Archive - 2016

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Gefühle der Deutschen zum Jahresausklang 2016
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Arbeitslosigkeit in den USA und ihren Metropolen
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Deutschland nach dem Tod des vermutlichen Terrorattentäters von Berlin in Mailand
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Gefühle in Deutschland nach dem Terroranschlag in Berlin
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Quellen
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Angst in den USA
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Emotionen in Deutschland
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Kriminalität in den USA
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Anerkennung in den USA
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Mein Bild der USA

Gefühle der Deutschen zum Jahresausklang 2016

Es liegt wohl in der Natur des Menschen, dass er Gefahren eher wahrnimmt und im Gedächtnis behält, als freudige Erlebnisse. Der Erlebnisraum der Vergangenheit ist geschlossener und damit fassbarer als die vor uns liegende offene Zukunft. Was die Zukunft bringt, so sagen wir gerne, das wissen wir nicht. Manche helfen sich über dieses Angstpotential hinweg, indem sie sagen: „alles wiederholt sich“ und ihre Schränke mit modischer Kleidung reichen nach einigen Jahren schon nicht mehr aus. Das erhöht das Angebot in den Kleiderkammern wohltätiger Organisationen und eröffnet neue Marktnischen.

Zum Jahresende 2016

Zwei Wochen vor Jahresende

Noch nie habe ich so viele Jahresrückblicke in den Fernsehprogrammen gesehen, wie in diesem Jahr. Sollte 2016 mit einem Etikett versehen werden, so müsste nach dem darin vermittelten Eindruck darauf stehen: „Der internationale Terrorismus ist nun auch in Deutschland angekommen„. Hätte es dafür eines schlagenden Beweises bedurft, so hätte der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin als Beleg ausgereicht. Dieses Ereignis hat trotz der permanenten Präsenz in den Medien tiefe Einbrüche im Gefühlsleben der Deutschen verursacht. In der nebenstehenden Kurve der Trauer folgt unmittelbar auf den Tod von 12 Menschen und vielen Verletzten eine scheinbare Rückkehr zur Alltagsroutine, die jedoch das Niveau vor dem Anschlag nicht wieder erreichte. Statt dessen flaute die Stimmung erneut ab und hielt nun mehrere Tage an, obwohl es Weihnachten war.

Trends Ende 2016

Gefühlstrends zum Jahresende 2016

Die Kurve der Offenheit erreicht zum Jahresende einen Tiefpunkt und signalisiert damit, dass keine Bereitschaft zu Veränderungen besteht. Ob dieses eine Folge der Bedrohungssituation durch Terrorismus sein könnte bleibt abzuwarten.

In den längerfristigen Trends bildet sich der große Einfluss des Terroranschlags von Berlin ab. Die Trendlinie für den Qotienten aus Freude und Trauer zeigte nach der ersten Dezemberwoche eine sehr schwache Abwärtstendenz, die nun in katastrophische Verhältnisse übergegangen ist. Weitere Abwärtstrends sind beim Vertrauen, beim Glück, dem Mut und der Offenheit zu sehen. Unter dem Einfluss der Trauer ist auch der bisher gleichförmig verlaufende Gesamttrend in einen moderat abwärts verlaufenden Trend übergegangen.  Stabile Verhältnisse bestehen in den Trends von Kraft und Allgemeinbefinden (gut / schlecht). Wo die Not am Größten ist, da wächst die Hoffnung. Dieser „Weisheit“ entsprechend ist ein deutlicher Anstieg des Hoffnungstrends zu sehen, der noch am Anfang des Monats geichförmig verlief. Weitere positive Trends sind bei der Zufriedenheit und der Aktivität zu sehen. Bezüglich Aktivität kann die Vorbereitung zu den bevorstehenden Feiertagen ein auslösendes Moment sein. Hiermit wäre dann einmal mehr bewiesen, dass den Menschen nichts so sehr bewegt, wie die Sorge um das persönliche Wohlergehen.

Arbeitslosigkeit in den USA und ihren Metropolen

Das Thema Arbeitslosigkeit kann nicht kommuniziert werden, ohne eine Verständigung darüber, was Arbeit ist und wie diese in Beziehung zu Arbeitslosigkeit steht. Der Ursprung des Wortes Arbeit liegt im Dunkeln. Im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm ist darüber zu lesen: „ein uraltes, viel merkwürdige Seiten darbietendes Wort. Schon das Genus schwankt...“. Seine Bedeutungen reichen in die Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, die Physik und Philosophie sowie in die Kunst hinein. Es ist praktisch in allen täglichen Situationen gegenwärtig, außer in der Freizeit, die im allgemeinen Verständnis als Gegensatz zur Arbeit gilt. Es versteht sich fast von selbst, dass der Arbeit schicksalhafte Bedeutung zukommt. In der christlichen Bibel ist sie die Strafe Gottes für den Sündenfall der ersten Menschen.

Verfolgt man die Entwicklung des Menschen als Homo faber, als schaffendes Wesen, so wird deutlich, dass die Arbeit für den weit überwiegenden Teil der Menschheit gemäß dem biblischen Fluch zu allen Zeiten als Last empfunden wurde. Daran haben auch die Automatisierung seit dem zweiten Weltkrieg und die Einführung von Industrierobotern bisher nicht Entscheidendes ändern können. Der Hauptgrund hierfür liegt in der Abhängigkeit der meisten Menschen von dem durch Arbeit erworbenen Einkommen, dass die wirtschaftliche Grundlage dieser Menschen darstellt. Es ist daher nicht verfehlt, von einer Arbeitsgesellschaft zu sprechen.
Modelle für das zukünftige Zusammenleben in den Städten haben mit dem Einsetzen der Industrialisierung in England am Ende des 18. Jahrhunderts zwangsläufig auch die Organisation der Arbeit in räumlicher Zuordnung zu den Wohnungen der Arbeiter in Betracht ziehen müssen. Die städtischen Funktionen des Arbeitens und des Wohnens, im 20. Jahrhundert dann zusätzlich der Erholung und der Freizeit verwoben sich schließlich zu den komplexen städtischen Gebilden, die sich scharf von dem Leben auf dem Lande unterscheiden. Die „unberührte“ Landschaft ist deshalb für viele Menschen zu einem Sehnsuchtsraum geworden und droht in den Sog der Städte hineinzugeraten.
Wenn hier von Arbeitslosigkeit die Rede ist, so ist damit die prekäre wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation der überwiegend städtisch geprägten Bevölkerung in einem sehr umfassenden Sinn angesprochen, der mit anderen Problemfeldern wie Anerkennung, Armut, Familie, Schule, Gesundheit, Drogen, Mobilität, Miete, Kriminalität, Drogen und Konsumverhalten verbunden ist.

Grafik 1, Vergleich USA – Metropolregionen

Der Vertrauensbereich der Zahlen
Es handelt sich bei den hier verwendeten Daten um die „gefühlte“ Arbeitslosigkeit, d. h. die bewußt wahrgenommene und zum Ausdruck gebrachte Realität des Lebens in Arbeitslosigkeit. Eine bestimmte Definition im statistischen Sinn – etwa eine bestimmte Mindeststundenzahl der Tätigkeit oder eine zeitliche Regelmäßigkeit – liegt diesem Verständnis nicht zu Grunde. Es handelt sich vielmehr um die Vermischung aller subjektiv und statistisch möglichen Begrifflichkeiten in einem Komplexbegriff. Insbesondere ist hierbei zu bedenken, dass psychologisch gesehen Verdrängungs- und Verlagerungsprozesse innerhalb des Problemspektrums tendenziell zu geringerer Bedeutung der Arbeitslosigkeit führen, als sie nach den amtlichen Statistiken zu vermuten wären (siehe hierzu den obigen Umriss des Problemfeldes).

