Archive - Mai 2017

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Bei den Erdölsuchern
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Erläuterungen zum Deutschland-Index
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Gefühle Anfang Mai 2017
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Frankreich vor der Wahl

Bei den Erdölsuchern

Als ich vor der Schulentlassung mit 14 Jahren vor der Entscheidung stand, welchen Beruf ich erlernen sollte, hatte ich – anders als in der gegenwärtigen Wirtschafts- und Bildungssituation – eine echte Wahl. Die Zugangsvoraussetzungen zu Berufen waren für Abgänger der damals noch 8-jährigen Volksschule wesentlich weiter gefächert als für die heutigen Hauptschulabgänger. Deshalb hätte die Berufsberatung durch das Arbeitsamt durchaus Sinn gemacht – ein Betriebspraktikum gab es zu dieser Zeit noch nicht. Jedoch war mein erster Kontakt mit dieser Institution sehr enttäuschend. Als Berufswunsch teilte ich dem Berufsberater Radio- und Fernsehtechniker mit, allerdings hatte ich keine Vorstellung davon, welche Tätigkeiten in diesem Berufsfeld auszuüben wären. In dieser Hinsicht ging ich allerdings genauso ratlos von dem Beratungsgespräch fort, wie ich dort hingekommen war. Meine fragenden Blicke hatte der Berufsberater lediglich mit der Frage quittiert, ob ich denn schon einmal ein Radio repariert hätte.
Immerhin hatte diese Erfahrung bei mir bewirkt, dass ich gegenüber anderen Berufsbildern etwas aufgeschlossener war. Der nächste Anlauf fand in einer Druckerei statt. Meine Mutter war mit mir in das nahegelegene Münster gefahren, um mich in einem kleinen Druckereibetrieb vorzustellen, der mich zum Schriftsetzer ausbilden sollte. Hier beschränkte sich die Expertise des Lehrlingsausbilders nicht auf die analoge Gegenfrage, ob ich denn etwa schon einmal einen Buchtext gesetzt hätte, hier wurde die Probe aufs Exempel gemacht. Man gab mir einen kurzen Text, den ich mittels Setzkasten und Bleilettern in einem Winkelhaken nachbilden sollte. Die spiegelverkehrte Ansicht der Buchstaben war für mich zunächst befremdlich, doch das Ergebnis reichte aus, mich als möglichen Lehrling in Betracht zu ziehen.
Nun war ich soweit, meinen Weg in die scheinbar unausweichliche Arbeitswelt aktiv mitzugestalten. Die Bäuerin, bei der ich oder meine Mutter morgens die Milch holten schaltete sich mit gut gemeinten Ratschlägen ein. Meine Mutter hatte es nicht versäumt, sie über meine schulischen Leistungen zu informieren, wobei informieren eher eine nüchterne Untertreibung der Motive ist, die sie dazu antrieben. So kam es, dass unsere Milchbäuerin sich darauf festgelegt hatte, der Junge müsse Beamter werden. Dieser Rat aus dem Munde einer Bäuerin war eher ungewöhnlich, wie es auch ungewöhnlich war, wie ich später erfuhr, dass diese Bäuerin aktiv in der FDP tätig war.
Meine eigenen Überlegungen zu meiner beruflichen Zukunft kreisten schließlich um meinen Helden Old Shatterhand, der für den Schriftsteller Karl May den guten Weißen an der Indianerfront im wilden Westen darstellte und als Vermessungsingenieur beim Vorstoß in den unerschlossenen Westen für die Eisenbahngesellschaften Pionierarbeit leistete. Ohne das ich es voraus ahnte, verdichtete sich mein Berufsschicksal in einer Symbiose aus steter Gedankenmassage durch die Milchbäuerin und meinen Heldenphantasien zu einem ernst gemeinten Projekt der Lehrstellensuche im Berufsfeld Vermessungstechnik. Hierin verbanden sich die Aussichten, „Beamter“ – so wurde und wird auch heute noch vielfach jemand genannt, der im öffentlichen Dienst arbeitet – zu werden und meine Phantasien von einem naturwüchsigen Heldentum. Die Möglichkeiten, eine Lehrstelle für die Ausbildung zum Vermessungstechniker zu finden waren nicht sehr zahlreich, obwohl die nahe Stadt Münster hierfür

Münster – Stadtweinhaus, Quelle: Wikipedia, Mbdortmund, Lizenz GNU 1.2 only

verhältnismäßig günstige Voraussetzungen bot waren es doch weniger als 10 Stellen, an die ich meine Lehrstellenanfrage schickte. Die interessanteste Antwort darauf war die der Stadt Münster, die beabsichtigte, im Vermessungs- und Katasteramt zwei Vermessungstechniker-Lehrlinge aufzunehmen. Mit der Antwort war die Einladung zu einem Eignungstest verbunden, der im Stadtweinhaus (für mich ein geheimnisvoller Name) stattfinden sollte. Dieser Test wurde meine Hoffnung und ich stellte alle weiteren Bemühungen um eine Lehrstelle ein.
Mit großer Spannung betrat ich am Testtag das Stadtweinhaus, welches direkt neben dem historischen Rathaus liegt, und war bereits von den Räumlichkeiten stark beeindruckt. Der Saal, in dem der Test durchgeführt wurde, war für eine größere Versammlung ausgelegt und ich erfuhr sehr bald, dass die Zahl der eingeladenen Bewerber 20 betrug und sich aus Bewerbern mit Abitur, Mittlerer Reife und Volksschulabschluss zusammensetzte. Diese Information dämpfte meine Erfolgserwartungen für einen kurzen Moment, doch ich war im Kampfmodus und ließ die Fragen erst einmal über mich kommen. Die Fragen des Tests waren ein Querschnitt durch das Allgemeinwissen mit dem Schwerpunkt auf mathematischen und kulturgeschichtlichen Aufgaben. Was mathematische Aufgaben betraf kam mir zur Hilfe, dass ich über Kenntnisse verfügte, die ich aus eigenem Antrieb erworben hatte und so wusste ich immerhin, was eine Quadratwurzel ist und konnte die diesbezügliche Aufgabe mit einem überschaubaren Zahlenbeispiel ohne spezielles Rechenverfahren im Kopf lösen. In manch anderer Hinsicht hatte mir auch die Abgeschiedenheit meiner Kindheit unter Bauern geholfen, die dazu geführt hatte, dass ich mit Vorliebe im einbändigen Herder Volkslexikon stöberte und überhaupt viel las. Ein weiterer Umstand war meine Schulzeit in der zweiklassigen Volksschule in dem Heideort Schmedehausen gewesen, wo ich die 5. und 6. Klasse mit den Schulkameraden der 7. und 8. Klasse in einem Raum gemeinsam absolvierte und so schon immer im Vorgriff auf das nächste Schuljahr Lernstoff aufnehmen konnte.
Am ersten April 1964 konnte ich meine Lehre beim Vermessungs- und Katasteramt antreten. Es begann damit eine Phase der Umerziehung vom einsiedlerischen Landbewohner zum Städter – gesteigert noch durch den gehobenen Anspruch der Bürokratie, in die ich eingebunden werden sollte. Keiner meiner Lehrlingskollegen hatte einen vergleichbaren persönlichen Werdegang und so führte ich auch in meiner neuen Umgebung ein Eigenleben, das mit gelegentlichem Spott und auch seltenen Gemeinheiten aufgeladen war. Es war mir klar, dass ich nur durch überzeugende Beweise meiner Zugehörigkeit zu der Gemeinschaft der Kollegen Anerkennung erhalten konnte. Hierzu boten sich die von den Lehrlingen auszuführenden persönlichen Dienstleistungen wie das morgendliche Austragen von Milch und Kakao im Drahtträger oder das fachgerechte Würstchenkochen an. Der Clou des Würstchenkochens bestand darin, das Wasser auf dem Gasherd zum Sieden zu bringen, die Würstchen erst dann in das kochende Wasser zu geben und bei erneutem Sprudeln des Wassers die heißen Würstchen zu entnehmen und zu servieren. Diese Tätigkeit gelang mir bald recht gut und mein Ansehen wuchs. Hierzu trug auch der von mir eingefädelte Handel mit frischen Eiern aus dem elterlichen Hühnerstall bei, der trotz einiger Schwierigkeiten im Winter, wenn ich bei Glatteis mit dem Fahrrad stürzte, zu einer verlässlichen Versorgungslinie wurde. Weitere Entlastung brachte die Ankunft neuer Lehrlinge nach meinem ersten Lehrjahr, so dass ich schliesslich ein akzeptables Lehrlingsdasein hatte.
Zu den erbaulichen Momenten meiner Lehrzeit gehörten die Frotzeleien unter den Kollegen, ihre Eskapaden in der Mittagszeit, in die wir Lehrlinge eingeweiht sein mussten, damit sie unentdeckt blieben, ihre besonderen Umgangsformen untereinander, wie etwa die Verballhornung der Namen, bei der aus „Große Bockhorn“ „Kleine Rehtrompete“ oder aus „Waterkamp“ „Paniacker“ wurde und der Namensträger Barfuß seinen Namen mit der Erklärung „ja, ganz richtig, Barfuß, wie Mann ohne Schuhe und Strümpfe“ am Telefon verständlich machte. Es wurden spannende Wettbewerbe ausgetragen, bei denen mechanische Rechenmaschinen gegen „Zufußrechner“ antraten und es wurden Anekdoten aus dem Leben als Geometer erzählt. Besonders aufregend waren für mich die Geschichten eines jungen Kollegen, der von seiner Zeit bei der Seismos erzählte. Diese Erzählungen kamen meinen Phantasien von einer Tätigkeit in unkultivierter Landschaft mit hohen Anforderungen an Improvisation und körperlichem Einsatz schon sehr nahe und so reifte in mir der Wunsch heran, mich nach Beendigung der Lehre auf den gleichen Weg zu begeben.
Meine Zukunftsplanung sah vor, dass ich zunächst die Fachholschulreife auf dem zweiten Bildungsweg nachholen wollte, um dann eine Ingenieurschule bzw. Fachhochschule zu besuchen. Auf diesem Weg ergab sich die Notwendigkeit, etwa ein halbes Jahr – einen Herbst und einen Winter – zu überbrücken. Hierzu bot sich der Außendienst bei einer Firma wie der Seismos an. Die ursprünglich zum Thyssen-Konzern gehörende Seismos GmbH war 1963 von der im Bundesbesitz befindlichen Prakla GmbH übernommen worden und war als einziges deutsches Unternehmen für Lagerstättenforschung weltweit tätig. Meine telefonische Anfrage bei der Firma in Hannover bezüglich einer Tätigkeit als Vermessungstechniker führte sehr bald zu einer Festanstellung. Mein erster Einsatzort war Rotenburg (Wümme). Ein älterer Kollege führte mich in meine Aufgaben ein und machte mich mit den Besonderheiten der Lagerstättenforschung bekannt, soweit dieses für mich von Bedeutung war. Was sich hier abzeichnete hatte mit dem, was ich bisher gelernt hatte nur im entfernten Sinne zu tun. In der Kataster- wie auch in der Ingenieurvermessung ist die Genauigkeitsanforderung des Ergebnisses im Zentimeter- bis Millimeterbereich angesiedelt, hier bewegte ich mich im Meterbereich. Doch der Reihe nach ein kurzer Überblick über dieses exotische Vermessungswesen.
Aufgabe des am Ort versammelten Messtrupps war die Erkundung des Untergrunds bis in mehrere tausend Meter Tiefe, um Beurteilungsgrundlagen für die Frage zu erhalten, ob im Untergrund Lagerstätten von wirtschaftlichem Interesse vorhanden sein könnten. Dabei zielte die Fragestellung in Norddeutschland insbesondere auf Erdöl und Erdgas ab. Die dazu benutzte Methode war die Refraktionsmethode, die konkret so ausgestaltet war, dass entlang einer schnurgeraden Messstrecke

