begann die Zeit und wo endet der Raum? Ist das Leben unter der Sonne nicht bloss ein Traum? Ist was ich sehe und höre und rieche nicht bloss der Schein einer Welt der Welt? Gibt es tatsächlich das Böse und Leute, die wirklich die Bösen sind? Wie kann es sein, dass ich, der ich bin, bevor ich wurde, nicht war, und dass einmal ich, der ich bin, nicht mehr der ich bin, sein werde? …

Die grundlegenden Fragen von Kindern, die manchmal die Welt aus den Angeln heben, sind für den Philosophen Karl Jaspers „ein wunderbares Zeichen dafür, dass der Mensch als solcher ursprünglich philosophiert.“ Immanuel Kant hat sie in Kategorien geordnet:

  • Was kann ich wissen? (Erkenntnistheorie)
  • Was soll ich tun? (Moral und Ethik)
  • Was darf ich hoffen? (Religion und Gesellschaftstheorie)
  • [Was ist der Mensch? (Anthropologie)]

Die Grundfragen des Menschen sind von existenzieller Bedeutung und haben ihre Bestätigung für mich in einigen prägenden Erlebnissen gefunden, auf die ich nachfolgend näher eingehe. Zu diesen Erlebnissen gehört ein häufiger Traum der davon handelt, daß ich über dem Prellstein in seiner schützenden Funktion an der Hofeinfahrt mit dem unmittelbar daneben im Garten stehenden Pflaumenbaum aus eigener Kraft ohne andere Hilfsmittel als nur den sich auf- und abbewegenden ausgebreiteten Armen in die Höhe steige. Es ist eher das Bild einer Lerche über dem Feld als das eines davon fliegenden Vogels. Diese immer wieder aufgefrischte Erinnerung an meine philosophischen Überlegungen auf dem Stein hat vor allem ein Bündel der mit ihm verbundenen Fragen wach gehalten. Hierzu gehörten Fragen wie: Gibt es mich nur einmal auf der Welt – im gesamten Universum? Wenn ja, gibt es eine Gleichzeitigkeit zwischen mir und meinem Doppel? Können wir unabhängig voneinander denken und handeln? Was und wo bin ich, wenn ich schlafe? Ist die Welt um mich herum auf mich konzentriert und gar nicht unabhängig von mir existent? Es gab ein Gefühl der Angst im Hintergrund, das diese Fragen hervorzurufen schien: Es war die Sorge, allein auf der Welt zu sein und keine Bestätigung meiner Gefühle zu erhalten – ja, nicht erhalten zu können.

Die Fragen der Kindheit wurden weitgehend verdrängt durch die im 14. Lebensjahr von mir verlangte Entscheidung, welchen Beruf ich ergreifen wollte. Die Folgen dieser Entscheidung nahmen nahezu vollständigen Besitz von mir. Es mussten Adressen von Ausbildungsstellen gesammelt werden, Bewerbungsunterlagen erstellt werden, Vorstellungstermine wahrgenommen werden in einer völlig neuen Sphäre. Eine Intensivierung dieser Besitzergreifung erfolgte jedoch erst als „der Ernst des Lebens“ mit dem Antritt der Lehrstelle begann. In diese Zeit fiel ein Ereignis, dass eine tiefe Ergriffenheit bei mir erzeugte.