Grafik 2, räumliche Verteilung

Die aus Arbeitslosigkeit entstehende Scham wurde in der aus dem Jahr 1933 stammenden Untersuchung „Die Arbeitslosen von Marienthal“ dokumentiert – Erkenntnisse, die bis heute zum gesicherten Datenmaterial der Sozialforschung gehören. Die unter den Bedingungen von Arbeitslosigkeit und prekärer Beschäftigung entstehenden Forderungen an die Politik sind der Nährboden für populistische Parteien. Bereits einige Wochen vor der Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten beschrieb der linke Filmemacher  Michael Moore, warum Donald Trump gewinnen würde: Erstens: Der Niedergang der traditionellen Industriezentren in Michigan, Ohio, Pennsylvania und Wisconsin. Zweitens: Die wütenden weißen Männer, die durch mehr Rechte für Frauen, Schwule und Minderheiten um ihre Vorherrschaft fürchten. Drittens: die »unglaubwürdige« Hillary Clinton. Viertens: Der fehlende Mut der Demokraten, auf Berni Sanders zu setzen. Fünftens: Fanatische Protestwähler, die Kandidaten »auch dann wählen, wenn sie Blödsinn verzapfen, nur um dem kranken System eins auszuwischen«. In der räumlichen Verteilung der Arbeitslosigkeit findet sich eine Bestätigung dieser Prognose hinsichtlich der Industriezentren. Das Problem geht aber offensichtlich weit darüber hinaus, da auch die texanischen und kalifornischen Metropolen von dieser gefühlten Arbeitslosigkeit stark betroffen sind. Es kommt hierin ein starkes Gefälle zwischen Metropolen und ländlichen Gebieten zum Ausdruck, da die Abweichung zum Wert für die USA als Ganzem gravierend ist.

1 = Kriminalität; 2 = Anerkennung; 3 = Arbeitslosigkeit; 4 = Armut; 5 = Konsumkraft; 6 = Familie; 7 = Miete; 8 = Gesundheit; 9 = Mobilität; 10 = Schule; 11 = Drogen; 12 = Summe; blau = USA; rot = Deutschland

In der nebenstehenden Grafik sind die Problemfelder des Komplexes Arbeitslosigkeit im Vergleich zu Deutschland dargestellt. Es zeigt sich hier sehr deutlich, dass sich die beiden Länder in der Summe  (12) der Problemfelder kaum unterscheiden, wohl aber in der Gewichtung der einzelnen Probleme. Dort gibt es keine Übereinstimmung, jedoch spielt in beiden Ländern die gefühlte Arbeitslosigkeit unter den dargestellten Problemfeldern die geringste Rolle. Es kann daher davon ausgegangen werden, dass die Verdrängung und die Verlagerung des Problems Arbeit auf andere Problemfelder eine große Rolle in beiden Ländern spielt. Eine Folge dieser Zusammenhänge wird in dem Bemühen der Regierungen sichtbar, die Arbeitslosenstatistiken der gefühlten Arbeitslosigkeit durch Herausrechnen bestimmter Gruppen Minderbeschäftigter und zeitlich befristet nicht am Arbeitsmarkt vermittelbarer Arbeitnehmer weitgehend anzunähern.

 

Deutschland nach dem Tod des vermutlichen Terrorattentäters von Berlin in Mailand

Die unerwartet schnelle Zugriff der italienischen Polizei auf den vermutlichen Täter des grauenvollen Anschlags auf den Weihnachtsmarkt im Herzen Westberlins hinterlässt eine Vielzahl offener Fragen, deren Klärung durch den vom Täter selbst verursachten Tod durch Polizeikugeln eher erschwert als erleichtert wird. Dennoch versetzt es in Erstaunen, wieviel bereits in den ersten Stunden über Aufenthaltsorte und Absichten des Getöteten an die Öffentlichkeit gekommen ist. Auf Details möchte ich jetzt nicht eingehen, da zuviel noch im Dunkeln liegt. Vielmehr möchte ich kurz die Gefühlsreaktionen der Öffentlichkeit auf die jüngsten Ereignisse dokumentieren.

Der Verlauf der Gefühlskurven zeigt tendentiell eine Rückkehr zu dem Niveau vor dem Anschlag an. Insbesondere die Freude bzw. Trauerkurve zeigt eine nur kurz währende Ergriffenheit von den Ereignissen an, die darauf hindeutet, dass ein prozesshaftes Trauern im psychologischen Sinn nicht stattgefunden hat. Das schließt nicht aus, dass die unmittelbar Betroffenen in diesem Sinn sehr wohl tief getroffen sein können. Es zeigt sich aber auch, dass ein öffentliches Trauern in einer Haltung des „weiter so“ oder „jetzt erst recht“ eine echte Trauer der breiten Öffentlichkeit unmöglich macht. Das mag in der gegenwärtigen Gefährdungssituation unproblematisch sein, dürfte jedoch bei einer Ausweitung terroristischer Gefährdung auf größere und unbestimmbare Aufenthaltsorte von Menschen nicht mehr vertretbar sein – so wenig wie Kriege gegen die Zivilbevölkerung im Kriegsrecht toleriert werden (siehe Aleppo). Die Erweiterung des allgemeinen Lebensrisikos um die Gefahr des Terrorismus ist daher auf Dauer nicht akzeptabel, da – abgesehen von den selbstverständlich nicht hinnehmbaren Verlusten an Menschenleben – nicht geleistete Trauerarbeit zu dauerhaften psychischen Schäden führt.

Es ist aus den genannten Gründen erforderlich, den Ursachen des Terrorismus bereits jetzt den Boden zu entziehen, indem der Westen in einen breiten öffentlichen Dialog mit den islamischen Staaten eintritt. Voraussetzung hierfür ist, die gebetsmühlenartig wiederholten Positionen beiseite zu schieben und endlich an das Eingemachte heranzugehen. Hierzu gehören die Palästinenserfrage, Waffenlieferungen in die arabisch-magrebinische Region, schulische und wirtschaftliche Entwicklung dieser Region.

 

Gefühle in Deutschland nach dem Terroranschlag in Berlin

Die Beobachtung des Gefühlslebens in Deutschland via Internetrecherche zeigt neben mittel- und langfristigen Trends auch Reaktionen auf herausragende Tagesereignisse auf. Am Abend des Montags vor Weihnachten ereignete sich ein Anschlag auf den im Herzen Westberlins unmittelbar an der Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche abgehaltenen Weihnachtsmarkt mit bisher 12 Toten und zahlreichen – zum Teil schwer – Verletzten. Ein Sattelschlepper war ungebremst durch die Menge der Marktbesucher gefahren und hatte eine Spur des Grauens gelegt. Der Fahrer des LKW konnte fliehen, auf dem Beifahrersitz fand man einen durch Messerstiche und Pistolenschüsse getöten Mann, der den LKW für eine polnische Spedition gefahren hatte und seine Fracht bei einer Firma in Berlin abliefern wollte. Soweit der Sachverhalt.

Wer die Berichterstattung über dieses Ereignis in der Fernsehberichterstattung verfolgt hat wird ein Muster erkannt haben, das sich bereits aus den Terrorereignissen  in Paris und Brüssel bzw. dem Amoklauf in München herauskristallisiert hat: Abbruch des planmäßigen Programms und Übergang in eine Dauernachrichtensendung mit Lageberichten vom Geschehen vor Ort, Einschätzungen der Situation von „Terrorismusexperten“ – offensichtlich ein neuer Beruf, der noch keiner Áusbildungsordnung unterliegt – der Fernsehanstalten oder des Wissenschaftsbetriebes. Daneben wird schon der mittlerweile gut eingespielte Ablauf der politischen Reaktionen angefahren mit ersten Betroffenheitsadressen der Parteien und Regierungen, dann kommen die politischen Talkrunden zum Zuge mit den immer wiederkehrenden  Forderungen nach mehr Geld und Personal für Terrorprävention der Gewerkschaft der Polizei, Ausweisung und „Rückführung“ der üblichen Verdächtigen und Schuldzuweisungen je nach formaler Verantwortungslage. Gekrönt wird das Ganze durch die Betonung der Zuständigen, es bestehe bei allem was gesagt und getan werde, die Ungewissheit, wer genau was getan habe. Für mein Empfinden kann postfaktisches Agieren nicht besser illustriert werden.