Fiktives Beispiel einer Messstrecke mit Kennzeichnung von Bezugspunkten

von bis zu 10 km Länge im Abstand von 50 m Messstellen eingerichtet wurden, an denen mittels Geophonen Schwingungen aus der Tiefe des Untergrunds aufgezeichnet wurden, die durch Sprengungen in Tiefen bis zu ca. 30m erzeugt wurden. Zur Durchführung der hierfür erforderlichen Arbeiten war ein Messtrupp in verschiedene Einheiten gegliedert. Dem Arbeitsablauf folgend bestand ein Messtrupp aus dem Vermesser, der die Messstrecke, die Bohrstellen und die Messpunkte im Gelände zu markieren hatte sowie die Grundstückseigentümer der betroffenen Grundstücke zu ermitteln und zu benachrichtigen hatte, dem Bohrtrupp, der aus 7 Unimogs mit fest montierten Bohrgestängen nebst Besatzungen bestand, dem Sprengmeister, der die Löcher mit mehreren Kilo Spezialsprengstoff versah und für die Zündung zuständig war, den Kabellegern, die das Messkabel entlang der Messstrecke auslegten und die Geophone in die Erde steckten und der digitalen Aufzeichnungseinheit, die in einem Unimog untergebracht war und von zwei Spezialisten bedient wurde. Darüber hinaus waren für die Dauer der Messarbeiten, die sich über mehrere Wochen erstreckten, am Ort feste Büroräume angemietet, in denen der Truppleiter und eine Bürokraft arbeiteten. Dieses Büro wickelte neben technischen Aufgaben auch die Entschädigung der Grundstückseigentümer für die durch Fahrzeuge und Sprengungen verursachten Flurschäden ab.
Aus dem aufgelisteten Arbeitsablauf ergibt sich, dass meine Position als Vermesser ein echter Druckposten war. Wenn meine Arbeit stockte, passierte hinter mir nach kurzer Zeit nichts mehr. Dieser Fall konnte aus verschiedenen Gründen eintreten. Hierzu muss ich jedoch kurz erläutern, wie die Absteckung der Messstrecke und der Bohr- und Messpunkte erfolgte: Die Messstrecke war als Strich in einer Topografischen Karte 1:25000 eingetragen. Dort wo diese Strecke Schnittpunkte mit markanten Geländeelementen wie Straßen, Wege, Bäche, Wälder usw. bildete, markierte ich diese Schnittpunkte durch Krepppapier. Die hierzu erforderlichen Maße ermittelte ich mit einem Maßstab aus der Karte und schritt sie in der Örtlichkeit ab. Die Streckenabschnitte zwischen den markierten Punkten betrugen mehrere hundert Meter und es war ratsam, zwischendurch nach Kontrollmöglichkeiten zu suchen. Die abzusteckenden Punkte trug ich ebenfalls in die Karte ein und legte sie ebenfalls durch Schrittmaß in der Örtlichkeit fest. Der durch Schrittmaß in der Örtlichkeit ermittelte Punkt wurde mit dem in der Karte eingetragenen Punkt verglichen und ggfs. korrigiert. Für die Beibehaltung der Richtung und der Geradlinigkeit der in die Landschaft übertragenen Strecke war die Sicht auf die markierten Richtpunkte unerlässlich. Deshalb war Nebel in diesem Herbst mein größter Gegner. Er ließ sich nur in begrenztem Maße durch den Einsatz von Licht oder Kompass bezwingen. Wenn der Nebel nicht allzu dicht war, stellte ich den VW-Bulli mit eingeschalteten Scheinwerfern an einen geeigneten Punkt voraus. bei sehr dichtem Nebel musste der Kompass reichen. beide Methoden erforderten kleinräumige Kontrollen anhand der Karte. Wo geeignete Anhaltspunkte in der Karte fehlten, waren diese Methoden nicht anwendbar und der Bohrtrupp rückte näher und näher.
Weitere Hemmnisse konnten bei der Ermittlung und Benachrichtigung der Grundstückseigentümer entstehen, da ich auf die Auskunft der nächst erreichbaren Bewohner im Gebiet angewiesen war und oft erst nach langem Lamentieren der Eigentümer an die Messstrecke zurückkehren konnte – oder direkt die Arbeiten, die inzwischen bereits auf den Grundstücken begonnen hatten, stoppen musste, da die Bauern mit Mist- und Heugabeln bewaffnet eben diese Arbeiten verhindern wollten. Dieses kam glücklicherweise nur selten vor und erforderte großes Verhandlungsgeschick der Büroleute.
Die Messstrecken waren ohne Rücksicht auf die Besonderheiten der Landschaft festgelegt worden und so ging es durch eingeschneite Tannenschonungen, wo mir der Schnee in den Halsausschnitt rieselte durch Moore und über Hecken und Zäune, wodurch die Anfahrtmöglichkeiten für den Bulli oft nur sehr begrenzt möglich oder mit dem Risiko des Steckenbleibens auf schlammigen Wegen verbunden waren. Hieraus hatte sich bald eine Routine im Gebrauch des Wagenhebers und der Unterfütterung der festgefahrenen Räder mit Strauchwerk und Steinen gebildet. Dennoch brauchte all das Zeit, die meinem Messgehilfen und mir bis zum Eintreffen der Bohrmannschaften nur sehr begrenzt zur Verfügung stand. Eine besondere Situation ist mir in Erinnerung geblieben, als wir kurz vor dem Feierabend durch einen Hohlweg fuhren, der mit dichtem Herbstlaub bedeckt und beidseitig von kleinen Bäumen und Sträuchern gesäumt war. Wir hatten etwa die Hälfte dieses Weges hinter uns gelassen, als sich unser Bulli mit lautem Knall bedrohlich nach links neigte. Der Messgehilfe hatte die Situation sehr schnell erfasst, sprang laut fluchend aus dem Fahrzeug heraus und machte Anstalten, mich mit dem Problem allein zu lassen. Er lief planlos über den benachbarten Acker und weigerte sich, die unvermeidliche Verlängerung seines Arbeitstages hinzunehmen. Es war ein Choleriker, der mir bereits bei anderer Gelegenheit angedroht hatte, mich in den Kanal zu werfen, den er über die einige hundert Meter entfernte Brücke überqueren sollte, damit unsere Messstrecke fortgesetzt werden konnte.
Nach einigen Minuten hatte sich die Situation einigermaßen beruhigt und wir konnten uns an die Befreiung aus der Zwangslage machen. Der Bulli war mit den linksseitigen Rädern in einen Seitengraben abgerutscht, der durch das Laub verdeckt gewesen war und lehnte mit der oberen Kante des Aufbaus gegen den bewachsenen Wall. Eine Befreiung aus dieser Lage mit eigenen Kräften erschien aussichtslos. Zum Glück führte der Hohlweg zu einem Gehöft, das ich als nächstes aufsuchte, um den Bauern zu bitten, den Bulli mit dem Trecker frei zu schleppen. Während der Trecker den Bulli zog, musste einer von uns die Lenkung des Bullis übernehmen und ein anderer versuchen, das Dach möglichst waagerecht zu richten, damit es nicht mit den Bäumen kollidierte. Die Bergung verlief unproblematisch und der Feierabend war gerettet.