Hieronymus Bosch: Aufstieg der Seligen

Im Alter von 16 Jahren musste ich mich einer Mandeloperation (Tonsillektomie) unterziehen. Zu jener Zeit wurden viele entzündliche Gesundheitsstörungen, für die keine eindeutigen Auslöser gefunden werden konnten, häufig den Mandeln zugeschrieben – auch wenn diese vollkommen in Ordnung waren. So auch in meinem Fall. Ebenfalls üblich war die vor der Operation verabreichte Narkose durch Äther. Nachdem die in  Entgiftungsphase nach der Narkose überstanden war fühlte ich mich wie ein neuer Mensch, alle Last war von mir abgefallen. Meine Gedanken kreisten um ein Erlebnis, das mir in der Narkose widerfahren war: ich befand mich plötzlich in einem Raum, in dem sich eine Anzahl gut und zivil gekleideter unbekannter Menschen befand, die großes Interesse an mir hatten und Zuneigung zu mir zum Ausdruck brachten. Für mich war dort der Ort der Glückseligkeit, den ich nicht mehr verlassen wollte. Doch man erklärte mir, ich müsse in mein irdisches Dasein zurückkehren, da meine Aufgaben noch nicht erfüllt seien. Erst einige Jahre später erfuhr ich durch die Lektüre eines Buches von Elisabeth Kübler-Ross, dass ich ein Nahtoderlebnis gehabt haben musste. Welche Rolle dabei die Äther-Narkose gespielt hat ist mir nicht klar. In der Literatur wird jedenfalls über eine Häufung von Nahtoderlebnissen in der Äther-Narkose berichtet – mal, dass ein kurzer Herzstillstand eingetreten ist, ein andermal ohne nähere Angaben. Der Nahtod-Forscher Schröter-Kunhardt gibt als die mit Abstand häufigsten Sensationen an:  61 Prozent erleben eine Stimmungsaufhellung mit angenehmen, leichten Gefühlen. Am zweithäufigsten tritt mit 58 Prozent – aus der ersten hervorgehend – die außerkörperliche Erfahrung auf, bei der man sich vom Körper distanziert und ihn von oben wahrnimmt. Letztere Erfahrung lag in meinem Fall nicht visuell vor, sondern war in der erlebten Situation als vom Körper abgelöstes Bewusstsein vorhanden.

An einem der wenigen Tage dieses Krankenhausaufenthalts geschah noch etwas zutiefst bewegendes: Meine erste intensive Begegnung mit einem Mädchen. Es war eine Studentin im Praktikum, die sich am frühen Abend zu mir auf die Bettkante setzte und sich sehr für meine Buchlektüre zu interessieren schien. Mir erschien dieses Interesse als großer Zufall, handelte es sich doch um die Lebensgeschichte von Temudschin, bekannter unter dem Namen Dschingis Khan. An diesem Abend spürte ich erstmals die erotisierende Wirkung weiblicher Nähe und erfuhr, dass ich nun an der Schwelle zum Erwachsenen stand.

Die Erlebnisse während meines kurzen Krankenhausaufenthalts hatten u. a. die Folge, dass ich breit gefächerte Interessen entwickelte und mich besonders  für psychologische und philosophisch-spirituelle Fragestellungen interessiere, ohne jedoch einen Berufswunsch auf diesen Gebieten zu entwickeln. Für mich gehörten  die  genannten Fragestellungen zur Entwicklung einer harmonischen Lebenspraxis dazu und veranlassten mich später neben meinem technischen Beruf dann später, eine Ausbildung zum Heilpraktiker zu absolvieren.

Die persönliche Aufarbeitung des oft wiederholten Traumes vom Fliegen ergab – wie könnte es bei Freud auch anders sein? – den Zusammenhang mit dem Fliegen des Vogels, der auf die Symbolik erotischer Träume hinweist. Freud schreibt hierzu: „Warum träumen aber so viele Menschen vom Fliegenkönnen? Die Psychoanalyse gibt hierauf die Antwort, weil das Fliegen oder Vogel sein nur die Verhüllung eines anderen Wunsches ist, zu dessen Erkennung mehr als eine sprachliche und sachliche Brücke führt. Wenn man der wißbegierigen Jugend erzählt, ein großer Vogel, wie der Storch, bringe die kleinen Kinder, wenn die Alten den Phallus geflügelt gebildet haben, wenn die gebräuchlichste Bezeichnung der Geschlechtstätigkeit des Mannes im Deutschen »vögeln« lautet, das Glied des Mannes bei den Italienern direkt l’uccello (Vogel) heißt, so sind das nur kleine Bruchstücke aus einem großen Zusammenhange, der uns lehrt, daß der Wunsch, fliegen zu können, im Traume nichts anderes bedeutet als die Sehnsucht, geschlechtlicher Leistungen fähig zu sein. Es ist dies ein frühinfantiler Wunsch. Wenn der Erwachsene seiner Kindheit gedenkt, so erscheint sie ihm als eine glückliche Zeit, in der man sich des Augenblicks freute und wunschlos der Zukunft entgegenging, und darum beneidet er die Kinder.“ Meine Träume vom Fliegen sind in den letzten Jahrzehnten sehr selten geworden und so hat der Prellstein mit zunehmendem Alter mehr und mehr die Rolle eines „Gedenksteins“ erhalten, der an meine persönliche Vergangenheit erinnert und diese im Bewusstsein hält.