Gefühle nach dem Terroranschlag in Berlin

Das Gefühlsleben nach dem Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin

Wie reagiert nun die Öffentlichkeit auf diesen postfaktischen Zustand? Erstaunlich gelassen! Im Verlauf der Gefühlskurven der vergangenen Woche ist ein deutlicher Einbruch im Empfinden von Freude – oder anderherum ein starker Ausdruck von Trauer – zu sehen. Diesem Effekt geht eine Art Aufweckerlebnis voraus, wie es in dem Verlauf der Aktivitätskurve zu sehen ist. Während die Trauer noch anhält, geht die Aktivität schon wieder auf das alte Niveau zurück. Gleiches gilt für die Veränderungsbereitschaft, die in der Kurve der Offenheit zum Ausdruck kommt.

Die in den übrigen Kurven auftretenden Ausschläge können nicht mit hinreichender Wahrscheinlichkeit auf das Terrorereignis zurückgeführt werden. An dem aus der Grafik ablesbaren Gesamtergebnis ist abzulesen, dass die Strategie des „Postfaktischen“ in der Lage ist, einen Wahrnehmungsraum zu schaffen, der es ermöglicht, unverändert in den gegeben Strukturen fortzufahren. Es wird damit eine vergleichbare Wirkung erzielt, wie sie nach dem 11. September 2001 in den USA mit dem Alarmsystem der „5 Codes“ geschaffen wurde. In diesem Warnsystem wurden fünf Warnstufen verwendet, die lediglich unspezifische Wahrscheinlichkeiten für einen Terroranschlag angaben, etwa wie im Wetterbericht die Regenwahrscheinlichkeit angegeben wird. Es fehlte an objektiven Kriterien für den Einsatz der entsprechend den Warnstufen aufgestockten Polizeikräfte. Diese erhielten nur vage Hinweise wie „möglich sind Anschläge auf das Eisenbahnnetz“. Vom logischen Standpunkt her ist es aber jederzeit möglich, dass auf Eisenbahnen wie Weihnachtsmärkte und große Menschenansammlungen allgemein Anschläge verübt werden können. Insoweit ist den abwehrenden Hinweisen der Innenminister in Deutschland ein realistischer Blick auf die Möglichkeiten zu bescheinigen.

Insgesamt ist die Gesamtproblematik des Terrorismus mit den eher hilflos wirkenden Reaktionen der politisch Verantwortlichen und der Medien eher dazu geeignet, die Gefahr in den Kanon der allgemeinen Lebensrisiken einzufügen, statt eine Diskussion über die tieferen Ursachen über die Reaktion fundamentalistischer religiöser oder vermeintlich religiöser Kreise – zu denen nicht nur gewaltbereite Islaministen, sondern auch z. B. Hindus, Evangelikale und sektiererische Buddhisten gehören – auf den in westlichen Gesellschaften grassierenden Materialismus zu führen. Von einer christlichen Restgemeinde wird zwar immer wieder mal der gemeinsame Ursprung und der gleiche Gott beschworen, auf den sich Christen, Juden und Moslems berufen, doch wird dem vor allem seitens gläubiger Moslems nur wenig Gewicht beigemessen, da nach ihrem Eindruck, den sie in der ach so christlichen Kultur gewinnen, der christliche Glaube nicht gelebt wird. So wird schließlich aus der Ausbeutung der mittelalterlich anmutenden Scheichs an Energiereserven und Arbeitssklaven ein Kampf gegen Ungläubige. Wiederholt sich hier vielleicht die Geschichte vom Beginn der Neuzeit, als Europas Könige ihre Schiffe über die Meere schickten, um die Reichtümer Asiens und des wiederentdeckten Amerika in ihre Gewalt zu bringen? Ist es nicht so, dass in den westlichen Szenarien einer postfossilen Zeit die Erdölstaaten als Machtfaktoren gar nicht mehr vorkamen? Auf solche Fragen Antworten zu erhalten wäre das Programm für den Einstieg in eine neue Weltfriedensordnung.

Quellen

Die Motivation zu diesem Internetprojekt verdanke ich zu einem großen Teil meiner beruflichen Tätigkeit als Stadtplaner. Die Stadtplanung besteht im Kern aus Abwägungsprozessen innerhalb verschiedener Interessen an der Nutzung des nur begrenzt zur Verfügung stehenden Raumes. Darin liegen oftmals die Ursachen für die langwierigen bau- und planungsrechtlichen Verfahren und es resultiert daraus ein sehr differenziertes Rechtssystem mit hohem Anspruch an Interessengerechtigkeit, das sich stark aus der seit den 1960-er Jahren entstandenen Rechtsprechung der Gerichte gebildet hat. Dennoch bleibt trotz hohem Rechtsstandard und flankierend eingesetzten Naturwissenschaftlichen Instrumenten ein Rest an nicht begründbaren Planungsentscheidungen bestehen, der dem kommunalpolitischen Willen der gewählten Ratsmitglieder unterliegt.

Wer sich selbst einmal prüft, wie die persönlichen Entscheidungen bei einer größeren Kaufentscheidung im privaten Bereich getroffen werden, wird wahrscheinlich feststellen, dass in vielen Fällen nach Abwägung aller Vor- und Nachteile und Vergleich der Alternativen nicht vergleichbare Unterschiede bestehen bleiben und am Ende entscheidet dann das „Bauchgefühl„. Ursachen hierfür sind nach meiner Ansicht die immer schneller ablaufenden Entscheidungsnotwendigkeiten in Verbindung mit einem beschleunigten Stoffumsatz innerhalb wirtschaftlicher Prozesse, denen auch der Fluss des Geldes unterliegt. Das zum Antrieb dieser Beschleunigung erforderliche „Bauchgefühl“ hat in den letzten Jahrzehnten im öffentlichen wie im privaten Bereich mehr und mehr Bedeutung erlangt, so dass „postfaktisch“ zum Wort des Jahres gewählt werden konnte. (Nebenbei bemerkt wird es auch in den zahllosen Fernseh-Quizsendungen nach dem Muster „Wer wird Millionär“ popularisiert und trainiert).

Auf dieser Seite habe ich einige Quellen zusammengestellt, die mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen zu tun haben, um den Bereich des Postfaktischen nicht zu groß werden zu lassen und andererseits auch den Bereich des Postfaktischen selbst genauer beleuchten zu können und wo möglich zu überwinden.Darunter befinden sich dann auch die Quellen dieses Projekts selbst.

Die Sammlung kann naturgemäss nicht abschließend sein und wird nach und nach ergänzt.