Das Verhalten meines Messgehilfen war untypisch für das Arbeitsklima des Messtrupps. Alle hatten ein Interesse daran, dass vorgegebene Arbeitspensum in der kalkulierten Zeit zu erfüllen. Die Einhaltung fester Arbeitszeiten war dabei nachrangig. Zielvorgabe für die Arbeitsplanung war, das Arbeitsvolumen innerhalb von drei Wochen zu erbringen und daran anschließend eine Woche Heimfreizeit zu erhalten. Das tägliche Arbeitspensum war dabei mit 10 Stunden inklusive Frühstücks- und Mittagspause kalkuliert. Die Samstage zählten dabei als Arbeitstage mit. Wenn das vorgesehene Arbeitsprogramm schneller erledigt werden konnte, wurde die Heimfreizeit im Verhältnis 1:1 verlängert. Diese Regelung war insbesondere für die Nutzung von Brückentagen bedeutsam. Eine Folge dieser speziellen Arbeitszeitregelung war unter anderem, dass derjenige, der zuerst mit seiner Arbeit fertig war, den nachfolgenden Arbeitsgruppen half. Das bedeutete für mich, dass ich relativ häufig mit der Kabeltrommel durch die Landschaft stapfte und etwas von dem besonderen Flair mitbekam, das der „Amigo“ – ein junger Spanier aus dem Baskenland, der die Kabelleger fuhr und organisierte – um sich verbreitete. Das besondere war der Kontrast, der zwischen seinem sanften frohen Gemüt und den überwiegend aus Emsländern, Ostfriesen und Holsteinern bestehenden Mitgliedern seiner Mannschaft bestand. Darum tat es mir gut, mich manchmal aus der Umklammerung mit meinem Messgehilfen lösen zu können.
Über das Zusammentreffen unterschiedlicher landestypischer Charaktere hinaus waren die menschlichen Faktoren, die zum Arbeitsklima beitrugen auch durch die körperlich anstrengende Arbeit und die relativ schlechten finanziellen Bedingungen mitbestimmt. Die einfachen Arbeiten zogen besonders Arbeiter aus strukturschwachen Gegenden und Männer mit schlecht belegten Auszeiten in ihrem Lebenslauf an. So kam es auch, dass ich von unserem Büroleiter den Tipp erhielt, mir von dem Messgehilfen – nicht von dem erwähnten Choleriker – ,der so gern unseren Bulli fuhr, den Führerschein zeigen zu lassen. Nach mehrmaliger Aufforderung, mir diesen vorzulegen, musste dieser – ansonsten sehr umgängliche – Kollege auf zukünftiges Autolenken verzichten.
Mit Prakla-Seismos lernte ich einige Landstriche Norddeutschlands kennen, die ich sonst kaum so intensiv wahrgenommen hätte. Zu den Voraussetzungen bzw. Umständen, die dieses ermöglichten gehörten die Unterbringung in Privatzimmern, das gemeinsame Abendessen in einem ortstypischen Restaurant und in meinem Fall auch der aufgabenbedingte Kontakt mit den Bauern der Gegend. Die Quartiere wurden durch den Büroleiter kurze Zeit vor unserem Eintreffen angemietet und in freier Abstimmung unter den Kollegen aufgeteilt. Es lag immer eine besondere Spannung in der Luft, wenn ein Umzug an einen anderen Ort anstand. Da die Orte bei einigen schon aus früheren Einsätzen bekannt waren, kursierten dann manchmal solche redensartlichen Charakterisierungen wie:“In Aurich ist es schaurig, in Leer noch viel mehr,“ (die Redensart geht noch weiter: „doch will Gott dich strafen, schickt er dich nach Wilhelmshaven!“). Meine Erinnerungen an das Aurich jener Zeit sind allerdings weniger schaurig. Während unseres Einsatzes war ich in einem zu Aurich gehörenden Dorf mit dem Namen Pfalzdorf bei einer Familie einquartiert, die mir weitgehenden Familienanschluss gewährte. Morgens erhielt ich meinen ostfriesischen Tee und ein gutes Frühstück bevor ich meinen in Aurich beheimateten Messgehilfen an einem verabredeten Treffpunkt in der Nähe seiner Wohnung abholte.
Einen Ort mit dem Namen Pfalzdorf hatte ich hier in Ostfriesland nicht erwartet und deshalb bat ich meine Vermieterin um eine Erklärung hierfür. Es handelte sich bei den Gründern dieser Siedlung um Nachfahren der Auswanderer aus der Pfalz, die um 1741 auf dem Rhein nach Rotterdam unterwegs waren, um von dort eine Schiffspassage nach Amerika zu bekommen. Viele von ihnen strandeten in Goch am Niederrhein und gründeten dort einen Ort Namens Pfalzdorf, von wo später einige der Kolonisten weiter nach Ostfriesland zogen und das dortige Pfalzdorf gründeten. Wenn auch der Tee nicht von einer Ostfriesin zubereitet worden war, so schmeckte er doch wie echter Ostfriesentee.
Eine andere Eigenart der Ostfriesen lernten wir kennen, als wir uns in der Mittagszeit in einem Landgasthaus niederließen, um etwas warmes zu trinken. Der Wirt stand hinter dem Tresen und wir waren seine einzigen Gäste. Wir wollten die ländliche Ruhe und Gelassenheit nicht stören und warteten darauf, dass der Wirt zu uns an den Tisch kam. Nach einigen Minuten hatte sich an der Position des Wirts nichts verändert und wir warteten immer noch. Nach vielleicht fünf Minuten immer noch das gleiche Bild und wir hatten eine echte Herausforderung an unsere Geduld gefunden. Schließlich gaben wir doch auf und riefen den Wirt zu uns an den Tisch. Er kam sofort ohne irgendeine Bemerkung, die zur Erklärung der Situation dienlich gewesen sein könnte und nahm unsere Bestellung kommentarlos auf. Die Mentalität der Ostfriesen wurde vor allem in den 70er und 80er Jahren in zahlreichen Witzen persifliert und brachte den Ostfriesen an sich ins Gespräch. Wenn in solchen Gesprächen auch die oben beschriebene Langmut der Wirte ins Gespräch kam, konnte ich die Richtigkeit dieser Behauptung bezeugen.
In dem halben Jahr bei den modernen Schatzsuchern lernte ich neben Rotenburg und Aurich noch Verden an der Aller und Xanten am Niederrhein näher kennen. Von diesen Städten ist mir besonders Xanten in Erinnerung geblieben – einmal wegen des dem Holländischen stark ähnelnden Dialekt, der mir die Verständigung mit den Bauern erschwerte, andererseits wegen eines Vorfalls, der mir die Möglichkeit eines unerwarteten Zuwachses von Bedeutung deutlich machte, oder wie es in der Redensart heißt: „unverhofft kommt oft„:
Unsere Messstrecke verlief in einer gut einzusehenden Landschaft mit vielen Weiden und es war ein schnelles Vorankommen möglich. Das galt auch und besonders für den Bohrtrupp, der hier mit Spültechnik schnelle Ergebnisse erzielen konnte. So bestand die Möglichkeit, dass die Löcher für die Sprengladungen schon fertig wurden, während ich noch mit der Benachrichtigung der Eigentümer beschäftigt war. Einer der benachrichtigten Bauern wurde sehr hellhörig, als ich ihm die Lage der auf seiner Weide liegenden Bohrstellen beschrieb und er äußerte den Verdacht, dass etwa dort eine geheime Pipeline der NATO verlaufe. Er erklärte sich bereit, die Situation vor Ort mit uns gemeinsam zu klären. Als wir an den fertiggestellten Bohrlöchern ankamen stellte sich heraus, dass die Sprengladungen bereits in die Bohrlöcher eingelassen waren. Unsere Hoffnung auf eine günstigere Auskunft des Bauern wurde enttäuscht und so musste eine Notlösung gefunden werden. Der hinzugerufene Sprengmeister entfernte die Zündschnüre und die Gefahr war gebannt.