Von den philosophischen Fragen hat sich jene nach dem menschlichen Vermögen, die Wirklichkeit zu erkennen bis zu diesem Moment, wo ich darüber schreibe, erhalten. Sie hat für mich wieder größere Bedeutung gewonnen, seit ich aus den beruflichen Zwängen, die mich an mathematische und objektivistische Begründungen gebunden hatten, entlassen bin. Es mag vielleicht an der eingeübten Stringenz meines Denkens gelegen haben, dass ich sehr bald die Geisteshaltung des Solipsismus als Ausgangsgedanken nahm und damit an Fragen meines frühen Lebens anknüpfte. Von hier aus erschloss sich der von Immanuel Kant geäußerte Gedanke der Nichterkennbarkeit des „Ding an sich„, der zu einem der wesentlichen Grundsätze der Aufklärung wurde und als Einfallstor für den Solipsismus moderner Prägung dienen konnte – dieses aber nur, indem sich das allgemeine Interesse an Kant auf die Kritik der reinen Vernunft konzentrierte und die beiden folgenden Kritiken – Kritik der praktischen Vernunft und die Kritik der Urteilskraft weitgehend vernachlässigte.

Bereits in den Anfängen der griechischen Philosophie ist ein Bedürfnis festzustellen, eine allgemein verbindliche Definition für das, was wirklich ist, zu erreichen. Der zu den Vorsokratikern gehörende Philosoph Parmenides verkündete eine Definition von Wirklichkeit als Identität von Sein und Denken. Hiergegen behaupteten sophistische Kritiker wie Gorgias, es existiere nichts und wenn doch etwas existieren sollte, so könne der Mensch es nicht begreifen und schließlich, wenn es auch begreiflich wäre, so könnte es einem anderen nicht mitgeteilt oder erklärt werden. Viele der in der Gegenwart geführten Debatten erinnern an diese anfänglichen Sophistereien. Ich erinnere nur an Schlagworte wie Fake-News oder „alternative Fakten„. Hinter diesen Sprachschöpfungen verbirgt sich eine solipsistische Haltung, die auf der Grundhaltung beruht, „wirklich ist nur das, was ich für wirklich halte.“  Diese Haltung ist mit Vernunftargumenten nicht zu widerlegen, da in dem Moment, wo wir über das «Wesen» unseres Bewußtseins und seiner «Inhalte» (zu denen auch unser Wissen um die Außenwelt gehört) reflektieren, können wir dies wiederum nur mit Hilfe von Bewußtseinsinhalten tun. Es handelt sich also um eine Endlosschleife  oder wie der Volksmund sagt, um eine Situation, in der sich die Katze in den Schwanz beißt. Es ist nicht anders, als wollten wir beispielsweise versuchen, über das Wesen des Lichtes dadurch Näheres zu erfahren, daß wir einen Lichtstrahl beleuchten.

Rückblickend auf meine kindlichen Fragen interpretiere ich die solipsistischen Anklänge in dem Sinne, dass es eher die existentialistische Angst vor dem Alleinsein und damit der Versuch einer Vermeidung solipsistischer Arroganz war, die mich nach einem Ausweg suchen ließ, der in einer Verdopplung meines Ich existieren könnte. (Vielleicht ist in einer solchen Beziehung zwischen Solipsismus und Existentialismus auch das Verlangen einiger Eliten begründet, das Klonen von Menschen zu ermöglichen!)

Der Weg in den Solipsismus wird, wie ich am Beispiel meiner eigenen kindlichen Phantasie geschildert habe, bereits in der Bewusstseinsentwicklung des Kindes vorgezeichnet. Nach dem Schweizer Biologen Jean Piaget erfolgt die letzte Vervollkommnung der menschlichen Denkfähigkeiten, die er formal-operationales Denken nennt,  etwa ab dem 11. Lebensjahr. Auf dieser Ebene wird die soziale Persönlichkeit oder Rolle als bloßer Schein und im Gegensatz zum wahren inneren Ich gesehen. Das Kind erhält die Fähigkeit, seine Rolle gegenüber der Gesellschaft zu definieren. Diese Phase ist über einen erheblichen Zeitraum zeitgleich mit der konfliktreichen Zeit der Pubertät, in der auch deutlich wahrnehmbare Veränderungen des Körpers stattfinden. Das Bewusstsein vom Ich wird stabil und folgt nicht mehr den wechselnden Gefühlsregungen. An die Stelle der Folgsamkeit im sozialen Umfeld tritt die Reflexion über das eigene Verhalten.  Es können verschiedene Möglichkeiten aus der jeweiligen Situation durchdacht werden und zur persönlichen Entscheidung führen. Jedes höhere Niveau erlaubt die Lösung einer grösseren Zahl und Vielfalt von Problemen, da einige neue relevante Aspekte der Aufgabe zusätzlich einbezogen werden. Gemäss Piaget schliesst jede neue Strategie die Elemente der vorhergehenden ein, ist aber differenzierter und gleichgewichtiger als diese. Wenn dieser Abnabelungsprozess von der bewahrenden und lenkenden Gesellschaft gelingt, kann schließlich vom „reifen Ich“ gesprochen werden.