Integrale Theorie und Spiral Dynamics
Autor Titel Medium Umfang Bemerkungen
Ken Wilber Eros, Kosmos, Logos; Auszug aus dem Vorwort u. Inhaltsverzeichnis Buch 888 Seiten Die Grundlegung des integralen Weltverständ-nisses, gut verständlich geschrieben
Ken Wilber Das Wahre, Schöne, Gute. Geist und Kultur im 3. Jahrtausend; Buchbesprechung  Buch  540 Seiten Ausführliche Buchbesprechung des Deutschlandfunks; eine weitere Darstellung des Wilberschen Denkens in Anknüpfung an die Ewige Philosophie (Philosophia Perennis)
Ken Wilber Ganzheitlich handeln: Eine integrale Vision für Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Spiritualität; Leserrezensionen bei Amazon Buch 221 Seiten Gute Rezension von „Ein Kunde“
Don Edward Beck u. Christopher C. Cowan Spiral Dynamics: Leadership, Werte und Wandel Kindle Edition; Leserrezensionen bei Amazon Buch 531 Seiten Überwiegend positive bis enthusiastische Aufnahme der von den Autoren erarbeiteten Adaption der psychologischen Theorie von Clare Graves
Verschiedene Secret Wiki Internetprojekt entfällt Ausführliche Darstellung des Systems der Wertememe nach Don Beck und Christopher Cowan
Verschiedene Integrale Theorie Internet-Encyclopädie entfällt Wikipedia-Artikel zur Integralen Theorie als Basis für die Einordnung in das Spektrum von Philosophie und Psychologie mit weiterführenden Links
Verschiedene Ken Wilber Internet-Encyclopädie entfällt Wikipedia-Artikel zu Ken Wilber mit Darstellung seiner Theorie in den Grundzügen
Integrales Forum e. V. Integrales Forum Internetseite
entfällt umfangreiches Internetangebot mit aktuellen Informationen und weiterführenden Links; sehr zu empfehlen
Verschiedene Spiral Dynamics Internet-Encyclopädie entfällt Wikipedia-Artikel mit Darstellung der Grundzüge
Verschiedene Don Beck Internet-Encyclopädie entfällt relativ kurzer Wikipedia-Artikel, hauptsächlich mit biografischen Angaben
Verschiedene
Clare W. Graves Internet-Encyclopädie entfällt Wikipedia-Artikel zu dem Entdecker der psychologischen Grundlagen der Spiral Dynamics mit kurzer Darstellung des Entwicklungsmodells

Angst in den USA

Angst gehört zur emotionalen Grundausstattung des Menschen. Es ist ein Grundgefühl, das sich in als bedrohlich empfundenen Situationen als Besorgnis und unlustbetonte Erregung äußert. Auslöser können dabei erwartete Bedrohungen etwa der körperlichen Unversehrtheit, der Selbstachtung oder des Selbstbildes sein. Krankhaft übersteigerte Angst wird als Angststörung bezeichnet.
Es erscheint naheliegend, dass sich Angst in besonderer Weise als Werkzeug der Disziplinierung, Unterdrückung und Machtausübung eignet, wie es die Geschichte der Religionen und der weltlichen Herrscher zeigt. Dennoch leben wir nach Ansicht vieler Wissenschaftler in einer Zeit des Übergangs. Je nach Disziplin und politischer Grundüberzeugung werden hierbei unterschiedliche Schwerpunkte herausgestellt. Für die Einen sind es die zu Ende gehenden Ressourcen, die zu radikalen Veränderungen auf dem Planeten Erde führen müssen, für mehr geisteswissenschaftlich orientierte Menschen sind es die Konflikte zwischen den Kulturen, die zur Umkehr mahnen und die Gefahren des damit verbundenen Terrorismus heraufbeschwören, wieder andere tendieren zu einer Ökodiktatur, die als einzig mögliche Rettung vor dem drohenden Klimakollaps gerechtfertigt sei. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Allgemein ist es die Angst vor der drohenden Katastrophe, die uns in solchen Szenarien begegnet.
Der Psychoanalytiker Arno Gruen charakterisiert die unter den Bedingungen der europäischen Aufklärung entstandene Kultur als »Gleichsetzung von ›Größe‹ mit ›Fortschritt« womit die Technik zur treibenden Kraft in der Entwicklung des Menschlichen geworden sei. So kam es zu einer »Umpolung der Motivationen, die Macht, Unterwerfung und das Beherrschen anderer förderten, wodurch das Menschliche, die Empathie und die damit verbundenen Fähigkeiten«, zweitrangig wurden. Die Bewunderung von Siegern, die Propagierung von Heldentum und durchsetzungsfähigen Typen sei die Kehrseite der Missachtung und Zurücksetzung des Weiblichen, das mit Verletzlichkeit, Empfindlichkeit, Bedürftigkeit und Angst in Verbindung gebracht wird. »Die Geschichte der großen Zivilisationen ist die Geschichte der Unterdrückung unserer empathischen Natur.« Alles Lebendige stellt ein potentielles Hindernis der Entwicklung dar und muss deshalb beherrscht, kontrolliert, besessen und bekämpft werden. Wer dazu nach Macht strebt oder sich dafür der Macht unterwirft, verliert die Fähigkeit, »das eigene empathische Erleben wahrzunehmen, weil dies mit Angst und Unsicherheit als Zeichen von Schwäche gebrandmarkt« ist. Der Verlust des eigenen Mitgefühls, wird zur Destruktivität nach innen und außen. In diesem Prozess sieht Gruen die Ursprünge des Terrorismus, der nur durch eine Erneuerung der Gesellschaft mit dem Ziel einer Wiederbelebung empathischer Fähigkeiten zum Verschwinden gebracht werden kann.
Der New Yorker Politikwissenschaftler Corey Robin hat in seinem Buch „Fear. The History of a Political Idea“ (Angst. Die Geschichte einer politischen Kraft) die These entwickelt, dass Angst seit der Moderne die Politik ersetzt, sobald kollektive Angstphänomene auftreten. Als typisches Beispiel führt er die Folgen des Terroranschlags auf das World Trade Center an: Nach dem Anschlag sei die Angst politisch instrumentalisiert worden. „Starke Männer“ hätten erklärt, dass sich die Nation gegen eine ständige Bedrohung von außen wehren müsse. Und dass sie, die starken Männer, die Garanten dafür seien, diese Bedrohung abwehren zu können.
Die Instrumentalisierung der Angst ist als enge Verbündete struktureller Gewalt innerhalb der Menschheitsentwicklung ständig gegenwärtig gewesen. Innerhalb seines Systems der Entwicklungsebenen beschrieb der Psychologe Clare Graves die gegenwärtige Situation als Übergang von der ersten Ordnung (die ersten sechs Werte-Meme zur zweiten Ordnung innerhalb der Entwicklungsspirale der Evolution:
Nachdem die menschliche Erkenntnis von begrenzten tierähnlichen Bedürfnissen und den zwingenden Überlebensforderungen (Beige in Spiral Dynamics), von der Angst vor Geistern (Purpur in Spiral Dynamics) und anderen räuberischen Menschen (Rot in Spiral Dynamics), von der Angst, die geheiligte Ordnung zu verletzen (Blau in Spiral Dynamics), von der Angst vor seiner Gier (Orange in Spiral Dynamics) und von seiner Angst vor sozialer Ablehnung (Grün in Spiral Dynamics) eingeengt war, ist sie nun (Anm.: in der zweiten Ordnung) plötzlich frei. Da seine Kräfte jetzt frei für eine Aktivierung des Denkens sind, kann sich der Mensch auf sein Selbst und seine Welt konzentrieren (Gelb, Türkis und alle folgenden Werte-Meme in Spiral Dynamics).“
Um seine Aufgabe zu erfüllen, Bedrohungen „vorauszusehen, zuvorzukommen und abzuwenden“, benutzte die US-Regierung bis zum 27. April 2011 ein fünf Stufen umfassendes, auf Farben basierendes Homeland Security Advisory System, um die angenommene Gefahrenlage anzuzeigen: Grün, Blau, Gelb, Orange, Rot. Eine ähnliche Skala wurde schon seit den Zeiten des Kalten Krieges vom US-Militär verwendet, um den Verteidigungszustand der Streitkräfte anzuzeigen. Er wurde als DefCon bekannt. Das Homeland Security Advisory System wurde unter anderem von Michael Moore in seinem Film „Fahrenheit 9/11“ kritisiert, weil es der Regierung durch Anhebung der Gefahrenstufe ermögliche, die Medienaufmerksamkeit auf sich und von gewissen anderen Ereignissen abzulenken.
Ein weiterer Kritikpunkt besteht darin, dass noch nie objektive Kriterien für die Warnstufen veröffentlicht wurden. Dazu wurde von Sicherheitsexperten das Warnsystem hinterfragt, weil die Warnhinweise viel zu wenig konkret sind. Die Polizeikräfte wurden zwar bei einer erhöhten Alarmstufe aufgestockt, doch sie erhielten nur vage Hinweise wie „möglich sind Anschläge auf das Eisenbahnnetz“. Vom logischen Standpunkt her ist es aber jederzeit möglich, dass auf Eisenbahnen Anschläge verübt werden.