Erläuterungen zum Deutschland-Index

In der Kategorie „Deutschland-Index“ werden Erhebungen nach der bereits zu den Problemfeldern erläuterten Methode der Internet-Befragung veröffentlicht, die Auskunft über die Stimmungslage in Deutschland geben. Es werden insgesamt 11 Indizes ermittelt, die mit Ausnahme des 11. Indexes aus Gegensatzpaaren von Gefühlswerten als Quotienten dieser Werte grafisch dargestellt werden. Die Gegensatzpaare sind:

Name des Index Gegensatzpaar
Glück glücklich / unglücklich
Zufriedenheit zufrieden / unzufrieden
Freude Freude / Trauer
Allgemeinbefinden gut / schlecht
Aktivität wach / müde
Kraft stark / schwach
Mut mutig / ängstlich
Hoffnung Hoffnung / Verzweiflung
Vertrauen Vertrauen / Misstrauen
Offenheit geöffnet / geschlossen

Als 11. Index wird aus den 10 Indizes ein arithmetisches Mittel gebildet und als „Gesamt“ dargestellt. Bei der Berechnung der Quotienten erfolgt bei Ergebnissen < 1 eine Vertauschung von Zähler und Nenner, so dass eine Darstellung als Negativwert möglich wird.

Die Erhebung der Werte erfolgt prinzipiell täglich mit sporadischen Unterbrechungen, die dem Privatleben geschuldet sind.

Die grafische Aufbereitung erfolgt in Liniendarstellungen, die Datenpunkte verbinden und durch Trendlinien, die in der Regel lineare Trends widergeben. Der Gesamtwert bildet dabei eine Art Prüfwert für den Anspruch, den Gefühlshaushalt der Menschen möglichst umfassend abzubilden. Im Idealfall sollte sich in der Verlaufskurve der Tageswerte eine Gerade darstellen. Nach den bisherigen Ergebnissen ist dieses weitgehend erreicht.

Nachfolgend gebe ich zu den einzelnen Indizes einige Erläuterungen, die hinsichtlich der lexikalischen Bedeutung der Gefühlsbegriffe auf den Angaben der Wikipedia basieren und um Angaben hinsichtlich ihrer Aussagekraft in diesem Projekt ergänzt werden. Soweit es sich um Zitate aus der Wikipedia handelt sind diese kursiv geschrieben.

Indexname Erläuterung
Glück Das Wort „Glück“ kommt von mittelniederdeutsch gelucke/lucke (ab 12. Jahrhundert) bzw. mittelhochdeutsch gelücke/lücke. Es bedeutete „Art, wie etwas endet/gut ausgeht“. Glück war demnach der günstige Ausgang eines Ereignisses. Voraussetzung für den „Beglückten“ waren weder ein bestimmtes Talent noch auch nur eigenes Zutun. Dagegen behauptet der Volksmund eine mindestens teilweise Verantwortung des Einzelnen für die Erlangung von Lebensglück in dem Ausspruch: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Demnach hängt die Fähigkeit, in einer gegebenen Situation glücklich zu sein, außer von äußeren Umständen auch von eigenen Einstellungen und Bemühungen ab.

Als Erfüllung menschlichen Wünschens und Strebens ist Glück ein sehr vielschichtiger Begriff, der Empfindungen vom momentanen bis zu anhaltendem, vom friedvollen bis zu ekstatischem Glücksgefühl einschließt, der uns aber auch in Bezug auf ein äußeres Geschehen begegnen kann, zum Beispiel in der Bedeutung eines glücklichen Zufalls oder einer das Lebensglück begünstigenden Schicksals­wendung. In den erstgenannten Bedeutungen bezeichnet der Begriff Glück einen innerlich empfundenen Zustand, in den letzteren hingegen ein äußeres günstiges Ereignis. Glück darf nicht mit Glückseligkeit verwechselt werden, die meist in Zusammenhang mit einem Zustand der (religiösen) Erlösung erklärt und verstanden wird.

Die Bildung eines Gegensatzpaares kann durch den Gegenbegriff Unglück oder den umgangssprachlich gebräuchlicheren Begriff Pech gebildet werden. In dieser Möglichkeit liegt allerdings auch eine Ungleichgewichtigkeit, die durch die Verwendung der Adjektive zu Glück und Unglück ausgeschlossen wird, da es zu Pech kein Adjektiv gibt.

Das Glück kommt meistens unverhofft und führt dann zu ausgeprägten Gefühlsäußerungen, die sich in der Verlaufskurve durch deutliche Ausschläge zeigen.

Zufriedenheit Zufrieden zu sein ist ein wichtiger Teil des biologischen, psychischen und sozialen Wohlbefindens, der im Allgemeinen die Gesundheit und Lebensqualität entscheidend mitbestimmt. Gerade auch in Beruf und Ausbildung prägt Zufriedenheit den individuellen Erfolg wesentlich mit. Zufriedene Menschen bilden im Allgemeinen keine oder kaum Symptome aus.

Die Zufriedenheit kann im Rahmen des Prozesses der Lebensbewältigung ein Ziel des Menschen sein, das zu einem Zufriedenheitserfolg führen kann. Sie ist ein Ziel, das einerseits entdeckt werden möchte und andererseits in der Realisierung mit Anstrengungen verbunden ist.[1] Die Zufriedenheit tritt im Leben nicht automatisch ein, sondern sie muss sich in der ständigen Auseinandersetzung mit der Unzufriedenheit behaupten. Wer in die totale Unzufriedenheit abgleitet, wird im Unglück enden. Letztlich wird derjenige Mensch eher zufrieden und glücklich werden,[2] der es versteht, seine inneren Erfahrungen zu steuern bzw. zu kontrollieren und negative Erlebnisse positiv zu verarbeiten.

Es werden die Adjektive des Gegensatzpaares verwendet, da diese erfahrungsgemäss häufiger benutzt werden und statistisch zu besseren Ergebnissen führen.