In dieser für die weitere Entwicklung des Menschen entscheidenden Phase kann die Entwicklung jedoch eine falsche Wendung nehmen und zu etwas ganz anderem als dem „reifen Ich“ führen. Wie bereits oben erwähnt, kann die Bewusstseinentwicklung reflektierend in eine Endlosschleife geraten und die körperlich wie seelisch hinzu erworbenen Fähigkeiten als bloße Instrumente zur Durchsetzung von Wünschen des noch unreifen Ich benutzen, in dem die Persönlichkeit darin gefangen bleibt und kein sozialverträgliches Verhalten entwickeln kann. Hierauf sind viele Probleme der Jugendkriminalität zurückzuführen. Für die von Ken Wilber vertretene Integrale Theorie entspricht dem individuellen Defizit einer unterbliebenen Transzendierung auf eine höhere Ebene der Persönlichkeitsentwicklung in dem auf gesellschaftlicher Ebene stattgefundenen grundlegenden Programm der Aufklärung eine Reduktion des Subjekts auf seine physikalisch und mathematisch beschreibbaren Kennzeichen – den rechten Quadranten im AQAL-System nach Wilber. Wilber weißt darauf hin, dass nur ein transzendentes Ich mit anderen transzendenten Ichs wahrhaft verbunden sein kann. Entlang dieser Defizitlinie verläuft die tiefere Spaltung von Gesellschaften.

Die persönliche Entwicklung ist mit dem Erreichen des reifen Ich nicht abgeschlossen. Die psychische Entwicklung im Erwachsenenalter ist vor die Aufgabe gestellt, die getrennten Sphären von Körper und Geist zu integrieren um das von Wilber „zentaurisches Bewusstsein“ genannte Stadium zuerreichen um dann, wenn alles gut geht, am Ende des Lebens zu der Erkenntnis zu kommen, dass das menschliche Leben nur „ein kurzes Aufblitzen in der kosmischen Leere“ ist. Dieses letzte Stadium, in dem alle dem inneren Auge gegebenen Möglichkeiten zusammengefasst sind, nennt er Schau-Logik. In diesem Stadium angekommen bekannte Tolstoi: „Meine Frage, die Frage, die mich im fünfzigsten Lebensjahr zu Selbstmordgedanken brachte, war die allereinfachste Frage, die in der Seele eines jeden Menschen ruht »Was wird das Ergebnis sein von dem, was ich heute tue, was ich morgen tun werde – was wird das Ergebnis meines ganzen Lebens sein?« Anders ausgedrückt wird die Frage so lauten: »Wozu lebe ich? Wozu begehre ich? Wozu handle ich?« Etwas abstrakter kann man die Frage so ausdrücken: »ist in meinem Leben ein Sinn, der nicht zunichte würde durch den unvermeidlichen, meiner harrenden Tod?«“ [Meine Beichte, Düsseldorf, Köln: Diederichs, 1978, S. 44., zitiert nach Wilber]

Es scheint, als wäre mein Nahtoderlebnis ein Korrektiv innerhalb der oben dargestellten Abfolge von Entwicklungsphasen, indem es mir eine Ahnung von dem vermittelte, was auf der anderen Seite des Lebens möglich ist und gleichzeitig zu verstehen gab, dass  die Zeit für mich noch nicht reif war, um den Entwicklungsprozess zu beenden. Diese Interpretation ist allerdings nicht verallgemeinerbar und erklärt nicht die vielen Tode von Menschen, die am Beginn ihres Lebens sterben. Das persönliche Schicksal bleibt trotz allem ein metaphysisches Rätsel.

 

 

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