Seit dem 26. April 2011 wurde das Homeland Security Advisory System durch das zweistufige National Terrorism Advisory System ersetzt. Es unterscheidet nur noch in „current alerts“ (aktuelle Warnungen) und „Bulletins“ (Bekanntmachungen zu abgelaufenen Warnungen). Die Warnungen sollen nur dann ausgesprochen werden, wenn spezifische und glaubwürdige Informationen über eine terroristische Bedrohung der Vereinigten Staaten vorliegen. Hierbei wird in erhöhte Alarmbereitschaft und akuten Alarm unterschieden.

Daneben wurde den privaten Haushalten seitens der US-Sicherheitsbehörden empfohlen, einen eigenen Notfallplan zu erstellen und sich fortlaufend über die Möglichkeiten zum eigenen Schutz zu informieren.

Vor allem das bis 2011 geltende Terror-Warnsystem sorgte für die permanente Präsenz der Gefahr und war dazu geeignet, Angst zu schüren, ohne greifbare Ansätze für Schutz und Gefahrenabwehr anbieten zu können. Statt dessen passierten weitere Terroranschläge, die den Eindruck von Ohnmacht in der öffentlichen Meinung verstärkten. Vor allem stellten sich kurzfristig und bis in die Gegenwart hinein wirtschaftliche Verluste ein, wie z. B. ein deutlicher Kurseinbruch an der Börse, ein dramatischer Rückgang des Konsumklimas und ein ebenso dramatischer weltweiter Rückgang der Passagierzahlen im Flugverkehr. Der weltweite Flugverkehr reduzierte sich 2001 um 2,7 Prozent – vor allem Airlines in den USA litten darunter enorm. United, US Airways und Delta wurden mit rund 15 Milliarden Dollar vom Staat gestützt. Wie sehr die Fluglinien zu kämpfen hatten, zeigt der Blick auf den Dow Jones US Airlines Index: Lag er am Tag vor den Anschlägen noch bei etwa 190 Punkten, so befand er sich noch 10 Jahre später bei etwas über 50 Punkten und erreichte schließlich im Januar 2015 ein neues Hoch bei 270 Punkten. Der Index hat jedoch die in der Erholungsphase bestehende Kontinuität verloren.

Nicht nur an der Börse ist die Angst vor neuen Terroranschlägen zu spüren. Seit den Anschlägen vom 09.September 2001 ist die Anwesenheit von air marshals in den Flugzeugen verstärkt worden und die Personenkontrolle in den Flughäfen intensiviert worden, so dass die Terrorgefahr im Bewusstsein der Flugreisenden ständig präsent ist.

Als Symbol des westlichen Lebensstils ist New York in besonderem Maße von Terroranschlägen bedroht und entsprechend stark ist hier die Polizei im Straßenbild und im Luftraum über der Stadt mit 8 Hubschraubern anwesend. Vor allem die aus der Luft geführten Terrorangriffe haben dazu geführt, dass die Sicherheit gewährende geografische Situation New Yorks und der USA insgesamt relativiert wurde und eine neue Dimension für Bedrohungsszenarien eröffnet hat.

"Gefühlte" Kriminalität in den USA

„Gefühlte“ Kriminalität im Vergleich USA – Deutschland und im Verhältnis zu anderen Problemfeldern. 1=Kriminalität; 2=Anerkennung; 3=Angst; 4=Arbeitslosigkeit; 5=Armut; 6=Teuerung; 7=Familie; 8=Miete; 9=Freizeit; 10=Gesundheit; 11=Gewalt; 12=Mobilität; 13=Offenheit; 14=Schule; 15=Verschmutzung; 16=Rassismus; 17=Drogen

In der nebenstehenden Übersicht über das untersuchte Problemspektrum liegt die Bedeutung der Angst im oberen Mittelfeld des Problemspektrums. Auffällig ist im Vergleich zu Deutschland, dass nicht nur der Stellenwert im Gesamtspektrum mit den USA gleichzusetzen ist, sondern auch, dass es innerhalb des Mittelfeldes das einzige Problemfeld ist, in dem ein nahezu gleiches Niveau der beiden Länder besteht. Es erscheint mir nicht zu gewagt, hierin – in Abwandlung des für das informelle Bündnisses anläßlich des Irakkriegs 2003 geprägten Begriffs der „Koalition der Willigen“ – einen Beleg für die „Koalition der Angst“ zu sehen, in die jene „Koalition der Willigen“ übergegangen ist.

Angst in den Vereinigten Staaten und in ihren Metropolen

Angst in den Metropolen der USA

Karte mit den 11 Metropolen der USA für das Problem Angst.

Angst in den USA als räumliche Verteilung dargestellt

In der Balkengrafik für die 11 Metropolen der USA tritt erwartungsgemäß New York hervor. Das gleiche Niveau wird jedoch auch in Miami erreicht. Hier sind neben dem hohen Grundniveau der Angst in den USA die besonderen Verhältnisse in Miami als Ursachen in Erwägung zu ziehen. Vor allem sind es die Angst vor Arbeitslosigkeit und mangelnde Freizeit die hier überdurchschnittliche Probleme darstellen. Dabei spielt die ethnische Struktur mit vielen Hispanics und der Rassismus ebenfalls eine Rolle. Für den ebenfalls herausstechenden Wert von Atlanta ist darauf hinzuweisen, dass sich dort der größte Flughafen nach Passagierzahlen in den USA befindet und von daher die Wahrscheinlichkeit terroristischer Aktionen erhöht ist.

Generalisiert und als Karte dargestellt ergibt sich für die Metropolen Philadelphia, Dallas, Los Angeles und San Francisco eine nahe dem Landeswert liegende Verbreitung von Angst. Die Metropolen Boston, Chicago, Washington und Houston liegen deutlich unter dem Landeswert. Gründe hierfür liegen wahrscheinlich in den strukturellen Gegebenheiten vor Ort und können hier nicht weiter erörtert werden.

Emotionen in Deutschland

Seit dem 24.07.2016 habe ich – zunächst täglich, dann sporadischer – 11 Kriterien ermittelt, die einen Querschnitt durch das Gefühlsleben der Menschen in Deutschland ergeben. Die Kriterien wurden als Quotienten aus jeweils zwei Gegensatzpaaren errechnet, z. B. das Kriterium Glück aus der Zahl der Fundstellen im Internet für die Begriffe Glück und Unglück. In die Berechnung geht in diesem Beispiel Glück als positiver Wert ein, Unglück dagegen als negativer Wert. In vergleichbarer Weise wurde für die übrigen 10 Gefühlszustände verfahren. Die Ergenisse sind nachfolgend in der Form von Trendlinien grafisch dargestellt.

Die ermittelten Trends verlaufen bis auf die Gefühlswerte Offenheit und Aktivität im positiven Bereich. Während die in Aubergin dargestellte Trendlinie für Aktivität auf gleichbleibendem Niveau verläuft, ist für die in Dunkelgelb dargestellte Linie für Offenheit eine schwach steigende Tendenz zu sehen. Hierbei kann Offenheit als Hinweis auf eine wachsende Veränderungsbereitschaft verstanden werden, die hier jedoch nicht weiter spezifiziert wird, wahrscheinlich aber auch politische Bewegung einschließt.