Im Vergleich zu den anderen Indizes stellt Zufriedenheit neben Vertrauen den grössten Gefühlswert im Gesamt-Gefühlshaushalt dar.

 Freude Freude ist der Gemütszustand[1] oder die primäre Emotion,[2] die als Reaktion auf eine angenehme Situation oder die Erinnerung an eine solche entsteht. Je nach Intensität äußert sie sich als Lächeln, Lachen oder einem Freudenschrei.

Im weiteren Sinne kann auch der Auslöser einer Freude, eine frohe Stimmung oder ein frohes Dasein als Freude bezeichnet werden. Der Begriff Glück wird manchmal im Sinne von Freude verwendet.

Freude ist sich selbst gesehen weder gut noch schlecht. Eine wertende Komponente kommt ihnen erst zu, wenn sie in negativem oder positivem Verhältnis zur geltenden Moral stehen (Beispiele: Schadenfreude bzw. Siegesfreude).

Freude ist im Tagesbewusstsein des Menschen stets präsent und kann als bilanzierte Summe aller Empfindungen betrachtet werden, die im Bewusstsein an die Stelle des berechneten Gesamtindexes tritt. Der Verlauf der beiden Linienzüge ist deshalb sehr ähnlich. Der Gegenbegriff Trauer ist an einen Verlust gebunden, der meistens ein einschneidendes Ereignis darstellt und für den Verlauf der Biografie eher eine Ausnahmesituation darstellt.

 Allgemeinbefinden  Die hinter diesem Index stehenden Begriffe gut und schlecht sind Werturteile, die auf Jedes und Alles täglich angewendet werden und deshalb situationsunabhängig ein Grundgefühl des Menschen zum Ausdruck bringen können. In der Kommunikation mit dem sozialen Umfeld wird diese wertende Selektion der Gesprächsgegenstände oft als Laune bezeichnet. Die Launen eines Menschen wirken sich durchaus auf sein soziales Handeln (seine sozialen Interaktionen) aus, nach allgemeinem Urteil mehr als seine Vernunft oder seine guten Vorsätze. Im Umgang gilt launenhaft zu sein (seinen Launen ungehemmt nachzugeben) selbst bei Kindern als unhöflich und wird allenfalls bei Stars (als „Starallüren“) hingenommen.
 Aktivität Dieser Index wird aus „wach“ und „müde“ gebildet.

Die wesentlichen Eigenschaften von Wachheit unterscheiden diese von anderen Bewusstseinszuständen durch Gedanken, die in der Regel sprachlich organisiert sind, und Handlungsfähigkeit. Sprachlich gefasstes Denken ermöglicht und erweitert viele kognitive Fähigkeiten. Dieser Bewusstseinszustand ermöglicht somit ein sehr weit reichendes Planen der Lebensumstände, was als Vorteil im Kampf ums Überleben angesehen wird.

Müdigkeit bedeutet dagegen eingeschränkte Denk- und Handlungsfähigkeit:
verminderte Konzentrations- und Leistungsfähigkeit
Beeinträchtigung der Wahrnehmung
allgemeines Unwohlsein
Antriebslosigkeit
erhöhte Reizbarkeit

Es wird nicht die ausgeführte Tätigkeit ermittelt, sondern die Fähigkeit, eine solche – wie auch immer geartete – auszuführen.

 Kraft  Synonym für Kraft steht Stärke, die in ihrer Form als Verb verwendet wird, da die Bildung eines Gegensatzpaares mit den Substantiven Kraft oder Stärke zu Bedeutungsunschärfen führen würde. Es wird deshalb auf die Verben „stark“ und „schwach“ ausgewichen.
 Mut Mut, auch Wagemut oder Beherztheit, bedeutet, dass man sich traut und fähig ist, etwas zu wagen, das heißt, sich beispielsweise in eine gefahrenhaltige, mit Unsicherheiten verbundene Situation zu begeben.[1]

Diese kann eine aktivierende Herausforderung darstellen wie der Sprung von einem Fünfmeterturm ins Wasser oder die Bereitschaft zu einer schwierigen beruflichen Prüfung (individueller Hintergrund). Sie kann aber auch in der Verweigerung einer unzumutbaren oder schändlichen Tat bestehen wie einer Ablehnung von Drogenkonsum oder einer Sachbeschädigung unter Gruppenzwang (sozialer Hintergrund einer Mutprobe).[2]

Mut und Angst werden bisweilen in einem Widerspruchsverhältnis gesehen. Der Mutige scheint angstfrei zu sein oder zumindest weniger von Angstgefühlen belastet. Diese Vorstellung entspricht nicht der psychischen Wirklichkeit: Angst und Furcht sind keine mit dem Mut unvereinbare Gemütsverfassungen, sondern im Gegenteil Komponenten im Spannungsgefüge verantwortbaren Wagemuts. Sie kontrastieren miteinander, schließen sich aber nicht gegenseitig aus, sondern ergänzen einander: [7][8]

Nach Warwitz kommt dem Mut die Funktion des Antriebsfaktors, der Angst die Funktion des Bremsfaktors zu. In der wagnishaltigen Situation müssen beide wie bei der vernünftigen Autofahrt zu einem ausgewogenen Zusammenspiel finden. Um die Handlungsfähigkeit zu gewährleisten, kann Mut auch in der Überwindung unbegründeter oder überhöhter Ängste bestehen. Andererseits hat Angst die Aufgabe, vor einem nicht verantwortbaren Tun zu warnen. Der Mutige beweist Handlungsfähigkeit zwischen den Extremen „Tollkühnheit“ und „Angstlähmung“.[9]

Nach dieser Definition ist das Verhältnis von Mut zu Angst ein Indikator für Handlungsfähigkeit. Er korreliert mit dem Vertrauen, das bei abnehmendem Mut zwangsläufig zunimmt. Dieser Zusammenhang ist durch die entsprechenden Trends in der Beobachtungsreihe bestätigt.

 Hoffnung Hoffnung (vgl. mittelniederdt.: hopen „hüpfen“, „[vor Erwartung unruhig] springen“, „zappeln“) ist eine zuversichtliche innerliche Ausrichtung, gepaart mit einer positiven Erwartungs­haltung, dass etwas Wünschenswertes in der Zukunft eintreten wird, ohne dass wirkliche Gewissheit darüber besteht. Das kann ein bestimmtes Ereignis sein, aber auch ein grundlegender Zustand wie etwa anhaltende Gesundheit oder finanzielle Absicherung. Hoffnung ist die umfassende emotionale und unter Umständen handlungsleitende Ausrichtung des Menschen auf die Zukunft. Hoffend verhält sich der Mensch optimistisch zur Zeitlichkeit seiner Existenz.

Hoffnung kann begleitet sein von der Angst und der Sorge, dass das Erwünschte nicht eintreten wird. Ihr Gegenteil ist die Verzweiflung, die Hoffnungslosigkeit, die Resignation oder die Depression.

Hoffnung ist auch eine der drei christlichen Tugenden: Glaube, Liebe und Hoffnung.

Verzweiflung dagegen ist ein Zustand der emotionalen oder psychischen Verfassung in einer als aussichtslos empfundenen Situation sowie ein Zustand völliger Hoffnungslosigkeit.[1] Knaur’s Wörterbuch schreibt dazu, wenn man verzweifelt sei, habe man die Hoffnung aufgegeben und „Angst, dass etwas geschehen wird oder nicht geschehen wird“, und sei ratlos.[2]

Hoffnung ist ein Indikator für die Selbstbewertung der persönlichen Verhältnisse und sie zeigt politischen Handlungsbedarf an.

 Vertrauen  Vertrauen ist ein Phänomen, das in unsicheren Situationen oder bei risikohaftem Ausgang einer Handlung auftritt: Wer sich einer Sache sicher sein kann, muss nicht vertrauen. Vertrauen ist aber auch mehr als nur Glaube oder Hoffnung, es benötigt immer eine Grundlage, die sog. „Vertrauensgrundlage“. Dies können gemachte Erfahrungen sein, aber auch das Vertrauen einer Person, der man selbst vertraut, oder institutionelle Mechanismen. Vertrauen ist teilweise übertragbar. Jemandem sein ganzes Vertrauen zu schenken, kann sehr aufregend sein, beispielsweise das Vertrauen, das ein Kind dem Vater schenkt, wenn es von oben herab in die ausgebreiteten Arme springt. Dies gilt sowohl für den Vater als auch für das Kind. Die Geschichte wird oft im übertragenen Sinn erzählt – als Gottvertrauen.

Vertrauen ist der Wille, sich verletzlich zu zeigen.“ [3] Dieser einfache Satz umfasst mehrere Vertrauensdimensionen: 1. Vertrauen entsteht in Situationen, in denen der Vertrauende (der Vertrauensgeber) mehr verlieren als gewinnen kann – er riskiert einen Schaden bzw. eine Verletzung. 2. Vertrauen manifestiert sich in Handlungen, die die eigene Verletzlichkeit erhöhen. Man liefert sich dem Vertrauensnehmer aus und setzt zum Vertrauenssprung an. 3. Der Grund, warum man sich ausliefert, ist die positive Erwartung, dass der Vertrauensnehmer die Situation nicht zum Schaden des Vertrauensgebers verwendet.

Die Undurchschaubarkeit von wissenschaftlich-technischen Entwicklungen, politischen Zusammenhängen und kriegerisch-terroristischen Gewaltakten nimmt aus deutscher Perspektive immer mehr zu und der Einzelne wird in seiner ohnehin voreingenommenen Position der Ohnmacht mehr und mehr bestätigt. Die hierdurch entstehende Unsicherheit kann nur durch Vertrauen in die Sicherheitskräfte des Staates kompensiert werden. Ein Versagen dieser Ersatzstrukturen führt zu neuen Unsicherheiten und zu neuen Ersatzstrukturen, so dass ein Teufelskreis entsteht, der schließlich zum autoritären Staat oder zum Zerfall der Gesellschaft führen muss. Damit wäre das Kalkül fundamentalistischer Angreifer auf demokratische Strukturen in Erfüllung gegangen.

Das Niveau des Vertrauens ist sehr hoch und deutet darauf hin, dass politische Massnahmen zur Herstellung und Stärkung von Handlungsfähigkeit auf kommunaler und persönlicher Ebene höchste Priorität haben müssen.

Offenheit Das Merkmal Offenheit bezeichnet im Sprachgebrauch hauptsächlich  Erfahrungen, die auf die Psyche wirken. Sie bildet zusammen mit Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Neurotizismus die fünf Hauptdimensionen einer Persönlichkeit nach dem Fünf-Faktoren-Modell (Big Five). Offenheit wird als normalverteilt angenommen, sodass die meisten Menschen mittlere Ausprägungen aufweisen und extreme Werte selten sind.

Menschen mit viel Offenheit werden charakterisiert durch Adjektive (lexikalischer Ansatz) wie

einfallsreich, originell, erfinderisch, phantasievoll
intellektuell neugierig, offen für neue Ideen
interessiert an Ästhetischem wie Kunst, Musik und Poesie
mit Vorliebe für Abwechslung (statt Routine), Neigung zu neuen Aktivitäten, neuen Reisezielen, neuem Essen usw.
aufmerksam für eigene und fremde Emotionen
Am anderen Ende der Skala (wenig Offenheit) stehen Adjektive wie konservativ, konventionell, routiniert, uninteressiert usw.

Im Zusammenhang mit der Entwicklungsspirale wird Offenheit als Hinweis auf die Bereitschaft zu Veränderungen betrachtet.

Gefühle Anfang Mai 2017

Alles neu macht der Mai„, so beginnt ein Frühlingslied, dessen Anfang zu einem geflügelten Wort geworden ist. Ob die SPD nach ihrer Wahlschlappe in Schleswig-Holstein noch in der Laune war, solches anzustimmen, darf bezweifelt werden; wo Neues wächst, muss Altes weichen und so geht es in dem Lied weiter: „macht die Seele frisch und frei, Laßt das Haus, kommt hinaus, windet einen Strauß!“ Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Das Wahlergebnis hat bei den Akteuren wie bei den Beobachtern für Ratlosigkeit gesorgt, da sich eine rationale Erklärung dafür nach ihrer Einschätzung nicht anbietet. Ein Blick auf die Gefühlslage der Menschen in Deutschland in den letzten Wochen und Monaten kann daher besonders ergiebig sein, da ja auch die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen in wenigen Tagen stattfindet und von Vielen als „kleine Bundestagswahl“ betrachtet wird.

Nach dem bewährten Muster der Kurzzeit-Beobachtung und der Ableitung mittel- und langfristiger Trends lassen sich Verhaltensänderungen in diffuser Form beobachten. In einer integralen Sicht ergeben sich dennoch aus den abzulesenden Veränderungen Hinweise auf politische Einstellungen, die in der Kurzzeit-Betrachtung mit einzelnen Tagesereignissen in Verbindung gebracht werden können und die politische Phantasie anregen. Wie die Daten ermittelt werden und wie die Kurven inhaltlich zu interpretieren sind, stelle ich in einem gesonderten Beitrag dar.

Tagesprofil

Zunächst ein Blick auf die Tagesereignisse von Anfang April bis Anfang Mai. Die bedeutendsten Tagesereignisse haben sich auf die Vertrauenskurve ausgewirkt, gefolgt von der Zufriedenheitskurve und der Kurve für die Kraft. Bewegte Verläufe mit zwar genauso häufigen, jedoch weniger starken Ausschlägen sind im Bezug auf Offenheit, Mut, Glück, Freude und Hoffnung auffällig. Nur geringe Bewegungen gibt es im Bezug auf Aktivität, Allgemeinbefinden und den als Summe aller Gefühlswerte errechneten Gesamtindex.

In der nachfolgenden Tabelle sind den markanten Ausschlägen jeweils Tagesereignisse zugeordnet, die eine Interpretation ermöglichen. Informationsgrundlage sind die Schlagzeilen der Tagesschau vom jeweiligen Tag. Durch farbige Markierungen sind die aus meiner Sicht wahrscheinlichen Ursachen für die Gefühlsausschläge kenntlich gemacht. Hierbei sind grün hinterlegte Ereignisse den ebenfalls grün hinterlegten Trends zuzuordnen und trendfördernd, magenta hinterlegte Ereignisse den ebenso hinterlegten Trends zuzuordnen und trendhemmend zu werten.

Datum Kurve Tagesschau-Schlagzeilen
06. April 2017 Vertrauen

Zufriedenheit

Offenheit

Streit über Verantwortung für Giftgasangriff in Syrien, Merkel kritisiert Haltung Russlands zu Syrien, Bundesweit erste Abschiebung eines Terror-Gefährders, Strukturschwache Regionen in Ostdeutschland sollen auch nach 2019 weiter gefördert werden, Einigung auf Reform der Pflegeausbildung, Opel-Betriebsversammlungen zur Übernahme durch PSA, Öffentliches Leben in Argentinien durch Generalstreik weitgehend lahmgelegt
08. April 2017 Mut

Vertrauen

Ermittlungen nach Anschlag in Stockholm, USA-Luftangriff von Russland kritisiert, Landesweite Proteste in Serbien gegen Präsidenten, Untergrundorganisation ETA übergibt Waffen an Behörden, Steinmeier eröffnet documenta in Athen
13. April 2017 Glück

Zufriedenheit

Hintergründe des Anschlags auf BVB-Mannschaft weiter unklar, Kampf gegen IS: USA wirft Mutter aller Bomben über Afghanistan ab, Trump würdigt Bedeutung der NATO, Polen begrüßt NATO-Bataillon, Russland drängt auf unabhängige Untersuchung des Giftgaseinsatzes in Syrien, Assad weist Verantwortung für Giftgasangriff zurück, EGMR verurteilt Russland für Geiseldrama von Beslan, Erneut Flüchtlingsboot vor der Küste Libyens gesunken, Inflation in Deutschland wieder rückläufig, IGA in Berlin eröffnet
17. April 2017 Kraft

Hoffnung

Zufriedenheit

Wahlbeobachter kritisieren Verlauf des türkischen Referendums, Diskussion über EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei, Bundesregierung reagiert zurückhaltend auf Abstimmungsergebnis in der Türkei, Rettungsschiffe im Mittelmeer in Seenot, Anklage gegen Südkoreas Ex-Präsidentin erhoben, US-Vizepräsident warnt Nordkorea vor Festhalten am Atomprogramm, Palästinensische Häftlinge treten in den Hungerstreik, Mehr Zulauf bei traditionellen Ostermärschen, Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel feiern 150-jähriges Bestehen
18. April 2017 Vertrauen