Am deutlichsten treten Vertrauen und Zufriedenheit in Erscheinung. Der Trend bezüglich Vertrauen verläuft in einer stark abwärts gerichteten Linie. Zufriedenheit verhält sich annähernd spiegelbildlich dazu. Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen diesen Gefühlswerten bietet sich jedoch nicht an. Denkbar wäre vielleicht eine spezielle Ausprägung von Zufriedenheit, die als Selbstzufriedenheit darüber bezeichnet werden könnte, dass man die Hemmungen überwunden hat, einer geliebten Person oder geschätzten Institution nach langem emotionalen Ringen endlich das Vertrauen entzogen zu haben. So gesehen steht es für Auflösungstendenzen der Gesellschaft, die sich auch in der zunehmenden Offenheit nieder schlagen.

Auffällig sind zwei Trendverläufe, die jeweils Bündelungen von zwei Einzeltrends darstellen. Es handelt sich um Glück und ein unspezifisches Allgemeinbefinden, das durch die Antagonismen gut und schlecht charakterisiert wird sowie um Hoffnung und den als Summe aller Trends ermittelten Gesamttrend. Beide Paarungen verlaufen waagerecht und können plausibel erklärt werden. Sowohl Glück und Unglück wie auch gut und schlecht haben durch das tägliche Erleben der Welt und das Handeln in den unterschiedlichsten Situationen eine so große Verbreitung, dass sich beide Seiten jeweils die Waage halten.

Bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt, sie enthält also das gute Leben in seiner ganzen Potenz, genau wie durch die hier versammelten Gefühlswerte ein umfassendes Spektrum des Gefühlslebens erfasst wird. Dieses Ergebnis kann als Hinweis darauf gelesen werden, dass die angewandte Methode durchaus realistische Ergebnisse liefert.

 

 

 

Kriminalität in den USA

Was ist Kriminalität?

Der hier verwendete Begriff der Kriminalität stimmt mit keiner der gebräuchlichen Definitionen aus den Rechts- und Kriminalwissenschaften überein. Er könnte am ehesten als „populäre Auffassung“, als Volkes Meinung über Kriminalität aufgefaßt werden. Damit kommt er jedoch seinem politischen Gehalt näher als wissenschaftliche Definitionen, die zwangsläufig von einem bestimmten Konstrukt ausgehen.

Es ist auf Grund der nicht zu umgehenden subjektiven Wahrnehmungen von Kriminalität und der gegenüberstehenden statistischen Definition des Staates nicht verwunderlich, dass die „gefühlte“ Kriminalität erheblich von der Kriminalitätsstatistik abweicht. In einer Repräsentativbefragung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) im Jahr 2004 wurden 2000 Menschen nach ihrer Einschätzung der Kriminalitätsentwicklung gefragt: Die Befragten waren der Meinung, die Kriminalität in Deutschland habe in den vergangenen zehn Jahren erheblich zugenommen. So schätzten Sie, die Zahl der Wohnungseinbrüche sei um etwa 40% und die der Sexualmorde gar um 260% gestiegen. Die statistische Wirklichkeit zeigte jedoch, dass die Zahl der Wohnungseinbrüche um 45% und die der Sexualmorde um etwa 40% zurückgegangen war.

Dieser Widerspruch wird von Kriminologen damit erklärt, dass die Öffentlichkeit eine Überstimulation durch die Medien erfährt, die zu einem kollektiven Klima der Angst führt. Diese Situation werde mit einer Politik des starken Staates beantwortet, die sich z. B. darin ausdrückt, dass immer rigoroser gegen Straftäter vorgegangen werde. So hätten im Jahr 2002 in den alten Bundesländern noch 38.000 Menschen in Haft gesessen während es im Jahr 2004 bereits schon 53.000 waren – obwohl immer weniger Straftaten begangen wurden.

Unter dem Begriff Kriminalität sind eine Vielzahl verschiedener strafbarer Handlungen zusammengefaßt, die hinsichtlich ihrer sozialen und politischen Bedeutung eine differenzierte Betrachtung erfordern. So kommt es, dass auf Grund der Zunahme spezieller Delikte wie z. B. Sexualdelikte von Migranten öffentlich über diese Probleme diskutiert wird und politische Konsequenzen gefordert werden. Hierbei werden die Ursachen oft einseitig dargestellt und die – oft lautstark geforderten – Lösungen auf Handlungsoptionen des Staates ausgerichtet, die objektiv wegen entgegenstehendem internationalen Recht nicht möglich sind und sich aus verfassungsrechtlichen Gründen verbieten. Die populistisch angeheizten öffentlichen Reaktionen werden darüber hinaus der notwendigen differenzierten Betrachtung und Ahndung der Delikte nicht gerecht und nehmen in einigen Orten Deutschlands bereits pogromartigen Charakter an.

Anerkennung in den USA

Jeder braucht Anerkennung

Beim Begriff Anerkennung handelt es sich um einen weitreichenden Ausdruck der Sozialwissenschaften und der Psychologie. Mit ihm werden kommunikative Beziehungen zwischen Personen, Gruppen und Institutionen angesprochen, welche die jeweils bestehenden Eigenschaften der miteinander kommunizierenden Personen bzw. Gruppen als gegeben akzeptieren und ihnen Rechnung tragen. Die Anerkennung beruht hierbei auf Gegenseitigkeit und beinhaltet neben dem Austausch von Informationen auch die Teilnahme an Entscheidungsprozessen und Handlungen, die sich innerhalb der kommunikativen Beziehungen ergeben.

Darüber hinaus wird der Begriff Anerkennung auch als Synonym für Akzeptanz, Lob oder Respekt verwendet.

Gegenseitige Anerkennung gilt als notwendig für jede Art von Zusammenleben, beispielsweise in der Ehe, in der Familie, in einer Schulklasse oder im Beruf. Wird ein Gruppenmitglied nicht anerkannt, gerät es in Gefahr, zum Außenseiter zu werden.

Jeder Mensch braucht Anerkennung, die er im Regelfall zunächst in der Familie oder in familienähnlicher Gemeinschaft erfährt. Sie ist eng verknüpft mit der Entwicklung eines guten Selbstwertgefühls und dem daraus entstehenden Selbstvertrauen, dem Gefühl, etwas bewirken oder verändern zu können und das eigene Leben gestalten zu können. In der Beziehung zwischen Säugling / Kleinkind und Beziehungspersonen bildet sich neben dem Empfinden der eigenen Person auch die Identität im Verhältnis zur Umwelt – und damit die Fähigkeit zur Interaktion mit fremden Personen – heraus.

Im Säuglings- und Kleinkindalter findet die Kommunikation zwischen Mutter und Kind nonverbal statt, so dass Gestik und Mimik sowie Laute eine wichtige Rolle spielen. Es ist zur Aufrechterhaltung der Kommunikation erforderlich, dass die in dieser Phase geäußerten Bedürfnisse von der Mutter nicht nur befriedigt werden, sondern auch anerkannt werden. Das Kind muss z. B. nicht nur spüren, dass die Mutter oder der Vater jetzt gern mit ihm spielt, sondern auch, dass es der Beziehungsperson gefällt, was das Kind macht. Das bringt die Person in der Art zum Ausdruck, wie sie an dem Spiel teilnimmt.

Im sozialanthropologischen Sinn handelt es sich bei der Beziehung zwischen Bezugsperson und Kind um ein Paradoxon, das sich aus aus dem Bedürfnis des Kindes nach Anerkennung und seinem mit zunehmendem Alter wachsenden gleichzeitigen Bestreben nach Unabhängigkeit ergibt. Dieses Problem existiert bereits von früher Kindheit an. Ein Kind will nicht nur unabhängig werden, sondern auch als unabhängig anerkannt werden, und zwar genau von der Person, von der es am meisten abhängig ist.