Kraft

Hoffnung

Offenheit

Oppositionspartei CHP beantragt Überprüfung nach Referendum in der Türkei, Diskussionen über Referendum-Ergebnis in Deutschland, May kündigt Neuwahlen in Großbritannien an, Auftakt zur Sozialwahl 2017, Recherche zu Cum-Ex-Geschäften, IWF warnt vor Gefahren für die Weltwirtschaft, US-Fizepräsident Pence trifft Regierungschef Abe in Japan, Mark Zuckerberg äußert sich zu veröffentlichtem Mordvideo auf Facebook, Konferenz zu Weltraumschrott
20. April 2017 Glück Massenproteste gegen Präsident Maduro in Venezuela, Bundesaußenminister Gabriel besucht Nordirak, Fehlende Gelder für Aufklärung von Kriegsverbrechen in Syrien, Debatte über deutschen Exportüberschuss auf Frühjahrstagung von IWF und Weltbank, Facebook will Gedanken auslesen, Studie des Europarates zur Lage von Journalisten in Europa, Tugce-Angreifer wird abgeschoben
23. April 2017 Vertrauen

Glück

Allgemeinbefinden

Offenheit

Ende der ersten Runde im französischen Präsidentschaftswahlkampf, Abschluss des AfD-Parteitags in Köln, OSZE-Mitarbeiter in Ostukraine getötet, Bayrische Grenzkontrollen bleiben vorerst erhalten, Kriminalstatistik 2016, Eröffnung der Hannover Messe
26. April 2017 Zufriedenheit

Hoffnung

Mut

Offenheit

Trump konkretisiert Pläne für Steuerreform, Razzien gegen Gülen-Anhänger in der Türkei, Arbeitsbedingungen für Journalisten weltweit verschlechtert, EU leitet Verfahren gegen Ungarn ein, Bundesregierung hebt Wachstumsprognose leicht an, Bundeskabinett beschließt Rentenerhöhung, EU-Kommission stellt Vorschläge für sozialeres Europa vor, Von der Leyen entlässt Ausbildungsleiter, In China wird erster Flugzeugträger vorgestellt, Frankreich macht Assad für Giftgas-Angriff verantwortlich, Gedenken an die Zerstörung Guernicas vor 80 Jahren
27. April 2017 Vertrauen

Glück

Hoffnung

Bundeswehrsoldat wegen mutmaßlicher Anschlagspläne verhaftet, Regierungserklärung: Merkel kündigt harte Brexit-Linie an, EU-Staaten planen engere Zusammenarbeit in der Sicherheitspolitik, BKA-Gesetz: mehr Kompetenzen im Anti-Terror-Kampf, EU-Parlament rügt Ex-Präsident Schulz, Gericht spricht Altkanzler Kohl Schadensersatz zu, BGH zu Vergleichsportalen: Anbieter müssen besser informieren, Ärzte klagen über Lieferengpässe bei Narkosemitteln
28. April 2017 Kraft

Zufriedenheit

EU uneins über Zukunft der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei, Parlament in Montenegro stimmt für Beitritt zur NATO, Debatte über Konsequenzen nach Festnahme eines Bundeswehroffiziers, FDP-Chef Lindner bei Bundesparteitag klar im Amt bestätigt, Bundestag beschließt Burka-Verbot für Beamte, USA wollen Nordkorea im Atom-Konflikt noch stärker isolieren, Facebook: Regierungen beeinflussen Meinungen über Fake-Accounts, Papst Franziskus wendet sich bei Besuch in Ägypten gegen Gewalt im Namen Gottes, Dresden feiert seinen Kulturpalast
30. April 2017 Zufriedenheit

Kraft

Freude

Mut

De Maizière legt Thesen zu Leitkultur vor, Merkel zu Besuch in Saudi Arabien, FDP beschließt Bundestags-Wahlprogramm, Reaktionen von May auf EU-Gipfel, Tausende Staatsbedienstete in der Türkei entlassen, Bayern ist deutscher Meister, Fußball-Bundesliga: 31. Spieltag, Formel 1, Wladimir Klitschko verliert gegen Titelverteidiger Anthony Joshua , Schweizer Extrembergsteiger Ueli Steck tödlich verunglückt
03. Mai 2017 Kraft Aufklärungsbedarf im Bundeswehrskandal um Franco A., EU-Kommission besteht auf Brexit-Forderungen, Erdogan besucht Putin in Sotschi, Palästinenserpräsident Abbas besucht Trump, Die Türkei im Fokus beim Internationalen Tag der Pressefreiheit, Neues Gutachten attestiert Zschäpe verminderte Schuldfähigkeit, Arbeitslosigkeit im April gesunken, Tausende Stahlarbeiter protestieren gegen Sparpläne von ThyssenKrupp, Maler A. R. Penck im Alter von 77 Jahren gestorben
04. Mai. 2017 Freude

Glück

Zufriedenheit

Offenheit

Von der Leyen trifft Führungskräfte der Bundeswehr, Bilanz des TV-Duels Le Pen gegen Macron, Schutzzonen in Syrien vereinbart, Fraktionsklausur der Linkspartei, Rechercheverband weist Verbreitung resistenter Keime nach, Schweizer Informant in NRW-Finanzverwaltung vermutet, Prinz Philip zieht sich von öffentlichen Terminen zurück
05. Mai 2017 Vertrauen

Hoffnung

Glück

Freude

Offenheit

BAMF prüft rund 2000 positive Asylentscheidungen, Verteidigungsministerin von der Leyen räumt Fehler beim Bundeswehr-Skandal ein, Wahlkampfabschluss in Schleswig-Holstein, Bundesregierung gegen mögliches Todesstrafen-Referendum der Türkei in Deutschland, US-Repräsentantenhaus stimmt für Gesundheitsreform, IAEA besorgt über Atomprogramm von Nordkorea, China baut ersten Mittelstreckenflieger „C919“ für 168 Passagiere, Umweltkonferenz in Genf zum Umgang mit giftigen Chemikalien

Die Reaktionen auf die Wahlergebnisse in Schleswig-Holstein und Frankreich haben die Gefühlsebene in Deutschland (noch) nicht erreicht. Ein möglicher Grund hierfür könnte die offene Frage der Regierungsbildung sein, die den Erfolg der CDU bzw. den Misserfolg der SPD relativieren kann.

Kurzzeit-Trends

Eine mögliche Erklärung für die überraschenden Verluste der SPD in Schleswig-Holstein bringt die Betrachtung der letzten zwei Wochen vor dem Wahltermin. Hier sind drei unterschiedliche Trendverläufe festzustellen: 7 der 11 Trends verlaufen waagerecht, weitere zwei Trends verlaufen geradlinig, Mut mit negativer Tendenz und Glück mit positiver Tendenz. Weitere zwei Trends mit positiver Tendenz verlaufen als exponenzielle Kurven, Hoffnung mit schwacher Krümmung und Vertrauen mit deutlicher Krümmung. Der sinkende Mut ist Ergebnis der Angst, wie sie der Politikwissenschaftler Corey Robin interpretiert: Eine Angst, die von starken Männern dafür genutzt werde, die Nation gegen eine ständige Bedrohung von außen zu mobilisieren und das Versprechen abzugeben, sie, die starken Männer, seien die Garanten dafür, diese Bedrohung abwehren zu können. Der sinkende Mut bedeutet, an die Stelle der eigenen Lebenstüchtigkeit das Vertrauen in äußere Mächte zu setzen, die in Form staatlicher Ordnungskräfte bereit stehen. In dieses Szenario fügt sich das wachsende Glücksgefühl solange aus glücklichem Schicksal ein, wie die äußeren Bedrohungen den Einzelnen nicht selber treffen. Diese „Glückslose“ kosten materiell nichts und haben eine hohe Gewinnquote.