Das Problem der Anerkennung im gesellschaftlichen Rahmen hat sich erst seit der Auflösung traditioneller Gesellschaftsstrukturen wie Klassen, Milieus und Statusgruppen eingestellt. Solange diese Formationen dem Individuum noch vorgaben, wer es zu sein habe, genoß die Identität der Person eine selbstverständliche Anerkennung. Heute ist dagegen Anerkennung nur in einem Austauschprozeß zu gewinnen, in dem das Individuum allerdings auch scheitern kann.

Dem Sozialpsychologen Heiner Keupp zu Folge setzt sich das Gefühl der Anerkennung aus drei eng miteinander verwobenen Elementen zusammen, in denen sich ein klassisches Identitätsthema (die ineinander verschlungene Innen- und Außenbeziehung) widerspiegelt. Es handelt sich dabei um die

  • Aufmerksamkeit von anderen,
  • Positive Bewertung durch andere und
  • Selbstanerkennung.

„Mit jeder Situation verknüpfen wir Erfahrungen entlang der obengenannten Dimensionen (erzählen wir uns und anderen Geschichten, ob wir wahrgenommen werden, wie der / die anderen mich bewertet haben, wie ich mich selbst bewerte). Zum Anderen bildet es sich als generalisierte verdichtete Erfahrung im Identitätsgefühl eines Subjekts ab. Eine besondere Relevanz kommt in beiden Fällen realisierten Identitätsprojekten zu. Aus ihnen erfahren wir die wichtigsten Impulse für das Gefühl der Anerkennung.
Erst wenn alle drei Elemente ‚erfüllt‘ sind, kann eine erfahrene Selbstthematisierung ihre ‚anerkennende‘ Wirkung entfalten. Fehlt eine der drei Komponenten, bleibt die Anerkennung unvollständig und wird vom Subjekt mit Zweifeln erlebt“.

Keupp unterscheidet vier Gefährdungsvarianten:

  • Keine Aufmerksamkeit (häufig Isolierung des Individuums, indem niemand Notiz von ihm nimmt),
  • erfahrene Aufmerksamkeit, aber wenig positive Bewertungen (z. B. Mitläufer in einer Jugend-Clique, häufig verminderte Selbstanerkennung),
  • trotz Aufmerksamkeit und erfahrener positiver Wertschätzung durch signifikante Andere wenig Selbstanerkennung (typische Pessimisten, die hinter jedem Lob eine arglistige Täuschung vermuten, traumatische frühere Erfahrungen),
  • hohe Selbstwertschätzung, die mit wenig Rückbezug auf geäußerte positive Bewertung und Aufmerksamkeit anderer gelebt wird (egoistisch, narzißtisch, auf Konkurrenz und Gefühl der Überlegenheit aufgebaut, scheitert bei fehlender Aufmerksamkeit durch den Anderen!)

Auf der Ebene der Gesellschaft wird Anerkennung in der subjektiven Perspektive immer noch weitgehend durch Arbeit vermittelt, obwohl es die Gesellschaft, auf die sich die Erwartungen richten, nicht mehr gibt. Hierbei ist allerdings zu beachten, dass bereits seit der Antike eine gesellschaftliche Differenzierung der Arbeit in ehrenvolle einerseits und schmutzige sowie unwürdige Tätigkeiten andererseits unterschieden wurden. Diese Differenzierungen bestehen unausgesprochen bis in die Gegenwart hinein. Sie sind eng mit einem Bildungssystem verknüpft, das die Zugänge zu Berufen durch Gesetze und Verordnungen, wie auch informell regelt. Die traditionelle Verkoppelung von wirtschaftlicher Existenz, Handlungsfähigkeit, Integration und Anerkennung mit der Erwerbsarbeit zeichnet sich jedoch seit einigen Jahren als kulturrevolutionärer Prozeß ab, der sowohl in seiner Dauer als auch in seiner umwälzenden Potenz dem der Emanzipation der Frau in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen nicht nachsteht und mit diesem selbst eng verknüpft ist. Als Lösungsansätze werden u. a. Modelle diskutiert und erprobt, die eine Entflechtung von Arbeit und Einkommen zum Ziel haben und eine grundlegende Neubewertung der Arbeit zur Folge haben.

Mein Bild der USA

Oberflächlich betrachtet – Das Traumland

Etwa Mitte der 1990-er Jahre war es, als unsere 19-jährige Tochter von einer Reise durch Osteuropa aus Prag anrief und fragte, ob sie einen US-amerikanischen Freund für etwa eine Woche mit nach Hause bringen dürfe. Platz dafür war im Haus einer Bekannten vorhanden, Offenheit für neue Eindrücke ebenfalls. So erschien denn Dereck wenige Tage später mit unserer Tochter bei uns zu Hause in Ahlen. Derek war eine imposante Erscheinung – ein zwei Meter Mann von wenig mehr als zwanzig Jahren, er hatte in Boston Musik studiert und befand sich auf Europa-Reise. Nebenbei brachte er einige Kostproben seiner Electronic-Musik unter das Volk. Als Fan der deutschen Elektronik-Pioniere von „Kraftwerk“ hatten wir bald etwas Verbindendes und ich konnte unverzagt die erste LP der Gruppe hervor holen und natürlich auch vorspielen. Derek war begeistert.

Es war wohl auch an demselben Abend, als ich etwas im Überschwang die Bemerkung fallen ließ, mit seinen zwei Metern komme er mir wie ein Alien vor. Dereks Gesicht nahm unvermittelt sehr ernste Züge an und ich wusste, dass ich in ein Fettnäpfchen getreten war. Die Situation klärte sich bald dahingehend auf, dass seine Mitstudenten in Boston ihn ständig mit dem Bezug auf Aliens gehänselt und genervt hatten. Diese Erfahrung machte mir auf peinliche Weise klar, dass die Auffassungen selbst so abseitiger Fragen, wie der nach der Existenz von Aliens einen völlig von Europäern verschiedenen Stellenwert haben können und dass ich doch nur ein sehr lückenhaftes Wissen über das Leben in den USA habe. Das bestätigte sich in den Gesprächen der übrigen Tage immer wieder.

Wasserturm in Ahlen

Wasserturm in Ahlen

Auch die Auffassung von Kulturwerten zeigte sich im unvermuteten starken Interesse an technischen Kulturgütern, wie dem – allerdings wirklich sehr schönen – Wasserturm am südlichen Stadtrand von Ahlen. Am Tag seiner Abreise fragten wir Derek, wohin die Reise ihn nun führe. Seine Antwort gab uns erneut ein Rätsel auf: Er flöge nun in die USA zurück und werde dort zunächst in der Umgebung von Boston einen „Führerschein“ besorgen. Mit Staunen erahnten wir mehr als das wir es verstanden, dass er auch als Fußgänger einen „Führerschein“ benötige um sich von der Polizei unbehelligt im öffentlichen Raum aufhalten zu dürfen.

Derek hatte unser Interesse an den USA auf eine andere Ebene gebracht und unsere Begegnung führte zu einer stärkeren Aufmerksamkeit für alles, was im täglichen Leben mit den USA zu tun hatte. In den letzten Wochen sorgten die Medien dafür, dass diese Aufmerksamkeit zu dem Wunsch führte, mein Bild der USA in einem Beitrag zu diesem Blog zu beschreiben.

In meiner Sammlung der Amerika-Erinnerungen tauchten zunächst die Tarzan-Hefte auf, die in der Schule unter den Bänken weitergereicht wurden, da sie von den Lehrern verboten waren und sofort konfisziert wurden, wenn man sich damit erwischen lies. Als nächstes tauchten die aus den USA stammenden Fernsehserien in meiner Erinnerung auf, die in den 1960-er Jahren in unsere Familie Einzug hielten. Meine Lieblingsserien waren „Mister Ed“ – das sprechende Pferd und „Bezaubernde Jeannie“ – eine Parodie auf Militär und Weltraum-Ambitionen der USA. Weitere Serien waren „Lassie“, „Flipper“, „Bonanza“ oder „Perry Mason“, die für die Weckung des Guten im Menschen und die Verurteilung des Bösen sorgten.

In dieser Zeit trat für mich aber auch eine andere Seite der USA zu Tage. Wir wohnten in Schmedehausen, einer Bauerschaft auf dem Gebiet des münsterländischen Greven, wo an einem Sonntagnachmittag im Saal der Dorfkneipe ein Dokumentarfilm über die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki gezeigt wurde. Der Saal war bis zum letzten Platz gefüllt und es wird nur wenige in Schmedehausen gegeben haben, die diesen Film an jenem Sonntag nicht gesehen haben. Der Film hatte seine Wirkung nicht verfehlt: Betroffen und schweigend verließen die Zuschauer nach dem Ende des Films den Saal. Verstört verließ ich mit meinen Eltern den Saal, noch ohne eine Ahnung davon, was diese Erfahrung mit mir und dem Leben im Hier und Jetzt zu tun haben könnte. Doch das änderte sich schon bald: Die Schrecken des Atomkriegs tauchten von nun an immer wieder in Alpträumen auf und übertrugen sich auf die direkte Konfrontation mit den Tieffliegern, die mit höllischem Lärm ihre Übungen vor unserer Haustüre absolvierten. Meine Angst vor einem Atomkrieg erreichte einen Höhepunkt zur Zeit des Baus der Berliner Mauer 1961, als Militärkolonnen unübersehbar die Straßen in Besitz nahmen. Statt des von den Politikern eingeforderten Mitgefühls für die vom Mauerbau betroffenen Menschen wuchs in mir die Hoffnung, dass es zu keiner militärischen Reaktion der Amerikaner kommen würde.

Ein anderes Amerika zeigte sich in meiner Bücherwelt, in der die Indianergeschichten von Karl May und später auch der „Lederstrumpf“ von James Fenimore Cooper einen Schwerpunkt bildeten. Dieses Amerika hatte mehr vom „edlen Wilden“ – den Indianern – als vom ausgewanderten Europäer, der eine freiere und bessere Welt erschaffen wollte. Letzterer war bei Karl May in der Figur des Old Shatterhand verkörpert und stellte eine Minderheit des „weißen Mannes“ dar. Mit ihm konnte ich mich gut identifizieren und er stand Pate, als ich mich mit 14 Jahren für einen Beruf entscheiden musste. Es sollte ein Beruf sein, der meinen schulischen Stärken entsprach und daher mit Mathematik zu tun haben würde. Unsere Nachbarin hatte ein Übriges getan und meiner Mutter eingeredet, der Junge sollte doch zusehen, dass er bei einer Behörde unterkommen könnte – und das 10 km entfernte Münster war (und ist es noch) voll von solchen Einrichtungen. In dieser Ausrichtung fiel mir Old Shatterhand ein, der im wilden Westen als Landmesser beim Eisenbahnbau unterwegs war und ich trat eine Lehre zum Vermessungstechniker beim Katasteramt an. Zu dieser Zeit schenkte mir meine Mutter den Roman „Frühling des Lebens“, der 1939 von der Amerikanerin Marjorie Kinnan Rawlings geschrieben wurde und die Geschichte eines 13-jährigen Jungen erzählt, der in Florida auf einer Farm lebt und eine innige Beziehung zur Natur entwickelt. Sein weiteres Schicksal würde durch die harte Arbeit als Farmer bestimmt sein und wenig Platz für Sentimentalitäten lassen. Auch hier kam ein Wesenszug des amerikanischen Pioniers zum Vorschein, der meiner Lebenssituation nahe war und mich in meiner Berufswahl bestärkte – nämlich nicht Bauer sein zu wollen und dennoch in frischer Luft und freier Natur arbeiten zu dürfen. Diese Vorstellungen musste ich allerdings im Bürobetrieb des Katasteramtes sehr schnell korrigieren (Dabei war die Erkenntnis, dass die Eisenbahnvermessung gar nicht vom Katasteramt, sondern von der Bundesbahn selbst durchgeführt wurde noch das kleinere Aha-Erlebnis).

In den ersten 5 oder 6 Jahren meiner Schulzeit kam Amerika nach meiner Erinnerung im Unterricht nicht vor. Erst als Lehrer Schirra unsere Klasse übernahm, rückten die USA wieder stärker in den Wahrnehmungsbereich hinein. Lehrer Schirra war nämlich ein Namensvetter des US-Astronauten Walter M. Schirra, der zwischen 1962 und 1968 an drei Raumflügen der NASA teilgenommen hatte. Unser Lehrer hatte dem Astronauten Schirra einen Fanbrief geschrieben um ein Autogramm zu erhalten und er ließ keine Gelegenheit aus, auf seine Beziehung zu dem Astronauten hinzuweisen. Ansonsten beschränkte sich die Vermittlung von Länderkenntnissen auf den Geschichts- und Erdkundeunterricht. Die Eckpunkte waren – wie zu vermuten sein wird – die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, die Eroberungen Spaniens und die damit einhergehende Ausrottung der angestammten Bevölkerung Amerikas unter dem Kommando von Hernán Cortés und Francisco Pizarro sowie die Intervention des Dominikaners Bartolomé de Las Casas.

Hin und wieder tauchten US-Amerikaner in meiner frühen Jugendliteratur als Entdecker wie Henry Morton Stanley oder als Erfinder wie Thomas Alva Edison und Pioniere wie Charles Lindbergh auf. Sie hatten aber wenig Einfluss auf mein Bild von Amerika sondern sie stellten herausragende Personen dar, die ohne besondere Abgrenzung in einem Zug mit europäischen Erfindern, Endeckern oder Pionieren genannt werden konnten. Später kam auch amerikanische Literatur von Hemingway, Steinbeck und natürlich Mark Twain hinzu. Sie hatten schon einen größeren Einfluss auf mein Bild der USA, das nun mit Freiheit, Genuss, Wechselfällen des Lebens und Abenteuerlust ausstaffiert wurde. Es gewann vor allem an Weite, die das Gewicht der USA als Sehnsuchtsort begreiflich machte, einem Ort, den zu erreichen man die größten Strapazen auf sich nahm um ein neues Leben zu beginnen, wie es schon mein Großvater angedeutet hatte, als er mir von den beiden Kusinen erzählte, die nach Amerika ausgewandert waren. Bestätigt wurde dieser Eindruck auch durch jenen Lehrlings-Kollegen, der das Glück hatte, in die USA auszuwandern. Wenn das Gespräch sich auf dieses Thema zubewegte konnte ich die Aura eines „Erwählten“ spüren, ohne dass ich wusste, worauf dies zurückzuführen war. Es war ein Rätsel, dass in meiner Erinnerung immer wieder einmal auftauchte.

Den größten Einfluss auf mein Bild der USA im Erwachsenenalter hatten sicher unzählige Hollywood-Filme, die ich überwiegend aus Fernsehprogrammen konsumierte, Musik von Glenn Miller über Elvis Presley, Simon & Garfunkel, Louis Armstrong, Bob Dylan, Janis Joplin und vielen anderen des Jazz, des Rock- und Popgenres bis hin zu Künstlern und Künstlerinnen wie Laurie Anderson. Als mächtiger Wirtschaftsfaktor brachte sich die amerikanische Filmindustrie in Europa zur Geltung. Filme wie Easy Rider oder Bonnie und Clyde sowie unzählige Western, von denen ich nur Zwöf Uhr mittags und Spiel mir das Lied vom Tod erwähne. Eine andere Seite des US-amerikanischen Einflusses auf die deutsche Kinowelt waren die Pornofilme, die ab 1975 in den PAM-Kinos liefen, wobei die Abkürzung PAM für Pub and Movies stand.

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