Trends seit Ende März 2017

Das dargestellte Muster hat sich erst in kurzer Zeit aus dem nebenstehenden Muster entwickelt. Die Unterschiede bestehen in einer beschleunigten Zunahme der Vertrauenskurve und der Abnahme des Kraftvermögens. In der nachlassenden Kraft kommt der Zeitfaktor zum tragen. Die Aufrechthaltung einer nervlichen Anspannung über längere Zeit führt zu Ermüdung und Resignation. Wesentlichen Anteil an diesen Folgen haben die Medien, die jede Massnahme der Polizei berichten, auch wenn es sich nur um die Untersuchung einer herrenlosen Tasche im Bahnhof oder sonstwo handelt.

Langzeittrends

Ein Blick auf die Langzeittrends zeigt, dass die Tendenzen des Kraftvermögens zeitlichen Schwankungen unterliegen. Der negative Langzeittrend des Kraftvermögens zeigt für die Zeit von Ende März bis Anfang Mai eine positive Entwicklung und geht in dem sehr kurzen Abschnitt vom 20. April bis Anfang Mai in eine positive Richtung. Dagegen zeigt sich für den Mut eine kontinuierliche Trendwende von einem positiven Langzeittrend über einen negativen Kurzzeittrend bis zu dem aktuellen negativen Ultra-Kurzzeittrend.

Das Gefühlsleben in Deutschland wird nach den aktualisierten Ergebnissen der Trendbeobachtung weiterhin von den Folgen des Terrorismus bestimmt. Die z. Zt. stattfindenden Wahlkämpfe heizen die ohnehin vorhandene Grundstimmung an. Einen deutlichen Hinweis hierauf gibt der beschleunigte Trend des Vertrauens. Von den Politikern wird suggeriert, die Gefahren des Terrorismus könnten durch schärfere Gesetze und weitgehende Einschränkungen der Bürgerrechte beherrscht werden, andererseits wird Staatsversagen immer deutlicher, bis hin zu aktiver Unterstützung terroristischer Aktivitäten – bewusst oder unbewusst? – aus den Reihen der Sicherheitsorgane. Aus Politikverdrossenheit wird so mehr und mehr Staatsverdrossenheit – eine Reaktion, die latent schon immer im Bürgertum in Form von Bürokratiekritik vorhanden war, von der neoliberalen Propaganda genutzt wurde und nun als „Postdemokratie“ seine Vervollständigung erfährt.

 

Frankreich vor der Wahl

Kaum eine ausländische Wahl ist schon im Vorfeld so beachtet worden, wie die am  07. Mai stattfindende Stichwahl der Präsidentschaftsbewerberin Marine Le Pen und des Senkrechtstarters Emmanuel Macron. Im Hintergrund steht die Frage, ob sich der in den westlichen Demokratien abzeichnende Trend zu populistischen Politikmachern – sie selbst verstehen sich nicht als Politiker alter Prägung – nun auch in Frankreich anhält. Die europakritische – besser EU-kritische – Haltung, die eine wesentliche Triebkraft des Populismus in Europa ist, hat auch bei mir zu Überlegungen geführt, die ich mit Hilfe einiger Kriterien nach der Methode der Spiral Dynamics näher prüfen möchte.

Die Wertewelten der beiden Kandidaten und Gfrankreichs als Ganzem

In einem ersten Schritt stellt sich die Frage, ob die beiden Kandidaten, die in der Stichwahl gegeneinander antreten, wirklich so verschieden sind, wie sie in den Medien dargestellt werden. Auf der einen Seite die Juristin Marine Le Pen, die an der renommierten Universität Pantheon-Assas in Paris studiert hat und auf der anderen Seite der an Eliteschulen und -hochschulen ausgebildete Emmanuel Macron, der sowohl eine Regierungstätigkeit wie auch eine Banktätigkeit aufweisen kann und damit zum Polit-Establishment Frankreichs gehört. In der ersten Grafik stelle ich die beiden Kandidaten in ihren Wertewelten nach der Methode der Spiral Dynamics dar. Diese Darstellung hat mich sehr überrascht. Die Wertewelten der beiden Kandidaten sind sich so ähnlich, dass man von einer Austauschbarkeit sprechen könnte. Eine zweite Überraschung besteht darin, dass sie sich grundlegend von der Wertewelt Gesamt-Frankreichs unterscheiden. Die größere Überraschung liegt allerdings in dem Wertebild von Frankreich als Ganzem mit der überragenden Dominanz von Grün und der Abstufung über Orange nach Blau. An diesem Bild wird deutlich, welches Problem Frankreich hat und welche Dimension es hat. Das relativistische Grün ist in der Entwicklungsspirale das Entwicklungs- und Durchgangsstadium zu den Entwicklungsstufen der zweiten Ordnung (Gelb und Türkis). Diese höheren Entwicklungsstufen sind zur Harmonisierung der Stufen in der ersten Ordnung erforderlich. Offensichtlich gibt es aber in Frankreich einen Entwicklungsstau, der durch die in Frankreich stark ausgeprägte Laizität mitverursacht ist. Unter diesen Bedingungen kann sich offensichtlich kein Ethos entwickeln, das den moralischen Ansprüchen der Demokratie gerecht wird. Zum Vergleich gebe ich das Bild für Deutschland wider, das immerhin Ansätze von Entwicklungen der zweiten Ordnung zeigt. Ein weiterer Grund für die vollkommen andere Gewichtung der Wertesysteme wie auch für die Laizität sind die Ergebnisse der französischen Revolution. An dieser Stelle kann das Resumee gezogen werden, dass weder Marine Le Pen noch Emmanuel Macron Zugänge zu Werten erwarten lassen, die für eine Entwicklung in der angesprochenen Richtung erforderlich sind.

In einem zweiten Schritt werde ich versuchen, auch in den Sachthemen Unterschiede bei den Kandidaten aufzuspüren und vielleicht Hinweise für die Wahlchancen zu finden. Hierzu habe ich die Affinitäten der Kandidaten zu den 8 Problemfeldern Angst, Anerkennung (Indikator für Migrationsprobleme), Gewalt, Arbeitslosigkeit, Terrorismus, Kriminalität, Europa und Armut an Hand von Internetabfragen bestimmt und den Ergebnissen für Frankreich als Ganzem gegenüber gestellt. Hier ist abzulesen, dass lediglich bei den Problemfeldern Terrorismus und Europa größere Differenzen sowie bei den Problemfeldern

Legende zu den Problemfeldern

Kriminalität und Armut kleinere Differenzen bestehen. Bei der Hälfte der Themen besteht also Gleichgewichtigkeit, allerdings sind hieraus keine Ansätze zur Lösung der Probleme abzuleiten. Es dürfte jedoch für die Wahlentscheidung von großer Bedeutung sein, ob ein Kandidat auf ein bestimmtes Problem antwortet oder ob er es aus seiner Wahrnehmung ausblendet.

 

Im Bezug auf die reale Problemlage, wie sie sich in dem Bild für Gesamtfrankreich darstellt, bleiben beide Kandidaten deutlich hinter der allgemein in der Öffentlichkeit ablesbaren Bedeutung des Themas Europa zurück. Dagegen wir das Thema Arbeitslosigkeit wesentlich stärker in den Vordergrund gestellt, als es in der öffentlichen Wahrnehmung ausmacht..

Ein genaueres Bild von den Abweichungen zum öffentlichen Bild der Problemfelder liefert die nebenstehende Grafik. Hier wird nochmals die Ignoranz gegenüber dem Thema Europa deutlich, die bei Marine Le Pen wesentlich größer ist, als bei ihrem Gegenkandidaten. Weitere Defizite bestehen bei den Problemfeldern Anerkennung und Gewalt sowie besonders bei Macron auch das Thema Kriminalität. Besonderes Gewicht wird seitens der Kandidaten offensichtlich auf die Themen Arbeitslosigkeit und Terrorismus gelegt.

Addition aller Abweichungen (aus Minus wurde Plus)

Die Bedeutung der bevorstehenden Wahl kann man nach den vorgestellten Ergebnissen kurz auf den Nenner bringen: Frankreich wünsch eine Abstimmung über seine Rolle in Europa, doch es findet sich niemand, der das Volk erhört. Aber wer versteht das Volk am besten? Hierzu zum Schluss noch ein Bild, das aus der Summe aller Abweichungen von den Werten für ganz Frankreich resultiert (negative Abweichungen wurden hierbei als positive Werte behandelt). Hiernach ergeben sich klare Vorteile für Emmanuel Macron.

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